Ammersee/ Starnberger See: Schellenten essen nur am Tage!
Hochzeit auf dem Starnberger See - Br
üten in Nordlands Nistkästen

Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr

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Schellente Tritt

Es liegt ein Klingen hoch in der Luft. Das hallt wie von vielen Hundert Schellen. Erst scheint das, wundergläubig, des Weihnachtsmanns Renntier-Schlitten hoch in den Wolken über dem See zu sein. Dann wieder meine ich, dass es über den Baumkronen im Auwald schellt. Aber beides ist es nicht, und was hoch in den Lüften klingt, sind Flügelschläge von Enten, welche die Luft kraftvoll und hastig peitschen. Das klingelnde schellende Getön kommt von den schnell schlagenden Flügeln

der Schellenten. Von diesem Geklingel haben sie auch ihren Namen. Doch woher kommen Sie? Nach einer lettischen Sage lebte im Nordland ein Mädchen mit Namen Mira, das gewann der eigene Bruder so lieb, dass er sie freien wollte, und beider Eltern stimmten dem zu. Mira aber verwand das nicht und ging an ein Seeufer um sich zu entkleiden bis auf ein kleines Schwarzes Tüchlein, das sie um den Hals behielt. Gott aber hatte sein Wohlgefallen an ihr und rettete sie vor dem Tode, indem er sie in eine Schellente mit goldenen Augen verwandelte. Sie fliegt seither mit Flügelschlägen, die wie Schellenlaut klingen, und sie ist die eigenwilligste unter all den Enten des Nordlandes.

Früh naht dort der Winter. Wild wirbeln im Herbst oft schon die Flocken durcheinander und sie setzen sich dann auf die Zweige und Fichtenbärte, die an den Ästen hängen. Die sind an den Bäumen der Nordkalotte kurz und doch senken sie sich noch unter der Schneelast. In dieser Zeit lassen sich die Moorschneehühner einfach einschneien, und sie leben unter dem Schnee in Höhlen recht glücklich und gut versorgt, weil die Nahrung der Zwergsträucher ihnen in den Schnabel wächst. Alle Singvögel sind längst über die Ostsee davongeflogen. Fast zur gleichen Zeit ruderten trompetend die Kraniche südwärts und große Scharen der gackernden Saatgänse. Fort sind längst auch Tafelente, Reiherente, Sterntaucher, Gänsesäger und der wilde Höckerschwan. Die sind schon längst auf dem Starnberger See als Wintergäste eingekehrt. Viele von ihnen kamen schon im September. Nur eine hat bis zum allerletzten Augenblick gezögert mit der Reise, die eigenwillige Schellente. Oft häuft die Winddrift das Packeis schon auf, und allenfalls sind noch die Zu- oder Abläufe der Seen eisfrei. Manche sind dem Flussverlauf auch schon bis an die Küste gefolgt. Schellenten weichen vor dem Winter als Letzte.

Schellenten sind die Lieblinge vieler Menschen in den skandinavischen Nordländern. Überall wo eine Hütte an einem See steht, ein kleiner oder großer See ist, haben Tierfreunde eine Art Briefkasten an die Bäume gehängt. Aber das ist gar kein Briefkasten, sondern ein Vogelbrutkasten für die Schellente. Denn seit man aus Holz dort Papier macht, sind alte Bäume und Todholz selten geworden und damit natürliche Bruthöhlen. Wenn die Schellente zeitig, zusammen mit den Staren im April von der Reise ins Nordland zurückkehrt, dann ist die Wohnung schon fertig. Die Menschen dort lieben die Natur, und ihre eigenwilligen Schellenten.

Als gefährdete Art der Roten Liste dürfen bei uns die Jäger diese Ente nicht schießen. Aber noch immer dürfen sie im Schutzgebiet auf Stockentenjagd gehen, und das stört dann die Schellenten gewaltig. Es stören sie aber auch die Wintersurfer, die Segler, Angler, Ruderer, Taucher..... und/und/und. Aber das ist am Starnberger See jetzt besser geworden, weil die Sportverbände mit dem Umweltministerium einen befristeten Verzichtvertrag abgeschlossen haben. Nur die Jäger, die eigentlich als Tier- und Naturschützer mit gutem Beispiel  vorangehen sollten, spreizen sich noch immer dagegen.

Die Schellente lebt vom Tauchen in Flachwasserbereichen, und wenn sie taucht um zu essen, braucht sie gute Sicht. Krebschen, Weichtiere, Wasserinsekten und deren Larven, Würmer und, wenn auch seltener, kleine kältestarre Weißfischarten, die sie am Seeboden aufsammelt, aber auch Algen und andere Wasserpflanzen sammelt sie. Stört man sie dabei, flieht sie und verbringt den ganzen langen Tag im Tiefwasser, bis sie in ihre Flachwasserbereiche zurückkehren kann. Und wenn sie nicht zeitig vor der Nacht zurückkommen kann, gerät sie ins Nahrungsdefizit. Denn nach ihrer langen Reise hat sie nicht genügend Reserven den Körper in klirrender Kälte aufzuheizen.

Offenbar liebt sie die langen Reisen nicht und bleibt lieber im Brutgebiet. Nur wenn es nicht mehr anders geht, dann reist sie doch. Wenn Winterstürme um die kältestarren Bäume toben, wenn sie Flocken und Eiskristalle über die Seen jagen, die schmerzlich und sandfein auf die Gesichter prasseln, dann entschließen sie sich zur Abreise. In dieser pechschwarzen Nacht friert auch das letzte Wasserloch zu und sie schwingt sich am Morgen in den aufjaulenden und pfeifenden Wind hinaus, wendet sich gen Süden und fliegt Nonstop runde 2.000 km bis an den Starnberger See, wo sie im November, manche von ihnen auch erst im Dezember eintreffen. Alle anderen Arten liegen schon draußen auf dem Wasser. Sie sind sich nicht fremd, denn alle kommen aus Tundra und Taiga im Nordosten. Sie wollen bis zum Frühling hier überwintern.

Dort wo es kaum Menschen gibt, haben Schellenten ihre Wesensart entwickelt, und eigenwillig halten sie gerne auf Distanz. Auch wenn sie keiner verfolgt. Schellenten sind friedfertig wie alle Tauchentenarten und als solche schwimmt und taucht sie meisterhaft, beobachtet aber auch alles rundum. Sie hält auch gegenüber anderen Enten auf Abstand, zuweilen sogar gegenüber der eigenen Art. Als Individualist betrachtet sie alle Menschen gleich zweimal voller Misstrauen, selbst wenn die gar nichts Übles wollen. Schon wenn Menschen sich ihr, ohne böse Absichten, auf 200 bis 300 m nähern, ist es genug Anlass für die Flucht. Sie steht mit prasselnden hastigen Flügelschlägen auf und fliegt mit klingelndem Flügelschlag davon. Doch mitten auf dem See, wo sie abwarten muss, findet sie kein Futter. Nach der weiten Anreise braucht sie am Ende doch Nahrung. Die aber ist nur in Flachwasserbereichen zu finden. Vertreibt man sie ungewollt oder verhindert ihre schnelle Rückkehr, wird sie sterben, ohne dass es uns bewusst wird, denn das geschieht unerkannt weit draußen auf dem See. Darum ist die Schellente auf dem See auf die Schutz-Zonen angewiesen, die der Landesbund für Vogelschutz unablässig vom Umweltministerium angefordert hat. Weil sie rein tagaktiv ist, kann sie leider auch nicht, wie es bei Stockenten üblich ist, nachts zur Nahrungssuche fliegen.

Noch in den Monaten September und Oktober sind nur einzelne von ihnen am See. Es ändert sich schlagartig ab November, und sie bleiben bis März. Auf dem Ammersee sind es in einzelnen Monaten zwischen 360 und 750 Schellenten, auf dem Starnberger See zwischen 150 und ca. 650 pro Monat. Das geht im April schlagartig auf nur noch 12-20 anwesende Vögel zurück. Unter den Gästen stellen Schellenten eine bescheidene Anzahl. Tafel- und Reiherente, Gänsesäger und Haubentaucher sind häufiger. Für seltene Gäste ist das Ramsar-Schutzgebiet aber ebenso wichtig.


Sie balzen hier als Wintergast

Noch ehe die Schellenten im April in die Brutheimat zurückfliegen, finden sich Jungvögel und Witwer hier bei uns auf dem See zu Paaren zusammen. Sie alle beginnen jetzt mit ihrer Balz.

Dieser Hochzeitsmarkt scheint bei den Schellenten wie ein drolliges Spiel abzulaufen. Die balzenden Erpel biegen den Kopf sehr weit nach hinten bis über den Bürzel zurück dass der graue Schnabel fast das Wasser berührt. Dann schleudert der Vogel den Kopf nach vorne, rollt sich zuweilen auch um die eigene Längsachse im Wasser, legt den Kopf erneut weit nach hinten über die Schulter zurück, taucht ihn hinten fast ein und schleudert ihn immer wieder nach vorne. Dabei gibt diese sonst nicht sehr ruffreudige Ente auch quakende Laute von sich. Interessiert nähert sich das Weibchen. Sie hat eine ähnliche, aber gedämpftere Zeichnung und einen tiefbraunen Kopf. Dem aber fehlt der weiße Wangenfleck völlig. Dann packt sie der Erpel brutal am Kragen, denn er tritt nicht nur, sondern drückt sie beim Tretakt tief unter das Wasser und ersäuft sie fast dabei. Ihr Schnabel schaut gerade noch heraus. Uns Menschen fällt es schwer diese Rüpelei als Liebesspiel zu begreifen.

Wenn sie binnen eines Tages oder weniger Tage wieder gemeinsam nach Norden durchstarten, finden Sie Nistkästen, also das gemachte Bett schon vor. Alles was sonst Zeit kostet, ist schon erledigt. Das Weibchen muss sich nur noch einige Federn aus dem Brustgefieder rupfen, und braucht nur noch seine 5-15 schmutzig grünen Eier in den Kasten hineinzulegen. Zwischen 26 und 30 Tage hockt sie dann alleine in ihrer Höhle und brütet. Ist die Höhle hoch in einem Baum, werden die Babys 5 oder gar 15 m hoch herabspringen müssen. Sie schaffen das, ohne Schaden, und wie alle Entenküken sind sie auch sofort so selbständig, dass sie der Mutter gleich auf das freie Wasser folgen. Dort wieseln sie umher und suchen unter Mamas Anleitung nach Futter. Anders als andere kleine Enten müssen sie sofort frei tauchen, denn sie finden ihr Futter unter Wasser. So wachsen sie rasch heran, und im November werden sie die weite Reise im Nonstopflug mit der Mutter antreten, um auf dem Starnberger See oder Ammersee die Wintermonate zu verbringen und dort ihren Brutpartner zu finden.

Sie wissen noch nichts davon, wie gefährlich ein Mensch sein kann. Nicht so sehr jener auf der langen Reise, der unterwegs mit seiner Schrotflinte lauert, sondern viel mehr noch jener, der stört und sie nicht in Ruhe lässt. Schellenten sind schmucke und bezaubernde Vögel, die den Menschen nichts wegfressen. Das Klingeln ihres Fluges ist voll von dem Zauber der Nordlandkönigin, der Hüterin über die Natur. Die Schellenten erwarten von uns doch nur eines in diesen Ramsar-Schutzgebieten. Sie bitten um unsere Einsicht: Lasst uns doch in Ruhe


Kurzbiologie
der Schellente (Bucephala clangula)

Sie gehört zur Familie der Entenvögel (Anatidae), zu den Tauchenten (Platipodinae). Sie ist einer der schönsten Wasservögel, obwohl sie nur schwarzweiß ist, mit grauem Schnabel und gelbem Auge. Schon auf weite Entfernung fällt das kontrastreiche Gefieder mit dem Schneeweißen runden Fleck an der Wange auf. Für eine Ente scheint es kurios, dass sie in Nistkästen brütet, die in ganz Skandinavien von tierliebenden Menschen am See aufgehängt werden. Sie balzt und paart sich im Winterquartier und legt gleich nach Rückkehr ins Brutgebiet 6-15 schmutzig grüne Eier, die sie 26-30 Tage bebrütet. In Nordrussland, in dünn besiedelten Gebieten und an stillen Waldseen. Sehr vereinzelt brütet sie auch bei uns an solchen Seen in Naturhöhlen. Liegen diese hoch im Baum, müssen die Küken aus 5-10 Metern Höhe herabspringen. Sie nehmen dabei keinen Schaden.

Schellenten erscheinen in den Ramsar-Schutzgebieten, vor allem am Starnberger See und Ammersee erst ab November/Dezember. Am Starnberger See sind in den Wintermonaten jeweils zwischen 150 und 650 anwesend, am Ammersee zwischen 360 und 750. 

Nahrung: vor allem kleine Weichtiere und Krebschen, Wasserinsekten und deren Larven, Würmer und seltener kältestarre kleine Weißfische, Algen oder andere Wasserpflanzen. Darum sind sie auf Gedeih und Verderb auf Flachwasserbereiche angewiesen. Eine besondere Eigenart ist, dass sie nur bei Tage essen. Werden sie gestört, holen sie das versäumte Abendessen nicht mehr nach, wie etwa die Stockente. Darum ist die Errichtung von Ruhezonen in den Flachwasserbereichen der Ramsar-Schutzgebiete für Schellenten eine Überlebensfrage.