Im Jahreslauf/ Eulen: Der Vogel des Jahres 2005, Uhu hautnah erlebt

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Uhu-Weibchen in der Bruthöhle

Der Ritter mit den Samtflügeln ist wenig scheu, doch hält der Uhu es für ratsam verborgen zu leben.
Zuweilen ist es erstaunlich, dass Menschen über diesen gewaltigen und faszinierenden Vogel reden oder gar schreiben, ohne ihn je erlebt zu haben. Es spricht wohl für seine Weisheit, dass er den Menschen gar nicht aus dem Wege gehen muss, denn sie sehen ihn ohnehin nicht. Ich habe ihn als Brutvogel inmitten eines voll arbeitenden Steinbruchbetriebes erlebt, aber auch gleich angrenzend an einen Klettergarten. Als Brutvogel wohlgemerkt. Dass auf Menschen kein Verlass ist, weiß der Uhu schon lange, Denn erst hat man ihn, nicht anders als Bär, Wolf, Luchs, Wildkatze, Steinadler, Seeadler, Kolkrabe, Fischadler und Otter gezielt ausgerottet. Das waren aber nicht die Jäger, sondern die Obrigkeit, die jeden toten Uhu mit Abschussprämien belohnt hat. 

Schließlich ist es meinem Freund, dem Jäger von Frankenberg zu verdanken, dass der Uhu zurückgekehrt ist. Er hat sie nachgezüchtet und ausgesetzt, und er fand bald Verbündete. Dass es nun wieder bergab geht, hat andere Gründe. Im Gebirge findet er seit der Reduzierung des Schalenwildes, ebenso wie der Steinadler nicht mehr genug Futter. Doch er weiß sich zu helfen und fängt in der Nacht Katzen inmitten der Ortschaften. Teuflisch aber ist der Plan einiger Präparatoren gewesen Uhus auszuhorsten, großzuziehen, zu schlachten und einer Mode perverser Schickerias folgend auszustopfen, weil jene es schick fanden, wenn ein echtes Präparat auf dem Schreibtisch stand. Bis in die jüngste Zeit sind Importe für diesen Zweck durch Beschlagnahme beendet worden. 

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Uhu-Weibchen

Der Uhu ist also noch längst nicht über den Berg, aber an ihm und dem Lebensraum liegt es also nicht, wenn es in den letzten Jahren wieder abwärts ging mit dem erholten Bestand. Darum ist er jetzt wieder ein Vogel des Jahres. Eine Nacht ist voller Leben, auch wenn auf den Hängen und Felsen noch Schnee liegt. Es war die Zeit der Uhu-Balz, als ich im Krankenbett meine operierte Hüfte ausheilte. 

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Uhu-Baby

Doch Werner Borok hat den Uhu jeden Tag besucht und aus sicherer Entfernung mit dem Spektiv ausgespäht, bis er Mitte April die beiden Jungen entdeckt hat. Doch die Nahrung war in diesem Spätwinter knapp. So ist nur ein Junges durchgekommen und am Horst bei Krün, hat kein einziges Junges überlebt. Stolz hat mir dann Werner Borok ein Belegfoto unseres Uhu-Kindes gezeigt und ich hatte den wahnwitzigen Plan auf Uhu-Pirsch zu gehen, noch ehe ich ganz gesundet war. 

Über die Steilhänge habe ich die schwere Kamera und das Stativ geschleppt und durch eine winzige Lücke im Buchendickicht den Horst mit der großen Digitalkamera angepeilt. Das war unbedenklich. Gleich nebenan übten die Kletterer und ich war für die Vögel auf dem Wanderweg unsichtbar. Aber solange es hell war, rührte sich oben nichts. Der Hang einer Erdrutschschneise sorgte für natürliche Sicherheit, dass niemand näher heran konnte. Vielleicht konnte man die Neugier mit dem Lockruf eines Artgenossen wecken, damit Alt oder Jung einige Schritte an den Rand  kommt? Ich war aus der nahe gelegenen Klinik von der Nachuntersuchung meiner Operation gekommen, ging mit Krücken und schonte das operierte Bein noch mächtig. Aber ich musste zum Uhu. Stunden verharrte ich und dann kam mir ein Gedanke. Ich rief den Uhu-Ruf.

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Die beiden alten Uhus

Auf der jenseitigen Hangfläche der Erdrutschbahn kam Antwort. Ich rief nochmals und der Uhu, der drüben unsichtbar in den Randbuchen saß, rief zurück. Weit unten vielleicht 500 m weg hörte ich auf einmal Antwort. Dort unten am Fluss sang noch ein zweiter  Uhu. Sie riefen 5-6mal und in der Ferne rief der zweite Uhu, wohl das Weibchen, und ich rief nochmals und wieder rief er, vielleicht 40 m vor mir in den Bäumen und blieb unsichtbar. Dort saß er also und behielt den lieben langen Tag seinen Horst und das Junge im Auge.

Gespenstisch wie knochige Finger ragten Äste eines abgestorbenen Baumes in den Himmel. Zu sehen war nichts. Jetzt kam der Rufer in Fahrt. Er rief 5 mal, und in der Ferne antwortete wieder der zweite Vogel. Beide riefen abwechselnd, sie machten dazwischen mehrere Sekunden Pause,  riefen wieder und wieder. Jetzt hörte ich nur noch zu und war verzaubert von den singenden beiden Uhus.  Denn das war wohl klar, dass die beiden rufenden Uhus sich nicht nur kannten, und ihr Rufen ein Dialog war. Jener  in der Ferne lag einen Terz höher, es klang wie“ buhu, buh oh, Buh oh. Sie riefen wohl eine dreiviertel Stunde lang und sich stand und war verzaubert. Es war der laue Abend an einem Mai-Tag. Noch nie hatte ich Uhus so anhaltend rufen hören.
Zu sehen bekam ich nichts, und fotografiert habe ich an diesem Abend ebenfalls nichts. Dennoch war dieser Mai-Abend mit dem Gesang der beiden Uhus voller Zauber. Die Glühwürmchen glimmten im dürren Laub des Vorjahres und die Uhus sangen einander zu. Erst als beide schwiegen, stahl ich mich leise davon, denn so angeschlagen wie ich war, hatte ich einen beschwerlichen Weg auf dem Steig und über steile Treppen vor mir.
Glühwürmchen leuchteten mir dabei heim, aber ich ging ohne eine einzige Aufnahme und war dennoch glücklich über diesen Abend mit den beiden unsichtbar im Buchendickicht singenden Uhus. Eine volle Woche habe ich gebraucht, um nach der Anstrengung wieder richtig auf die Beine zu kommen.

Rückkehr der Verfolgten
Den Tiefpunkt hatten unsere Uhu-Bestände 1960. Damals erlebte ich sie im Altmühltal. Der Horst an der Isar ist seit 1968 bekannt. Er wäre wahrscheinlich längst über die gewaltige Erdrutschterrasse abgestürzt, hätte sich nicht Ewald Hortig vom Technischen Hilfswerk abseilen lassen, um ihn zu sichern. Seither sind zumeist 2 Junge hier groß geworden. Doch  heuer war es nur ein Junges. Im kalten Frühjahr waren wenig Igel unterwegs, die häufig eine Beute der Uhus sind. Von der Maus bis zum Fuchs fängt er alles was er erwischen kann. Das sind kleine Vögel ebenso wie ein ausgewachsener Fuchs. Nach der Regel "groß frisst klein" fängt der Uhu aber auch den Rauhfußkauz und selbst den rabiaten Waldkauz. In Franken brüten die Uhus gerne in aufgelassenen Steinbrüchen. Es gibt aber auch Baumhorste, wie im Forstenrieder Park und am Peißenberg bei Wessobrunn. Ein Revier abzugrenzen haben sie nicht nötig, denn sie streichen zigeunernd bald hier oder dort herum, und man kann ihnen überall im nächt-lichen Wald begegnen oder auch nicht, denn nachts ist im Wald nur der Jäger

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Dem Uhu fallen die Augen zu

oder der auf den Uhu spezialisierte Vogelfreund unterwegs. Der Uhu ist gegenüber dem Menschen wenig scheu. Doch wer ihn beobachten will, der wählt dazu am besten Horste in Menschennähe. Trotz seiner Menschenfreundlichkeit kann er Kletterer in der Horstwand nicht ausstehen, und wir haben damals im Altmühltal einige Kletterer dringend gebeten, nicht in der Horstwand zu klettern. Dafür haben fast immer die Alpenvereinsmitglieder Verständnis gezeigt, denn das Verhältnis zwischen den Uhu-Schützern und dem Alpenverein ist entspannt, seit Artenschützer Lanz vom LBV mit den Kletterern gesprochen hat. Sie helfen ihm auch bei der Beringung, und sie nehmen Rücksicht auf die Horstwände. So geht von dieser Seite keine Gefahr mehr aus. Tierfotografen könnten schon zum Problem werden, wenn sie zu nahe an den Uhu heranrücken. Ich erinnere mich noch an den Uhu, der sich vor 40 Jahren als meine Bilder entstanden, auf mein Versteckzelt setzte, in dem ich saß und erst am Morgen ist er zum Horst hinüber gestrichen. Im Zeitalter großer und langer Brennweiten und der Digitalkameras hat heute niemand mehr nötig, dem Uhu zu nahe auf den Balg zu rücken.

Ein davon streichender Uhu ist ein hinreißender Anblick, denn mit 1,7 m Flügelspannweite ist er schon ein gewaltiger Vogel. Doch er fliegt nicht nur nachts, sondern er ist auch tagsüber unterwegs. Er sitzt vor seiner Warte oder der Bruthöhle und schaut mit Augen, die aussehen wie Teetassen. Beim Brüten kneift er sie meist zu, um nicht gesehen zu werden. Wenn es dann noch schneit, lässt er sich einfach zuschneien, was auch die Bilder zeigen.

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Uhu-Männchen

Zukunftsaussichten und Hoffnung
Einst gnadenlos verfolgt und bekämpft, ist er seit 1960 in seine alten Lebensräume zurückgekehrt. Engagierte Uhufreunde haben zu verhindern gewusst, dass unsere und auch seine Heimat eine Zone des Todes wurde. Hilfsmaßnahmen und Aussetzungsaktionen haben ihn in geeignete Lebensräume zurückgebracht. Manche Gebiete, wie der Bayerische Wald, wurden sogar neu besiedelt. Auf lautlosen Schwingen ist einer der großartigsten Nachtvögel in die heimische Wildbahn zurückgekehrt und hat seinen angestammten Platz in den ökologischen Lebensgemeinschaften wieder eingenommen. Eine Gefahr für ihn sind Modetorheiten, aber auch die Verdrahtung der Landschaft, denn an den  Freileitungen verunglücken immer wieder Uhus. 

Oder sie stoßen mit Hochgeschwindigkeitszügen zusammen, wenn sie auf Bahnstrecken jagen. Er ist heute wieder in einer Krise, die mit wachsendem Verständnis überwunden werden muss. Dann wären seine Zukunftsaussichten sicher besser als sie es heute sind. Hoffen wir, dass er an immer mehr Orten in der Dämmerung mit seinem dumpfen „Buhu“ verkündet, dass ein uns anvertrautes Mitgeschöpf zurück ist, damit wir es für kommende Generationen erhalten.

Uhu-Dämmerung  Kurz-Biologie: Uhu, Bubo bubo
Der Uhu ist die größte Eule in Europa. Wenn man in seine riesigen bernsteingelben Augen blickt, hinter-lässt das bei jedermann einen gewaltigen Eindruck, alleine schon bedingt durch Größe und Ausdruck der Augen. Eine Million Sehzellen in der Netzhaut ermöglichen ihm auch bei geringstem Licht zu jagen. Den Kopf kann er allseits um 270 Grad drehen. Sich selbst  kann er durch aufplustern des bräunlich marmorierten Gefieders noch wirkungsvoller machen. Auffallend sind die Federohren. Das Männchen misst 63-68 cm und das größere Weibchen 67-73 cm. Das Männchen wiegt 1700-2100 g und das Weibchen 2200-3000 g. Die Flügelspannbreite beim Männchen beträgt 160 cm, beim Weibchen 170 cm.

Fortpflanzung: Lebenslange Partnerschaft scheint die Regel zu sein. Sie bauen wie alle Eulen ihr Nest nicht selber. Meist legt sie nach eindrucksvoller, von Rufen begleiteter, Balz 2-3 rundlich weiße Eier. Einziges Polster ist der nackte Untergrund auf dem Felsband oder die Knochenreste und Igelstacheln früherer Jahre. Brutdauer vom ersten Ei an 33-36 Tage. Die Jungen verlassen das Nest mit 4-5 Wochen, doch mit den Flugübungen beginnen sie erst nach etwa 70 Tagen.

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Uhu-Gelege

Nahrung: Alle Vögel bis zum Eigengewicht des Uhu, also auch alle kleineren Eulen anderer Arten werden gejagd, sowie Säugetiere bis zur Größe von Fuchs oder Rehkitz, Hauskatzen, Fische. Manche spezialisieren sich auf Igel, die leicht zu erbeuten sind.

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Zwei junge Uhus kuscheln

Lebensraum: Ihr Jagdrevier ist 500 bis 3000 ha groß. Von Parklandschaften, Felsregionen des Hochgebirges und Mittelgebirges passt fast jede Landschaft. In großen geschlossenen Waldgebieten ist er auf die Waldlücken angewiesen, die durch Borkenkäfer, Schneebruch, Feuer oder Windbruch entstehen oder durch die großen Pflanzenfresser offengehalten werden. Er bevorzugt eindeutig die produktivsten Landschaften, in denen ursprüngliche Wildnis und Kulturlandschaft zusammenstoßen. 

In Europa sind Uhu-Bestände in allen Staaten rückläufig. Aufwärts geht es überall dort, wo man eingebürgert hat - und auch die Horste im Auge behält. Selbst in Ländern mit optimal geeigneten Felsklippen, ist er ein typischer Vertreter der roten Liste, weil er entweder bei der Brut gestört oder sogar als Schädling verfolgt oder ausgehorstet und an uns verkauft wird

Wolfgang Alexander Bajohr