Maisinger See - 50 Jahre Naturbeobachtung

Der Maisinger See ist die gute Stube des Starnberger Sees. Nur wenige Vogel-Flugminuten entfernt ist er die Anflug-Station für alle jene Wasservogelarten, deren Brutheimat ähnlich ist und außerdem für jene besonderen Arten, die auch in jenen fernen Brutheimaten Reviere bewohnen, die etwas Besonderes sind.

Ich lernte den Maisinger See im Frühling 1951 kennen, also vor mehr als 50 Jahren. Wir fuhren damals  mit der Lokalbahn vom Starnberger Bahnhof in München bis Starnberg, gingen durch die Stadt und kletterten die Maisinger Schlucht 6 km weit hinauf. Fortan fuhr ich von Nymphenburg aus mit dem Fahrrad dorthin, und aus jener Zeit stammen auch die hier geschilderten Eindrücke.

Der Maisinger See oberhalb von Starnberg liegt auf einer Meereshöhe von 635 m. Er liegt in einer der schönsten Landschaften des Fünfseenlandes im Bayerischen Voralpenland. Wer ihn kennt, wird es verstehen, dass er schon am 27.8.1941 durch eine Verordnung der Regierung von Oberbayern unter Schutz gestellt wurde. Doch war er schon seit 1915 durch eine Verfügung des Bezirksamtes Starnberg geschützt.

Das ganze Gebiet ist runde 86 ha groß. Davon entfallen auf den offenen, nicht verlandeten See höchstens 10 ha. Daran hat sich in den vergangenen 50 Jahren nichts geändert. In den amtlichen Akten hieß es schon damals trocken: „Verlandender See innerhalb der Grundmoränenzone des ehemaligen Würmseegletschers, durch besonderen Vogelreichtum ausgezeichnet, insbesondere Brutkolonie der Lachmöwe.“ Dieser flache, im Nordteil eutrophe Moorsee hat in weiten Teilen nur eine Tiefe von 1m und weniger. Er wird von 2 Bächen durchflossen. Ursprünglich entstand er wohl durch aufschütten des Dammes, durch den er sich seit jeher als Fischteich nutzen lässt. Daher wird er auch heute noch für den großen Fischzug weitgehend abgelassen und erreicht dann bis Mitte Oktober wieder seinen normalen Wasserstand. Nur in dieser Zeit gibt es für wenige Tage auch Schlickflächen, die aber sehr schnell wieder verschwinden. Im Winter friert er immer zu. Die Schilf- und Groß-Seggenzone ist streckenweise bis 300 m breit. Anschließende Streuwiesen wurden vor 50 Jahren noch gemäht, sind aber heute verschilft. Das Flachmoor am verlandeten Westufer geht in ein Bergkiefernhochmoor über. Soweit mineralischer Boden durch die Anflugfichten erreichbar ist, bilden sie kleine isolierte Gruppen auf Inseln im Moor. Von der Randmoräne her dringen Fichten und Laubgehölze bis an das Moor vor. Der umgebende Waldsaum mit überwiegend Fichten ist aufgelockert durch Laubhölzer und im Norden und Süden naturnahem Mischwald. Im Süden liegen Wiesen mit alten Solitärbäumen geziert, und einige Felder. 

Wer dem reizvollen Lauf des Maisinger Baches folgend durch das Dorf dorthin ansteigt, dem tut sich voraus ein anmutiges Landschaftsbild auf. Weich geschwungene Wiesenhänge, auf denen Graugänse und  Rehe grasen, gekrönt von dunkelgrünem Wald, der zum Moor hin unterbrochen ist von kleinen Wäldchen der Moorbirke. Der Blick vom anmutigen Dorf aus, das mittlerweile auch von Reihenhäusern erobert wird,  zeigt den Blick  auf den See drunten in einer Senke liegend. Heute noch lässt  sich an dem umgebenden Moor erkennen, das braun aus grünen Wiesen heraussticht, wie groß der See einst gewesen sein muss. Unser Führer vor 50 Jahren, hoch in den 80ern glaubte, dass er den See noch in 4- bis 5-facher Größe gekannt hat. Das ist aber nicht  ganz wahrscheinlich.

Eigentlich ist der See auch heute noch viel größer, denn das Niedermoor  zählt zu den tückischen Schwingmooren. Unter jedem Schritt schwankt nicht nur die Bodendecke, sie biegt sich auch bis zu ½ m durch. Einige Male hatte ich das Pech durchzubrechen. Damit ist mir bewusst, dass unter der schwimmenden Pflanzendecke freies Wasser ist.

Vielfältig und doch entsprechend dem Moorboden ist die Pflanzenwelt. Die Moorlatsche ist mit kleinem Anflug, aber auch mit uralten verschrobenen Bäumen vertreten. Vereinzelt gibt es als Eiszeitrelikt Polster der Zwergbirke. Vielfältig ist im Mai und Juni die Pracht der blühenden Orchideen in den Wiesen. Gelb leuchten dann auch die Sonnen der Trollblumen. Im Moos leuchtet strahlend blau der Stengellose Enzian. Im Wind wippen karminrote Mehlprimeln und gelbe Himmelschlüssel der beiden Arten. Da die Streuwiesen nicht mehr gemäht werden, ist allerdings viel davon heute verborgen. Im Torfmoos überziehen zierliche Moosbeeren die Polster, und die Glocken der  Rosmarinheide läuten. An wenigen Stellen streckt auch die Dichte der Blütenpflanzen im Moor spärlich im Vergleich zu einmahdigen Bauernwiesen, soweit sie nicht gedüngt wurden. Sie erstrahlen in millionenfacher Blütenpracht ganz gängiger Arten. Hier jubelt sie dann noch, die Feldlerche. Doch der Große Brachvogel, der Brutvogel der Streuwiesen, ist schon vor 50 Jahren verschwunden, seit die Streuwiesen keiner mehr mäht.

Bei einem Rundgang habe ich damals noch die Vogelarten aufgeschrieben und an einem Tag nie weniger gezählt als 50. Peter zur Mühlen überlieferte uns eine Gesamtliste mit 143 Arten. Aus dieser artenreichen Brut- und Rastvogelgesellschaft werden hier nach bestimmten Gesichtspunkten nur die Wasservögel, Greifvögel, Reiherarten, Seeschwalben und Möwen und einige ausgewählte Arten vorgestellt, soweit wir sie fotografiert haben. Der See ist ein bedeutendes Brutgebiet, weil die Brutgebiete nicht zu begehen sind und ein bedeutendes Rastgebiet, solange er nicht zufriert. Hauben- und Schwarzhalstaucher als Brutvögel, Rohrdommel, Wasserralle und Drosselrohrsänger, der sonst Probleme hat zu überleben. Bekassinen, Krick-, Moor- Löffel- und Schnatterenten. Neuerdings ist auch die Kolbenente als Brutvogel eingezogen.

Einst gehörte der See zum Kloster Andechs. Heute ist er Privatbesitz und gehört zu dem Haus am See, das ich noch als intakten Bauernhof erlebte. In diesem Bauernhof habe ich viele Nächte im Heu geschlafen. Heute stehen keine Kühe mehr im Stall, und es ist daraus ein beliebter idyllisch gelegener Biergarten geworden, zu dem am Wochenende bis zu 200 Autos fahren. Dennoch kann man vom Biertisch aus seltene Arten beobachten ohne sie zu stören.

Vor 50 Jahren durften noch die Eier der Lachmöwen abgesammelt werden, und im Delikatessengeschäft Hahn in der Theatinerstraße wurden sie verkauft. Das hat der Dichte des Bestandes der Lachmöwen nicht geschadet, da sie nachlegen. Es passt natürlich nicht zu einem Naturschutzgebiet, und das Jagdgesetz verbietet es inzwischen. In jener Zeit stieg der Bestand der Lachmöwen auf an die 300 Paare. Heute sind es wieder weniger. Mit Hilfe des Eigentümers, der mir damals sein Boot lieh, bin ich zu den Lachmöwen hinübergerudert, um sie vom Versteck aus zu fotografieren. So entstanden auch einige andere Bilder, die man heute so nicht mehr aufnehmen könnte. Doch hatten wir damals noch nicht die langen Brennweiten, die manches erschließen, ohne dass man Tiere stören muss.

Nur etwas macht uns heute noch Sorge, wie auch damals schon. Die Menschen können zwar nicht durch das Moor zu den Vögeln kommen, aber manche schwimmen hinaus, obwohl der See 1 m flach ist und sie mit dem Bauch über den Schlamm rutschen müssen. Das Gesundheitsamt warnt auch vor Blaualgen und vor Parasiten, die mit dem Kot der vielen Vögel ins Wasser gelangen. Parasiten, die sich auch in die Menschenhaut hineinfressen, unter der Hautoberfläche Gänge anlegen und dann absterben. Das gibt hässliche Entzündungen, die Dermatitis, die sich vermeiden lässt, wenn man nicht ausgerechnet in diesem Moor- und Vogelsee badet.

Wolfgang Alexander Bajohr 

Literatur
Dr. Einhard Bezzel (1970. Vogelparadiese in Bayern. LBV Garmisch (1970) Sammelbericht zur Brutverbreitung einiger Vogelarten in Südbayern. Anz. ornith. Ges. Bayern 9: 226-234

Prof. A. Laubmann (1916) Ornithologische Beobachtungen aus dem Gebiet des Maisinger Sees. Verh. orn. Ges. Bayern 12_242-261.

Ad.K.. Müller (1930) Ornithologische Beobachtungen aus dem Gebiet des Maisinger Sees. Verh.orn.Ges.Bayern 19: 3-102. Ders. (1931-55): 10 Nachträge in den Verh.orn.Ges.Bayern 19-21 und im anz.orn.Ges.Bayern 3 und 4.

Nebelsiek, U. & D. Nisse (1963) Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaft des Münchner DJN am Maisinger See/Obb. Deutscher Jugendbund für Naturbeobachtung. Jb 1962-63 26-77.

Prof. Walter Wüst Avifauna Bavariae, Jahrgang 1986 in zwei dicken Bänden in zahllosen Literaturstellen über die verschiedenen Arten.

Werner Borok Systematische Wasservogelzählungen über das ganze Jahr 2004  und hoffentlich auch noch weiterhin: Am Maisinger See im Landkreis Starnberg. Nicht nur an Stichtagen, sondern fortlaufende Beobachtungen und Zählungen, was mehr bedeutet als nur Monitoring.