Ammersee/ Maisinger See: Blässhühner sind keine Fischkiller, Blässhühner verbessern die Wasserqualität
von Wolfgang Alexander Bajohr

 

Alle Jahre wieder erneuert sich das große Schauspiel. Den Sommer über haben am Starnberger See nur rund 50-60 Blässhuhnpaare gebrütet und ihre rotköpfigen Jungen aufgezogen. Im November  spätestens Dezember aber  beginnt das große Festival der Wasservögel. Schlagartig schnorren an der Promenade Wasservögel nach Futter. Rund 150 Höckerschwäne und 12-16.000 Blässhühner versammeln sich kurzfristig. In schlechten Jahren  sind es „nur" 10.000 Blässhühner. Das ist alleine hier ein rundes Fünftel aller  in Bayern rastenden. Ab Februar ist der Spuk vorbei.

Sei es, dass sie nach Süden weiterreisen oder dass sie zurück in die Brutgebiete im Osten Deutschlands, Polens, Litauens oder bis nach Russland gezogen sind. Sie alle sind hier Wintergäste, und es zeigt sich, dass der See als Rastgebiet für sie und viele andere Arten, von internationaler Bedeutung ist. Darum hat Deutschland sich im Ramsarabkommen schon 1976 verpflichtet das Gebiet zu schützen und die Vögel zu behüten und zu bewahren. Aber damit steht es schlecht.

Schilf-Freunde packt das kalte Grausen
Es schreckt freilich auch manche Fischer nicht, gegen die „Fischkiller”  zu  wettern und all jene nicht, die um das Schilf fürchten. Obwohl die Vögel schon seit 10.000 Jahren kommen und erst der Mensch mit seinem Freizeit-Boom und von den Feldern eingeschwemmten Pflanzenvernichtungsmitteln dem Schilf gefährlich wurden. Schnell wird der Ruf nach dem Jäger laut, der es richten soll.

Als Ausrede für den Abschuss zieht freilich das Argument Schilf nicht. Der waidgerechte Jäger fällt als Erfüllungsgehilfe aus und distanziert sich. Er ist nicht anders als der Vogelschützer traditionell bedacht Brut-, Rast- und Ruhegebiete zu beachten und freiwillig bereit in Ramsarschutzgebieten ganz auf die Jagd zu verzichten, weil nicht nur die Blässhühner, sondern auch viele andere Arten im Rastgebiet Ruhe brauchen um Kraft für die Weiterreise zu tanken. Denn Rastgebiete sind mindestens so bedeutend wie Brutgebiete.

Ein Altwasserarm der Amper, an dem ich sie gerade beobachten will, ist eines der vielen Gewässer, auf denen Blässhühner im Sommerhalbjahr als Brutvögel ständig heimisch sind. Obwohl sich die Paare an ihren Reviergrenzen oft dramatisch prügeln, ist die Brutdichte eigenartiger Weise umso größer, je kleiner ein Gewässer ist. Bei Weihern mit 1 - 5 ha Größe sind es bis zu 10 Paare pro ha. Auf den mittleren und großen Seen hingegen nur 1 Paar pro ha. Meist verstecken sie ihr Nest im dichten Schilf. Zuweilen steht es aber auch völlig frei inmitten der Kolonie auf einem Möwennest, wie am Maisinger See oder inmitten des Dschungels der Teichrosenblätter. An den Flüssen brüten sie nur auf den Altwasserarmen im Schilf oder zwischen den im Wasser stehenden Weidenbüschen und am Rande zum Auwald. Die Altwassermündung in den glucksend dahineilenden Fluss  verdeckt die mit Kätzchen geschmückten Zweige der Erlen und Haselsträucher.

Dahinter drängen sich Silberweiden und Schwarzpappeln verträumt über stillem Wasser. Trockene Rohrhalme rascheln leise zitternd im Hauch des Windes. Noch fehlt das muntere Vogelleben des Frühlings. Nur eine Kohlmeise läutet glockenhell in düsteren Schwarzpappeln, und fern flötet eine Amsel. Ich möchte schauen, wie weit die Blässhühner schon sind, ob sie von ihrer großen Winterversammlung auf Ammer- und Würmsee zurück sind. Zu sehen ist keines.

Aber kaum habe ich das gedacht, hupt eines im Schilf wie ein kleines Spielzeugauto. „Köw, köw, köw" ruft es, und gleich noch einmal ,,köw, köw, köw, pitz". Nicht weit von mir rudert hastig ein knapp entengroßer Vogel mit heftigem Kopfnicken um die Biegung des tiefgründig schwarzen Altwassers. Hübsch sieht der Vogel im Fernglas aus: die vorherrschende Färbung des Gefieders ist ein sattes Schieferschwarz, das an Kopf und Hals dunkler und an der Brust heller ist. Die funkelnden Augen leuchten wie edle rote Rubine. Über dem Schnabel trägt der Vogel die weithin leuchtende, auch mit dem bloßen Auge leicht sichtbare schneeweiße Blesse. Daher auch der Name Blässhuhn. Andere nennen ihn auch Wasserhuhn oder im Schwäbischen auch  Belchen. Eigentlich ist er aber eine Blessralle, weil es wie Teichhuhn und Kranich zur Familie der Rallen gehört. Es kann sich kaum jemand vorstellen, dass der als edel geltende den Störchen ähnliche Kranich mit dem als gewöhnlich geltenden Blässhuhn verwandt ist.

Mit der ,,Belchenschlacht am Bodensee" sind sie unrühmlich in die Berichterstattung und damit in die Jagdgeschichte eingegangen. So hat die Horrormeldung in der Presse dem Ansehen der Jäger insgesamt sicher mehr geschadet als ein kleiner Kreis davon profitiert hat, weil das Wildbret nicht so beliebt ist und der Nutzen sich in Grenzen hielt. Mit einer Strecke von 10.000 in guten und 3.000 in schlechten Jahren gehört die Belchenschlacht der Geschichte an. Das als Vernichtungsfeldzug gedachte Treiben wurde zuerst auf Schweizer Seite als Störfaktor für die überwinternden übrigen Wasservögel angesehen und durch Volksentscheid endgültig abgeschafft. Die übrigen Anliegerstaaten zogen nach.

Aus war es mit dieser nicht gerade als waidgerecht überzeugenden Erscheinungsform der Jagd. Auch heute noch gibt es im 5-Seen-Land gelegentlich kritische Schlagzeilen, wenn Jäger eine kleine Treibjagd an den Ufern der großen Seen auf Blässhühner veranstalten. Die tierliebe Bevölkerung und insbesondere jene Senioren, die mit rührender Hingabe im Winter Tonnen von Getreide und altem Brot herbeischleppen und in die bettelnden Schnäbel der viel tausendköpfigen Vogelschar stopfen, sind empört. Die Emotionen schlagen hoch, wenn es knallt. Dass die Tiere diese milde Gabe gar nicht brauchen um über den Winter zu kommen, überlegt kaum jemand. Die  für die Evolution genetisch so wichtige natürliche Wintersterblichkeit wird ausgeschaltet und die Tiere werden mit dem unnatürlichen Nahrungsangebot dazu verführt nicht weiter in das nächste Winterquartier  zu ziehen, wie es eigentlich ihre Art gewesen wäre.

Aber auch die Jäger fühlen sich unverstanden, denn die Fischer fordern von ihnen energisch diesen Abschuss, weil sie mit der "Überpopulation" und den Untaten der Blässhühner argumentieren. Man hält sie für unverträglich und meint, dass sie andere Wasservögel vertreiben. Man lastet ihnen die nachhaltige Schädigung der Schilfbestände durch Abweiden an und meint, dass sie nur darum tauchen, um Fischlaich zu fressen und in der Tiefe den einzelnen Renkeneiern nachzujagen. Die Liste dieser Untaten ist eindrucksvoll.

Betrachtet man die Konzentration - die zur Herbstzugzeit und in Wintern an Bayerischen Gewässern 50-70.000 Blässhühner erreicht, die von allen kleinen Tümpeln herbeieilen zum großen Winterfestival auf den Seen im 5-Seen-Land, Chiemsee und auf den Innstauseen, so beginnen sich einige zu fürchten. Objektiv darf man feststellen, dass diese Vogelart so häufig ist, dass eine nachhaltige Nutzung durch die Jagd möglich ist. Bis jetzt haben dieser Tierart selbst unvernünftige Erscheinungsformen der Jagd nicht geschadet. Jagd auf Blässhühner wurde meist durchaus waidgerecht und parallel mit der Entenjagd betrieben. Ein Einfluss dieser Jagd auf den Gesamtbestand  ist bisher gar nicht feststellbar.

Auch vom Standpunkt des Vogelschutzes wäre gegen eine nachhaltige Bejagung kaum etwas einzuwenden, soweit sie als Nutzungsform der Natur deren Überschüsse nutzt. Es läge ja an den Jägern mit Fingerspitzengefühl waidgerecht zu jagen, dass sie die ethischen und moralischen Gefühle ihrer Mitbürger nicht verletzen. Nur dann werden diese die Jagd als eine natürliche Ernte ansehen.

Wie ist das nun mit dem Überbestand?
Was im Zusammenhang mit diesem Argument als Rechtfertigungsgrund für die Blässhuhnjagd angeführt wurde, ist kein Argument. Die über Jahrzehnte laufenden Zählungen zeigen, dass es eine Überpopulation gar nicht gibt, sondern allenfalls  Bestands-Schwankungen mit jeweiliger Anpassung an örtliche Umweltveränderungen. Wo die Eutrophierung des Wassers durch gegenläufige Baumaßnahmen, wie die Ringkanalisation rund um den Ammersee, zurückgeht, sinkt auch der Blässhuhnbestand sehr rasch. Wo die Eutrophierung, wie am Chiemsee, stark steigt, wächst auch ihr Bestand. Gleichgültig ob mit oder ohne Jagd. Erkennbar würde eine Überpopulation auch nur dann, wenn das natürliche Nahrungsangebot so stark übernutzt wird, dass der Bestand aus Nahrungsmangel zusammenbricht. Ein Störfaktor im Gleichgewicht dieses ökologischen Gefüges ist zweifellos die wohlgemeinte aber unnatürliche Winterfütterung durch die Tierfreunde. Sie hindert die Vögel selbst dann noch am Abwandern, wenn die Seen bis auf winzige Flächen vor dem Einlauf der Bäche zufrieren und sich die Vögel auf wenigen Quadratmetern so dicht zusammendrängen wie in einem Hühnerkäfig. Die zigtausende Vögel, die sich dann zusammengedrängt von den herbeieilenden Menschen füttern lassen, sind in der Tat eindrucksvoll. Der humane Akt der Tierliebe ist zugleich aber eine Gefahr für den Artenschutz. Wir feiern die Feuerwehrleute, die festgefrorene Vögel immer wieder aus dem Eis freihacken und überlegen nicht, dass die Vögel gar nicht in diese Situation gekommen wären, wenn man sie nicht am Fortziehen gehindert hätte.

Wie ist das mit der Unverträglichkeit?
Rechnen wir einmal nicht dazu, dass sich die Vögel am Winterfutterplatz gegenseitig die Semmel missgönnen. Sollten irgendwo Entenbestände zurückgehen, ist als Schuldiger das Blässhuhn schnell ausgemacht. So oft ich auch am Wasser mit Kamera oder Waffe angesessen bin, niemals habe ich gesehen, dass Blässhühner Enten vertreiben. Auch in der Brutzeit nicht. Hingegen attackieren Enten Blässhühner. Jedoch nicht um sie zu vertreiben, sondern um ihnen die eben beim Tauchen hoch geholten grünen Wasserpflanzen wegzunehmen. Vor allem die seltenen Schnatterenten und Kolbenenten leben geradezu in einer Symbiose mit den Blässhühnern, die ihrerseits erst die Voraussetzung für das Vorkommen dieser seltenen Entenarten schaffen. Darüber hinaus profitieren sie von deren Wachsamkeit. Vor allem dann, wenn Seeadler und Rohrweihe jagen.

Nur gegen ihresgleichen und nur in der Brutzeit sind sie brutal, wenn Artgenossen die unsichtbare Reviergrenze überschreiten. Da wird erst einmal mit heiseren Kläfflauten vorgewarnt, aber deren Wirkung gar nicht erst abgewartet. Denn das Paar eilt meist gemeinsam in schier grenzenloser Wut auf den Eindringling zu, um ihn zu verjagen. An ihren Flügelkämpfen könnten Politiker ihre helle Freude haben. In geduckter Stellung mit dem Schnabel knappend und mit den Flügeln schlagen, schwimmen und fliegen sie aufeinander zu. Sie prügeln mit den Flügeln und trommeln mit den Füßen, indem sie sich scheinbar schwerelos über die Wasserfläche hoch aufrichten. Ist einmal ein Einzelvogel in die Prügelei mit dem Platzpaar verwickelt, ist auch sein Partner rasch zur Stelle um mitzuhalten. Zwei sich prügelnde Paare, also vier Vögel, sind dann ein kaum übersehbares Kampfknäuel, ehe sie alle nach heftigem Gefiederschütteln den Rückzug ins eigene Revier antreten. Doch ist dieses ganz normale Revierverhalten beim Blässhuhn so normal wie bei allen anderen territorialen Tierarten auch. Wie bei denen ist es nie gegen den Menschen und seine Interessen, nicht gegen gefährdete Arten und eigentlich gegen gar keine andere Art gerichtet. Es ist kein Rechtsfertigungsgrund dafür, Jagd als Strafexpedition zu entwerten.

Blässhühner als Fischereischädlinge?
Obwohl sie Allesfresser sind, fressen sie niemals Fisch! An den wertvollen Renkenlaich kommen sie gar nicht heran. Die Renkeneier sind einzeln und treiben viel tiefer. Die Natur macht nicht etwas so unwirtschaftliches, dass sie die Blässhühner so etwas einsammeln lässt. Energieaufwand und Nutzen stünden in einem Missverhältnis. Nach den nicht zu bezweifelnden Angaben der Fachwissenschaft können sie allenfalls mit Wasserpflanzen zusammen daran anhaftenden Fischlaich ungewollt mit verzehren. Das aber dann in so minimalen Mengen, dass ein ökologischer Einfluss statistisch nicht nachweisbar ist.

Sie vernichten Schilf- und Wasserpflanzen
In einer Zeit, in der man sich mit dem Teichrohrsänger als Vogel des Jahres an die Erhaltung der Schilfrohrwälder erinnert, wäre das ein Argument. Blässhühner ernähren sich zweifelsfrei überwiegend vegetarisch von Wasser- und Uferpflanzen. Gras am Ufer, Flutender Hahnenfuß, Tausendblatt, verschiedene Laichkräuter, Armleuchteralgen und auch Schilf triebe spielen dabei eine Rolle. Die Menge der abgeästen Biomasse, die sie dabei einem Gewässer entnehmen, kann bei größeren Blässhuhn-Ansammlungen gewaltig sein. Im Brutgewässer spielt das bei der vergleichsweise viel geringeren Anzahl der Vögel keine Rolle. Prof. Reichholf nennt ein Beispiel bei einem Bestand von 125.000 kilo Wasserpflanzen, der von 36 - 192 Blässhühnern mit 3,6 kg pro Tag über den Winter hinweg abgeäst wird, dass die Gesamtmenge um 66.000 kg reduziert wird.

Damit sind die Blässhühner als Verwerter der Pflanzen in den mit Nährstoffen über Gebühr angereicherten Gewässern ein wichtiger Ausgleichfaktor im Nährstoffkreislauf. Sie setzen die in den Pflanzen gebundenen Nährstoffe um, verwerten einen beträchtlichen Teil, indem sie bis zu einem kilo schwer werden und mineralisieren den Rest über ihre Ausscheidungen. Diese  wiederum kann die Natur leichter abbauen als die mit der Vereisung im Winter plötzlich absterbenden Pflanzen. Es ist erwiesen, dass Faulschlammbildungen dort nicht möglich sind, wo eine große Zahl Blässhühner für den Abbau der Biomasse sorgt.

Meist geht das Abweiden unter der Wasseroberfläche so weit, dass  zum Wintereinbruch bis auf 1,5 m Tiefe 90 % der angebotenen Ernte durch die Vögel genutzt ist, bevor die Vereisung sie absterben lässt. Da Wasserpflanzen bekanntlich nicht ewig grün bleiben, würden sie absterben und sich zersetzen, teilweise auch zur Verlandung beitragen. Bis das soweit ist, werden sie mit zunehmender Tageskürze und Nachtlänge mehr Sauerstoff verbrauchen als ausscheiden und damit die Sauerstoffbilanz der Gewässer negativ beeinflussen.

Es bliebe über den Schaden am Schilfwald nachzudenken. Der nachhaltige Rückgang der Schilfbestände vor allem im Voralpenland ist auf die Eutrophierung und den Eintrag von Pflanzenvernichtungsmitteln zurückzuführen, aber auch durch Verletzung der Halme, verursacht von verschiedenen Formen der Erholungssuche. Der Einfluss der Wasservögel ist so alt wie die Seen selbst. Nach einer Untersuchung an Berliner Gewässern kann er maximal 8 % der Schilfkeimlinge erreichen. Bezogen auf den Schilfgesamtbestand hat er sich über die Jahrtausende hinweg nicht ausgewirkt. Selbst der ursprünglich nicht vorhandene Bisam, der hinzu kam, konnte sich nicht auswirken. Eine so starke Reduzierung der  Blässhühner durch Jagd, dass man jeden Einfluss auf Schilf beseitigen würde, ist gar nicht durchführbar und hatte auch in den Jahren keine Auswirkung als Blässhühner noch keine Schonzeiten hatten.

Als Pflanzenfresser stellen Sie im Ökosystem Wasser ein sehr wichtiges und notwendiges Glied im Funktionsgefüge der Natur dar. Sie sind weder Problemvögel, noch durch eine Überpopulation für das biologische Gleichgewicht gefährlich. Eine Regulierung der Blässhühner durch Jagd würde das Gleichgewicht nicht verbessern, sondern verschlechtern. Jagd auf Blässhühner ist daher nicht notwendig. Sie sind aber so erfreulich häufig, dass eine jagdliche Nutzung und damit ein Ernten mit Maß ohne Gewissensbisse, mit Fingerspitzengefühl und Verstand möglich ist.

,,Köw, köw, pietz”, rudert ein Blässhuhn vor mir auf dem Altwasser dahin. Zuweilen taucht es, um nach wenigen Augenblicken mit Grünpflanzen im Schnabel  wieder wie ein Kork an die Oberfläche zu schnellen. Jedes mal schnippt es ein ganzes Stück durch den Auftrieb über die Oberfläche hinaus, denn sie tauchen alleine mit dem Auftrieb auf. Hinunter benutzen sie die Füße mit den geteilten Zehen und angesäumten Schwimmlappen kräftig rudernd als Antrieb. Was diesen Rudern an Breite abgeht, das wird durch die Länge und Kraft ersetzt.

Jetzt muss irgend etwas das Tier erschreckt haben, denn der Vogel rennt heftig flatternd auf dem Wasser dahin, dass die Füße die Oberfläche streifen. Zum richtigen Fliegen entschließen sie sich selten. Auch dann rennt es mit langem Anlauf. Aber wenn es erst einmal in der Luft ist, brausen sie pfeilschnell wie kleine Düsenflugzeuge mit ihren kurzen Schwingen und torpedoförmigen Körpern dicht über dem Boden dahin. So mancher Entenjäger hat diesen schnellen Flug schon unterschätzt und reihenweise vorbeigeschossen. Auf dem Zug wandern sie meist nur bis auf die Flüsse und vor allem auf unsere großen Seen. Solange die nicht zufrieren, überwintern sie meist hier. Aber sie überfliegen auf dem Zug auch die  Alpen, um in Süd- und Südosteuropa zu überwintern. Das würden sie sicher viel häufiger tun, wenn sie hier nicht durch die Fütterung verführt würden dazubleiben. An der Strandpromenade ist der sonst so vorsichtige Vogel dann recht zutraulich. Doch ist er immer auf der Hut, um zu flüchten.

Ende März bis Anfang April finden sich die Paare, die oft mehrere Jahre zusammenhalten. Manche brüten schon 1-jährig, andere erst nach 2 oder 3 Jahren. Das ist mit der üblichen Streiterei verbunden. Dann besetzen sie ihre Reviere erst großräumig, und schließlich grenzen sie sie ab. Am Gelege können sie recht empfindlich sein. Manchmal steht die kunstvoll gebaute Burg aus Rohr auch dicht neben einem Uferweg in einem schmalen Rohrsaum versteckt, zuweilen auch ganz offen. Ein derart günstiges Nest hatte ich mir einst auch für meine Fotopläne gesucht. Heute mit dem großen Objektiv ist es reizvoller, sie bei allen ihren Lebensäußerungen bei einem Ansitz am Gewässer aufzunehmen.

Das Nest schwimmt meist und ist aus vielen Rohrstückchen, Wasserbinsen, dünnen Halmen, Grasstückchen und Schilfrispen gewoben. Es ist eine richtige kleine Wasserburg, von der auch ein Steg ins Wasser führt. In die tiefe Mulde legen sie 5-15 Eier von der Größe mittlerer Hühnereier, die sie 30 Tage bebrüten. Sie sind graugelblich und mit schwarzen Punkten übersät. Früher, in ärmeren Zeiten, hat man sie gerne gegessen und damit die Vögel zu bis zu 4 Nachgelegen veranlasst. Sinn der Nachgelege ist aber wohl Verluste durch Hochwasser auszugleichen.

Als ich sie einst von einem Versteck aus fotografierte, hatten wir auf dem Uferweg eine Schilfburg aus dichten Schilfbündeln 7 m vom Nest entfernt erbaut, und dann hatte ich mich von einem Helfer dorthin bringen lassen. Diese Vorsicht und die perfekte Tarnung haben das Fotografieren erleichtert. Minuten war im Schilf ein Geräusch zu hören, das aber nicht von den Rohrsängern und Rohrammern kam. ,,Pitz" macht es, und schon knappt jemand neben dem Nest mit dem Schnabel. Ein schwarzer Kopf mit weißer Blesse und rubinroten Augen taucht auf, und ein Körper kommt nach. Nach einer Ehrenrunde klettert das Blässhuhn schnurstracks mit schwerfälligem Watscheln auf seine Wasserburg, ordnet kurz die Eier und sitzt schon. Selbst die damals noch sehr lauten Kamerageräusche haben es nicht beunruhigt. Das Gefieder leuchtet in der Sonne und die Augen blitzen rubinrot. Gelbbraun ist das Nest und dahinter steht gelb und grün der Schilfwald. Es hat mir damals schon leid getan, keinen  Farbfilm zu haben. Damals haben wir aber alles noch schwarzweiß fotografiert, und so habe ich einige Filme verschossen, auf denen doch immer wieder nur das Gleiche war, mal im Hochformat und wieder quer.

Ich habe ihm stundenlang zugeschaut, aber geschehen ist gar nichts. Nur mir ist es immer heißer geworden und ich habe mich danach gesehnt, abgeholt zu werden. Im Stillen habe ich auch gehofft, dass den Vogel vielleicht etwas  beunruhigt und er dann vom Nest heruntersteigt. Aber er hat nicht einmal gezuckt, wenn der Wind Geräusche herantrug. Erst als ich die nahenden Schritte der Begleitung höre, rutscht er blitzschnell herab, und damit ist mein Ansitz zu Ende gewesen.

Drei Wochen später pirsche ich in der Nähe vorbei und sehe, dass die Jungen, die inzwischen  geschlüpft sind, mit den Eltern durch die Halme schwimmen. Sie sehen den Eltern auch nicht entfernt ähnlich. Sondern sie tragen ein pechschwarzes Flaumkleid mit brandrotem Kopf. Sofort nach dem Schlüpfen, sobald sie trocken sind, purzeln sie von der Wasserburg herab und folgen dem anderen Elternteil. Er führt die Jungen, während einer noch fertig brütet. Wenn alle geschlüpft sind, werden sie von beiden Eltern mit hochgetauchter Grünnahrung gefüttert und bei Bedarf gehudert, bei Gefahr gewarnt und gegen die schwächeren Feinde auch verteidigt. So streitsüchtig sie sonst mit ihresgleichen sind, mit ihren Jungen gehen sie so sorgfältig und zärtlich um, wie auch andere Vogeleltern. Zu Beginn hält sich die Schar immer in der Nähe des Schilfes auf und kehrt auch in der Nacht auf das Nest zurück. Allmählich  werden die Jungen selbständiger. Sie ähneln auch jetzt noch immer nicht den Alten. Ihr Gefieder ist im Ganzen olivgrau wie das Winterkleid der kleinen Taucher. Die Kehle ist weiß, die Brust grau mit hellen Federsäumen und der weiße Stirnfleck noch rötlich. Sie wiegen jetzt etwa ein Pfund.

Bald zeigen Teiche, Tümpel, Seen und Altwasser überall Scharen von Blässhühnern. Sie liegen dort im ruhigen Wasser zwischen Teichrosen und Laichkraut oder schaukeln auf bewegten Wellen. Hin und wieder taucht mal eines und wieder ein anderes aus der Schar unter die Oberfläche und schnellt plötzlich mit Futter im Schnabel wieder empor, wo es sofort neidisch  von Artgenossen verfolgt wird. Bald wird wieder der Winter kommen und mit ihm das große Fütterungsfestival am See. Im zeitigen Frühling werden dann wieder die einzelnen Paare auf ihre Brutgewässer zurückkehren und  um das Revier kämpfen. Ohne Fütterung würden den Winter nicht alle überstehen, denn der Kampf ums Dasein lässt nur die Besten die Risiken des Vogelzuges überleben, also Winter und Zugzeit überleben. Das wäre eigentlich der natürliche Lauf der Dinge, die der Mensch heute  so gerne durcheinander bringt, weil er sich zuweilen als Gott fühlt und die Schöpfung korrigieren will.