Ammersee/ Maisinger See: Lachmöwen

Leicht wie Schaumbälle schaukeln die Lachmöwen vor den Schilffelder auf den grau-braunen und schwarzbraunen Wellen. Durch ihre helle Farbe stechen sie vom Wasser wie vom leuchtenden Grün des wogenden Schilfes ab. Es sind die eben flüggen Jung-möwen auf dem Wasser, umgaukelt von den Altvögeln, die ihnen schreiend immer wieder Futter bringen. So werden sie für den Maisinger See ebenso wie für alle Gewässer an denen sie sich zeigen, zum Schmuck.

 

Lachmöwen, das sagt schon ihr Name, sind  die einzige Möwenart, die fernab der Küsten seit Menschengedenken brütet. Das hat ihr auch den Namen gegeben, denn er kommt nicht vom kreischenden oder keckernden Rufen, die auch nicht entfernt an Lachen erinnern. Es ist die Möwe selbst, die meist an Lachen brütet, die damit zur Taufpatin wurden. In der Schutzverordnung für den Maisinger See von 1915 heißt es nicht nur  „durch besonderen Vogelreichtum ausgezeichnet“, sondern auch „insbesondere Brutkolonie der Lachmöwe“. Es war nicht die einzige Lachmöwenkolonie in dieser Region, denn neben der weit kleineren Kolonie im Ammerdelta ist Bayerns größte Lachmöwenkolonie an der Wörth-Insel im Wörthsee zu nennen, wo es 1910, im damals noch vorhandenen Schilf eine Kolonie mit beachtlichen 2.000 Brutpaaren gegeben hat. Als ich 1951 erstmals an den Maisinger See gekommen bin, brüteten dort 250-300 Paare, durchschnittlich sind es aber nur 100-150 Paare. Von Starnberg aus sind wir damals dem Lauf des Maisinger Bächleins folgend durch die Schlucht heraufgekommen. Damals war es noch Sitte und auch erlaubt, die Eier der Möwen abzusammeln und nach München zu verkaufen. Auf Mehl-Tellern wurden sie in der Theatinerstraße im Delikatessengeschäft Hahn den Feinschmeckern angeboten. Da ihr Eiweiß nach dem Kochen glasig wird, habe ich sie schon auf Norderoog nicht gerne gegessen, als Vogelkönig Jens Wand sie mir servierte. Dem Möwenbestand hat dieses Absammeln, seltsamer Weise nicht geschadet. Da immer ein Ei im Nest verblieben ist, legten sie sofort nach, und das Gelege war wieder vollständig. In gut 30 Kolonien brüten in Bayern um die 90.000 Paare. Der Pfarrer Jäckel nennt 1891 große Kolonien und auch schon 1636 taucht in der Literatur eine Kolonie in Franken auf.

Die vielen Lachmöwen, die am Starnberger See und an der Isar in München von den Menschen gefüttert werden, ziehen in der Mehrheit nur rasch durch, denn sie kommen alle aus Osteuropa. Die Maisinger Lachmöwen kehren in warmen Wintern zuweilen schon Ende Februar bis Anfang März in ihr Brutgebiet zurück. Ende März bis Anfang April sitzen dann die ersten schon auf ihren Gelegen.

Die letzten treffen noch im Juni in der Kolonie ein und beginnen sofort zu bauen. Denn verpaart haben sie sich schon im Winterquartier. Nur die jüngeren Vögel finden sich erst im Brutgebiet zusammen. Interessant ist es ihrem Balzspiel zuzusehen, denn sie haben eine eigene Art dafür. Mit hängenden Schwingen und gespreizten Schwanzfedern steigt das Männchen hinter dem Weibchen her, das mit hoch erhobenem Kopf und an die Brust gedrücktem Schnabel vor ihm umherstelzt. Beide trippeln umeinander herum. Dann wählen sie in der Kolonie ihren Nistplatz. Das kann die schwimmende im Winter angetriebene Kante aus zusammengetriebenem Schilf sein, ein altes Nest von Tauchern, Blesshühnern und anderen Wasservögeln übernommen. Oder aber sie schichten auch selbst frei und offen im Wasser Schilf-Halme zusammen, drehen eine Mulde hinein, und sobald die 2-3, manchmal auch 4 Eier darin liegen ist ihre Ehe geschlossen. Nach  der Brut gehen die Vögel wieder auseinander. Die Familie Wachter, vom Seehof, der auch der See gehört, hat uns damals ihr Boot geliehen, weil sie meine Fotoabsichten unterstützt hatten.
Leise plätscherten die glitzernden Wellen, als sich unser Boot hinausschiebt und zwischen den gelben Teich- und weißen Seerosen, mit  Kurs auf die verschilfte Verlandungszone. Dort ist die Luft erfüllt von lauten Protestgeschrei der Möwen. Einzeln hört sich ihre Stimme an wie ein schrilles „kriäh“ und „kräck, kräck, kräck“. Für des Menschen Ohr sind es keine angenehmen Rufe, und wir glauben, dass sie so gar nicht zu dem schönen Vogel passen. In der Vielzahl wird der Lärm der Rufe vieler Möwen infernalisch, und es hört sich an, als ob alle Paare in Scheidung lebten.

Weich schiebt sich unser Kahn auf den schwimmenden Grund der Verlandungszone. Hier ist der Boden eine etwa 15 cm starke Schwingmoordecke aus Pflanzenresten, die auf dem See schwimmt. Einige Bretter müssen uns vor dem Einsinken bewahren. Die Nester stehen ganz dicht nebeneinander. Heute gilt es als verpönt an Vogelnestern Verstecke aufzubauen. Damals hatte man darüber noch nicht nachgedacht und es war die Regel. Selbst innerhalb eines Nestes sind die Eier ganz verschieden gefärbt. Das kommt durch die Nachgelege auf Grund des Absammelns. Vier lange Stangen stecken wir endlos tief in den Untergrund, zurren sie mit Bindfaden zusammen, damit sie nicht umfallen. Ein Militär-Tarnnetz darüber und schon ist das Versteck fertig, etwa 80 cm hoch und nur 1 m vom nächsten Möwennest entfernt. Für heute reicht es, wir fahren zurück.
Ich schlafe in Wachters Seehof im Heu. Das erste was mich am Morgen weckt, ist das Schreien der Möwen. Nebel liegt über dem See. Hinter der sanft geschwungenen Hügelkuppe mit der dunklen Waldmütze taucht die Sonne als leuchtend roter Feuerball auf. Drüben auf der Wiese steht ein Rehbock, ein einseitiger Moorbock mit krummem Gehörn. Nicht weit davon äst eine Rehgeiß mit ihren 2 Kitzen. Als die Sonne hoch genug steht, lasse ich mich zum Versteck bringen. Die Blesshühner führen schon ihre Jungen aus und auch der Haubentaucher führt seine Kinder auf dem Rücken sitzend spazieren. Schwarzhalstaucher eilen, um im Schilf zu verschwinden. Reiher stehen am Saum tief bis zum Bauch im Wasser. Stock-, Schnatter-, Tafel-, Löffel-, Reiher-, Krick-, und Knäkenten gibt es zu sehen. Kärrekiet singen die Drossel- und Teichrohrsänger und dumpf tönt der Ruf der Großen Rohrdommel.

Wir sind noch gar nicht beim Versteck, da ist auf einmal Panikstimmung bei den Möwen. Eine Rohrweihe schaukelt über der Kolonie. Damals wusste ich noch nicht, dass sie dort Brutvogel ist. Schneidig angreifend gelingt es den Möwen, ihren Erzfeind zu vertreiben. Allmählich beruhigen sie sich und einige sitzen sogar auf meinem Versteck. Zusammengekrümmt hocke ich jetzt darin und das Boot fährt zurück. Damals hatte ich noch kein Stühlchen und hockte auf meinen Stiefelabsätzen, was höchst unbequem wurde. Schon landen die ersten Lachmöwen wieder. Da läuft etwas durch das Schilf. Ein kaffeebrauner Vogelkopf mit weißem Augenring lugt um die Schilfecke. Die Möwe ist taubengroß, weiß mit grauen Flügeldecken, hat schwarze Schwingenspitzen und karminrote Füße. Sie macht einige bedachte Schritte und läuft dann ohne Halt flink zum Nest, wendet die Eier mit dem Schnabel und sitzt schon. Klick und wieder Klick macht die Kamera. Anfangs zuckt sie beim Auslösegeräusch, aber bald gewöhnt sie sich daran. Schließlich sitzt sie hechelnd auf Greifnähe vor mir. Sie hechelt noch immer, und der karminrote Schnabel lässt mich bis in ihre Seele schauen. Die Brutablösung fotografieren geht nicht mehr, denn das Boot kommt viel zu früh zurück. Die Möwen rundum fliegen kreischend auf. Wir bauen flink ab, verladen alles und der Kurzbesuch in der Möwenkolonie ist vorbei. Der Kärrekiet singt uns noch ein Abschiedslied, am Ufer empfängt uns knicksend die Weiße Bachstelze.

Nach volkstümlicher Ansicht leben die Lachmöwen von Fischen. Das ist Unsinn! Denn sie können nicht einmal Fische fangen, sieht man einmal vom Fischunkraut ab, wie Moderlieschen etc. Die wurden in 16 % der Speiballen gefunden. Möwen sind auch keine Raubvögel und keine Fleischfresser, sondern ganz einfach Nahrungs-Opportunisten, die alles fressen, was ihnen in den Weg kommt. Wüst nennt ihren Speisezettel außerordentlich vielseitig. Ich habe Aufnahmen von ihnen, da füttert die alte Lachmöwe ihre Jungen mit Kirschen, die frisch vom Baum gepflückt wurden.
Natürlich nehmen sie Kerbtiere wo sie sich anbieten, ebenso tote Mäuse, Engerlinge und Abfälle aller Art, pflanzlich wie tierisch, und sie marschieren gerne hinter dem Pflug her um aufzusammeln was sich bietet. Dabei marschieren sie mit ihren breiten Füßen, die Schwimmhäute tragen recht wacker über die Schollen. Nur ihre Jungen bekommen nicht nur Kirschen, sondern vor allem Kerbtiere und Engerlinge aller Arten. Aus der Hand gefüttert fressen sie Brot und wissen es im Fluge recht geschickt aufzufangen. Ihre Wendigkeit in der Luft ist enorm, so das es äußerst schwierig ist, sie im Flug zu fotografieren.
Nach dem Jagdgesetz haben sie eine Schusszeit und man fragt sich wie das begründet ist. Denn Schaden im Revier machen sie keinen und auch sonst müsste man sie eher zu den Vögeln rechnen, die dem Menschen Nutzen bringen. Ökologisch gesehen gibt es ja weder schädliche noch nützliche Tiere, sondern die Natur harmoniert von- und miteinander. Die ungeheuere Menge Kerbtiere, die sie verschlingen, müsste den Bauern Jubelschreie entlocken. Man sollte sie verschonen, denn in ihrer wachsamen Obhut können andere Arten sich sicherer fühlen, wie z.B. die Schwarzhalstaucher, die meist nur inmitten der Möwenkolonie Bruterfolg haben. Zwischen den Flussseeschwalben brütend verhindern die Lachmöwen, dass Krähen den Flussseeschwalben die Eier wegfressen. Schließlich aber sind sie eine Zierde unserer oftmals verarmten Gewässer. Sie tragen auch Freude in die Städte, wenn sie vor den Brücken oder vor dem Fenster rütteln, um einige Brocken Brot zu erbetteln. Aus Gründen der Gesundheitsvorsorge für den Menschen ist ihr vermehrtes Auftreten an offenen Müllhalden allerdings bedenklich. Doch als Brutvögel am Maisinger See sind sie die Perlen, die sie zur Zierde dieses Gewässers machen.

Wolfgang Alexander Bajohr