Starnberger See: 50 Paare Flussseeschwalben auf dem Nistfloß vor St. Heinrich.
Bilanz vom Überlebenskampf eines der schönsten und elegantesten Vögel der Heimat.
50 Jahre Naturbeobachtung und Naturschutz
Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr

Vor 50 Jahren war die mittlere Isar noch die größte unversehrte Wildflusslandschaft in Mitteleuropa. Seitdem ging es bergab: Hemmungsloser Erholungsbetrieb hat die kostbaren Reste seltener Tier und Pflanzenarten schwer geschädigt und bedroht ihren Fortbestand. Was wir beobachteten, waren 15-18 Paare Flussseeschwalben, die auf den Kiesinseln der Pupplinger Au nisteten. Es waren die letzten in Bayern.
Gemessen an damals hat sich heute die Situation der Vögel inzwischen deutlich verbessert, die ihrer Lebensräume aber, um die wir schon damals kämpften, drastisch verschlechtert. Hätten Udo Bär und Heribert Zintel nicht die Nistflöße erfunden, dann gäbe es diese Vogelart im Binnenland Bayern gar nicht mehr. Als im Jahr 1987 das Nistfloß im Starnberger See bei St. Heinrich ausgebracht wurde, war das der Anfang einer neuen Bruttradition, die mit einem Vogelpaar und zwei Küken begann, heute aber mit über 50 Paaren einen neuen Höhepunkt erreicht. Denn damit ist die Kolonie in der Bucht von Sankt Heinrich die größte in Bayern.
Flussseeschwalben sind mit Möwen verwandt und darum dem hegenden Jäger anvertraut, der sie ganzjährig schont.
Artgerecht brüteten die Flussseeschwalben seit Menschengedenken in Bayern nur auf den Kiesbänken an den Gebirgsflüssen. Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts nisteten am Lech oberhalb von Augsburg mehr als 300 Paare. Der dramatische Rückgang hatte viele Ursachen.
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Flußseeschwalbe auf Nistfloß
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Flußseeschwalbe
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Aggression auf Nistfloß
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Junge Flußseeschwalbe
flüchtet

Machen wir uns nichts vor, Nistflöße sind ein Behelf, der vielen Jungvögeln durch die Aggression der Artgenossen das Leben kostet. Auch das  Nistfloß vor Sankt Heinrich ist viel zu dicht besiedelt, so dass sich Aggressionen mit tödlichen Folgen nicht vermeiden lassen. Von ihrer weiten Reise an die Südspitze von Afrika kehren sie Ende April oder Anfang Mai zurück in ihr Brutrevier. Manche treffen auch Anfang Juli hier ein und beginnen mit der Brut, wenn andere schon fertig sind und mit ihren Jungen über den Flug gen Süden nachsinnen.

Sie ziehen sehr hoch, und sie fliegen sehr schnell, weil sie auf ihrem Zug endlose Entfernungen schaffen müssen. Kaum sind sie im azurblauen Himmel in großer Höhe auszumachen. Nur ein geübtes Auge erkennt die winzigen weißen Punkte sehr hoch. Mit halb angelegten von der Sonne durchstrahlten Flügeln fallen Sie im Sturzflug dem Brutgebiet entgegen. Ihre ätherisch transparent durchstrahlten Flügel zucken und sind angewinkelt wie bei einem Düsenflugzeug. Pfeilartig schießen sie herab. Doch kontrolliert fallen sie am Gewässer ein. Sie drosseln im Anflug ihre Fallgeschwindigkeit, und sie steuern punktgenau das Nistfloß auf dem riesigen See an. Kurz vor der Floßoberfläche stellen sie die schmalen Flügel bremsend vor und stehen dann, mit schnellem Flügelschlag rüttelnd, über dem Ziel am Ende ihrer langen Reise. Scheinbar mühelos steigen sie einen Augenblick später wieder steil auf und ziehen senkrecht in den Himmel, um sich erneut herab auf das Floß zu stürzen. Die ganze Bucht ist Anfang Mai erfüllt von ihren schrillen durchdringenden Rufen. "Krieh, krieh" schreien die kaum 35 cm messenden Vögel. Und auch wenn die Zahl zu Beginn noch klein ist, verstehen sie es gut, durch infernalischen Lärm auf sich aufmerksam zu machen, auf diesen Lebensraum aus Menschenhand. Sie begrüßen einander mit ausgiebigem Begrüßungs-Zeremoniell, und dann müssen sie nach der langen Reise erst einmal ausruhen.

Diese Rückreise begann meist in Südafrika. Als sie dort wegflogen, war bei uns noch ein Eisrand am See und das Land ächzte unter Kälte und Schnee. Nur 125 Gramm sind sie schwer, sie wiegen etwa soviel wie eine Amsel, und der kleine Körper vollbringt diese gewaltige Zugleistung über Entfernungen zwischen 7.000 und 10.000 km. Vom Standpunkt des Antriebs und der Navigation ist es eine Meisterleistung.
Warum aber steuert dieser Weltenbummler nun die kaum 90 m² große Kunstinsel auf dem Starnberger See an? Die Kiesinseln in der Isar haben zweifellos auch Nachteile, weil bei jedem Hochwasser die Eier davonschwimmen.

Udo Bär und Heribert Zintel hatten von Erfolgen mit Brutinseln in der Schweiz gehört. Weil sie eine dauerhafte Lösung wollten, wählten sie das fäulnisresistente Lärchenholz und bedeckten die schwimmende Insel mit Kies. Am Ammersee hatte man eine Zeit lang schlechte Erfahrungen mit dem Nistfloß gemacht, weil Junge, die ins Wasser fallen, nicht wieder hinauf können. Anlass genug das Nistfloß über die Jahre hinweg immer wieder deutlich zu verbessern. Gegenüber dem Urtyp hat es heute eine sturmfeste Verankerung am Grund, Rampen, damit hinabgefallene Jungtiere wieder hinauf finden, bzw. einen Schutzzaun, den sie nur fliegend überwinden können. Die Fläche ist unter dem Kies mit speziellen Gummimatten abgedeckt und allenthalben liegen halbrunde Ziegel oder ähnlich gestaltete Holzstücke und andere kleine Flussseeschwalben-Garagen. Diese Schlupfwinkel sind Schutz für die Jungtiere gegen Sonne, Wetter und Flugfeinde. Außerdem ist das Floß durch Querlatten in drei Parzellen unterteilt, die Deckung bieten und Reibereien unter Nachbarn dämpfen sollen.

Mittlerweile brüten in ganz Bayern auf rund einem Dutzend künstlicher Brutplätze 130 -150 Paare, davon mehr als 50 auf dem Floss vor Sankt Heinrich. Hier in dieser großen Kolonie läuft auch ein Forschungsprojekt. Eine Kabine steht am Rande des Nistfloßes, und durch eine innen verspiegelte Scheibe lassen sich die Vögel beobachten,  ohne dass sie erschreckt werden, obwohl  das nächste Nest gerade 1 m vom Menschen entfernt ist.
Die gerade angekommenen Junggesellen geben sich viel Mühe ihren Damen den Hof zu machen.. Dazu brauchen sie einen Fisch, der sicher auch den Sinn hat zu zeigen, dass der Vogelvater fähig ist später eine Familie zu ernähren. Dieses attraktive Brautgeschenk bieten sie in geschickten Schauflügen den Weibchen an. Es ist als wollten sie sagen: "Schau doch her, was ich hier habe." Oft versuchen dann 3, 4 ja 6 Mitvögel ihr diese Beute wegzunehmen. Sie jagen dabei in der Nähe des Floßes dicht über der Wasseroberfläche hintereinander her und schreien. Sie fliegen enge und weite Kurven. Das Männchen versucht durch Sturzflüge zu entgehen, und nur der Ausdauerndste hat beim Weibchen eine Chance am Hochzeitsflug teilzunehmen.

Hochzeit im Sturzflug
Flussseeschwalben leben in einer Saison-Ehe. In der Balz steigt das Paar gemeinsam im schnellen Flatterflug senkrecht in den Himmel hinauf, bis sie in der Unendlichkeit der Höhe kaum noch zu sehen sind. Sie stürzen sich pfeifend herab, um dann auf das Floss zuzusegeln und sich im Gleitflug dort niederzulassen. Während sie sich für den Nistplatz interessiert, präsentiert er ihr mit unnachahmlicher Grazie sein Brautgeschenk, ein blitzendes Fischchen. Mit Imponiergehabe, die Flügel hochgereckt und gespreizt und stolz erhobenem Kopf reicht er ihr seine Beute. Sie aber verbeugt sich und nimmt in geduckter Haltung bettelnd den Fisch entgegen. Dieses Bettelgehabe des Weibchens erinnert an das Betteln der Jungen. Wir kennen das von vielen Vogelarten. Hält sie das Fischchen dann im Schnabel, so verschluckt sie es nicht gleich, aber er reitet sofort auf und kopuliert. Dann tragen sie etliche Dutzend gleich großer Steinchen an einem auserwählten Platz zusammen, ergänzen das alles mit Schilfstückchen oder Stroh, das sie irgendwo von den Wellen abgelesen haben, und fertig ist das Nest. Ihre Eier sind beige und dunkel getupft, ähnlich wie auch bei Möwe, Kiebitz oder Brachvogel. Sie brauchen diese Tarnfarbe, wenn die Eltern nicht in der Kolonie sind und vorübergehend die Sonne brüten lassen. Wenn das Nest komplett ist, dann stellt die Vogelforscherin Vjerina Wagner ein Schild mit einer Ziffer neben das Nest und registriert von nun an alles, was mit den Eltern, den Eiern und später mit den Jungvögeln geschieht. Sie wird über die Ergebnisse ihrer Arbeit berichten und über alles was dort genau abläuft.

Das aber ist zuweilen wenig erfreulich, und die Experten sind sich langsam einig, dass 80-90 m² zu eng für 50 Paare ist. Denn sind die Jungen genau nach 3 Wochen erst einmal geschlüpft, so hat die Forscherin herausgefunden, dann füttern sie nicht alleine ihre eigenen Jungen, sie drangsalieren, schikanieren und bekämpfen nebenbei die Jungen ihrer Nestnachbarn. Die Aggressivität ist nicht zu übersehen, wenn sie deren Junge mit ihren spitzen Schnäbeln behämmern, sie mit der scharfen Schnabel-Pinzette greifen, in die Luft tragen und über dem See einfach abwerfen. Sie greifen kleine nicht flugfähige Junge an, aber ebenso auch die schon 4 Wochen alten flugfähigen.
Weil die Altvögel, erst nach und nach von der Reise eintreffen, kann der erste Bruttag sehr variabel sein. Der Brutbeginn vom ersten Ei an, liegt zwischen Anfang Mai bei den Ersten und Ende Juli bei den Letzten. Das ist eine gewaltige Spanne, die aber auch sicherstellt, dass alle Wetterperioden gestreut erfasst werden. Niemals werden alle Jungen im Schlechtwetter umkommen, sondern immer nur einige. So unterscheidet sich die Nachwuchsrate der einzelnen Nester sehr, und in den einzelnen Jahren ist sie noch verschiedener. Der Bruterfolg je Nest schwankt zwischen 0,9 und 2,0 Jungen, oder mit anderen Worten, zwischen 33 % und 100% Bruterfolg.

Durch Fressfeinde in der Luft oder auch Ratten gehen in jeder Brutzeit Eier verloren. In einem Jahr sind das in der Kolonie nur drei, in anderen waren es 15, 20 oder einmal gar 39. Auch für die Jungen gibt es Verfolgung durch verschiedene Tierarten, was ganz natürlich ist. Vergessen wir aber nicht die Beunruhigung durch Menschen. Darum steht auch am Ufer ein Beobachtungsturm, der vor allem ein Wachtturm ist, denn von dort aus werden Surfer, die das Nistfloß gerne als Wendeboje benutzen, vertrieben. Es werden aber auch Ruderer  und Segler verjagt, denn das Wasser rundum ist Naturschutzgebiet. Insofern ist manches besser als vor 50 oder vor 20 Jahren. Die Flussseeschwalben haben im Bestand jetzt die Obergrenze erreicht. Was sie brauchten, ist eine Kiesinsel, etwa auf der nahegelegenen Mole, denn das Drama des Kindersterbens ließe sich vermeiden, wenn sie nicht mehr so eng beisammen auf dem Nistfloß wohnen müssten.

Uns ist klar geworden, dass Nistflöße nur ein Behelf sind, solange man nichts Besseres hat. Ohne die Privatinitiative von Herrn Zintel und anderen Helfern vom LBV, dem Landesbund für Vogelschutz, hätten wir heute keine Flussseeschwalben mehr. Die Kiesinseln in unseren Flüssen aber sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren, weil durch die Staudämme die Hochwasser ausgeblieben sind und die Restwassermenge in den Flüssen zu gering ist um Nahrung zu liefern. Die Vögel jagen bevorzug im wildbewegten Wasser, in das sie sich kopfüber stürzen, um gleich darauf mit einem Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen. Diese Flüsse aber sind ausbaubedingte Verödungsgerinne, denn Wasserkraft ist keineswegs so umweltfreundlich wie es die Werbung verspricht.

Wenn das Hochwasser die Inseln nicht umschichtet und vegetationsfrei hält, wachsen sie zu. Dann fühlten sich die Vogelschützer gefordert und machten die Inseln in mühsamer Handarbeit wieder frei. Doch nur die schwimmenden Brutinseln haben bis jetzt den Vogel erhalten, der so beharrlich an seinen einstigen Brutgebieten festhält, dass es eigentlich ganz einfach sein sollte ihn zu hegen, weil er so lebenstüchtig ist. Alles was er braucht, ist nur reines Wasser, Verständnis und ein Stück ursprüngliche Naturlandschaft, wie sie einst die Flüsse kostenlos geboten haben.

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