Ammersee/ Starnberger See: Feuer frei auf Gänse?
Als Schilf-Fresser beschuldigt, „scheißen“ sie auch noch die Liegewiesen voll!
Doch viele der Jäger, die das lösen sollen, distanzieren sich deutlich

Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr


Graugänse

Am Starnberger See glauben manche, dass man das Problem verunreinigter Badestrände und Stege mit der Flinte des Jägers lösen kann. Die Sache mit dem Schilf nehmen auch Vogelschützer ernst. Doch unverkennbar ist, dass in Brandenburg, Mecklenburg, Polen, Ostpreußen, wo eine Vielzahl der Wasservögel sich auf den Seen trifft, das Schilf unbehelligt bleibt. Machen unsere Biologen sich unglaubwürdig? Zweifellos gab es an den Steilufern des Starnberger Sees niemals Schilf und an den Schotter- und Kiesstränden auch nicht.

Dort wo es am See von Natur aus vorkommt, wurde es  vor allem durch Menscheneingriff dezimiert. Schilf, das für das Laichen der Fische ebenso wichtig ist wie als Brutgebiet für Vögel, dient immer wieder als Vorwand nach dem Jäger zu rufen. Der schweigenden Mehrheit  der Jäger ist das peinlich, denn sie sehen es nicht als ihre Aufgabe an, die Gänse  einzuregulieren, was ohnehin nach der Erfahrung niemals gelingen kann. Pauschal die „Wasservögel“ anzuschwärzen, ist ohnehin nicht seriös. Es geht um Kanada- und Graugans. Wenn ein Jäger schon auf Gänse jagt, dann wird er das weder tun weil sie auf Wiesen scheißen noch weil sie von der Saat zupfen. Jäger die jagen, suchen allenfalls  das Naturerlebnis, in diesem Falle das Erlebnis Wildgans. Vielleicht denkt mancher auch, was ganz natürlich wäre, an einen leckeren Gänsebraten.


Die Gänsejagd ist europaweit umstritten
Aber auch da ist die Gänsejagd europaweit ins Kreuzfeuer der Öffentlichen Meinung geraten, denn mittlerweile ist jede Art von Vogeljagd im Visier der Tier- und Naturschutzverbände in ganz Europa. Die Einstellung gegenüber Tieren im Allgemeinen und Vögeln im Besonderen, hat sich in den vergangenen 100 Jahren grundlegend geändert. Ökologische, Naturschutz- und Tierschutzideologische Betrachtungen sorgen dafür, dass die Vogeljagd ins Visier geriet.
Alle Staaten der EU, einschließlich der neu hinzukommenden, drängen auf eine deutliche Eingrenzung der Vogeljagd. Wer sie betreiben will oder sie fordert, muss sich damit auseinandersetzen. Das hat eine Anzahl hochrangiger Experten in einem Seminar im Nürnberger Tierpark veranlasst, den Bogen von der Bejagung einzelner Arten über die Wechselwirkung im Ökosystem bis hin zur Ethik abzustecken und die Diskussion fruchtbar anzufachen.

Die Graugänse am Starnberger- und Ammersee, im Nymphenburger Park und rund um München,  sind auch keineswegs mehr nur Nachkommen der Lorenzgänse, sondern zunehmend Gänse aus Ost- und Südosteuropa, die von ihren Eltern das Zugverhalten lernen, das sich neuerdings geändert hat. Sie lernen es, weil es ihnen nicht angeboren, sondern anerzogen ist.

Graugaense.Wiese.jpg (64169 Byte)
Graugänse auf der Wiese

Wir alle erinnern uns an Nils Holgersons Gänse, die von der alten erfahrenen Akka von Kebnekajse angeführt ziehen und auf der letzten Etappe 1000 km in einem Tag fliegen, ehe sie hier eintreffen.
„Hier bin ich, wo bist du?” Nils Holgerson versteht die Rufe der ziehenden Gänse. Sie fliegen hinter der Leitgans im Flugkeil energiesparend und bestätigen einander, dass alles in Ordnung ist und noch alle Gänse dabei sind.


Der Gänse-Kindergarten ist ein Phänomen in der Natur
Die jungen Gössel werden z.B. am Neusiedler See hinter Wien schon im Kleinkindalter von alten erfahrenen Gänseeltern adoptiert, die neben ihren eigenen Jungen die Kinder unerfahrener Eltern mit übernehmen und durch ihre „Kindergärten” die Überlebenschance erhöhen. Zur Zugzeit sind die Gössel gerade 3 Monate alt, wenn sie hier eintreffen. Sie brauchen daher auf dem Zugweg, der ihnen nicht angeboren ist, sondern erlernt wird, die Führung der Altgänse. Die brauchen sie auch dann noch, wie Professor Bergmann betonte, im zweiten Winter.
Werden aus der Schar die führenden Gänse abgeschossen, bedeutet das für die Schar eine Katastrophe für das Überleben im Winter, und es ist unter den Gänsen zugleich der Anlass tiefster Trauer, weil die Liebe zwischen Gänsen ein Leben lang währt. Vor allem die allein den Liegewiesen zuliebe eingeführte Schusszeit im August ist daher in höchstem Maße verantwortungslos.


Der Schrotschuss mit Bleimunition am Wasser ist verpönt
Ob Internationale Vereinbarungen, die Jagd von 1.11.-15.1. weiterhin erlauben werden, ist höchst zweifelhaft. Doch lässt sich nicht übersehen, dass Holland und Litauen, aber auch Niedersachsen die Gänsejagd bereits jetzt total verboten haben. Doch auch am deutschen Niederrhein haben die Jäger, in einer freiwillige Vereinbarung mit den Jagdverbänden, auf den Schrotschuss auf Gänse für alle Zeit verzichtet. Das soll einmal sicherstellen, dass gefährdete Arten, wie die Zwerggans total geschont bleiben, ebenso aber auch Weißwangen- und Ringelgänse. Vermieden wird aber auch die Verletzung schlecht oder versehentlich mit getroffener Vögel, die sonst jämmerlich dahinsiechen oder an Bleivergiftung im Laufe des Jahres langsam dahinsiechen und sterben. Bei einem Schuss in eine Schar fliegender Gänse mit Schrot werden außer der beschossenen Gans fast immer weitere verletzt, obwohl sie weiterfliegen. Häufig werden unerkannt auch die geschützten Arten mit angeschossen ohne dass der Schütze das will. Wenn man zumindest den Schrotschuss auf Gänse verbietet, vermeidet man, dass Blei mit den Magensteinen aufgenommen wird. Erlaubt bleibt der Schuss mit Kugel und Zielfernrohr auf den Weihnachtsbraten, denn nur so lässt sich verantwortungsbewusst jagen. Wir rechnen damit, dass diese Regelung bald auch in ganz Europa und damit auch für Bayern gilt. Es ist auch Ehrensache für die Jäger in Bayern, auf die Wasservogeljagd in Ramsarschutzgebieten freiwillig zumindest in den Schutzzonen und zur Zugzeit zu verzichten, denn das ist aktiver Gänseschutz. Freiwillig geht es schneller als durch langwierige Gesetzgebung. Auch die Landwirtschaft soll künftig nicht mehr für Gänsefraß entschädigt werden, sondern sie soll eine Beihilfe bekommen, aber nur dann, wenn sie die Gänse auf ihren Feldern duldet.


Vertreibungsjagd auf überwinternde Zugvögel ist sinnlos, denn sie trifft andere
Auf unseren Seen spielen die Wasservögel für die Sauberhaltung eine wichtige Rolle, weil sie z.B. 20.000 bis 40.000 Tonnen Biomasse essen und damit mineralisieren, was sonst verrotten würde und dem Wasser Sauerstoff entzieht. Verschmutzungsprobleme im Wasser entstehen im Wasser nur dann, wenn die Wasservögel von Tierfreunden gefüttert werden. Es ist daher eine wichtige Aufgabe, die Bevölkerung aufzuklären, im Wasser nicht zu füttern. Erst füttern macht die Gänse zahm und lockt sie auf die Liegewiesen. Wildtiere halten Distanz zum Menschen. Wer füttert macht Wildtiere zu Haustieren. Sie halten zwar weniger Abstand, wenn man nicht auf sie schießt. Aber auch eine Vertreibungsjagd verlagert das Problem nur nach dem Floriansprinzip von der eigenen Wiese auf die eines Nachbarn, und Gänse, die man wiederholt aufjagt, brauchen mehr Energie, also mehr Futter als ruhende.  Es ist aber wichtig, dass die Gänse satt, rund und vollgefressen in ihre Brutgebiete zurückfliegen, denn nur wenn sie dort sofort mit der Brut beginnen können, schaffen sie es mit flugfähigen Gösseln schnellstens wieder auf die Reise zu uns zu gehen. In den Brutgebieten können sie nur eine kurze Zeit verbringen, denn die meiste Zeit ihres Lebens halten sie sich bei uns auf.

Denn zunehmend geht es nicht nur um die Graugans, denn im letzten kalten Winter haben sich durch geänderte Zugwege deutlich mehr Schwäne als Überwinterer eingefunden, aber auch große Flüge von Blessgänsen, von Saatgänsen und vereinzelt auch bereits von den seltene Weißwangengänsen. Die stecken dann oft mitten in der Schar anderer Arten ohne dass man sie erkennt, wenn man in die Vollen schießt.
Da zudem die Beschlüsse der Bonner Konvention zum Schutz wandernder Arten einzuhalten sind, ist es dringender denn je aus den Ramsar-Schutzgebieten zugleich Jagdschutzgebiete zu machen. Sicher ist Jagd nicht der einzige Störfaktor, aber gerade der Jäger ist es nach seinem Selbstverständnis als Naturschützer dem eigenen Ansehen schuldig, auf Gänsejagd weitestgehend zu verzichten und auch die übrigen Wasservögel in den Schutzgebieten nicht zu stören, eine Forderung, die keine Bevormundung ist, da sie von einsichtigen Jägern kommt.


Vertreiben auf Liegewiesen ein Kinderspiel
Für den, der Gänse auf Liegewiesen nicht dulden möchte, gibt es ein ganz simples Rezept: Nylon-Schnüre mit Reepschnüren im Zickzack zu „verwittern”. Diese in etwa 10 cm Höhe über dem Boden gespannten Schnüre erfüllen die Gänse mit Grausen und sie landen hier gar nicht erst. Eine simple Methode ist auch, sich den Gänsen nicht mit der Futtertüte zu nähern, sondern nach er Manier der alten Gänseliesel mit dem Stecken. Wenn man mit der Weidenrute auf sie eindrischt, gehen sie dorthin, wo keiner sie scheucht.
Jene Resolution, die Jagd auf Wasservögel in den Schutzgebieten einzustellen, entspricht der Regelung in den benachbarten Staaten in Nord- und Osteuropa, an der wir uns ein Beispiel nehmen können. Die bei uns überwiegend auftretenden Vögel sind Zugvögel, die Gänse ebenso wie die Schwäne. Wir können nicht mit dem Finger auf Italiener zeigen, die unser Rotkehlchen essen und gleichzeitig den Skandinaviern, Litauern oder Polen ihre Brutvögel totschießen.

Die freiwillige Selbstbeschränkung der Jäger ist mehr als ein Zugeständnis an Ökologie und Artenschutz. Es ist zugleich ein wichtiges Rezept das angekratzte Image von uns Jägern rund um unsere großen Seen-Schutzgebiete neu aufzupolieren. Was für die Jäger im Ökologischen Jagdverband selbstverständlich ist, sollte für die schweigende Mehrheit aller Jäger ebenso selbstverständlich sein. In anderen Bundesländern, z.B. in Niedersachsen oder am Niederrhein haben die Jäger uns das vorgemacht. Man könnte auch Ruhezonen schaffen mit attraktiven Grasarten, die Gänse lieber essen als Magerrasen. Liegewiesen als Magerasen würden dann von Gänsen gemieden, denn Kruckenberg hat nachgewiesen, dass gerade Graugänse auf die Felder gehen. Dafür dass sie Schilf essen, fehlt jeder wissenschaftliche Nachweis. Es ist vor allem auch darum zweifelhaft, weil der  Kieselsäuregehalt in dieser Nahrung zu hoch ist. Gras und Saat schmecken einfach besser, enthalten mehr Eiweiß und Phosphorsäure, und das brauchen die Gänse halt. Die Gänse sind aber dennoch Schilf-Fresser!


Die Gänse sind aber dennoch Schilf-Fresser!
Der bekannte Gänse-Ökologe Kruckenberg schreibt das auch ganz unmissverständlich: Dass Graugänse das Schilf z.T. erheblich schädigen, ist gar keine Frage. Das Problem ist nur die von Menschen gemachte Form konservierenden Naturschutzes, der die natürlichen biologischen Prozesse im Schutzkonzept außer acht lässt. Pflanzen und Tiere haben sich in einer wirklich natürlichen Umwelt aufeinander eingestellt und sie haben sich daraufhin angepasst. Seit vielen Tausenden von Jahren fressen Graugänse Schilf und dennoch gibt es das Schilf noch immer auf der Welt. Doch fressen sie das Schilf nicht das ganze Jahr, sondern weil sie mit ihren Gösseln im Schilf verschwinden müssen, weil sie in der Mauser flugunfähig sind. Sie vertilgen das Schilf also notgedrungen während der Mauserzeit. Ich will mir als Jäger nicht vorstellen, wie man eine Jagd auf Graugänse während der Jungenführung in der Mauserzeit mit dem Jagdgesetz und den Schonzeiten vereinbaren will. Wer das versuchen möchte, dem wünsche ich viel Spaß beim Dialog mit den Vogelschutzkomitees.

Schilf-Rückgang - da die Ring-Kanalisation Nährstoff entzieht
Letztlich kann man aber beim Schilffressen der Gänse den positiven Affekt erkennen, weil alle Seen im Laufe der Zeit verlanden, während die Graugänse helfen, diesen Prozess zu verzögern. Jeder See hat eine gewisse Tragkraft. Wenn die Gänse zunehmen bis es kracht, dann vernichten sie das Schilf und werden ihrerseits aussterben, woraufhin das Schilf wieder zunimmt. Am Starnberger See hatte man aber diesen Prozess unterbrochen, denn die Nährstoffe der Kanalisation rannen in den See, und das Schilf nahm zu. Man baute eine Ring-Kanalisation, die Nährstoffe nahmen ab und das Schilf geht seither zurück. Wir loben die Trinkwasserqualität des Sees und wollen aber nicht erkennen, dass die Ursache der Rückgang der Nährstoffe ist. Die paar Gänse, die in der Brutzeit mit ihren Jungen im Schilfwald die Halme fressen, verursachen bestimmt die Abnahme des Schilfes nicht. Es ist an der Zeit, durch ein positiveres Verhältnis zu den Graugänsen den Vögeln zu helfen. Dazu gehört, dass man sie in der Zeit der Jungenaufzucht in Ruhe lässt. Es ist aber auch keine Lösung, die Zugvögel der Nachbarländer, die am See überwintern abzuknallen, nur weil eine Handvoll Brutvögel im Frühjahr Schilf frisst. Der Schrotschuss dem Schilf zuliebe ist nicht nur eine schlechte, er ist aus der Sicht des Jägers gar keine Lösung. Sollte es aber Jäger geben, die sich Alibigutachten bestellen um dennoch zu schießen, von denen wird sich jeder anständige Jäger  distanzieren, denn richtig verstandene Jagd ist vor allem die Liebe zu allem Lebendigen, und dazu gehört auch die Graugans am Starnberger See.