Ammersee/ Starnberger See: Reiherenten kommen schon im Herbst, 6.000 Gäste im Ramsar-Gebiet
Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr

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Reiherente

Wäre es heller Tag, würden sie die Sonne verdunkeln. So aber ahnen wir im Mondschimmer, mehr als wir sehen, all jene vielen Schatten, die über die Lichtbänke zwischen den grauen Wolken huschen. Es liegt ein Singen über dem Wasser, dass anzuhören ist, wie viele Tausend Schwingen, welche die Luft peitschen. Vögel sind es, die vom Himmel herabsinken über den bleigrauen Wellen, in denen der Mond glitzert, erst Runde um Runde fliegen, weil sie das Ziel ihrer Reise erst erkunden müssen.

Doch dann sinken sie rascher herab, stellen hereinsegelnd die schmalen spitzen Schwingen in den Wind und bremsen die schnelle Fahrt ab. Sie landen auf dem wogenden Wasser, strecken die Füße mit ihren breiten Rudern weit vor, schlittern mit einer funkelnden Tropfenfontaine dahin, um gischtend in das aufgerührte Wasser zu sinken und im Spiel der Wellen auf- und niederzutanzen. Enten sind es, viele kleine Enten, nicht einzelne, nicht Dutzende, nicht Hundert, nein Tausend oder noch mehr. Sie kommen an einem halbwegs ruhigen herbstlichen Tag urplötzlich aus dem Himmel herab, und das in unübersehbaren Scharen. Das wird auch noch einige Tage so anhalten, bis sie fast alle hier sind. Reiherenten, die in den nächsten Wochen und Monaten das Ramsar-Schutzgebiet Starnberger See als ihre Wohnung ansehen, ja als ihren Lebensraum und ihre Heimat für fast ein halbes Jahr, denn die eine Hälfte ihres Lebens verbringen sie hier bei uns auf diesem See und nirgendwo anders.

Im Norden und Osten hat jetzt schon der Frost die Seen zufrieren lassen. Darum haben sie eine lange Reise vor sich, die sie schlagartig angetreten habe. In dieser Nacht sind sie gestartet, um dann im Nonstopflug mit ihrem schnellen flatternden Flügelschlag gleich runde 2.000 Kilometer zu fliegen. Die weiter im Osten brütenden haben schon eine weite Reise hinter sich, wenn sie das Baltikum erreichen. Sie kommen von der Eismeerküste, aus Zentralasien und Südwest-Russland, vom Kaspischen Meer und weit dahinter. Aber auch aus Skandinavien. Von ihrem letzten Rastgebiet aus fliegen sie rasch und ohne anzuhalten hierher. Welche gewaltige Kraftanstrengung das ist, können wir nur ahnen. Dass sie von dieser anstrengenden Reise einen kräftigen Hunger mitgebracht haben, weil sie alle Reserven einsetzen mussten, ist eigentlich jedem denkenden Menschen klar.
Die Tausenderschar sind Reiherenten, kleine schmucke Tauchenten, die gar nicht mit anderen zu verwechseln sind, weil auf ihrem Kopf im Wind eine lustige lange Federlocke flattert, wie bei einem Graureiher. Kohlschwarz sind sie, bis auf die weißen Flanken und gelben Augen.

Sie erkennen aus der Luft an der Dünung die Flachwasserbereiche und steuern bestimmte Flächen an. Denn ihre Tauchtiefe liegt im Durchschnitt bei 3-4 Metern. Nur gelegentlich tauchen sie mit den Flügeln rudernd 7-10 m tief. Da die Tauchzeit um die 40 Sekunden dauert, wird die Zeit für die Nahrungssuche umso kürzer, je tiefer sie tauchen. Nach der langen Reise steht ihnen jetzt die zweite Anstrengung bevor: Tauchen, um Futter zu suchen. Neben Schnecken, allerhand Kleingetier und Krebschen sind das vor allem die bei den Menschen so unbeliebten Wandermuscheln. Diese eingeschleppte Muschel hat sich im See explosionsartig vermehrt und ist überwiegend Nahrung der Reiherente. Nur zu einem kleinen Teil nimmt sie auch Wasserpflanzen. An den Küsten verstehen sie die Miesmuscheln zu knacken. Hier stürzt sie sich auf die Wandermuschel.

Es lässt sich gut vorstellen, dass eine Ente, die im Herbst mit 6.000 Vögeln schlagartig auftritt, sehr viel von dieser Beute finden muss. Jene große Entenzahl erhöht sich im Herbst auf über 6.000, und bis zum Winter werden es über 7.000. Der Ammersee lockt gar bis zu 10.000 Reiherenten an. Wohlgemerkt, das ist nur die häufigste Art, aber runde 25 Wasservogelarten rasten oder überwintern auf dem See.

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Mehr Ruhezonen gefordert
Als der Morgen graut, freuen sich die kleinen Enten schon auf das Frühstück. Kaum haben sie damit begonnen, naht für die große Schar der kleinen Enten eine gewaltige Katastrophe.
Zwei Ruderer sind es, die den kühlen Morgen nutzen, um fit zu bleiben. Sie fahren auch keineswegs quer über den See. Sie rudern nahe am Ufer entlang. Damit aber halten sie im Flachwasserbereich genau auf die vieltausendköpfige Entenschar zu, und schlagartig erhebt sich donnernd eine Riesenwolke Vögel. Vergrämt verbringen sie den ganzen Tag auf der Mitte des Sees, dort wo er zu tief ist um nach Futter zu tauchen. Fragt man die beiden Ruderer, so haben sie nicht eine Ente gesehen, weil sie ja mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen und nicht bemerkt haben, dass sie 5.000 Vögel beim Frühstück gestört haben. Im Laufe des Tages kommen dann noch die Segler, die Winter-Surfer, Angler und auch noch die Jäger, um Stockenten zu jagen. Die Reiherenten aber werden hin- und her gescheucht und dazwischen dümpeln sie hungrig auf dem Tiefwasser.

Verheerend sind die Folgen für all die Enten, die nach dem langen Reiseflug dringend wieder Energie auftanken müssen. Sie warten mit knurrendem Magen, dass es Nacht wird und sie wieder an ihr Futter können. Wie viele das nicht überstehen, wissen wir noch nicht. Die ärgerlichen Umstände scheinen sich auch nicht bis ins ferne Asien herumzusprechen, wohl aber, dass man angesichts sehr vieler Wandermuscheln hier herrlich und nahrhaft leben und rasten kann. Traditionen in der Natur ändern sich ständig. Pfarrer Jäckel hat noch vor 100 Jahren 10-30 Reiherenten gezählt und heute kommen im Winter bis zu 7000. Vor allem Erpel sind schon im August da und mausern.

Reiherenten brüten zunehmend im Fünf-Seen-Land
Ihre große Schar täuscht. Denn eigentlich sind Reiherenten selten. Selbst in den Brutgebieten in Finnland brüten sie keineswegs auf jedem der 300.000 Seen, ja nicht einmal auf jedem 3. See. Doch eine neue Entwicklung hat um 1930 langsam begonnen: Auf dem Starnberger See alleine brüten heute 15-20 Paare und in Bayern mögen es an die 600 Paare sein. Sie nisten am Ammersee, am Zellsee und auf kleinen Moortümpeln, die der Vogelschutz erst in Biotopen gebaggert hat. Anfang April belauschte ich dort ihr Balz.

Der Erpel spreizt seinen Federschopf deutlich ab und beginnt mit dem Kopf zu schütteln. Unentwegt stößt er dabei Laute aus, die an das Schwirren einer vibrierenden Blattfeder erinnern. Er wirft den Kopf zurück und stellt den Schnabel senkrecht nach oben. Es folgt ein Schein-Trinken und ein Schein-Flügelputzen. Sehr rasch folgen diese symbolischen Bewegungen aufeinander. Dabei umkreist er seine Ente auf dem kleinen stillen Brutgewässer. Beide tauchen auch während der Balz häufig, ohne dass sie dabei Futter aufnehmen.

Auf einer kleinen Insel oder am bewachsenen See-Ufer entsteht im Mai das Nest und der Erpel setzt sich ab. Wenn nach 23-25 Tagen Brut die Küken schlüpfen, sind sie sofort selbständig. Die Mutter führt sie zwar noch 2 Monate, aber Futter müssen sie alleine finden. Manches schluckt noch der Hecht und einige fängt die Rohrweihe.

Mit den Brutvögeln im Schilf hat der Vogelschutz wenig Sorgen. Die beginnen erst mit der großen Schar Wintergäste.  Es ist etwas zu einfach, wenn Politiker Schutz-Zonen pauschal ablehnen und anstelle von Enten vom Kormoran reden. Sollten sie auch noch einen Jagdschein haben, kann man erwarten, dass sie die Wildbiologie der Wintervögel wenigstens zur Kenntnis nehmen. Denn die Reiherenten fressen niemand von uns etwas weg. Sie erwarten von uns Menschen nicht viel mehr als ein wenig Rücksicht.

Biologie der Reiherente (Aythya fuligula)
Reiherenten sind kleine zierliche Tauchenten, die etwa 45 cm lang sind und 20 cm Flügellänge haben. Der Erpel ist im Prachtkleid tief schwarz mit seitlich scharf abgesetzten weißen Flanken. Er wiegt etwa 700 g, das Weibchen 650 g. Sie ist schokoladenbraun mit kleinem hellem ringförmigem Fleck um die Basis des grauen Schnabels. Auffallend ist das intensiv gelbe Auge und der lange Federschopf am Hinterkopf der Erpel. Wahrscheinlich ist es eine Folge von Klima-Erwärmung und Eutrophierung, dass die Reiherente zunimmt und sich neue Brutgebiete erschließt. Die Zahl der Wintergäste täuscht. Sie ist noch immer ein seltener Brutvogel auf kleinen Binnengewässern in Nord-Skandinavien, Nord-Russland bis zum Eismeer und Fern-Ost, Baltikum und Polen. Als Wintergast tritt sie in großer Zahl dort auf, wo das Wasser nicht tiefer als 7 m ist, Wasserschnecken und Wandermuscheln ein reiches Nahrungsangebot bieten.

Balz im April, Brutzeit Mai bis Juli 5-12 grünbraune Eier, die vom letzten an 23-25 Tage bebrütet werden. Nestflüchter, aber ab 6 Wochen völlig selbständig und nach 9 Wochen flugfähig.
Auf dem Starnberger See im Herbst über 6.000 bis zum Winter über 7000. Auf dem Ammersee über 10.000 und in Ismaning bis 20.000 Wintergäste in Ramsar-Schutzgebieten. Auf dem Starnberger See Brutvogel mit 15-20 Paaren, außerdem im Umland auf kleinen Moorweihern.