Ammersee/ Starnberger See/ Maisinger See: Kanadagänse sind Neubürger am Starnberger See
Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr

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Kanadagänse (Foto W.A. Bajohr)

Die Kanadagänse am See kamen nicht als Park- und Ziergeflügel, sondern sie kamen, nach den Überlegungen von Erwin Rutschke im Umweg über Schweden von selbst aus dem Norden und sie blieben hier. Möglich ist, das da oder dort regional noch ein Jäger nachgeholfen hat, weil er sich ein Flugwild wünschte, das standorttreu ist. Dafür gibt es Hinweise. Hingegen sind die Rostocker Biologen der Ansicht, dass die deutschen Kanadagänse mit den Schweden nicht verwandt sind. Sie führen die Ausbreitung auf drei bestimmte und näher bekannte Gehege zurück.

Die im 17.Jh eingebürgerten Kanadagänse stammten aus den verschiedensten Gebieten Nordamerikas. So war die größere Unterart aus dem Osten ebenso beteiligt wie auch die kleinere Unterart aus dem Norden. Und solche aus anderen Gebieten. Schon diese Gänse haben sich regional in Schottland zu einer Art Promenadenmischung vielfach gekreuzt. Da auch die Herkünfte des sogenannten Ziergeflügels in Deutschland und die Herkünfte der von Jägern ausgesetzten Tiere im Dunklen liegen, ist die Schuldzuweisung schwierig. Eines ist allerdings sicher: der gigantische Zug der Faunenverfälschung bei uns ist längst abgefahren, und wollte man wirklich die Kanadagans wieder loswerden wollen, müsste man in ganz Deutschland ein Massaker anrichten und in den angrenzenden Ländern dazu.


Die Kanadagans ist Neubürger am See
Wenn von den Bösewichtern gesprochen wird, denen man vorwirft, dass sie das Schilf vernichten, dann ist in der Aufzählung immer auch die Kanadagans dabei. Es gibt sie noch gar nicht so lange am Starnberger See, aber sie lebt mit ihrem schlechten Ruf recht gut, brütet auf allen See-Zu- und –Abflüssen, wie beispielsweise der Würm, unter Gebüsch ganz offen, im Unterholz der Auen und auf den kleinen Inseln im Fliessgewässer. Obwohl spätreif, vermehrt sie sich explosionsartig. 
Kanadagänse sind kräftiger und größer als Graugänse, der einzigen Art, mit der sie im Lebensraum hier konkurrieren. Sie sind durch ihre kontrastreiche Schwarzweiß-Färbung sehr auffallend. Vor allem der schwarze Kopf mit dem breiten bis in Augenhöhe reichenden weißen Kehlfleck fällt auf. Obwohl der Unterschied der rasanten Flieger deutlich ist, werden sie oft mit fliegenden Weißwangen- oder Ringelgänsen verwechselt, und beschießt man sie im Fluge, kann es sein, dass am Ende die falschen Arten auf der Strecke liegen. So ist diese Gänsejagd mit ihren Unsicherheiten bei Jägern nicht all zu populär und beliebt. Im Gegensatz zur im Fluge ständig schnatternden Graugans sind Kanadagänse im Fluge stumm. Da beim Schuss auf fliegende Gänse immer mehr verletzt als heruntergeholt werden, ist es überfällig, den Schrotschuss auf diese Tiere zu verbieten und sie nur noch von Land aus auf dem Wasser mit der kleinen Kugel zu schießen. Mindestens 1/3 der Gänse trägt langsam wirkendes giftiges Blei im Körper, das aus Fehlschüssen stammt.

Die als sogenanntes Zier- und Parkgeflügel schon im 17. Jahrhundert in England eingebürgerten Kanadagänse, waren dort sehr standorttreu und auch lange Jahre nicht sonderlich erfolgreich. Die Einbürgerung auf dem Kontinent geht auf den Schwedischen Tierfotografen und Ornithologen Bengt Berg zurück, der sie Ende der 20er Jahre in die freie Wildbahn auszusetzen begann. Lange blieb die Vermehrungsrate gering und in den 40er und 50er Jahren waren es erst gegen 150 Paare. Auf den langsamen Anfang folgte eine geradezu explosionsartige Zunahme des Bestandes und so gibt es in Schweden heute eine stabile Population. Sie begann sich trotz der Standorttreue der Vögel auszubreiten. Die Kanadagans wurde zur häufigsten Gänseart in Schweden. Trotz ihrer sprichwörtlichen Standorttreue erschienen die ersten Kanadagänse zu Beginn der 50er Jahre an den Ostseeküsten der DDR, und Anfang der 60er Jahre traten sie dort immer öfter in Erscheinung. Seitdem häufen sich die Meldungen aus ganz Deutschland vom Erscheinen der Vögel, die erst als Wintergast kommen und schließlich gleich da bleiben, wo es ihnen gefällt. In den Flachwasserzonen der Ostsee-Bodden versammelten sich anfangs bis zu 500 Kanadagänse, die schließlich in den strengen schneereichen Wintern 1978/1979 in den Süden der damaligen Bundesrepublik auswichen. Wenn auch ein Teil wieder zurückzieht, ist doch eine zunehmende Zahl hier im Süden und auf dem Starnberger See geblieben. Dass sie sich hier mit Vögeln anderer Herkünfte vermischten ist sehr wahrscheinlich, aber schwer nachzuweisen. Ihre Ausbreitung wurde einmal damit begünstigt, dass die Graugans gerade erst im Begriff war verlorenes Territorium zurück zu gewinnen, aber auch damit, dass sie für die Ernährung eine andere ökologische Nische beanspruchen.

Grau- und Kanadagans sind  hier Konkurrenten im Lebensraum, aber die damals noch schwache Population der Graugänse war ohnehin keine Konkurrenz. Außerdem gibt es einen wichtigen Unterschied in der Ernährung. Graugänse ernähren sich überwiegend terretristisch, fliegen also auf das Land und weiden bevorzugt auf Kulturflächen, insbesondere auf Wiesen und Äckern. Über das Jahr hinweg scheiden sie daher  als Schilffresser von vornherein aus. Erst wenn sie in der Mauser mit den Jungen im Schilf stecken, wird dieses auch verzehrt. Kanadagänse ernähren sich aquatisch. Infolge ihres langen Halses können vor allem die zur größeren Unterart zählenden Vögel Branta canadensis canadensis in Tiefenzonen gründelnd Nahrung aufnehmen, die der Graugans nicht zugänglich ist. Während Graugänse immer viel Grasvegetation und eutrophe Seen bevorzugen, meiden Kanadagänse dichte Graspopulation. Sie zeigen auch weniger Scheu vor Menschen als Graugänse, und für sie sind mehr Brutplätze in Menschennähe sogar ein Vorzug, weil es dort weniger Fressfeinde gibt. Eine klare Erkenntnis, ob sie neben den Unterwasserpflanzen auch noch am Schilf nagen, gibt es bislang nicht. Einige Biologen bezweifeln es. 


Forschungsdefizit: Woher kam sie, was frisst sie?
Neuerdings hat die Uni Rostock Kanadagänse am Brutort beringt. Es wurden entweder Halsringe in Gelb oder Fußringe in Gelb mit großer Schrift angelegt, die sich mit dem Fernglas ablesen lassen (siehe Abb.). In Parkanlagen wurden auch Graugänse in Blau beringt. Achten sie bitte auf Ringe, lesen Sie Nummern ab und melden Sie die Nummern an den LBV, der sie weiterleitet. Die Beringung der Kanadagans brachte bis jetzt nichts Neues, dass sie sehr standorttreu ist, war auch vorher schon bekannt.


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Kanadagans beringt

Was in der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit am Starnberger See leider noch keiner erforscht hat, ist ihre Nahrungszusammensetzung und deren Gehalt an Nähr- oder auch Wirkstoffen genau zu analysieren. Ohne eine solche Forschung ist es nicht möglich die Kanadagans eindeutig als Schilffresser zu identifizieren, obwohl es dafür immer wieder  Verdacht gibt. Der wirklich fundierte Nachweis ist durch Forschung bislang noch nicht gelungen.
In der Ausdehnung der Lebensräume stimmt die Verbreitung der Kanadagänse weitgehend mit denen der Graugänse überein. Als Kulturfolger sind sie in die Städte gekommen und sie haben auch sehr schnell die Futtertüte und den Strand mit Ruheplatz am Rande der Liegewiesen für sich entdeckt. Außerhalb der Brutzeit versammeln sie sich in großen Scharen an Gewässern mit freien und übersichtlichen Uferpartien.


Ausrotten ist nicht mehr möglich
Kanadagänse sind spät geschlechtsreif, werden bis zur nächsten Brut von den Eltern geführt, und sie sammeln sich dann in Junggesellengruppen, in denen sie sich bereits ihren Partner suchen. Doch sind sie erst im 3. Lebensjahr geschlechtsreif. Neben den Mischungen der einzelnen Unterarten wurden auch Mischlinge mit Graugänsen beobachtet und auch von mir fotografiert. Die Nester liegen weit offener als die von der sehr heimlichen Graugans. Die Größe der Eier variiert beträchtlich. In Europa hat ein Normalgelege 4-6 Eier. Geht ein Gelege verloren oder wird es illegal ausgenommen, legen sie ein Nachgelege an. Damit ist das Eier räubern wirkungslos. Außerdem ist es verboten, jagdbare Tiere an den Brut- und Aufzuchtstätten zu verfolgen oder ihr Gelege zu beschädigen oder zu entfernen. Auch der Gedanke sie während der Mauser mit Netzen zu fangen um sie anschließend einzuschläfern ist pervers, zumal das Wildbret dann nicht essbar ist und entsorgt werden müsste.
Die hier brütende größere Unterart bebrütet die Eier 28 bis 30 Tage. Als Nestflüchter verlassen sie mit der Mutter sofort den Nestbereich und schwimmen mit ihr in Deckung, und die ist häufig das Schilf. Denn 2 bis 3 Wochen nach dem Schlüpfen setzt bei den Eltern die Schwingenmauser ein, die mit 4- 5 Wochen Flugunfähigkeit einhergeht. Die Eltern sind wieder flugfähig, wenn die Jungen im Alter von 7-8 Wochen flügge sind. Da sie sich ausschließlich aquatisch ernähren, würde sich in diesen 2 Monaten anbieten, dass sie das Schilf nicht nur als Deckung, sondern möglicherweise auch als Nahrung nutzen. Das allerdings ist bis heute weder untersucht noch nachgewiesen worden.

Statt dessen wird pauschal über Schilf fressende Wasservögel gewettert, wobei die sich ganz anders ernährenden Entenarten, Graugans und Schwan, Taucher und Gänsesäger gleich mit in die Pfanne gehauen werden. Bevor man Pauschalurteile aus dem Handgelenk ausspricht, ist die Forderung nach genauer Erforschung nicht zu umgehen. Wer Zufallsbeobachtungen verallgemeinert, macht sich wissenschaftlich unglaubwürdig. 
Wenn man die Kanadagans wieder weg haben will, müsste man sie vermutlich mit Schalldämpfer und Kugel schießen. Da Schalldämpfer verboten sind, wäre eine Genehmigung durch das Bundeskriminalamt notwendig. Auch der Ansatz Posten statt Schrot zu benutzen ist nicht praktikabel, da der Handel mit dieser als Gangstermunition bekannten Patronenart nicht gewünscht wird. 

Der größte Wasservogel ist der Mensch.
Nährstoffentzug durch Ring-Kanalisation, Mückenbekämpfung und andere Maßnahmen schädigen das Schilf
Der wahrscheinlichere Grund für den Schilfrückgang ist die Trinkwasserqualität des Starnberger Sees seit es die Ringkanalisation gibt. Fehlende Nährstoffe sind sicher eher der Grund als Wasservögel. Es gibt noch eine Reihe von Gründen, die dem Schilf schaden. Da ist das Mähen ebenso wie der sich kreuzende Wellenschlag durch Bootsverkehr, hindurchtrampelnde Menschen oder Liebespaare im lauschigen Boot im Schilfwald. Da ist aber auch der Versuch vor ca. 25 Jahren mit dem man den Mücken zu Leibe rücken wollte und das Schilf mit chemischen Kampfstoffen abgetötet hat, in denen das Sevesogift 2.45.T enthalten war. Man wollte den Mücken den Aufenthaltsort vergrämen, aber an diesen Stellen ist nie wieder Schilf gewachsen.

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Kanadagänse am See
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Kanadagans im Flug

Sinnlos ist es auch kilometerlange kostspielige Zäune zu bauen, die zwar viel Geld kosten, aber nutzlos sind. 
Schilf ist ganz sicher wichtig als Lebensraum für viele Tierarten. Auch wir Vogelschützer wollen Schilf. Aber wir wollen keine Alibigutachten, die „Feuer frei“ bedeuten und aus Gefälligkeit einigen Uneinsichtigen unter uns  Jägern helfen sollen, durch die Hintertüre doch wieder im Ramsarschutzgebiet zu jagen. Wir haben nichts gegen ein paar Gänsebraten im Ofenrohr, und wenn mal jemand einen Schwan essen will, stört das die rastenden Arten im Ramsar-Schutzgebiet kaum, wenn von Land aus dem Versteck mit kleiner Kugel geschossen wird. Wir haben nichts gegen die Jagd auf einen Braten und dort wo sie hinpasst, aber wir haben sehr viel gegen ideologisch verbrämte Vernichtungsaktionen.