Ammersee/ Maisinger See: Kiebitze als FrühlingsbotenDer Vogel des Jahres 1996
 Mit Federholle geht der Kiebitz zur Brautschau
 von Wolfgang Alexander Bajohr

Kiebitz1.jpg (37134 Byte)
Kiebitz

Kiebitze sind Charaktervögel feuchter Wiesen oder Moore, meint man und doch ziehen sie Rohboden vor, den frisch gepflügten Acker zum Beispiel. Sie sind lebhafte Gesellen. "Wächter des Moores", hat Hermann Löns sie genannt, und der, an dessen Hand ich diesen Vogel kennen lernte, war H.W. Ottens, sein Jagdfreund und mein Lehrprinz. Wer etwas über die Natur wissen wollte, fragte damals eben noch den Jäger, denn der kannte sich am besten draußen aus. Ottens war ein bedeutender Vogelschützer und Gründer des "Niedersächsischen Jägers"

Zwar kommt der Kiebitz in Deutschland fast noch flächendeckend vor, aber wir wissen nicht einmal genau ob er am Maisinger See noch Brutvogel ist. Denn er fällt uns nur im Frühjahr auf, wenn er im Flachwasser Nahrung sucht. Wo jenes Flachwasser fehlt, ist es Hauptursache des dramatischen Aussterbens aller Wiesenbrüter, das Entwässern von Feuchtwiesen, Moor- und Sumpfgebieten. Wiesenwalzen und das Aufdüngen von Magerwiesen zu Fettwiesen, das Umwandeln von Grünland in Äcker, eine immer frühere Mahd und häufigeres Befahren der Äcker mit schweren Maschinen.

Es ist noch gar nicht solange her, da hat man den Kiebitz noch bejagt und seine Eier wurden auf den Bauernmärkten als Delikatesse angeboten. Zur Zugzeit ziehen oft Dutzende und Hunderte Kiebitze hier durch. Sie wandern in die noch intakten Brutgebiete Osteuropas. Wir merken oft zu spät, wenn unser Bestand vergreist, weil er sich nicht verjüngt hat, denn Kiebitze werden 25-30 Jahre alt.

In Altägypten war der Kiebitz Symbol für die menschliche Seele. Er ist auch Teil der Kultur: Denn Romulus und Remus wurden bei der Gründung Roms zwar von der Wölfin gesäugt, aber Kiebitze haben ihnen Nahrung zugetragen. Erstaunlich eigentlich, weil er in Italien nicht brütet und nur durchzieht.

Wenn er frisch verliebt ist und ein Weibchen für sich gewinnen möchte, ruft er seinen Namen "Kiewiet, kiewiet" und verwirrt sie mit seinen verwegenen und kunstvollen Flugspielen. Gaukelnd wie ein vom Wind entführter Lappen wirbelt er durch die Luft, stürzt sich "Chärrhoit, chichärhhoit, kuwitt kuwitt kuwitt" rufend herab. "Wuwuwuwuwuwuwuwu" wummern die Flügel, wenn er balzend nahe vorüberfliegt. Der Balz- und ritualisierte Imponierflug beginnt. Dabei greifen sie jedes Lebewesen an. Sie erschrecken das Wiesel und den Hasen, die Feldlerche und das Reh. Der Kiebitz trippelt dahin, als rolle er auf Rädern, knickst einige Male und lässt das lange Häubchen im Winde flattern. Er zeigt mit hocherhobenem Kopf imponierend die metallisch schillernde Brust und lässt sich mit gespreiztem Brustgefieder auf den Bauch fallen. Die Flügel ragen schräg hoch und flattern, der Schwanz klappt auf und ab. Die roten Füße scharren den Torfboden, und er dreht sich, um eine Nistmulde zu bohren. Ich höre sein leise trillerndes "Cli, chi, chi."

Das Männchen ist ein wenig größer, schmucker, schillernder im Gefieder als seine Frau und hat eine größere Holle. Je nach Lichteinfall schimmern und glänzen die Federn der Flügel wie bei einem Schmetterling, metallisch grün, stahlbläulich und an der Schulter purpurn. Das steht im prächtigen Kontrast zur weißen Unterseite. Ein Weibchen interessiert und nähert sich. Da rast er mit eingezogenem Kopf auf sie zu. Beide umtrippeln einander in eigenartig steifer Haltung. Dann richtet sich das Männchen hoch auf und steht ganz prächtig da, in seiner schönsten Imponierhaltung, dass die stolze Holle im Winde flattert. Sie aber wippt in einer steifen Haltung und lässt ein "Chäi, chäi, chäi" hören. Darauf wippt auch das Männchen und schaukelt in seinen Knie- und Hüftgelenken auf und ab. Wieder folgt die Phase des angedeuteten Nestbaues. Jetzt beginnt er Hälmchen über die Schulter zu werfen. Sie wippt, dreht sich im lockeren Boden und flattert. Während sie sich dreht, reckt sie das Hinterteil hoch auf, dass man die rotbraunen Unterschwanzdecken und den Pürzel sieht. Auch sie wirft Binsen, Halme und Würzelchen, alles was sie erfassen kann, über den Rücken. Das Männchen trippelt herbei und tritt.

Beide fliegen auf und verfolgen heftig schreiend Krähen, die niemals eine Chance bekommen das Nest auszuplündern. Nächstes Opfer ihrer Angriffswut ist ein Fuchs oder Hase. Gleich darauf geht ihre Angriffslust in einen Balzflug über. Das Männchen fliegt vom Boden auf, schlägt die Flügel langsam und kraftvoll durch, dass sie unter dem Bauch fast zusammentreffen und fliegt tief über den Boden dahin. Doch dann wird sein Flügelschlag deutlich rascher und er steigt senkrecht steil in die Luft hinauf. Dabei schreit er laut "Chächerhoit, chächerhoit". Als er 20 m hoch ist, geht der Flug in eine langsam gleitende Horizontale über. Dabei verändert sich auch sein Ruf: "Wittwitt - witwit - wittwitt!" Doch dann lässt er sich gleich "Chuiwieht, chuiwieht", fast senkrecht in die Tiefe fallen, wirbelt dabei wieder wie ein Lappen im Wind herum, dreht auf den Rücken.

Er macht zweimal eine Rolle nach links und dann wieder nach rechts, als vollendeter Beherrscher des Kunstfluges. Erst dicht über dem Boden fängt er den Flug ab und lässt jetzt, kraftvoll parallel über der Erde dahinfliegend, das bekannte pfeifende Geräusch der schlagenden Schwingen hören: "Wuchwuchwuchwuchwuchwuchwuchwuch", und auch dabei wirft er sich im Flug mal auf die linke und dann wieder auf die rechte Seite. Weil man dabei einmal die helle Unterseite und dann in raschem Wandel wieder die dunkle Oberseite zu sehen bekommt, ist das ein geradezu verwirrender Hell-Dunkel-Wechsel. Hier ist es Balz- und Flugspiel, aber er wendet es auch bei seinem Umgang mit Greifvögeln an, die er damit verwirrt um mit hoher Fluggeschwindigkeit, Wendigkeit und Geschicklichkeit bei seinen Ausweichmanövern zu entkommen. So ist er kaum noch Feinden ausgesetzt, wenn er einmal das gefährliche Jugendalter überstanden hat. Wieder steigt der Kiebitz steil hoch. Das unbändig wilde, verwegene und verwirrende Flugspiel wiederholt sich tagelang.

Ihr Nest ist eine flache Mulde auf dem oft  völlig freien Acker oder auf der Streuwiese und nur spärlich mit Halmen ausgelegt. Die Eier sind auf einer Seite spitz und auf dem Gegenende breit und rund, olivengrünlich oder bräunlich mit mehr oder weniger großen Flecken braun oder schwarz getupft. Wie kleine Kreisel liegen sie stets mit der Spitze zur Nestmitte. Einst konnten auf einer Wiese mit knapp 100 m Seitenlänge bis zu einem Dutzend Nester sein, oft nur 3 m nebeneinander. Naht die Zeit des Schlüpfens, sind Kiebitze besonders aggressiv. Wer auch immer sich dem Gelege nähert, den greifen sie an. Kiebitze brüten immer vom letzten Ei an, und das dauert 26-29 Tage. Erst im 3. Lebensjahr werden die Jungen erwachsen sein, dann können sie an Balz und Brut teilnehmen.

Als das Ampermoos nicht mehr gemäht wurde, verschwand er ganz. Doch seit 1991 mäht man wieder. Daraufhin haben im Starnberger Teil 5 Paare 1993, 6 Paare 1994 und 3 Paare 1995 gebrütet. Im Brucker Teil sind es 3-4 Paare. Im Ammermoos, wo es früher 50-60 Paare gab, brütet heute nicht ein einziges Paar mehr, denn die Moorwiesen sind zu trocken geworden. Am Maisingr See haben wir ihn im ehemaligen Streuwiesenteil ein wenig aus der Kontrolle verloren.

Wenn sie über die Fluren trippelnd ihre Energie und Erregung mit Kopfnicken anzeigen, ist das ein ruckartiges Aufrichten, das schnell hintereinander gereiht als Nicken erscheint. Wenn sie im Flug scheinbar planlos durch die Luft wirbeln, sind das sehr exakte Flugmanöver. Die Kiebitze gehören als Frühlingsboten zum Vorfrühling, den sie mit ihren melodischen Rufen und Flugspielen schmücken.