Maisinger See: Graureiher
Hier sind Graureiher
(Ardea cinerea) als Gäste willkommen!!!
Doch an anderer Stelle werden in Bayern pro Jahr 4640 Graureiher aus „Futterneid“ erschossen

Mit schwerem Flügelschlag doch trägem Flug gleitet von dem anliegenden Wald herab ein Reiher über das Moor. Seinen Hals trägt er anmutig wie ein großes S. Er segelt herab, stellt die Schwingen gegen den Wind und stemmt die langen Beine vor, und seine langen fingerigen Zehen streifen das aufgischtende  Wasser, tauchen ein und wieder steht am Schilfrand, bis zum Bauch eingetaucht, ein Reiher vor der Schilfwand. Das ganze Jahr über sehen wir die Reiher als Gäste dort stehen und fischen. Sie kommen irgendwo im Wald von einem Einzelhorst oder von der kleinen Kolonie. Sie suchen hier Futter für ihre Jungen, niemand verwehrt ihnen das, und ihre Zahl ist seit Jahren klein geblieben. Es sind die Hausreiher vom Maisinger See. Sie werden von allen geduldet, vom Eigentümer ebenso wie auch von den Jägern, denn hier wird auf Reiher nicht geschossen.

 


Einst Reiherbeize mit dem Falken

Das hat Jahrhunderttradition, denn damals gehörten die Reiher zur Hohen Jagd und als königliches Wild wurden sie einst nur mit dem Falken gejagt, nicht dezimiert, sondern sie waren begehrt für die Reiherbeize. Darum hat man den Reiher gehegt und beschützt, so dass niemand ihm etwas antun durfte. Es war ein buntes Bild, wenn die glänzende Reiterschar über das Moor sprengte, wenn das Wasser unter den Hufen spritzte und des Falkners geübtes Auge den Standort des Reihers ausmachte. Dann nahm er dem Wanderfalken die gestickte Haube ab und warf ihn mit aufmunterndem Waidruf dem abstreichenden Reiher nach. Der Falke aber brauste wie der Wirbelwind dem begehrten Reiher nach und die Reiter folgten auf dem Pferd in wilder Jagd. Das war noch Kampf mit gleichen Waffen, Vogel gegen Vogel, Leben gegen Leben, Pferde gegen Reiherschwingen. Denn so mancher der wertvollen Wanderfalken sank auch als Verlierer vom Himmel herab, wenn er vom spitzen Schnabel des sich wehrenden Reihers aufgespießt wurde. Oder aber der Reiher sank hilflos mit den Schwingen rudernd herab auf das grüne Moos, das sich unter seinem Schweiß blutrot färbte.



Als die Jagd bürgerlich wurde, machte „Futterneid“ den Reiher auf einmal zum „Schädling“

Noch lange nachdem das Schießpulver erfunden war, hat man die Reiher in ihren Kolonien gewähren lassen, wenn sie ihre Jungen aufgezogen haben. Als dann die Jagd bürgerlich wurde, waren es auch nicht die Jäger, sondern es waren Fischer,

die plötzlich wirtschaftlich zu rechnen begannen und entdeckten, dass Reiher nicht alleine von Mäusen leben, sondern auch Fische fangen, die sie gerne selbst gegessen hätten. Das war der Anfang für den großen Krieg gegen alles was dem Menschen Fische wegfrisst. So hat man damals den „Fischereischädling“ erfunden. Doch bis zum heutigen Tag sind die Jäger nicht sonderlich am Reiher interessiert. Es waren immer wieder die Fisch-Interessen, die dem Reiher den Bissen in den Mund gezählt haben. Es waren einige unter den Fischern, die eigens den Jagdschein machten, weil sie Reiher bekämpfen wollten. Sie erfanden damals den auch bei ihnen heute verpönten Abschuss aus dem Horst. Sie kamen nachts, um in der Früh schon dort zu sein und sie schossen die alten und jungen Vögel gnadenlos aus ihren Nestern.
Was aber aus dem Nest geschossen war, blieb liegen. Wir zeigen gerne mit dem Finger auf die Italiener und lästern „kein Urlaubsort, wo Vogelmord“, aber bei uns macht man es bis zum heutigen Tag kaum besser. Denn die aus den Nestern geschossenen Vögel blieben liegen, den Füchsen zum Fraß. Ja man legte auch in die Buchten Tellereisen auf den Grund, damit die Reiher hineintreten und ihnen die Füße zerschmettert werden. Das traf natürlich nicht nur Graureiher, sondern ebenso auch die Rohrdommel, den Purpurreiher und Nachtreiher. Viele Fischer schworen ihnen gnadenloses Verderben, und wären nicht die Kormorane aufgetaucht, gewissermaßen als Blitzableiter, dann wären die Graureiher schon längst als Bösewichter ausgerottet worden. Viel hätte auch nicht gefehlt, denn häufig war er ohnehin nicht.


Ein spärlicher Brutvogel

Stefan Kluth, Chef der Vogelschutzwarte, nennt den Graureiher einen spärlichen Brutvogel, der in Bayern immer nur sehr lückenhaft verbreitet war und der auf der Vorwarnliste zur roten Liste steht. Als es 1975 nur noch 500 Paare im ganzen Land gegeben hat, wurden die Reiher Anfang der 60er Jahre ganzjährig unter Schutz gestellt, und das war höchste Zeit. Es waren weitsichtige Jäger und Naturschützer, die erkannt hatten, dass der Mensch als Hauptfeind des Vogels am dramatischen Rückgang die Ursache war. Obwohl es noch immer illegale Abschüsse an Fischteichen gab, erholten sich die Bestände wieder, bis an eine Kapazitätsgrenze von



 

2400 Paaren. Doch auch die Reiher hatten gelernt, denn sie änderten ihr Verhalten grundlegend. Sie begannen nur noch vereinzelt Horste irgendwo in den Wäldern anzulegen, nur selten Kleinkolonien. Waren an bestimmten Stellen doch einmal 20 Horste, so zogen die Reiher unvermutet um und legten neue Horste an anderer Stelle an. Das erschwert natürlich die Bestandskontrolle. Bei der Zählung im Jahr 2001 kam man auf 170 Kolonien in ganz Bayern mit insgesamt 2377 Brutpaaren, die in nur zwei Regierungsbezirken häufiger waren als früher. Auch die Fisch-Nahrung wird seltener angenommen als früher. Sie jagen dafür bevorzugt Wühlmäuse auf Äckern und Wiesenlandschaften.
Beim anlegen der Horste haben die Vögel noch etwas gelernt: dass man in unmittelbarer Nähe des Menschen am sichersten ist. So gibt es heute Graureiherhorste in Gärten und inmitten von Ortschaften auf hohen Bäumen. Das Schießen an von Menschen bewohnten Orten ist verboten. Man muss nur staunen, dass die Reiher das so schnell begriffen haben.
Die verstärkte Prägung auf Mäusenahrung wirkt sich auch dahingehend aus, dass in Mäusejahren mehr Junge aufgezogen werden als in Jahren mit wenig Mäusen. Die Jagdart ist reizvoll zu beobachten, denn der Reiher pirscht sich mit weit ausholenden Schritten und hoch gehobenen Füßen an und stößt dann plötzlich zu. Die Maus dreht er dann mehrmals, beknabbert sie und klopft die Beute zurecht, um sie dann unzerteilt in einem Schluck zu verschlingen.



Himmelhohe Horste

Zwar brüten sie auch auf Fichten, aber glattschäftige Buchen oder Eichen sind ihnen lieber. Als wir Fotografen seinerzeit noch nicht mit so großen Objektiven arbeiten konnten, haben wir in einer Kolonie, die mir Eugen Schumacher verraten hatte, in einer gewaltigen Buche, die wir mit Steigeisen erklommen hatten, in 35 m Höhe unser Versteck gebaut, um die Reiher im Nebenbaum auf einer Ulme zu fotografieren. Die Horste sind mächtige Bauwerke aus starken Ästen als Unterbau und innen sind sie mit schwächeren Ästen und dünnen Zweigen ausgelegt.


Sie wirken immer etwas unordentlich und sperrig. Aber sie sind stabil und fest gebaut. Schon Anfang April liegen die hellblauen Eier darin, die etwas größer sind als Hühnereier. Drei Wochen später finden wir die Eischalen auf dem Waldboden. Schalen, die uns anzeigen, dass die Jungen geschlüpft sind. Die Zweige oben in den Bäumen sind mittlerweile weiß getüncht. Diese nährstoffreiche Düngung lässt unter den Horsten viele Pflanzen gedeihen und blühen, besonders aber die Große Brennnessel. Jetzt müssen die Reihereltern viel arbeiten, abwechselnd im Nest 3 bis 4, manchmal sogar 5 Junge füttern. Unermüdlich schleppen sie Beute herbei: Heuschrecken, Fische, Mäuse, Maulwürfe, Frösche und Ratten.


Ringeltauben und Hohltauben rufen in den alten Bäumen, bleiben aber unsichtbar. Die Singdrossel schmettert, Mönchsgrasmücken zwitschern ihr Flötenlied. Kolkraben wollen ihren Anteil an der Beute. Bachstelzen sind Untermieter im Horst. Nicht weit weg vom Maisinger See hört man das Stimmengewirr der Graugänse, das tiefe Quaken der Tafelenten, und das alles übertönt das tiefe „GruGru“ der Haubentaucher. Hoch vom Firmament ruft „Piäh“ der kreisende Bussard. In der Kolonie aber schnattern die Jungen und Krächzen die alten Reiher. Wenn sie von der Futtersuche zurückkommen, beginnen die Jungen mit einem infernalischen Geschrei. Sie verbeugen sich bettelnd vor dem Altvogel, packen ihn beim Schnabel, und bettelnd flattern sie, immer wieder zupackend, bis der Alte die Beute

herauswürgt, dass sie teils in das Nest, teils auch daneben fällt und auf den Waldboden herabpurzelt. Dort aber ist Mutter Feline aus der Familie Reinecke heilfroh über die Nachlese, die sie halten kann, denn in ihrem Bau warten die hungrigen Jungen. Die bekommen die Beute aus der Reiherkolonie und manches Mal auch einen kleinen Reiher, der abgestürzt ist.

Wenn die 3. Woche um ist und die Flügelfedern aus den Kielen springen, wagen sich die Jungreiher auf den Rand der Horste, klettern auf die seitlichen dünnen Zweige und schlagen mit den Flügeln, um die Muskeln zu stärken, denn bald werden sie starten, in das Leben hinaus. Sie recken die langen dünnen Hälse, die sie den heranrudernden Alten entgegenstrecken. Heiser schnatternd gieren sie nach dem Futter. Wenn der Juli ins Land kommt, wird es leer sein in den Horsten. Die Jungen wie die Alten stehen am Schilfrand, aber nicht mehr lange. Sie halten Distanz zu den Menschen, versammeln sich und verlassen gar bald dieses Land, um dem Winter auszuweichen. Sie fliegen mindestens zu den westlichen Nachbarn an Mittelmeer und Atlantik, wenn das Wetter es erfordert auch über das Mittelmeer hinweg und nach Afrika. Mit Vogelringen erforschte man das.

Ich war gerade 19 Jahre alt, da wollte ich die Jungen beringen. Ich bin hinaufgeklettert zu den Reihern ganz hoch oben in den dünnen Ästen. Es war eine mörderische Tour mit den Steigeisen, aber ich habe es geschafft und was ich lernte, werde ich nie vergessen, denn die 5 Jungreiher, die mir mit ihren spitzen Schnäbeln die Hände zerhackten, sind nicht alt geworden. Innerhalb eines einzigen Jahres sind alle 5 Jungreiher abgeschossen und zurückgemeldet worden. Ich habe also lernen müssen, dass alle Reiher die von uns wegziehen in den Nachbarländern genauso gefährdet sind und geschossen werden wie bei uns die Wintergäste von Norden und Osten.


Bejagen erfordert Bejagungsplan
Es wäre wohl sinnvoll, einen Bejagungsplan zu machen, und die Nutzung der Tiere dem Nachwuchs sinnvoll anzupassen. Dann dürften viel weniger geschossen werden als heute. Immer gibt es Jahre, in denen Sturm, Regen und Schnee oder andere Umstände den Nachwuchs in den Reiherhorsten zehnten. Folgerichtig muss ich als Jäger handeln und mit einem eventuell möglichen Abschuss zurückgehen, denn ich kann nicht mehr schießen als nachwächst und dann noch von nachhaltiger Natur-nutzung sprechen. Als aber die Behörden dem Druck der Fisch-Lobby nachgegeben haben, als sie 1983 trotz aller Proteste doch wieder eine


 

Schusszeit eingeführt haben, nannte man das  „Ausnahme-Genehmigung“ und gestattete von Mitte September bis Ende Oktober in eingezäunten Fischzuchtanlagen und bis 200 m im Umkreis den „Vergrämungsabschuss“. Vögel wissen aber nicht was „Tod“ bedeutet, sie fliehen allenfalls, weil es knallt. Auch wenn ich Verständnis habe, dass man in einem Betrieb, der Fische produziert, wirtschaftlich denken muss und nicht Fische füttern will, die Fischesser herausholen. Auch wenn man keine Fische essenden Tiere haben möchte, ist der Abschuss keine gute Lösung, weil die Erfahrung zu sterben genetisch nicht verankert wird und damit nicht weitergegeben werden kann. Die Tendenz mit dem Abschuss Dampf abzulassen ist aber steigend, obwohl der Knall alleine den gleichen Effekt hätte.

Eine Landtagsanfrage ging den Zahlen nach, dem Bestand genauso wie dem Abschuss, doch nach einer Zeit-Lücke in der Statistik müssen wir die Zahlen jetzt erneut vergleichen. Tröstlich ist alleine die Erkenntnis, dass hier bei uns im 5-seenland mit den Reihern verhältnismäßig glimpflich umgegangen wird. Am Maisinger See und anderen Öffentlichen Gewässern wird auf Reiher gar nicht geschossen. Dieser See ist ein offenes Fischgewässer in einem Naturschutzgebiet, er ist also keine eingezäunte Fischzuchtanlage. Rätselhaft ist aber, dass  trotz des Anstiegs der Abschüsse der Bestand örtlich ansteigt. In Gebieten wie die Oberpfalz und Mittelfranken blieb die Zahl der Brutpaare trotz der Abschüsse unverändert, in Unterfranken ging der Bestand deutlich zurück



EU-Nachbarn kritisieren unsere Reiherabschüsse – denn Jagd ist das nicht

Seltsam wären solche Zusammenhänge ohnehin, denn eines ist sicher, dass unsere Graureiher längst auf dem Zug sind, während wir hier auf die Nordischen oder Nordöstlichen Graureiher unserer Nachbarn jagen. Es ist nahe liegend, dass dieses auf unseren Brutbestand keinen Einfluss hat. Nahe liegend ist aber, dass unseren nordischen und nordöstlichen

Nachbarn unsere Art von Reiherjagd gar nicht gefällt, denn sie sind sicher, dass wir ihre Zugvögel abschießen. Alle unsere Reiherabschüsse treffen ausschließlich Gastvögel, also Zugvögel und damit die Überwinterer aus Nordost- und Osteuropa. Strenge Winter oder Abschüsse können so viele Vögel reduzieren wie sie wollen, man nimmt es bei uns nicht zur Kenntnis. Unsere Art von Jagd auf Graureiher ist für Biologen unverständlich, und Stefan Kluth von der Vogelschutzwarte schreibt im „Brutatlas der Vögel in Bayern“ folgendes: „Die seit 1983 bestehende regionale Ausnahmeregelung kann nicht mehr als Ausnahmeregelung gesehen werden. Die Abschüsse verfehlen ihr Ziel, weil die damit angestrebte Dezimierung der Brutvögel der Brutpopulation nicht erreicht wird. Die Ausnahmeregelung sollte daher aufgegeben oder so modifiziert werden, dass Abschüsse nur bei nachgewiesenen erheblichen fischregulierenden Schäden genehmigt werden können.“


Tanz der Reiher aus dem Nordland am Maisinger See

Da wird er Recht haben. Denn als am 6.11.05 der Maisinger See für den alljährlichen Fischzug abgelassen wurde, stellten sich schon Tage vorher, die auf den umliegenden Wiesen Mäuse fangenden Graureiher wieder am See ein. Erst waren es einzelne, die im Schilf und in der Schwimmblatt-zone übernachteten. Dann wuchs von Tag zu Tag die Reiherschar bis auf 30-40 Vögel an. Sie standen alle weit draußen in der Schwimmblattzone und ruhten dort oder sie fischten. Sie wussten noch nichts von dem Fischzug, aber sie waren schon da, als er begann, und man hatte sie bis dahin auch in Ruhe gelassen.



 



Sie kamen von Nord und Nordost und rasteten rein zufällig auf diesem See, der sicher Ähnlichkeit mit den Seen ihrer Heimat hatte. Diese Reiher waren auffallend heller gefärbt als die bei uns brütenden Graureiher und überwiegend Jungvögel, die noch nicht die langen Schmuckfedern auf dem Kopf tragen. Der See wurde soweit abgelassen, dass nur eine Wasserfläche von vielleicht 200 m² übrig war, und diese Restfläche blieb, nachdem die Karpfen, Schleien und Hechte herausgeschöpft waren, noch voller Fische.


Es waren vor allem alle Weißfischarten und deren Brut. Ein Teil der kleinen Fische landete im Bach. Daher lebt dort auch die Rohrdommel den Winter über recht üppig, und auch der Eisvogel fängt hier seine Beute. Beide profitieren also von der traditionellen Form der Fischerei an diesem See. Ich wartete am Seeufer mit meiner Kamera vor allem auf die verschiedenen Entenarten, die sich auf dieser kleinen Wasserfläche, ebenso wie Haubentaucher und Zwergtaucher, dankbar fotografieren lassen. Mit den Reihern hatte ich gar nicht gerechnet. Einige Kormorane, die vorbeistrichen, zeigten sich nicht vom Fischangebot verführt, sondern sie flogen weiter. Die Reiher aber kamen angesichts des verlockenden Fischangebots immer näher. Sie legten die Scheu, die wir sonst von Reihern gewohnt waren, völlig ab. Sei es nun, dass sie auch in ihrem Heimatland nicht verfolgt werden, sei es auch, dass zumindest die älteren unter den Reihern wussten, dass ihnen am Maisinger See keine Gefahr droht. Meine spätere Befragung der Jäger bestätigte die Vermutung, dass die Reiher genau wissen, dass hier am See niemand auf sie schießen wird.
Ich hockte auf meinem Stühlchen und fror jämmerlich, aber ich saß still und bewegte mich kaum. Sicherheitshalber hatte ich noch eine Camouflage-Leinwand über den  Kopf gezogen. Die 30 Reiher aber kamen näher und näher. Teils wateten sie heran, teils wechselten sie fliegend ihre Plätze, immer Ausschau haltend, ob sie Fische entdecken. Sie waren erfolgreich, und wenn ihr Schnabel pfeilschnell in das Wasser schnellte, packte er den Fisch und suchte ausgleichend balancieren mit den Flügeln das Gleichgewicht zu halten. Ich fotografierte wild drauflos, und wenn man die Bilder aneinander reiht, schaut es aus, als würden die Reiher auf dem Schlick tanzen, so anmutig sind ihre Bewegungen. Wie ein Tanz der Reiher wirkte es auch, wenn ihre Füße im Schlamm stecken blieben und mit dem kurzen Anfliegen wieder herausgerissen wurden. 


Alle Fischarten, die sie fingen, waren ausnahmslos solche, die der Mensch nicht haben will. Auf den Bildern erkennen wir Barsche mit aufgestellten Rücken-stacheln, Rotfedern und andere Weißfischarten. Nicht ich alleine habe ihnen zugesehen, denn auch andere Bürger waren von dem Fischzug der tanzenden Reiher gefesselt. Wir konnten mit gutem Gewissen sagen, dass sie hier am See den Menschen nichts weggefressen haben. Sagen wir ruhig: „Hier am See waren diese Reiher und Zugvögel willkommene Gäste.“ Jagd macht Tiere fast immer scheu. Vor allem würde an einem derart sensiblen See keine Fotojagd auf Reiher möglich sein und auch die Naturbeobachtung der Reiherschar wäre gleichfalls nicht möglich. Der Maisinger See ist Naturschutzgebiet, doch würde das die Jagd nicht ausschließen. Gegen die Jagd auf Rehe im Moos ist nichts einzuwenden, aber man darf lobend feststellen,


 



dass die hier auf ihrem Zug rastenden Reiher auch nicht durch eine andere Wasservogeljagd beunruhigt wurden. Das ist nicht überall so, denn manchmal wird auch illegal auf Reiher gejagt und die Gesamtabschusszahl von 4640 Reihern schließt Fallwild mit ein, also auch anderweitig angeschossene Vögel, die später verenden. Da es nach der Bestandserfassung von 2001 nur 2370 Brutpaare in Bayern gibt, wäre die Abschussziffer viel zu hoch, wenn die toten Reiher unsere Vögel wären. Denn der Bruterfolg ist mit Sicherheit kleiner als jene 2 durchschnittlichen Jungvögel, die hier als Zuwachs errechnet sind. Dass sich das auf den Gesamtbestand


von Graureihern in Bayern nicht auswirkt, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass hier gar kein Reduktionsabschuss stattfindet, sondern, weil hierzulande an den Fischzuchtanlagen die Zugvögel unserer Nachbarn geschossen werden, ein Umstand, den sich die neu zur EU gekommenen Staaten wie Estland, Lettland, Litauen und Polen sicher nicht länger bieten lassen. „Kein Urlaubsort wo Vogelmord“ hatten Deutsche Naturschutzverbände mit dem Blick auf Italien gefordert. Das könnten aber auch unsere Nachbarn im Osten fordern. Die Gesamtsituation war schon einmal Gegenstand einer Landtagsanfrage in Bayern, als Tessy Lödermann kritisch die Zahlen hinterfragte. Ich will hier nicht die ganze Statistik, die im Landtag zur Sprache kam, aufbereiten, sondern nur die Endziffern in das Diagramm einfließen lassen.

An den Jägern liegt es also nicht. Aber wir müssen uns etwas einfallen lassen, denn der Graureiher, einstmals Hochwild der Könige, ist zu schade um wie eine Wanderratte behandelt zu werden. Anders als Kormorane, die nicht schmecken, gilt Reiherbrust als Delikatesse. Da der Reiher aber ein Endglied der Nahrungskette ist, steckt er voller chemischer Rückstände. Zu bezweifeln ist also, dass es sonderlich gesund sein kann, wenn man Reiher auf die Speisetafel holt. Jagd ist aber nur dann waidgerecht, wenn das erlegte Wild auch verwertet wird. Das ist aus diesem Grund aber infrage gestellt. Bei allem Verständnis dafür, dass man Graureiher in einer Fischzucht nicht haben will, den Kormoran aber ebenfalls nicht, sollte man über andere Schutzmöglichkeiten nachdenken. In keinem Fall dürfen wir mit Pulver und Blei auf die Naturgüter unserer Nachbarn losgehen. Zudem werden alleine schon durch die beunruhigenden Schüsse Rohrdommeln, der äußerst empfindliche  Purpurreiher und der im Rahmen der Klimaveränderung langsam heimisch werdende Silberreiher durch die Abschüsse extrem gefährdet. Die Graureiher als Gäste zu betrachten und als großartiges Naturerlebnis, ist ganz sicher der bessere Weg.

Wolfgang Alexander Bajohr