Im Jahreslauf: Siebenschläfer toben die ganze Nacht, lustige Kobolde im naturnahen Obstgarten
von Wolfgang Alexander Bajohr

Eigentlich müssten die Kobolde Achtschläfer heißen
Denn zuweilen schlafen sie auch acht Monate lang ihren Winterschlaf. Jeder hat schon vom Siebenschläfer gehört, aber kaum einer hat die Tiere je gesehen, die in alten Häusern, Lauben, Jagdhütten und in naturnahen Obstgärten wohnen. Bekannt gemacht hat sie die "Siebenschläfer-Wetterregel”, die für den 27.Juni gilt und besagt, dass es 7 Wochen regnet, wenn es am Siebenschläfertag regnet. Doch das  ist nur eine zufällige Namensgleichheit, wie auch der Schlaf der 7 Heiligen, die dem Tag ihren Namen gegeben haben.

Dem Namen Siebenschläfer gibt auch die katholische Kirche eine völlig wetterunabhängige Bedeutung. Der Legende nach verbargen sich die 7 frommen Jünglinge Dionysius, Johannes, Konstantinus, Malchus, Martinianus, Maximiarus und Serapion während der Christenverfolgung Anno 251 durch den römischen Kaiser Decius, in eine Höhle des Berges Kalion bei Ephesos in der Westtürkei. Sie wird heute noch den Touristen gezeigt. Hier schlummerten sie dahin, wurden eingemauert und im Jahr 446 zufällig wiedergefunden. Sie waren quicklebendig. Flugs schworen die sieben Schläfer dem damaligen Kaiser Theodosius und seinem Bischof Martin, sie hätten tatsächlich an die 200 Jahre in der Höhle verbracht. Daraufhin erkannte die Kirche das als Wunder an und erhob die Sieben zu Heiligen. Die Aufsehenerregende Entdeckung der 7 Männer feiern in der Katholische Kirche heute noch manche am 27.Juni.

Siebenschlaefer.Haselstrauc.jpg (48689 Byte)

Siebenschlaefer.Loch.jpg (48003 Byte)

Die Tierchen als Wetterpropheten?
So haben die 7 Heiligen mit ihrem Siebenschläfertag auch die grauen Tierchen berühmt gemacht, die wie ein etwas zu klein geratener Eichhörnchenverschnitt aussehen, aber für das Wetter gar nichts können. Wer sie entdeckt und nun besorgt den Himmel nach finsteren Wolken absucht, der muss sich nicht fürchten, und kann den Regenschirm auch vergessen, denn für die alte Bauernregel gibt es statistisch auch nicht den geringsten Beweis. 

Mit ihrem schlechten Ruf als Wetterverderber aber leben die putzigen Siebenschläfer recht gut. Ihr Name kommt eben nicht von ungefähr, denn im Tierreich gehört der Siebenschläfer, (Glis glis) zu den ganz großen Schlafmützen. Zwischen Mitte September und Ende Oktober buddeln sich die vollgefressenen Burschen in einer Erdhöhle ein und beginnen mit ihrem ausgiebigen Winterschlaf, der 7-8 Monate dauert. Da sind sie in guter Gesellschaft mit anderen, der Haselmaus, dem Garten- und Baumschläfer und dem Murmeltier.

Mit dem Erwachen lassen sich die putzigen Kerlchen erstaunlich viel Zeit. Erst wenn längst fast alles in voller Blüte steht, im Mai oder Juni, werden sie munter. Wo das erst nach 8 Monaten der Fall ist, sollte man ihn umtaufen in Achtschläfer. Aber welch erbärmlichen Eindruck machen sie jetzt! Die Fettpolster haben sie aufgezehrt und das sonst so weiche und glänzende graue, am Bauch weiße Fell, ist rau und ruppig geworden. Irgendwann krabbelt der Siebenschläfer grantig und hungrig aus seinem Erdbau und zieht um, in die 1. Etage. Das kann ein Nistkasten sein, eine ausgefaulte Asthöhle, der Speicher einer einsamen Jagdhütte, ein Gartenhaus, ein Plätzchen im Heuschober oder in einem alten Bauernhaus.

Die Rasselbande ist wieder da
Hier ist es mit der Stille dann vorbei. Wenn da eine ganze Bande Siebenschläfer knurrend, polternd und pfeifend herumtobt, dann könnte man schon an Geister glauben oder an Marder, wenn man es nicht besser weiß. Manche der ländlichen Behausungen liegen in waldnahen Obstgärten und Streuobstwiesen mit einem saftigen Früchteangebot vieler Obstarten, denen ein Bilch nicht widerstehen kann. Das mag dazu beitragen, dass er oft zum Kulturfolger im extensiven Gartenbau geworden ist.

Siebenschlaefer.Zwetschge.jpg (49406 Byte)

Siebenschlaefer.Apfelnagen.jpg (56515 Byte)

Außerdem ist es in den Häusern kuschelig warm, und dann findet er da auch so manche Vorräte, an denen er sich ebenfalls laben kann, wie Dörrobst, Äpfelvorräte, Speck und viele andere Leckereien. Leider entdecken die Poltergeister auch zielsicher den Spalt in der Wand- oder Deckenisolierung, den sie sogleich mit Ihren scharfen Nagezähnen bearbeiten und erweitern.

Das anhaltende Nagen macht sie zur Nervensäge für schlafbedürftige Menschen, denn ihre Heimarbeit veranstalten sie nur nachts. Manche Leute gehen ihnen deshalb mit der Lebendfalle ans Fell und setzen sie dann im Wald wieder aus. in einer Jagdhütte fingen sich innerhalb von zwei Jahren 26 Siebenschläfer und in einem Haus am, Waldrand waren es gar 66 in drei Jahren! Natürlich hat den putziger. Tierchen niemand etwas Böses angetan, denn sie stehen unter Naturschutz. Deshalb hat man sie weit entfernt im Wald, ja auf der anderen Seite eines Flusses wieder ausgesetzt. Vergebene Liebesmühe war das, denn die hartnäckigen Tierchen sind ins angestammte Paradies schnurstracks zurückgewandert, ja sie haben sogar den Fluss durchschwommen um heimzukehren, weil sie offensichtlich ihre Heimat lieben. Vom Zentrum ihres Reviers entfernen sich, nach den Untersuchungen des englischen Zoologen Pat Morris die Weibchen gerade mal 120 Meter, die Männchen höchstens 500 Meter weit. Darum sind alle ihre Vorkommen stets sehr lokal begrenzt, und selbst in geeignete Lebensräume hinein breiten sie sich, nur sehr langsam aus. Die natürliche Populationsdichte in nahrungsreicher Umgebung liegt bei drei bis sieben Tieren pro Hektar.

Ihr sommerlicher Lebensraum sind die Baumwipfel
Scharfe Krallen und große Augen weisen sie als geschickte und nachtaktive Kletterei aus. Sie bevorzugen den Eichen-Buchen- Mischwald mit seinen Baumfrüchten, delektieren sich an wilden Obstbaumarten und fressen sich leider auch durch unsere süßesten und saftigsten Kulturfrüchte auf Streuobstwiesen und in naturnahen Gärten und knabbern mehr an, als sie aufessen. Wenn man aber bedenkt wie viel ungenutzt am Boden landet, spielt das eigentlich keine Rolle. In Nussplantagen können sie allerdings recht ärgerliche Schäden anrichten. Schaut man sich aber ihr Gebiss an, dann erkennt man an den bewurzelten Backenzähnen, dass die angeblich reinen Vegetarier ganz gerne gelegentlich auch tierische Nahrung verzehren. Doch der Mär vom notorischen Nesträuber sollte man keinen Glauben schenken. Es kommt gelegentlich durchaus vor, dass ein Siebenschläfer mal ein Nest mit Eiern oder gar Jungvögeln plündert. Er mietet sich nämlich gerne in Nistkästen ein, und dann räumte er auf Siebenschläferart gleich mit den Bewohnern auf, um die Wohnung freizumachen  er frisst sie also ratzeputz auf. Aber das ist gewiss nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Es fragt sich nur, was der putzige Bilch nach dem Aufwachen im späten Frühling auf der Speisekarte hat. Weder Bucheckern noch Eicheln, weder Wildfrüchte noch Gartenobst stehen jetzt zur Verfügung. Andererseits hat der abgemagerte Siebenschläfer nun einen gewaltigen Hunger, und den kann er nur mit Blättern, Blatt- und Blütenknospen stillen. Bei seinen himmelhohen, waghalsigen Klettereien in den nächtlichen Baumwipfeln kann es schon einmal vorkommen, dass ein dünner Zweig knickt oder reißt, und dann geht die Reise rasant abwärts in die stockdunkle Tiefe. Aber wie auch die Eichhörnchen, übersteht der Siebenschläfer den Sturz selbst dann unbeschadet, wenn er durch alle Stockwerke bis zum Boden saust. Meist aber bekommt er unterwegs im letzten Moment doch noch einen Zweig zu fassen oder kann sich mit dem Schwanz oder einer Pfote irgendwo festhalten. Ist dabei der nötige Schwung vorhanden, wirbelt er wie ein Turner gleich mehrmals herum und legt eine perfekte Welle an der Stange hin. Vor- oder rückwärts.

Liebe und Fortpflanzung
Zu solchen Stürzen und akrobatischen Einlagen kommt es natürlich häufig dann, wenn sich die Tiere in der Ranzzeit rasante Verfolgungsrennen durchs Blätterdach liefern. Pfeifend und kreischend, knurrend und quiekend geht die wilde, verwegene Jagd durch den nächtlichen Wald. Wenn zur gleichen Stunde die Waldohreule stöhnt und der Waldkauz heult, dann wird es schon ein wenig unheimlich im dunklen Forst. Immer wieder setzen Weibchen und Männchen eine feuchte, stark nach moderndem Laub riechende Duftmarke, indem sie mit der Genitalpartie über die Borke der Äste rutschen. Geraten sie an die Markierung eines Konkurrenten, erregt sie das besonders, und schon schleifen sie mit der eigenen Parfumdrüse über dessen Markierung um sie wieder aufzuheben und zu löschen.

Nacht für Nacht nimmt die Erregung zu, und schließlich beginnt das große lautstarke Anschmachten. Der Liebesschrei der Siebenschläfer ähnelt dem scharfen Pfiff der Steinkäuze. sitzt sie bei ihm, dann schreit sie mit. Hockt sie einsam auf einem anderen Baum, dann antwortet sie ihm sehnsüchtig. Will er sich ihr aber mit eindeutigen Absichten nähern, bezieht er erst einmal Prügel. Kein Wunder, dass er es zwischendurch auch mal bei einer anderen Braut versucht. Vor allem, weil die Männchen ohnehin in der Minderzahl sind. Aber seltsam, hat er von der Xanthippe mal die Nase voll und wendet sich ab, rennt prompt sie hinter ihm her.

Im Sommer ist es endlich soweit. Sie lässt ihn aufreiten, und dann beginnt eine rege Bautätigkeit. Die werdenden Mütter sondern sich mehr und mehr von der Verwandtschaft ab, polstern das Nest in ihrer Baumhöhle mit Blättern sorgsam aus und verwehren den bedauernswerten Vätern immer häufiger mit ratterndem Gebiss und zänkischem Fauchen das familiäre Beisammensein. Er muss jetzt die Nächte alleine verbringen und sich eine andere Höhle suchen, falls es die in der Gegend überhaupt noch gibt.

Ende August - Anfang September kommen nach 31 Tagen Tragezeit die meist vier bis sechs Jungen zur Welt, selten auch mal bis zu elf. Die Mutter kümmert sich rührend um sie, schleppt sie bei Gefahr wohl auch einmal in eine andere Höhle, hält Kinder und Nest überaus sauber. Aber nach 6 Wochen ist Schluss mit der Idylle, andere Autoren haben auch schon nach 3 Wochen den Auszug ins feindliche Leben beschrieben. Die Jungen müssen jetzt alleine auf die Nahrungssuche gehen.

Siebenschlaefer.baby.jpg (43346 Byte)

Ab ins Kuschelbett zum Winterschlaf
Ihnen bleiben jetzt nur noch vier bis 6 Wochen bis zum Beginn des Winterschlafs, und deshalb heißt es jetzt fressen, fressen, fressen! Bei der Geburt haben sie gerade zwei Gramm gewogen. Bis Ende Oktober sollen es mindestens 70 sein, um die Schlafperiode zu überstehen. Als mehrjährige Erwachsene können sie mit einem Durchschnittsgewicht von etwa 120 Gramm dem Winter weit beruhigter entgegensehen. Gelegentlich fressen sich alte Männchen auch mehr als das Doppelte an.
Die kalte und dunkle Jahreszeit Winter verbringen die Tiere nicht in ihrer Sommerhöhle. Auch nicht, wie zuweilen behauptet wird, in Nistkästen, sondern in selbstgegrabenen Erdhöhlen, die bis zu 60 cm in die Tiefe reichen. Gelegentlich kann man sie einzeln, zuweilen wohl auch zu mehreren im Mulm alter Bäume finden, in der Scheune unter dem Heu, sogar im Bienenkorb. In diesen langen 7 bis 8 Monaten setzen sie ihre Lebensfunktion stark herab.

Die Zahl der Atemzüge sinkt von 50 auf einen bis drei pro Minute, und manchmal bleibt der Bilch bis zu 50 Minuten buchstäblich atemlos. Die Herzschläge gehen von 200 auf 15 pro Minute zurück. Die Körpertemperatur erreicht ihren kritischen Tiefstand bei 0,2 Grad - dann wachen die Bilche auf. Die Aktivität, die sie dann entfalten müssen, um sich zu erwärmen, kostet allerdings viel Energie, die aus der Fettreserve bezogen wird. Der Winterschlaf dauert aber auch ohne starke Kälteeinbrüche nicht kontinuierlich jene 7 bis 8 Monate. Der Gießener Zoologe Professor Dr. Hein Scherf hat festgestellt, dass die Schlaflethargie von spontanen Wachphasen abgelöst wird. Die längsten Schlafperioden, schreibt er, lägen in der Mitte des Winters.
Wenn ein Siebenschläfer Glück hat, also weder verhungert noch erfriert, nicht von den Wildschweinen ausgegraben wird und nicht seinem ärgsten Feind, dem Waldkauz in die Fänge fällt, kann er bis zu 9 Jahre alt werden. Von den bei uns beobachteten Tieren sank in den warmen Wintern die Bereitschaft zum durchgehenden Winterschlaf. Eines starb in Winterschlafhaltung eingerollt bei bestem Ernährungszustand draußen und einer bekam im Frühling an der Wamme seitlich eine große Krebsgeschwulst.

Als Leckerbissen gebraten
Früher sorgten vor allem die Menschen für ein weitaus kürzeres Leben. Die alten Römer schätzten die Tiere als Leckerbissen und haben sie dazu in eigenen ummauerten Gärten gehalten und schließlich in großen Tongefäßen, den Glirarien, gemästet. Der Volkstribun Gaius Julius Decimus versicherte dem Vater: "Die Siebenschläfer, o edler Vater, strotzen vom blühenden Fette. Sie sitzen bereits im irdenen Krug, begierig Dich als mal zu ergötzen!" Auf die väterliche Frage, ob sich Sohn Julius denn auch handgreiflich von der Qualität überzeugt habe, entsetzt sich der Tapfere Jüngling: "Mein Vater, Du weißt, dass ich die Schlacht gegen den Feind nicht fürchte und die Barbaren mit dem kurzen Schwerte trieb. Doch einen Siebenschläfer rühr ich nicht an, da bitt ich um Vergebung." Wem die Unversehrtheit seiner Finger lieb ist, der sollte nicht tapferer sein als Julius, denn fauchend, brummend und rasselnd warnen einen die lieben  Tierchen davor, dass sie bissig sind. Als ich es nicht hatte glauben wollen, und den Mittelfinger meiner linken Hand in ihre Höhle gesteckt habe, da ist das Blut nur so gespritzt, und sie haben mir den Nerv durchgezwickt, dass ich nun lebenslänglich eine taube Fingerkuppe habe.

Zur Biologie
Die Familie der Bilche (Gliridaa) ist bereits im Eozän vor mindestens 35 Millionen Jahren, nachweisbar. Im Pleistozän, vor rund einer Million Jahren hat es auch Großformen gegeben. Deren größte übertraf allerdings unsere heutigen Hamster auch nicht an Größe. Fossil hat man wahre Riesen auf Malta und anderen Mittelmeerinseln gefunden. Im Mitteleuropa leben heute vier Bilcharten: Siebenschläfer, Gartenschläfer, Baumschläfer und die kleine braune Haselmaus. Alle vier sind überwiegend nachtaktiv. Sie bevorzugen Grünzeug, Nüsse, Obst und nehmen gelegentlich auch tierische Kost, wie Insekten, Eier, Jungvögel und andere kleine Wirbeltierarten. Alle Schläfer leben bevorzugt im Laub- und Mischwald, so dass die Umstellung auf Fichten-Reinbestände die Arten gefährdet hat. Nur der Gartenschläfer hält es, als Einziger, bei fast ausschließlich tierischer Nahrung zuweilen auch im Fichtenwald aus.