Starnberger See/ Maisinger See: Pfeifenten –
Wintergästen aus Ostpreußen
und den Herzländern der EU
Text und Fotos Wolfgang Alexander Bajohr

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Pfeifente

Der Maisinger See ist eine Art von guter Stube des Starnberger Sees. Manche der Wintergäste fallen zunächst dort ein, weil er der Brutheimat ähnlich ist. Wir stehen an einem Spätherbsttag am Ufer, und die Sonne ist längst hinter dem Wald verschwunden. Sie hatte die Wolken noch einmal aufglühen lassen. Über dem Schilfwald ganz hinten am See kündet ein heller Streifen zwischen blaugrauen Wolkenbänken vor der Kulisse der Alpen, dass der Föhn seine Kraft verlor. Ein leiser sehr kalter Wind beginnt die Wellen zu kräuseln.

Ein Reiher streicht von hinten genau auf uns zu, aber dann bremst er ab und lässt sich in das Flachwasser am Schilfrand fallen. Viel Freude hat er mit diesem Platz nicht, denn die Stockenten machen sich einen Spaß daraus, genau neben ihm zu gründeln. Weit draußen schaukeln zwei Schwarzhalstaucher dicht nebeneinander. Sie schlafen, denn sie haben die Köpfe unter die Flügel gesteckt. Fern klingen die Schläge einer Glocke, und über dem Schilfwald kreist gaukelnd eine Rohrweihe. Sie streicht über alle Schilffelder dahin. Uns hat nichts Besonderes hierher geführt, doch genießen wir den stillen Abend am Seeufer. Wir, das sind diejenigen, die diese Homepage gestalten. Wir hoffen auf einige Fotos.

Die Pfeifenten kommen
Auf einmal fliegt über uns, von hinten heranstreichend, eine Schar kleiner Enten. Zwei- dreimal streichen sie über den See und  kreisen über uns. Es sind wenigstens 12, vielleicht auch ein paar mehr. Die rufen glockenhell mit einem Pfiff, stellen die Ruder vor und landen weit draußen, ganz hinten im See. Der braune Kopf lässt uns zunächst Tafelenten vermuten, aber das stimmte nicht. Schon bei der Landung fällt die bräunliche Färbung auf. Ich sehe durch das Teleobjektiv etwas, das weißlich und rostgelb ist. Kopf und Brustgefieder sind sattbraun. Hinter dem Auge leuchten grüngelb blitzend Federspitzen. Auf der sonst grauen Schulter ist ein auffallender weißer Streifen.
Sonst sind sie bemerkenswert dunkel. Sie wirken etwas zerzaust. Schließlich haben sie eine lange Reise hinter sich und sind nonstop 20 Stunden bis hierher geflogen. Mindestens brauchen sie einen geeigneten Ruheplatz, wahrscheinlich aber auch ein Zwischenrastgebiet. Die Mauser hat längst begonnen, und erst bis zum April wird sie beendet sein. Sie zieht sich bei Pfeifenten lange hin. Sie ist nicht so intensiv wie bei anderen Arten und sichert ihnen Bewegungsfreiheit, aber sie dauert dafür auch länger.

Woher kommen diesen Wintergäste?
Pfeifenten brüten rund  um den Norden der Welt, in Amerika in einer anderen Unterart. In den lockeren Taigawäldern in Sibirien, Finnland und Skandinavien sind sie nirgends häufig. Doch sammeln sie sich im Winterquartier entlang der Ostsee- und Nordseeküste oft in größeren Scharen. Diese Vögel finden aber kaum den Weg in den Süden. Doch brüten sie auch im östlichen Ostseeraum, in den Baltischen Ländern, die künftig zur EU kommen und in Ostpreußen, vor allem dort im Samland, an der Kurischen Nehrung und vor allem in Masuren, das unserem Fünf-Seen-Land so ähnlich ist. Vor allem diese Vögel sind es, die im Winter zu uns finden und nonstop im Laufe eines langen Flugtages anreisen, sobald dort das Wasser zu gefrieren beginnt. Manche rasten unterwegs und kommen erst am zweiten Flugtag hier an. Auf dem Maisinger See wurden sie immer schon gesehen, auf dem Starnberger See fallen sie weniger auf, weil sie sich unter die Tausenderschar der anderen Wasservögel mischen, denn häufig sind sie nie. Wir aber freuen uns, diese nicht alltägliche kleine Ente zu beobachten, die etwas kleiner ist als die Stockente und etwas größer als unsere kleinste Art, die Krickente. Kaum sind sie gelandet, beginnen sie erst einmal gründlich zu baden, so als wollten sie den Staub der langen Reise abschütteln.

Wenn der Winter kalt wird und auch unsere Seen einmal zufrieren, müssen sie weiterfliegen, zuweilen bis an die Küsten des Mittelmeeres. Fast immer sind es kleinere Schoofe (Jägersprache für Schar), die aus einer oder mehreren Familien bestehen. Auf den großen Seen gehen sie in der Massenschar anderer Wintergäste unter.

Zur Brutbiologie
Im Winterquartier lernen sich auch die Partner kennen, die sich schon im ersten Jahr verpaaren. Denn wenn sie im Brutgebiet ankommen, steht ihnen ein kurzer Sommer bevor, und sie dürfen keine Zeit verlieren. Sofort am Tag nach der Ankunft bauen sie ihr Nest an einem einsamen Waldsee in der Wildnis. Sie legen bis zu 12 cremefarbene Eier, die sie 22-23 Tage bebrüten. Wenn die Jungen schlüpfen, führen die Elter sie schon wenige Stunden darauf in den See, denn ihr Futter müssen sie alleine suchen.

Was fressen diese bunten kleinen Enten?
Pfeifenten sind reine Vegetarier, die sich von allen Sumpf- und Wasserpflanzen ernähren, die sie gründelnd erreichen können. Sie lesen auch die Samen, welche der Wind auf den See weht, von der Oberfläche ab und pflücken die Früchte der Unterwasserpflanzen, von denen um die 50 Arten auf ihren Speisezettel stehen. Nur ausnahmsweise und örtlich nehmen sie auch Schnecken auf oder knacken die Dreikantmuscheln im See. Tierische Nahrung nehmen sie sehr selten auf. Am Schilf nagen sie nicht, denn das ist im Herbst kaum noch essbar für Vögel, und wenn das zarte junge Schilf sprießt, sind sie längst zurück ins Brutgebiet mit den einsamen Wäldern des Nordens geflogen.

Unsere Hilfe, gemeint ist die Fütterung durch Menschen, brauchen diese kleinen Enten nicht, denn sie bleiben Wildtiere und halten stets Distanz zum Menschen. Sie wollen unabhängig bleiben, vielleicht gerade darum bleiben die kleinen Pfeifenten für uns Beobachter etwas ganz Besonderes.