Ammersee/ Starnberger
See/ Maisinger See: Poesie der wilden Schwäne.
Feuer frei auf diese Landplage oder Futter für ein Hätscheltier?
Text
und Fotos von
Wolfgang Alexander Bajohr
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Wirklich wilde Schwäne brauchen den Menschen nicht. Zum Leben so wenig wie zum Sterben. Denn die Natur weiß sich durchaus selber zu helfen und greift regulierend ein, falls es zu viele sind. |
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Schneeweiße
Zaubervögel zum Fliegen geboren |
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Ein klassischer Start verläuft anders. Aber auch hier kostet es Kraft mehr als 20 Kilo in die Luft zu bringen, viel Energie sogar, und umso mehr, je geringer der Wind ist. Ihre Startprobleme erkennt man, wenn sie mit weiten Schritten über das Wasser, das Eis oder gar auf Wiesen dahinrennen und hart mit den mächtigen Schwingen schlagen. Es faucht und pfeift, es prasselt sobald die Wasserperlen aufstieben. Für den ersten Anlauf, bis der Körper einmal aus dem Wasser heraus ist, braucht der Schwan 15-20 m. Dann senkt er den Hals zur Waagerechten. Schließlich gleiten nur noch die Schwanzfedern über das Wasser dahin, die Ruder sind frei und schlagen in schnellem Takt auf die Wellen. |
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Aber auch jeder Flügelniederschlag berührt noch spritzend das Wasser. Unmerklich gewinnt der Schwan an Höhe, bis endlich die Ruder lang nach hinten gestreckt sind und die Schwingen frei in der Luft bis tief nach unten durchschlagen können. Von jetzt an ist auch das seltsam singende Fluggeräusch zu hören, das nur der Höckerschwan hat und das gewiss auf dem Zug auch zur Stimmfühlung bei Nebel und Nacht wichtig ist. Einmal in der Luft und auf Fahrt, schrauben sich die herrlichen Märchenvögel immer höher, bis sie ihre Reiseflughöhe erreicht haben. |
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Dieser Abflug hat stets etwas Überwältigendes. Es gibt kaum Schöneres, als ein fliegendes Schwanenpaar, das in vollendeter Harmonie die Schwingen bewegt und scheinbar schwerelos durch die Lüfte gleitet. Sie sind schnelle und ausdauernde Flieger, die nur noch ruhig und gelassen schlagen, wenn sie entlang der Flüsse und Seeufer oder über der tobenden Brandung der Meeresküsten tief gegen die wildesten Herbststürme anfliegen, über aufgewühlter und gischtender Flut auf ihrer langen Reise ein Zwischenziel ansteuern, wo die Natur in einer Raststätte oder tierliebende Menschen Nahrung für sie bereithalten. Sie brauchen diese Menschen nicht, aber zuweilen versammeln sich 2-300 Schwäne an diesen Plätzen. Doch sind sie besser beraten weiterzuziehen, ehe sie auch hier der Winter einholt und sie dennoch südwärts weiterziehen müssen. Ein russisches Sprichwort sagt, dass sie den Winter auf ihren Schwingen tragen. Ziehen sie schlagartig weiter, folgt immer eine Kälteperiode. |
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Auf der Winterreise ist ihre Leistung gewaltig, und die in ihren Ursprungsgebieten in Nordrussland, Baltikum, Ostpreußen, Polen und Mecklenburg brütenden Höckerschwäne, insgesamt rund 140.000 Paare, beginnen Anfang Oktober mit ihrem Zug, bei dem sie sehr hoch fliegen, um am Rande geeigneter Hochdruckzonen die starken Jetstreams zu nutzen. Im Dezember 1967 wurden von einem Flugzeug aus ziehende Singschwäne über den Hebriden beobachtet, die in einer Höhe von 8.200 m flogen, wo die unglaublich niedrige Temperatur von -48 Grad C herrschte. Sie waren in Island vermutlich im Morgengrauen aufgebrochen, und man hat nachkalkuliert, dass sie ihr Ziel in Irland in nur 7 Stunden erreichen würden. Erstaunlicher Weise bringt ihnen der schnelle Zug in dieser Höhe keine Atem- und Kreislaufprobleme. |
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Gegen die Kälte schützt sie ihr dichtes Gefieder. Amerikanische Wissenschaftler haben 25.216 Federn nachgezählt, von denen alleine runde 20.000 als Schwanenpelz Kopf und Hals bedecken. Den Menschen zum Entzücken kann der imponierende Schwan seine schneeweißen Federn wie eine Blüte entfalten, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Ich habe am Starnberger See in der Früh Schwäne berührt, die nachts mitten auf dem See schlafen, weil dort kein Fuchs hinkommt. Sie waren mit einem beinharten Eispanzer überkrustet. Das zeigt, wie optimal die Isolierschicht des Gefieders ist, weil keine Wärme durchdringt, um das Eis abzutauen. Es zerfließt erst unter der goldenen Morgensonne. |
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Im Norden und Osten, aber auch von Mecklenburg bis Ostpreußen, ist der Schwan heute noch ein scheues Wildtier. Bei uns hat er es schwer, das auch zu bleiben. Die großangelegte Faunenverfälschung in Europa geht auf den angelsächsischen König Edgar und das Jahr 966 zurück. Es muss ihn maßlos gewurmt haben, dass Schwäne in England nur als Wintergäste an der Küste aufgetaucht sind und im Frühling zu ihren Brutplätzen zurückflogen. So hatte er die königliche Idee, Handschwingen zu stutzen, und alsbald erfreute das lebendige Abbild menschlicher Prunksucht, bis heute, die englischen Gewässer. Seither gehören Themseschwäne als hohes Wild der Königin. Weltweit wurden sie edles Geschenk unter den Herrschenden, und die fanden bald bürgerliche Nachahmer. Norddeutschland weist Schwanenhaltung seit 1398 nach, und die preußische Krone besaß und pflegte die Höckerschwäne auf der Havel noch bis 1918, bis aus königlichen republikanische Schwäne wurden. Aber wie griechische Vasen aus dem Jahr 480 v.Chr. zeigen, gibt es ältere Vorbilder. Auch Brahma empfängt schon im 8.Jh. nach Chr. die Huldigung des Hamsa-Vogels, der eindeutig ein Schwan ist. Im Norden und Osten galt der Schwan traditionell als Hochwild, das nur Könige bejagen durften. Sie jagten Hochwild mit der Kugel. Als ansehnlicher Riesenbraten war der Schwan der Tafel der Könige vorbehalten. So hat sich der Schwan alsbald im königlichen Wildpark wiedergefunden, denn damals kannte man noch keine Kühlgeräte. Er blieb damit nicht nur Repräsentiervogel der Schönheit wegen, sondern wurde auch, als ständig greifbarer Braten für die Tafel, hinter Schlossmauern gehalten. Man hat ihm den wertvollen Schwanenpelz für die Damen abgezogen und ihn danach mit Kräuterbutter und Knoblauchsalz bestrichen und gegrillt. Da soll er vorzüglich geschmeckt haben. |
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Während am Ammersee nur 6 Schwanenpaare brüten, scheint am Starnberger See Bestand und Zahl der Wintergäste zu explodieren. Der Grund dafür liegt alleine beim Füttern. Wenn ich morgens vor Sonnenaufgang mit der Kamera angerückt bin, um Schwäne im Morgennebel aufzunehmen, war noch kein Schwan da. Aber alte freundliche Damen aus München, mit dem Futtereimer, warten schon auf ihre Schwäne. Es war zu tierfreundlich gedacht. Denn alsbald ist der Ruf nach dem Jäger laut geworden, der die "Schwanenplage" eindämmen soll, die das Werk der Tierfreunde ist. Beim Jäger aber ist Schwanenjagd höchst unbeliebt, denn sie wollen nicht gerne die Prügelkinder der Tierfreunde werden. Gewiss ist Schwanenjagd vom 1.9.-15.1. durchaus erlaubt und eine nachhaltige Nutzung reichlich vorhandener Naturgüter wäre auch nicht verwerflich. Aber Jäger sehen die gewünschte Hinrichtung halbzahmer Tiere nicht als Jagd und nicht als ihre Aufgabe in der Natur an. Jagd ist es sicher auch nicht, und die Verwaltungsjuristen im Landwirtschafts-Ministerium haben offenbar auch keine Ahnung vom Schwan, denn sonst hätten sie hierfür längst den Schrotschuss verboten, weil er in den seltensten Fällen das Gefieder richtig durchschlägt und den Schwan nicht sofort töten kann, sondern grausam quält. Tierfreunde haben am Starnberger See noch lebende blutverschmierte Schwäne in einem Kahn ausgemacht und sind zu Recht empört. Wenn schon jemand glaubt, dass reduziert und gejagt werden soll, sollte es wenigstens nur mit der Kugel möglich sein, aber eine vom Vogelschutz geforderte Änderung der Jagdverordnung hat erst kürzlich Bayerns Agrarminister abgelehnt. Er beharrte hartherzig darauf, dass die traditionell zum Hochwild gehörenden Schwäne Niederwild sein sollen, also mit Schrot geschossen werden dürfen. Schon vor Anno 1600 hat Martin Strasser die Schwanenjagd auf der Pirsch und mit der Kugel beschrieben! Er wusste aber auch zu berichten, dass auf dem Chiemsee die Fischer Schwäne und Enten mit Leimschnüren gefangen und mit dem Ruder erschlagen haben. Auch heute sind die am Schwan interessierten Schützen meist Fischer mit Jagdschein. Für die Verwertung dieser Beute sind ihnen Grenzen gesetzt, denn eine Bundeswildschutzverordnung verbietet den Verkauf des Bratens. Der Schütze muss also seine 10-20 kg schweren Schwanenbraten selber essen, essen, und nochmals essen. Das wird ihm bald zum Hals heraushängen und an einem zähen alten Schwan mag er sich auch die Zähne ausbeißen. Wenn er gelegentlich einen Schwan erlegt, wird das der Art sicher nicht gefährlich. Verantwortungslos ist nur der Schrotschuss. Aber auch Tierfreunde verhalten sich zum Schwan zuweilen schizophren. Erst füttert und hätschelt man sie als Streicheltier, und dann vergleicht man sie mit einer Landplage gleich Wanderratten. Man lastet ihnen gar das Schilfsterben an, ohne dass sie etwas dafür können. Ausgerechnet in der tierfreundlichen Schweiz hat man eine besondere Reduzierungsart ersonnen, weil man von der heiß geliebten Fütterung nicht lassen will. Man hat den Schwänen früh morgens ein Schlafmittel ins Futter getan. Als den Schwänen übermüdet der Kopf ins Wasser sank, da sind sie jämmerlich ertrunken. Man war noch stolz darauf, weil man meinte, dass Schwäne sich ja in Revierkämpfen nur verletzen würden. Man habe es nicht übers Herz gebracht, die natürliche Regulierung Naturgott Pan und den Schwänen selbst zu überlassen. Dann doch lieber gelegentlich Jagd nach einem Braten, als das im Futterbrot eingebackene Schlafmittel! |
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Lassen wir also die herrlichen weißen Riesenvögel fliegen, wann und wohin sie wollen, denn fliegen und weiterfliegen in ihr Winterquartier würden sie allemal, wenn wir sie nicht mit unserem Futter verführen würden, auch im Winter hier zu bleiben. Zum Überleben im Winter brauchen sie die Menschen nicht. Denn der schneeweiße Zaubervogel ist zum Fliegen geboren, und wie alle Zugvögel würden auch die in ganz Deutschland lebenden 10.000 Paare in die Winterquartiere weiterziehen. |
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Im Ernstfall beginnt der Kampf stumm und plötzlich. Hoch aufgerichtet, heftig das Wasser tretend und mit mächtigen Schwingenschlägen auf den Gegner zielend, kämpfen sie auf Leben und Tod. Beide heben sich wuchtig mit den Schwingen schlagend aus dem Wasser, versuchen sich mit den Hälsen niederzudrücken, in einem unter Schwingenschlägen sprühenden Funkenregen aus Wassertropfen, den Gegner mit dem Schnabel zu packen und zu ertränken. Ein Flügelschlag kann den Arm des Menschen brechen, hier aber setzt es hunderte harter Schläge. Zäh und verbissen dabei ringend, mit zuckenden Hälsen drückend, schnappend, packend und beißend, reißen sie aneinander erbarmungslos mit den Schnäbeln. Kopf an Kopf und Schnabel an Schnabel drückt der Platzschwan mit dem Hals, klettert auf den Unterliegenden, versenkt ihn vollends unter Wasser, packt mit Kopf und Schnabel nach und drückt, bis auch er fast im Wasser verschwindet. Aber auch er muss wieder nach oben und beide schnippen wie Korke hinauf. Die Gelegenheit nutzt der Jungschwan und eilt auf dem Wasser rennend und mit den Flügeln schlagend, abfliegend davon, eine Weile auch in der Luft noch verfolgt vom Sieger. Beider Schwingen fauchen und prasseln in das aufspritzende Wasser, der Sieger aber kehrt in weitem Bogen fliegend zurück zu seiner Partnerin. Um das im Kampf lädierte Gefieder zu richten, schließt sich eine ausgedehnte Putzzeremonie an. |
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Das ritualisierte Balz-Kampf-Spiel hilft Ernstkämpfe vermeiden und die Grenzen zwischen zwei Revieren auch am großen See abstecken. Auf einem viel kleineren Schwanensee, der nur Platz für ein Revier hat, haben aggressive Altschwäne schon reihenweise Jungschwäne umgebracht. Böse alte Revierschwäne regulieren damit auf natürliche Weise den Bestand, auch ohne die Flinte des Menschen. Er bewacht und verteidigt sein brütendes Weibchen gegen jeden anderen Wasservogel und selbst gehen die Hand, die ihn sonst füttert. Zahme und halbzahme Schwäne können auch dem Menschen gefährlich werden. Wild gebliebene achten dagegen immer auf Distanz. Revierschwäne attackieren selbst einen harmlosen Karpfen, der sich dem Nestbereich arglos nähert, und vertreiben ihn, dass er rasch abtaucht. Aber entgegen dick aufgetragenem Fischerlatein fressen sie ihn niemals. Kein Fall ist belegt, dass ein Schwan sich am Fisch und seiner Brut vergreift, denn er ist reiner Vegetarier, der bevorzugt Unterwasserpflanzen abweidet und damit mineralisiert. Damit nutzt er jedem Gewässer, weil sich kein Faulschlamm mehr bilden kann. So tief sein Hals noch reicht, 1-1,25 m weidet er die, im überdüngten Wasser der durchsonnten Zone überreichlich gedeihenden Unterwasserpflanzen ab und verdaut sie gut. Aber ihre begrenzte Menge setzt für eine Schwanenfamilie, die satt werden will, immer ein Revier voraus. Das Bild vom brutal um sein Revier kämpfenden Schwan mag für manchen ein romantisches Bild vom hoheitsvollen Märchenvogel zerstören, aber so sind die Schwäne wirklich. Ihr Kampf um ein Revier ist typisch ein Teil ihres Wesens. |
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Dass Schwan und Schwänin sich ein Leben lang treu zugetan sind, macht sie wiederum so menschlich. Bevor der Schwan seine Schwänin tritt, bieten beide im Spätwinter ein bezauberndes Bild herzlicher Zweisamkeit, wenn sie die Köpfe zueinander neigen und zusammen mit den Hälsen ein Herzbild formen. Wo es im Vorfrühling von Jungschwänen wimmelt, wie an Isar und unserem See, zeigen auch sie schon das rührende Bild dieser herzlichen Zuneigung. Bei der Mehrzahl bleibt es Illusion, denn sie haben kein Revier, und so werden sie ohne Nachwuchs bleiben. Viele ziehen wieder fort, in ihre eigenen Brutgewässer bis ins ferne Russland. |
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