Im Jahreslauf: Federleichte Akrobaten, Zwergmäuse - die zirkusreifen Turnkünstler im hohen Gras
von Wolfgang Alexander Bajohr

Fast keiner kennt diese Minimäuse
Dabei ist die Zwergmaus (Micromy minutus), wie sie wissenschaftlich heißt, die allernetteste und die schmuckeste aller kleinen Mäuse. Zugleich aber auch unter den Säugetieren, die es bei uns gibt, jenes mit der geringsten Größe. Zwergmäuse sind einfach bezaubernd und weit winziger als jede andere Maus. Sie sind auch die flinkesten, beweglichsten und geschicktesten aller Kletterer, so dass auch die besten Akrobaten der Welt nur neidisch auf sie blicken können. Sie sind als Kletterkünstler noch einzigartiger als die Haselmaus und deren Bilch-Verwandtschaft. Wollten wir ebenso flink turnen wie sie, müssten wir am Blitzableiter eines 50 m hohen Kirchturmes in einer Minute emporklettern. 

So fix rennt sie an einem Halm des Wald-Straußgrases bis zur Spitze hoch, was etwa dem Größenvergleich entspricht. Auch bei einem Absturz von oben bricht sie keineswegs alle Knochen, sondern klettert sofort wieder und hält sich gleich danach hoch oben am Samenstand des Reitgrases, 150 cm über dem Boden, nur mit den Hinterfüßen fest, und sie wickelt den Greifschwanz als Sicherheitsgurt fest um den Halm. Mit dem Oberkörper aber beugt sie sich witternd weit über den Abgrund, greift in die Ähre des Waldgrases und pflückt winzige Samenkörner heraus, um sie possierlich aus den Händchen zu mümmeln. Bei all dem schwankt der Halm im Wind und biegt sich unter dem Übergewicht, senkt sich schließlich gegen einen anderen Halm im Grashorst nebenan, in den sie geschickt hinüberklettert, 

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und wo sie alsbald turnend durch die Halme hangelt. Immer aber packt als 5. Hand das Schwänzchen mit zu. Nicht anders als bei einem Urwaldaffen, begleitet er tastend und klammernd als Sicherheitsgurt jeden ihrer Schritte im Halmdschungel. In unserer Heimat sind Zwergmäuse die einzigen Tiere, die einen echten Klammer- und Greifschwanz haben. 
Sie klettern von einem Halm auf den nächsten, dabei müssen sie sich ganz lang machen, um hinüberzukommen, und dabei umklammern Schwanz und Pfötchen zuweilen 5 ganz verschiedene Halme. Dann ist so ein Zwergmäuschen gerade 5 cm lang, aber der Klammerschwanz ist mit 7 cm noch ein Stück länger als die ganze Maus. Wollte man ein Pärchen dieser Tierchen in einem Standard-Brief versenden, kommt nur die Hälfte des zulässigen Gewichtes zusammen.

Wer auf 20 g kommen will, müsste also 4 Minimäuse nehmen. Nie zuvor habe ich so winzige Mäuse, ja niemals so kleine Säugetiere gesehen, wie die Zwergmaus.  Wenn sie auf einer Weizenähre sitzt und aus den Händchen ein Körnchen mümmelt, dann wirkt sie ganz verloren im Getreidefeld, denn auf der Ähre könnten leicht 4 Zwergmäuse nebeneinander Platz finden. Das fuchsfarbene Mäuschen ist sehr schmuck, aber seine Pelzfarbe kann wechseln. Gewöhnlich sind sie im Wesentlichen zweifarbig mit gewissen Marmorierungen, welche die Körperformen betonen. Dabei überwiegen die braunroten Farbtöne, nur die Unterseite ist weiß, die Pfötchen und das Näschen sind dünner behaart und schimmern darum rosa. Die großen runden Ohren sind halb im Pelz versteckt, und man ahnt, dass sie geräuschempfindlich sind, wie bei allen Nachttieren. Dass sie gerne auch nachts turnen, lassen die großen Knopfaugen vermuten, doch sind sie bei gutem Wetter auch tagsüber unterwegs. 

Eine gewisse Ähnlichkeit haben sie mit den anderen Langschwanzmäusen, aber ihr Schwanz ist noch länger und eine ausgewachsene Gelbhalsmaus, die bei uns am Waldrand häufiger ist als die eigentliche Waldmaus, wiegt etwa 10 x soviel wie eine Zwergmaus. Das macht wohl am ehesten deutlich, wie winzig diese Minimaus ist. Wer sie bisher übersehen hat, der muss sich darum nicht schämen. Selbst Leute, die oft in der Natur sind, wie Förster, Jäger oder Waldarbeiter, haben sie nur selten beobachtet, obwohl gerade der Wald heute ihr Rückzugsgebiet ist. Dabei ist ihr Verbreitungsareal eigentlich sehr groß. Es reicht von Sibirien über Russland bis nach Polen und ins Baltikum, bis Ungarn und Deutschland, Österreich, Frankreich, England und Italien. Allerdings waren sie einmal häufiger, als bäuerliche Landwirtschaft noch üblich war. Felder hatten ihr neue Lebensrume erschlossen, und so hatte sie sich ausgebreitet. Sie lebt aber auch im Schilfrohr von Streuwiesen, in Seggen und Binsen der Sümpfe und auf den großen Schlägen im Wald. Besonders gefallen ihr Hecken und warme Waldränder, die mit Hecken abschließen. Wo mit der Flurbereinigung die Hecken gefallen sind oder industrialisierte Landwirtschaft die Nutzung nach alter Bauernart abgelöst hat, da ist es mit allen übrigen Tieren auch der Zwergmaus schlecht ergangen. Weil sie auch nicht gerne in Fallen geht, ist die Zwergmaus sehr schwierig nachzuweisen, denn ihre Nester schweben hoch im Gras. Sie muss nicht auf den Boden herab. Nur den Winter verbringt sie gern im Bodennest, oft in Steinhaufen.

Nicht weit von unserer Haustür gibt es noch naturnahe Waldränder, und auch eine Hecke zieht sich längs der Moräne, aus der ein Quellbach entspringt, talwärts rinnt und in einem Seggensumpf endet. Auch sein Verlauf ist eine Hecke mit vielen alten Weiden und Schwarzpappeln, Buchen und Eichen, die voller Löcher sind. Hopfen, Winden und Efeu strangulieren die Zweige der Sträucher und manches Getier huscht darunter. Da gibt es noch die Haselmaus in den Büschen und am Grunde jagt unermüdlich die Feldspitzmaus. Da schaut das Hermelin vorbei, und der Hase versteckt seine Jungen. Zaunkönig, Goldammer und Zilpzalp weben dort ihre Nester. Der Flötengesang der Mönchsgrasmücke und das Geschwätz der Sumpfrohrsänger begleiten den Frühling. Der überzieht den Sumpf mit seinem Schmuck von breitblättrigen Knabenkräutern, steckt blaue Iris sibirica dazwischen, sattgelbe Sumpfdotterblumen und hellgelbe Wasserschwertlilien. Später folgen blaublütige Minzen und pinkfarbene Storchschnäbel, purpurner Blutweiderich und zitronengelber Gilbweiderich. Die violette Sumpfkratzdistel ist umgaukelt von vielen Schmetterlingen, und deren Vielfalt steigert sich zum späten Frühling hin durch ungezählte braune Perlmutterfalter, silberne Bläulinge, Schachbrett und Schwalbenschwanz. Auch Neuntöter wohnen und jagen hier, wohl wissend, warum.

Sie weben eine kunstvolle Kinderwiege
Im Gewirr der Gräser und Kräuter aber kann man ein Nestchen finden, das kaum auffällt. Ganze zweimal habe ich eines in meinem Leben gesehen, so gut tarnt es sich. Anfangs habe ich das Kugelnest für die Wiege eines Zaunkönigs gehalten, aber dafür ist es zu klein. Es hätte auch von einem Laubsänger gewirkt sein können oder von einer Haselmaus. Kunstvoll ist es geflochten und in den Stängeln der Halme ganz luftig aufgehängt. An der Seite ist ein Einschlupfloch, das nach unten weist. Doch nicht Vögel haben diese luftige Kinderwiege gewebt, sondern die winzige fuchsrote Zwergmaus. Meist wählt sie eine Stelle, wo die Halme geknickt sind und beginnt dort die Grasblätter zusammenzudrehen, bis sie ganz fest gewickelt und als Gebälk miteinander verbunden sind. 

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Als Auenwand nimmt sie die Pflanzen der Umgebung, und damit ist es perfekt getarnt. Je nach Wandschicht werden die Gräser ganz gewickelt oder sie hält die Halme mit den Vorderpfötchen, spleißt sie mit den Nagezähnchen dünn auf und zieht sie dafür einfach über die scharfen Kanten ihrer Beißerchen, um dann die fein verspinnbaren Hälmchen zu verarbeiten. Weil sie zwischendrin auch futtern muss  und turnen will, arbeitet sie tagsüber immer mal am Nest und dann auch wieder nicht. Offenbar nimmt sie gern Räupchen, oder knuspert bevorzugt Käfer und Heuschrecken, wenn es auf die Setzzeit zugeht. Die feinen Sämereien der Gräser und Wildhirse, Knospen und Blüten der Sträucher scheint sie zu bevorzugen. Aber auch bei der Hummel nascht sie am Honigfass, so bedrohlich das Pelzinsekt auch summen mag. Die muss  aufpassen, denn sonst wird sie gleich mit verzehrt, trotz Stachel. Am Ende polstert das Mäuschen ihr Nest mit allerfeinst aufgespleißten Hälmchen, mit Ährenwolle der Gräser und Samenwolle der Weiden und Schwarzpappeln, aber gerne auch mit der Wolle von Rohrkolben. Bis jetzt hat sie seit dem Winter in der modrig feuchten Höhle im Weidenstamm gewohnt, die einmal ein Sumpfmeisenpaar geschaffen hat. Jetzt kann sie in die trockene Sommerlaube umziehen, die jedes andere Säugetiernest an Schönheit bei weitem übertrifft und nur 1/2 bis 1 Meter über dem Boden in 20 bis 30 Halmen hängt. Es ist so perfekt, als sei das Mäuslein bei den Rohrsängern oder Pirolen in die Lehre gegangen, denn die weben auch kein perfekteres Nest. Wer sich auskennt, der weiß,  dass diese Liebeslaube die einzige und sicherste Lösung ist, wenn man die Existenz von Zwergmäusen nachweisen will, und wahrscheinlich ist die Minimaus darum so unbekannt geblieben.

Meist ist es die Mausin, die ein besonders schönes Nest als Kinderwiege wirkt. Aber auch die Kinder, die flügge geworden sind, weben sich schon ihr Nest. Nun, die Männer scheinen lieber zu vagabundieren und sich nur im äußersten Notfall zu einem frei tragenden Nest zu entschließen. Sie müssen ja auch ständig unterwegs sein und versuchen, eine Mausin zu treffen. Darum lebt er auch gefährlicher als sie, und mancher Zwergmäuserich endet zwischen den nadelspitzen Zähnchen der Mauswiesel. Wenn die Mausin durch die Halme klettert, begegnet ihr auch hier ein hübsches Käferchen, dort ein Heupferd, das größer ist als sie selbst, und das sie dennoch unbedenklich überwältigt. Bei der Gelegenheit begegnet ihr auch ein wunderhübscher Mäuserich. Als sie mit den Schnauzen zusammen plautzen, ist es aufregend und beide beginnen in den allerhöchsten Tönen zu zwitschern, die so hoch sind, dass ich es nicht einmal hören kann. Sie halten sich mit den Hinterpfötchen und dem Schwänzchen fest, wobei ein Mäuslein aufwärts, das andere kopfabwärts hängt. Damit haben sie die Vorderpfötchen frei und können einander betatzeln. So nimmt das Geraschel und Gequieke der Zwergmäuse kein Ende, und die munteren Kobolde klettern eine Zeitlang gemeinsam umher. Zuweilen verlieren sie sich aus den Augen, wenn einer der langen Halme sich unter dem nach oben verlegten Schwerpunkt biegt und ein Mäuslein in den benachbarten Grashorst hinüberwechselt, muss der Verfolger wohl rätseln, wo die Angebetete geblieben ist. Notfalls rennt er blitzesschnell den Halm hinunter und ebenso rasch drüben wieder hoch, so schnell und gewandt, als renne er flach auf der Ebene. Da schwanken die Halme oft hin und wieder her, und da fasziniert es allemal, mit welchem Geschick sie die schwankende Kletterstange umrunden, den Schwerpunkt verlagern und auch einen Halm dazu bringen, wieder dorthin zurückzuschwanken, wohin sie gerne wollen. Sie sind weit geschickter als Eichhörnchen und Siebenschläfer, oder als jede andere Mäuseart, ja selbst als Affen.

So rennen und schlüpfen sie bald über das Moos am Boden, klettern im Gekräut, raspeln Käferchen und Räupchen, Knospen und Blüten, schlecken hier den Honigseim von den Blattläusen oder mümmeln sie dort ganz von den Blättern. Sorgfältig suchen sie die Gräser durch, ob und wo es schon reife oder halbreife Samenkörner gibt und klettern gleich wieder weiter. Das alles geschieht so schnell und mit so hoher Fertigkeit, dass es schwer ist, ihnen auch nur mit den Blicken zu folgen. Man rätselt zuweilen, wohin sie so schnell verschwinden. Wenn man sie eben hier noch im Gras gesehen hat, hängen sie schon dort am Zweig, klettern über einen hängenden Halm weiter zum Ende hin, entschließen sich aber doch plötzlich zurückzukommen, lassen ihn zurückschwanken und rasten irgendwo auf einem dünnen Seitenblatt. Immer ist dabei ihre 5. Hand - der Wickelschwanz - voll im Einsatz, mal als Balancierstange, dann ist er von unten gegen den Halm gepresst, oder herumgewickelt, besonders wenn sie sich mit dem Oberkörper frei über einen Abgrund hängend bewegen. So tummeln sich die beiden umher und halten sich aber doch stets in der Nähe ihres Nestes auf, das der Minimäusevater mit bewohnen darf, bis es als Kinderwiege gebraucht wird. Nur solange ist das Kuscheln auch erlaubt.

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Leichtes Volk
Doch die Minimäusemutter wird immer behäbiger und immer runder, so dass er schließlich gehen muss, weil sie ihn nicht mehr duldet. Da hilft ihm die nahe Meisenhöhle im Weidenstamm über den Rausschmiss hinweg. Man nimmt an, dass  sie 2-3 mal im Jahr 5-9 Junge bekommt und jedes  Mal eine eigene Wiege baut. Aber es kann auch sein, dass sie das erste Nest solange benutzt, wie es noch brauchbar ist. Vieles weiß man noch nicht. Die winzigen Kinder der Minimäuse müssen unwahrscheinlich mini sein nach der Geburt. Ich habe sie leider noch nie so klein gesehen. 

Die Mutter deckt sie auch stets sorgfältig zu und verschließt den Eingang, ehe sie zur Futtersuche geht. Bei diesen Ausflügen trifft sie auch ihren Mäuserich, und die nächste Hochzeit findet nach Mäuseart schon wieder statt, wenn sie noch säugt. Sobald die Jungen gut sehen können, aber noch ein graues Fellchen haben, werden sie von der Mutter ausgeführt, und dann gibt es ein tolles Gewimmel in den Gräsern. Es gehört schon sehr viel Glück dazu, eine Zwergmaus vor die Kamera zu bekommen und das klappte am ehesten mit ein wenig Regie. Noch mehr Glück braucht man, einen solchen Ausflug zu erleben, ein anziehendes Familienbild. Hier und da klettert ein Kind am Halm, dort sitzt eines wie ein Eichhörnchen aufgerichtet und putzt sich, gesichert mit dem Wickelschwänzchen. Hier hält eines ein Körnchen in den Vorderpfötchen und nagt daran, und unter all den grauen Kindern ist die Mausin das einzige fuchsrote Mäuschen. Immer sieht man nur einige der Winzlinge, niemals alle. Ein Beobachter rät, dass man das ganze Nest mit den Halmen abschneiden und in einen Vogelbauer setzen solle. Da müsste das Gitter schon weit enger sein als üblich, denn sie würden spielend durch die Maschen schlüpfen. Mag sein, da sie leicht zu ernähren sind, denn neben allen Sämereien, Getreidekörnern, Hanf und Vogelfutter, Mehlwürmern, Obst und Stubenfliegen, lässt Futter sich leicht beschaffen. Brehm beschreibt, dass die Jungen bald sehr viel zutraulicher würden, mit zunehmendem Alter aber wieder scheuer. Zwar sind sie auch tagsüber unterwegs, gerne aber meist nachts, wenn ihnen die Eulen gefährlich werden. Da sie fast nie ruhig sitzen, ist es immer schwierig die Kamera scharf zu stellen, gleichgültig, ob man es sich mit einem Videolicht oder einer Autofocus erleichtert, die aber dann prompt auf jeden Grashalm hereinfällt. Auch mit Blitz und Halogenlicht ist die Tierfotografie von Zwergmäusen trotz ihrer Vertrautheit ein ständiger Kampf um Schärfe.

Es ist eine gefährliche Welt, in die das leichte Volk da hineingeboren wurde. Die Zwergmaus weiß das und hat darum ja auch 3 x im Jahr so viele Junge, um die horrenden Verluste auszugleichen. Das erste packt gleich der nebenan wohnende Neuntöter und spießt es auf einen Dorn im Schlehbusch nahebei. Das einem Schlänglein mit klugen Knopfaugen so ähnliche Miniraubtier Mauswiesel fängt eine der Minimäuse und packt sie mit nadelspitzen Zähnchen an der Kehle. Eine greift sich der Igel, und als sie ins Weizenfeld herüberwechseln, pflückt eines der Sperlingskauz am hellen Tag von der Getreideähre. Den übrigen aber geht es lange gut, und sie profitieren von einem Riesen-Nahrungsangebot ohne mit ihren Kleinportionen ernsthaft schädlich zu werden. Sie nehmen auch nur hier oder dort ein Körnchen, so dass es kaum auffällt, was sie naschen. Aber auch sonst ist der Menschenacker ein Schlaraffenland, denn trotz aller Spritzerei gibt es dort auch Spinnen und deren Beute im Netz, Kornkäfer und Kollegen von den anderen Mäusearten. Feld- und Wühlmäuse, aber auch die langschwänzigen Wald- und Gelbhalsmäuse kommen aus dem nahen Wald herüber. Sie geht den Riesenmäusen aus dem Weg, obwohl der Winzling gewandter und brutaler ist. Wenn Zwergmäuse aber rosa Mäusekinder finden, die fressen sie für ihr Leben gern. So dreht sich hier die Regel um, denn nicht Groß frisst Klein, sondern Klein frisst Groß . Solange sie in der Deckung bleiben, wird ihnen im Weizenfeld auch nicht viel passieren. Früher als man den Weizen noch mit der Sense gemäht hat, war Bauernland ein Segen für die Zwergmaus. Als man das gemähte Korn in Stiegen aufgestellt hat zum Trocknen, da saßen sie halt oben auf den Stiegen, und mit den Garben haben sie sich in die Feldscheune einfahren lassen, um dort zu überwintern. Das ist jetzt vorbei.

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Landtechnik bedroht ihre Zukunft
Eines Tages bricht das große Unheil über sie herein, der Mähdrescher. Die Mäuslein müssen von Glück sagen, wenn der sie nicht durch das Dreschwerk zieht und wenn sie vom Förderband herabpurzeln bei dem Geschüttel. Wer von den Breitreifen nicht überrollt wird, fällt zurück aufs Feld. Zwar ist dort auch nach der Ernte noch reichlich verstreuter Weizen zu finden, aber am nächsten Tag kommt schon der Grubber und reißt alles um, und bald folgt dann auch noch der Pflug. Nicht erst im Frühling wie früher. Wie viele bei der ganzen mechanischen Bearbeitung sterben, lässt sich nicht annähernd abschätzen, denn was uns auffällt, sind allenfalls die Feldmäuse. Zwei Drittel unseres Landes sind Acker und den haben die Zwergmäuse als Lebensraum eindeutig eingebüßt. 

Vom grünen Drittel, dem Wald, ist nicht alles für sie geeignet, der Holzackerbau schon gar nicht. Auf den Schlägen, am Feldrand, in Hecken und auf ungemähten Rainen und Feldwegen hätten sie noch eine Chance, also überall dort, wo es noch einen Überfluss natürlicher Sämereien gibt. So kommt der Herbst ins Land und Sturmwind zaust die Gräser. Das Schlaraffenland endet langsam, und regnerische Wochen setzen allen Mäusen zu. Auch Feldmäuse ertrinken in ihren Löchern und sterben am Dauerschnupfen. Den Zwergmäusen im Seggensumpf neben der Hecke geht es da noch am allerbesten, sofern sie nicht ins Weizenfeld ausgewandert waren. In den Weiden gibt es leere Vogelhöhlen und unter den großen Blumen gibt es Steinhaufen, die extra für die kleinen Tiere in der Feldflur angelegt wurden. Dort sind Höhlen, die trocken bleiben, in die man nur ein wenig Vorrat für den Winter eintragen muss. Anders als Haselmaus und Siebenschläfer, halten Zwergmäuse keinen Winterschlaf. Zwar ist der Winter nicht so angenehm für sie wie der Sommer, aber sie leiden keine Not. Je kälter es ist, desto weniger bewegen sie sich, und wenn es sehr kalt ist, werden sie ganz apathisch. Das lässt sich sehr gut mit der Winterruhe der Bären vergleichen, die ebenfalls der Schnee in ihrer Winterhöhle zudeckt. 

Wenn sie die Nase vor die Türe stecken, könnte es sehr gut sein, dass dort schon ein Bussard sitzt und wartet, dass  ein Turmfalke rüttelt oder dass Schlohwittchen, das weiß gewordene Hermelin vorüberschaut. Doch Reineke Rotvoss und die Marder scharren auch im Schnee nach Mäusen, aber die Zwergmaus ist ein so winziger Happen, dass die Arbeit nicht lohnt. Im Mai werden sie wieder durch die Gräser turnen und auf die jungen Zweige klettern, um Knospen und Bülten zu naschen oder Hummeln aufzulauern, die an Kätzchen Pollen sammeln. Wo die Feldwirtschaft bei Ökobauern noch halbwegs natürlich ist, wo es noch Hecken gibt, Feldraine und nicht betonierte Feldwege, an Waldrändern, auf Schlägen und am Seggensumpf, hätten sie noch immer eine Chance. Dort gibt es noch Grasarten, die man auf den Wiesen nicht mehr duldet. Sicher sind Weizenkörner eine fettere Nahrung als die mageren Körnchen von Hasenbrot und Trespe, von Bartgras oder Raygras, von Hühnerhirse und Mäusegerste, Reitgras, Honiggras und Seggen. Winzige Körnchen für winzige Zwergmäuschen. Genug, da sie keine Not haben, aber dennoch sind Zwergmäuse auch auf den extensiv genutzten Flächen und auch im Wald selten geworden, wie viele andere Arten auch. Offenbar erreicht die chemische Keule sie doch über die Nahrungskette oder durch die Luft. Die großen Flächen auf den Wiesen und Äckern, haben sie wohl für alle Zeit verloren, denn hier rast der Kreiselmäher. Was einst Bauernarbeit war, ist heute ein knallhartes Geschäft von Managern und Unternehmern, die weder Zeit noch Herz für eine winzige Zwergmaus haben können. So ist sie von den meisten Menschen unbemerkt auf 2/3 der Fläche ihres einstigen charakteristischen Verbreitungsgebietes ganz still und stumm verschwunden, ohne dass es jemand bemerkt hat. Sie ist ein Opfer an die rationelle industrialisierte Landwirtschaft, die sehr oft auch den Bauern selbst gleich mit wegrationalisiert hat.