Im Jahreslauf: Der Tannenhäher (Nucifraga cariocatactus)
Ein Forstmeister im gefleckten Rock, der ganze Bergwälder pflanzt

Mit seiner weißen Tropfenzeichnung auf dunkelbraunem Gefieder sieht der Tannenhäher aus wie ein zu groß geratener Star im Prachtkleid. Er ist aber nicht nur größer als der Star, er ist sogar größer als ein Eichelhäher. Da er von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze 32 cm misst, aber der Schwanz kürzer ist, ist er der größere von beiden. Mit etwa 200 g wiegt er etwa soviel wie die Elster. 

Zwar in der Brutzeit heimlich und verborgen, ist der Tannenhäher doch der Zutraulichere der Rabenvögel, munter, ja vorwitzig, und schon darum kaum zu übersehen. „Krärr, krärr,” sorgt er zudem für Aufmerksamkeit, schwätzt aber auch melodisch singend mit Seinesgleichen und ahmt eine ganze Reihe Stimmen anderer Bergvögel nach. Wenn wir glauben ein Schnee- oder Steinhuhn erspäht zu haben, ist es doch wieder nur der Tannenhäher. Da die Jäger im Hochgebirge offenbar auch mehr Verstand haben und seinen Nutzen kennen, bleibt ihm das Schicksal des Eichelhähers erspart, denn keiner schießt auf ihn. Tannenhäher sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Hochgebirgsvögel, die zwischen 700 und 1800 m im Bergwald und darüber leben, darunter aber nur gelegentlich anzutreffen sind. Er gilt als häufig, aber das ist relativ, denn es gibt in ganz Deutschland gerade 5.000 Paare und in Österreichs Alpen etwa das Dreifache.

Das mag an seinen Futterwünschen liegen. Obwohl er auch gerne Haselnüsse schluckt um sie später, irgendwo verborgen in den Baumkronen, zu knacken und zu verzehren, schluckt er sonst seine Lieblingsbeute die Nüsschen aus den Zirbelkieferzapfen. Die klemmt er in die rauhe Rinde ein, um dann die Nüsschen hervorzuhacken und zu verschlucken. Danach fliegt er zuweilen 10 km weit, meint dass er keinen Hunger hat und verbirgt darum seine Beute von 1 bis 14 Zirbelnüsschen in einem Versteck im Boden. Nicht immer findet er sie später wieder, und so grünt eines Tages eine Zirbe dort, wohin kein Mensch die Pflanzen auf den Berg hinaufgeschleppt hätte. Der Tannenhäher pflanzt den Zirbenwald, und wenn es den Häher  nicht gäbe, dann müsste er erfunden werden, denn die Zirbe wäre längst ausgestorben, so begehrt ist sie als Möbelholz und so widerstandsfähig gegen rauhe Winde und Kälte bis  -40° ist sie ebenfalls. Doch ist der Vogel auch mit Haselnüssen zufrieden, nimmt Käfer, Schnecken, Würmer und allerlei Wildfrüchte.

Auch wenn ihm die Zirbe die liebste ist, bewohnt er doch auch den Lärchen- und Fichtenbergwald, kurzum alle Nadelwälder im Gebirge, die der Tannenhäher natürlich gleichfalls pflanzt. Bei meinen Bemühungen am Hörnle ihn herbeizufüttern, staunte ich nicht schlecht, dass Tannenhäher dort so verwöhnt sind, dass sie nur noch Käse und Würstchen schlucken, gnädiger Weise auch einmal Semmel und Brezel. Das haben sie wohl den Alpendohlen abgeschaut, die als Wursthautadler alles essen.

Vor allem aber bleibt der Tannenhäher ein Vogel der Hochlagen, wo sie im Herbst am schönsten sind und sich jedes Jahr ein buntes Naturschauspiel wiederholt, wenn die Lärchen sich gelb und orange schmücken und vor den sattgrünen Zirben und strahlend blauem Himmel den Herbst empfangen. Doch auch im Sommer ist der Tannenhäher Lebensraum bunt. Die purpurne Alpenrosenheide, im locker stehenden Wald das Unterholz, schmückt sich im Juni in unvorstellbarer Pracht. Der Weidewald mit seinen Grasmatten im Lärchenwald leuchtet von sattblauem Stengellosem Enzian, Alpenanemonen in gelb und weiß, violett aber füllt ganze Hänge die Frühlingsküchenschelle. An manchen Stellen gibt es Wiesen voll gelber  Arnika, an anderen voller Orchideen: Händelwurz, Orchis morio oder geflecktes Knabenkraut und Kegelorchis. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Mensch die Waldgrenze um 400 m herabgerückt und diesen offenen Lebensraum im Bergwald geschaffen, in dem der Auerhahn und der Spielhahn die Preißel- und Heidelbeeren finden, und auf die Ameisenburg noch Sonne scheint. Hier findet auch die Ringamsel ihre Singwarten, Mistel- und Singdrossel schmettern ihr Lied. Neben der Schneeheide blüht im Hochsommer Besenheide, und wo der Wald zurückweicht, bestimmtem Bartflechten und Wolfsflechte das Geschehen.

Sie sind alle Waldlückenbewohner, der Tannenhäher ebenso wie auch der Schwarz- und Dreizehenspecht. Nur wo die Sonne an den Boden findet, gibt es viele Ameisen und Heuhüpfer, aber auch viele viele andere Insektenarten. Dort tummelt sich die Alpenwühlmaus, gejagt vom Mauswiesel und von den kleinen Eulen Sperlingskauz und Rauhfußkauz. Dort suchen und finden sie Sämereien der Gräser,  die Birkenzeisige und der Zitronengirlitz. Doch der auffälligste Vogel ist und bleibt im Bergwald der vorlaute Tannenhäher, wenn er sich krächzend in den Bäumen im Fallflug verklüftet und abstreicht.

Seine Brutzeit weiß er so einzurichten, dass er im März zu brüten beginnt. Das Nest ist, ähnlich wie bei der Amsel mit Erde verstärkt, irgendwo nahe am Stamm auf der dem Wetter abgewandten Seite. Die 2-5 weißen bis bläulichen braun gefleckten Eier werden vom ersten Ei an 17-19 Tage bebrütet. Wenn die Jungen schlüpfen, ist Erntezeit in den Zirben. Mit 21-28 Tagen brauchen sie lange ehe sie flügge werden. Und da die Eltern die Jungen führen, ist schließlich eine ganze Tannenhäherschar im Bergwald unterwegs, um zu arbeiten und die neue Zirbengeneration zu pflanzen.

Unser einheimischer Tannenhäher hat noch einen Vetter, der kommt aus Sibirien und Nordskandinavien, hat einen schlankeren Schnabel, ist weniger gefleckt und hat weißere Steuerfedern. Doch nur wenn es im Nordosten bitterkalt wird, kommt  er invasionsartig zu uns, um hier zu überwintern.

Wolfgang Alexander Bajohr