Ammersee/ Maisinger See: Teichrohrsänger im Rohrwald, Vogel des Jahres 1989
Ihr Lied ist wie das Rauschen im Rohr
 von Wolfgang Alexander Bajohr

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 Teichrohrsänger

Nicht einmal jeder Vogelfreund kennt den Teichrohrsänger, wohl aber jeder Angler, denn im wiegenden rauschenden Rohrwald am Wasser ist der Teichrohrsänger allgegenwärtig. Vom Sumpfrohrsänger, seiner Zwillingsart, ist der schlicht olivbraune Teichrohrsänger, mit der hellen Unterseite, äußerlich gar nicht zu unterscheiden. Beide klammern sich unaufhörlich singend an die schaukelnden Rohrhalme. Aber der Sumpfrohrsänger baut seine Kinderwiege in den Brennnesseln, also auch im verwilderten Bauerngarten. Nur der Teichrohrsänger braucht wenigstens einen Schopf Schilf dafür. Das können ganz winzige Flächen sein, die in einem Feuerlöschteich wachsen, in einem Bombentrichter oder in einem kleinen künstlich angelegten Garten-Froschteich. Vor allem ihr Gesang unterscheidet beide voneinander. Das leuchtet ein, denn wer im Eichenwald lebt, singt ein anderes Lied als jemand auf der Heide.

Pappeln oder Meeresrauschen verlangen ganz andere Liebesarien. Ebenso der rauschende Rohrwald mit seinem Wetzen und Rascheln, wenn der Wind ihn biegt und bewegt. Von ihm lernt auch der Teichrohrsänger, der hier lebt. Er macht das Rascheln des Rohres nach und den Triller der Zwergtaucher, das Quieken der Ralle und den warnenden Schrei der Möwen, Kreischen der Seeschwalbe und das Quarren der dicken grünen Frösche oder das schrille Puitzen der Blässhühner. Unermüdlich verwebt er all diese Laute in sein geschwätziges Lied. "Karre karre karre kietkietkiet". Das wiederum hat er mit dem großen Drosselrohrsänger gemeinsam, der ähnlich singt wie er, nur lauter.

Der Teichrohrsänger singt in der brütenden Mittagshitze und noch die ganze kühle Nacht. Er singt ohne Pause, wenn sein Weibchen die Pfahlbauwiege für die Brut zwischen die Halme webt und er ihr dabei zuschaut und jubiliert. Weil sie immer zu zweit auftreten und die Jungen in sehr rascher Folge füttern, singt er auch dazu. Ab Ende Mai sind die beiden Unzertrennlichen erst aus Ostafrika heimgekehrt und Mitte Juli/Anfang August, werden sie schon wieder fortziehen. Elf Tage nur nach dem letzten, dem 6. Ei, werden die Jungen schlüpfen und weitere zwei Wochen später klettern auch sie schon durch die Halme. Dann lassen sie sich zwar noch füttern, aber sie suchen auch schon selber nach grünen Raupen und Eintagsfliegen. Und während der Vater noch mit seinem Lied das Revier gegen den Nachbarn nebenan abgrenzt, wimmelt es überall im Schilf von jungen Teichrohrsängern. Unüberhörbar sind sie, aber so versteckt leben sie, dass man sie kaum zu sehen bekommt.

Jedes, auch das kleinste Schilffeld am Wasser ist wichtig für sie. Aber Freizeitrummel mit Booten, Pflanzenvernichtungsmittel und Nährstoffeintrag aus der Landwirtschaft in den See tötet das Schilf ab. So kann die winzige Schilfinsel im privaten Bereich zuweilen für sie die einzige ökologische Überlebenszelle werden. Wo aber das Schilf stirbt, verlieren auch viele andere Tiere und Vögel ihren Lebensraum. Um das bewusst zu machen, hat man den Teichrohrsänger 1989 zum Vogel des Jahres gewählt. Denn sein Lied ist so auffällig, dass es fast jeder am See kennt, aber all die Anderen, die auch ihre Kinderstube im Schilf haben, sterben unbemerkt und stumm aus. So muss der Teichrohrsänger mit seinem lauten Lied für sie alle flehen, dass ihr Lebensraum im raunenden Rohr erhalten bleibt. Jedes Schilffeld, selbst das im kleinsten Gartenteich, ist für sie alle eine Überlebensfrage.

Wo leben heute noch Zwergtaucher und Wasserralle, wo der kleine Verwandte, das Teichhuhn? Wo sind Rohrweihe und Tüpfelsumpfhuhn geblieben, wo dröhnt noch das dumpfe Stöhnen der Moorkuh, der Rohrdommel? Sie und viele andere leben im Rohrwald. Aber Rohr ist nur dort wo Wasser ist, reines Wasser, denn Rohr ist empfindlich. Darum müssen wir uns hüten die Grundlage allen Lebens zu zerstören, denn alles was lebt wird durch das Wasser erneuert, auch der Lebensraum Schilfwald. Das Schilfsterben erfolgt zu 70 % durch unkontrolliert eingeleitetes Oberflächenwasser mit Schad- und Nährstoffen aus der Landwirtschaft und von Straßen. Es ist mit Phosphaten angereichert, mit Stickstoff und Herbiziden. Zu 25 % sind es Haus- und Industrieabwasser und zu 5 % ist es die mechanische Beschädigung, wenn Boote eindringen in den lauschigen Schilfwald, wenn Schwimmer oder Angler ihn niedertreten. Denn knickt er, dringt Wasser in die Halme und tötet sie ab.

Unermüdlich singt darum der Teichrohrsänger das Lied vom Schilfwald "Karre karre karre kietkietkiet." Singend zeigt er sein Revier. "Kärre, Kärre" ruft einer und "Kietkietkiet" antwortet der Nachbar. "Kärre kärre kärre" schlüpft hier ein Paar durch die Halme, sucht Spinnen, Milben, und andere Beute. Es huscht hier und dort, klettert hinauf, stößt ein lustiges "Kiet kiet kiet" aus und schweigt. "Kärre kärre kärre" kommt es vom Nachbarn zurück. "Hedder, hedder, hedder" von dort. "Kieht, kieht, kieht" wieder von hier und dann Schweigen. Dann aber geht es von allen Seiten mächtig los wie das rauschende Wasser und der raschelnde Rohrwald: "Karre karre karre keikeikei, Kärr kärr kärr, kiehtkiehtkieht."