Starnberger See: Sterntaucher lieben den Starnberger See
Die Ramsar-Konvention soll seltenen Gästen Rastplätze sichern

Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr

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Sterntaucher

Sterntaucher reisen 3000 km in den Urlaub am Starnberger See.
Nur 5 Monate haben die großen Seetaucher Zeit, um in einsamer Natur des oft unwirtlichen Nordens für Nachwuchs zu sorgen. Die meisten Monate des Jahres verbringen Sterntaucher am Starnberger See. So fällt es uns schwer, zu entscheiden, wo deren Heimat ist, im Norden oder hier. Ihr südlichstes Brutgebiet liegt im Glaskogen, in Mittelschweden. Das ist eine der seenreichsten, zauberhaften Urlandschaften im seenreichen Schweden.

Das Naturreservat liegt nahe an den Norwegischen Bergen, ist Heimat von Luchs und Bär, Vielfraß und Biber. Elche schauen zum Fenster herein, und abends streicht balzend die Waldschnepfe. Kraniche trompeten und Birkhähne kullern im stillen Moor. Auerhähne balzen im Altholz. Fischadler jagen an den größten der Seen, und hier brüten viele der Arten, die wir nur vom Durchzug kennen. An manchen Tagen sind wir bis zu 8 Stunden durch Wälder und Moore gestreift, sind durch Fjälls geklettert oder haben die nicht höher als 300 m aufragenden "Gipfel" der Berge erobert, um am Ende eines


Sterntaucher

Tages nicht einen einzigen Menschen getroffen zu haben. Auch dann nicht, wenn wir auf markierten Pfaden unterwegs waren. Jeder Felsen wurde vom Gletscher glatt geschliffen und ist jetzt von Flechten überkrustet. Von diesen Klippen ist die Übersicht gut, über die in den Senken liegenden kleinen oder endlosen immer aber einsamen Moore, großen und kleinen Seen. Die ganze Nacht hören wir Rauhfußkauz und Sperlingskauz singen und am Tage das Trompeten der großen Kraniche. Der Luchs hat nur eine Fährte hinterlassen und Elche haben gleich am ersten Morgen zum Fenster hereingeschaut. Nur die ersehnten Bilder vom Biber habe ich nicht bekommen.

Pracht- und Sterntaucher ins Brutrevier gefolgt.
Prachttaucher sind Anfang Mai noch mitten in der Balz. Im Prachtkleid ist er viel schmucker als im Winter bei uns. Er hat jetzt einen grauen Kopf und einen schwarzweiß deutlich gewürfelten Sattel auf dem Rücken. Den Hals trägt er anmutig schlangenförmig in S-Form, er ist schwarzweiß gebändert und trägt ein schwarzes Lätzchen vorn.

Nicht auf jedem der großen und kleinen Seen brütet einer der beiden großen Seetaucherarten, und immer beansprucht er den Platz für sich ganz alleine, so dass die Siedlungsdichte unerhört klein ist. Die Balzarien der Prachttaucher sind weithin zu hören, wenn sie klagend bellen "Wouha wouha" oder eine schrille ansteigende Klage ausstoßen "klooi, kock, klooih kock, uuuuuuu - auh - wauha". Wenn wir unversehens aus dem Wald an einen See kommen, versucht er gleich auf Distanz zu gehen, und dabei knurrt er in tiefen gutturalen Lauten. Eindeutig sind sie aber noch nicht soweit, denn sie, die meist einzeln leben, treten an einem der großen Seen als Gruppe auf. Die führt einen eigenartigen Kreiseltanz vor, vielleicht an einer Reviergrenze. Mit hoch aufgerichtetem Kopf schwimmen vier Vögel im Kreis und singen mit martialischem Geheul. Sie stehen mit aufgerichteten Hälsen und Schnäbeln voreinander, schwimmen im Kreis und tauchen wie auf ein Signal gleichzeitig ab, um nacheinander wieder aufzutauchen und aufeinander zu zuschwimmen. Dann beginnt der Balzreigen erneut.

Auch viele der Sterntaucher sind Anfang Mai gerade erst von der Reise zurück. Auf manchen der Seen hört man ihr Balzgeheul hunderte von Metern weit. Ich höre ein gutturales quäkendes "kwack, kwack". Sie rufen auch im Fluge im Rhythmus der Flügelschläge "kock, kock, kock, kock". Wenn sie inbrünstig balzen, ist das ein schreckliches langgezogenes Jammern "miaahoo, eeaaoh, eeaaoh" und "Kar-koroihhh, kar-koroihhh". Wenn sie voll in Fahrt sind, hängen sie alle diese Töne zusammen und rufen "eeaaoh, eeaaoh, kor koroih, kor koroih, eeaaoh, eeaaoh, kor koroih....usw." An den kleinen Moorseen ist es in der Regel sehr still und nur der Kiefernwald spiegelt sich im klaren dunklen Wasser. Schon ein Räuspern kommt als Echo zurück, viel mehr noch das Balzgeheul der Sterntaucher, das kilometerweit zu hören ist.

Der Sterntaucher ist uns auch günstig gesonnen. Ein Paar hat schon mit der Brut begonnen und nistet an einer unbedenklichen Stelle wenige Meter neben einem markierten Wanderweg. Soweit das abgrundtiefe Moor mich trägt, schleiche ich mich gerade an ein Pärchen Waldwasserläufer an, jene Limikole, deren Eigenart es ist, in alten Drosselnestern zu brüten. Hier im Schlick sucht sie nach Futter. Von meiner vorgeschobenen Position aus entdeckt meine Frau den brütenden Sterntaucher am Rande des langen fjordartigen Sees auf einer kleinen Insel. Die ist vor dem Auslauf eines Moorbächleins als Wörth entstanden. Bewachsen von Heide, einer winzigen Birke und Kiefern. Direkt neben dem Nest führt auf einer Bohle der Weg über den Bach. Die Moräne fällt steil in grundlos tiefes Wasser ab. Die nur 2 m große, und wahrscheinlich schwimmende Insel lässt sich nicht betreten. Daher kann ich auch das Gelege nicht aufnehmen.

Sonst ist dieser Brutplatz für uns ein Glücksfall, auf dem See sicher auch der allerbeste Platz, rundum geschützt durch tiefes Wasser. Gelegentlich können Wanderer den Vogel stören, aber sie gehen stets weiter. Unbedenklich kann ich hier fotografieren, aber ich muss die Ausrüstung auf 2 x 2 Wandertouren von jeweils zwei Stunden her- und wieder wegtragen. Zusammen mit 2 Fototagen bin ich also 6 halbe Tage unterwegs über Heide und Moor, durch Klippen und Wälder. Wenn wir früh morgens wandern, begleitet uns das weithin zu hörende Kollern der Birkhähne. Aber man sieht sie kaum mehr im Moor, denn die Balz geht dem Ende zu, und sie balzen unsichtbar auf Bäumen, in den Kronen dichter Latschen.

Von Ferne trägt der Wind einen Kranichruf herbei. Da auf einmal, ein Trompetenstoß hallt ganz nahe über Moor und Heide, und dann sehen wir sie im Morgennebel über dem Moor vor der dunklen Waldkulisse tanzen. Sicher ist hier irgendwo der Brutplatz. Das Paar trompetet im Duett und tanzt mit aufgestellten Schwingen. "Krrü, krrroh, krrüh, krrroh". Unvergesslich klar und laut hallen diese Rufe durch die Morgenstille. Sie tanzen beide voreinander mit ausgebreiteten, erhöht gehaltenen Flügeln, springen flatternd hoch und federn ihr Herabsinken mit den langen Beinen springend ab. Sie verbeugen sich tief voreinander, heben wieder senkrecht den Kopf nach oben und trompeten immer wieder im Duett. Ein Federbusch aus Federn der verlängerten inneren Armschwingen, der wie ein Schwanz aussieht, ist ausgestellt. Ein bezaubernder Anblick, der erst endet, als die Moor- und Heidelandschaft die Kraniche, leise wie sie gekommen waren, wieder verschluckt. Bald darauf entdecken wir neben unserem Weg im Vogelmoor einen weiteren Kranich auf Futtersuche.

Dann sind wir am langgestreckten Fjord des schmalen Abbort-Järn, unserem stillen Vogelsee, und sehen schon von weitem, dass unser Taucher brütet. Weil die Sonne noch niedrig steht, wirft die Randmoräne einen tiefen Schatten auf den Taucher. Er rutscht ins Wasser und taucht, als wir näherkommen, und dann muss es schnell gehen. Das Versteck einrichten und die Kameras auf das vorbereitete Stativ setzen. Dann geht einer von uns Störenfrieden weiter. Vögel können nicht zählen, sie registrieren nur, dass eine Störung die kam, nun mit demonstrativ lautem Trapsen davongeht. Ich höre die Schritte noch, da habe ich den Sterntaucher schon im Sucher. So schnell kommt er zurück. Er umkreist die halbe Insel, taucht noch einmal ab und gleich darauf an seinem Ausstieg wieder auf und klettert mit seinen zu weit hinten angesetzten Beinen schwerfällig über die Torfmoosrampe auf das Nest. Für die 2 - 3 Schritte reicht es allemal. Schon schiebt er sich, bucklig aufgerichtet über die Eier und brütet.

Jetzt erst finde ich Zeit, ihn genau anzusehen. Vergleicht man das winterliche Schlichtkleid mit dem jetzigen Brutkleid, so sieht er jetzt wie eine ganz andere Vogelart aus. Sein aus der Ferne grau wirkender Körper ist in Wirklichkeit schwarz, wird aber durch zahllose längliche weiße Sprenkel aufgerastert. Am Halsansatz finden sich die Sprenkel zu schwarzweißen Streifen zusammen. Kopf und Rückseite des Halses sind hellgrau, bis auf den fuchsroten Stern, der die ganze Kehle bedeckt. Von dem hat er seinen Namen Sterntaucher, denn er taucht nicht nach den Sternen, sondern nach Fischen. Auch die Augen leuchten klar fuchsrot.

Noch liegt keine Sonne auf dem Nest, und nur die Reflexe vom Gegenufer und vom Wasser hellen das Bild indirekt auf. Das bedeutet sehr lange Belichtungszeiten, doch der brütende Vogel hält ja meist stille. Aber das tut er auch nach 3 Stunden noch. In der Zeit hat er nur manchmal seinen Kopf nach links oder rechts gedreht. Dann hat er ein Einsehen mit meiner Ungeduld, steht doch einmal auf, wendet die Eier mit dem Schnabel und setzt sich wieder. Bis zur Brutablösung ereignet sich dann gar nichts mehr. Aber auch sie bringt kein Ereignis, denn die Partner treffen sich nicht. Der Ablösende kommt von links und sagt wohl etwas, das keinen Zweifel zulässt, und der Brutvogel plumpst ins Wasser und taucht gleich weg. Eine Störung auf dem Wanderweg veranlasst ihn zwar zur Flucht, aber er kehrt zurück, noch ehe die Schritte verhallen. Ein Schellentenpaar rudert im Hintergrund vorbei und als sich die von ihm verursachte Wasserkräuselung legt, ergeben sich bei meinem Sterntaucher, der ja direkt am Ufersaum brütet, bezaubernde Spiegelbilder. Aber die Sonne steigt, Ihr Licht wird hart und ihre Strahlen heizen dem brütenden Vogel ein, dass er japsen und hecheln muss. Da noch zwei Stunden Heimweg vor uns liegen, kann ich das goldene Licht der sinkenden Abendsonne nicht mehr nutzen und beschließe den Tag als ich abgeholt werde.

Obwohl am Nest nicht viel passiert, nutze ich doch noch einmal die Morgenstunden mit dem schönen Licht, denn es ist alleine schon ein Erlebnis dem seltenen schönen Taucher ganz nahe zu sein. Unvergleichlich still ist es an dem einsamen Moorsee. Im Schlick der Verlandungszone gegenüber trippelt der Waldwasserläufer auf Futtersuche, ruft "tüitt, vit, vit" und rast an das Ende des Sees, wo er wohl ein altes Rotdrosselnest weiß. Das Schellentenpaar ist sich über den Nistplatz noch nicht einig. In der Regel sind das alte Schwarzspechthöhlen oder auch Nistkästen von der Dimension eines Briefkastens. Lange und einsam schreit der verfrühte Kuckuck gegenüber. Er wartet noch auf seine Frau und all die Vögel, bei denen er seine Kinder unterbringen will.

Das gegenüberliegende Ufer jenseits am schmalen See wirkt mit seinen dürren Seggen herbstlich. Ein nur schmaler Niedermoor-Rand am Ufer, das gleich dahinter steil ansteigt und mit braunem Heidekraut, Heidelbeeren, dürrem Gras und Moorlatschen ein Dickicht ist. Die Spirke wächst hier als Baum heran, doch langsam in der kurzen Sommerzeit. Stämme und Äste sind dick mit Flechten überkrustet. Das Hinterland drüben habe ich schon erkundet und weiß, dass die Moräne nur ein Buckel ist, das Land dahinter Moor, Moor und nochmals Moor - das Fagelmossen, also vielversprechend Vogelmoor genannt. Hinter dem Moränenhügel habe ich schon gestern die Kraniche trompeten hören. Ganz sicher brüten sie in der Nähe, aber ich habe darauf verzichtet nach ihnen zu suchen, weil sie am Brutplatz sehr empfindlich sind. Gehe ich nicht zu den Kranichen, kommen sie vielleicht zu mir, denn der See bietet sich an.

Nun ist es Wirklichkeit. Ein Trompetenstoß lässt die Luft erzittern. Scharf und hallend kommt das Echo von den Randbäumen und Waldrändern zurück. Genau gegenüber und hinter dem Sterntaucher hat sich ein einzelner Kranich niedergelassen. Langsam schreitet er Schritt für Schritt auf dem schmalen Niedermoorstreifen direkt an der Wasserkante und sucht Futter. Wo ich versinken würde, schreitet er darüber hin. Was er aufpickt, kann ich nicht erkennen. Manchmal hebt der storchengroße Vogel den Kopf und schreit sein Trompetensignal hinaus.  Dann steht er wieder still am Ufer, als sei er ein Narciss und auf sein Spiegelbild versessen. Die doppelte Bildwiedergabe im Sucher, erinnert zuweilen an Spielkarten. Den halben Tag verbringen beide mit mir. Mal fotografiere ich den Sterntaucher, mal den Kranich. Es ist schwer zu sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Sicher brütet auch der zweite zugehörige Kranich weit von hier, hinten im Moor. Im Norden ist der Winter noch nicht ganz ausgestanden, denn der Mooruntergrund ist noch gefroren. Hier ist ihre Brutzeit erst am Anfang. Nur eine Woche später werde ich Kranichen in Mecklenburg begegnen, die ihre Brutzeit schon hinter sich haben und mit den Kindern unterwegs sind.

Aus den beiden düster ölgrünen leicht schwarz übersprenkelten Eiern der Sterntaucher werden Junge nach 40 Tagen schlüpfen, also im Juni. Ob in dem kalten und besonders saueren Moorwasser genügend Beutetiere oder gar Fische für die Kinder sind, ist fraglich. Dennoch liebt jedes Taucherpaar seinen eigenen einsamen kleinen Moorsee für sich alleine. Sie werden abwechseln die Kinder betreuen, während der Partner auf einem der großen Seen Övre Gla oder Store Gla fliegt, um zu fischen und mit Beute im Kropf zurückzukommen. Bis dorthin sind es nur wenige Flugminuten. Selbst erhalten können sich die Kinder erst, wenn sie auch fliegen können, um dorthin zu streichen, wo es Fische gibt. Dann fliegen sie mit den Eltern auf die großen Seen im Värmland. Ihr erstes Kleid ähnelt dem Wintergewand der Eltern, die ihres im Herbst anziehen werden. Zur Zugzeit ab September sehen sie dann so grau und unscheinbar aus, wie wir sie von uns kennen. Sterntaucher und Prachttaucher leben im Norden von Skandinavien, dem Baltikum und Russlands auf den Ponds der Tundren entlang der Eismeerküste bis hin nach Alaska. Sobald es unfreundlich wird im Brutrevier, und erste Schneestürme peitschen oder Eis sie überdeckt, gehen sie auf die Reise, etliche davon bis auf den Starnberger See um hier zu überwintern, bis das Brutrevier sie wieder lockt.

Ramsarkonvention soll ihnen das Rastgebiet sichern
Manche Vogelarten rasten oder überwintern in beachtlicher Zahl am Starnberger See. Unter den vielen Entenarten ist manche nur mit einem Paar beteiligt, mit 7000 Vögeln erreichen Reiherenten die höchste Zahl. Auch Blesshühner stellen bis 10.000 der Gäste. Die Bedeutung des Sees für Tauchvögel aber demonstrieren schon bis zu 1500 gleichzeitig anwesende Haubentaucher, die auf Rotfedern in einer ganz bestimmten Größe angewiesen sind. Demgegenüber ist die Zahl der großen Seetaucher bescheiden. Den Eistaucher treffen wir nicht jedes Jahr an, und die 7 Prachttaucher muss man sich mühsam zusammensuchen, denn sie treten einzeln auf. Was aber sind schon 30 Sterntaucher?

Es bedeutet, dass gerade diese seltenen Arten auf Gedeih und Verderb auf dieses Rast- und Überwinterungsgebiet angewiesen sind. Wir haben hier Vögel als Gäste, für die der Winteraufenthalt seit Jahrtausenden eine Überlebensfrage für die Art ist. Es muss jedermann einleuchten, dass Vögel, die mit eigener Muskelkraft eine Reise hinter sich gebracht haben, die wenigstens 3000 km weit ist, vielleicht aber auch um fast den ganzen Norden dieser Welt geführt hat, erschöpft sind und Pause machen müssen. Wer mit letzter Kraft die gastlichen Seen erreicht hat und sich auf sein Fischfrühstück freut, der wird auf einmal von Allwettersurfern und Segelboten als Wendeboje benutzt. Mit letzter Kraft versuchen solche Vögel sich tauchend oder fliegend zu retten, werden aber an manchen Wochenenden bis zur Erschöpfung immer wieder gescheucht. Aber auch jagende Naturnutzer tragen an manchen Tagen dazu bei, dass Wasservögel nicht zur Ruhe kommen. Der erzielbare Jagdertrag steht in gar keinem Verhältnis zu dem Schaden, den sie mit unüberlegter Jagd unter den Wintergästen anrichten. Die Skala der Probleme lässt sich beliebig erweitern auf andere Naturnutzer, zu denen die Berufsfischer genauso gehören, wie Freizeitangler, die nicht verhungern werden, wenn sie auf dem See nicht mehr angeln dürfen. An den wenigen Stellen, die schon unter Naturschutz stehen, ist es ein seltsames Kuriosum, dass in den Naturschutzgebieten zwar die Naturschützer ausgesperrt sind, nicht aber die für die Vogelwelt so schädlichen Naturnutzer.

Für die großen Seetaucher und die Haubentaucher ist gerade dieser See vor allen anderen so bedeutsam, weil er auch im Winter reichlich Nahrung erreichbar verfügbar hat. Der rund 56 qkm große See ist rund 20 km lang und mit 128 m Tiefe der wasserreichste unserer Seen. Damit speichert er mehr Wärme und friert höchstens alle 6-10 Jahre zu und ist für die Vögel fast immer verfügbar. Er hat keine nennenswerten Zuflüsse und ist der klarste unserer Seen. Damit können die Vögel noch in großer Tiefe ihre Beutefische sehen, um sie zu fangen . Ihre bevorzugten Beutefische sind Rotaugen, und die kommen in passender Größe grenzenlos vor und halten sich im Winter bevorzugt in Tiefen von 25-70 m in einem solchen Gewimmel am Grund auf, dass die Tauchvögel bei ihrer Jagd sehr erfolgreich sein können. Da gelegentlich Taucher an dunklen Tagen mit schlechter Sicht in 30-45 m Tiefe in Fischnetzen stecken bleiben ertrinken sie. Man weiß damit aber auch, wie tief sie jagen und was sie im Magen hatten. Rotaugen, ausschließlich Rotaugen, rund 15-20 an der Zahl. Sie fressen also dem Menschen nichts weg. Aber es gibt Gebiete, wo gerne die Fische ruhen, in denen die Taucher leichter jagen als in anderen, weil sich die Beutefische bevorzugt hier aufhalten. Gerade große Tauchtiefen und Tauchzeiten von meist 75 Sekunden zeigen, dass Fischjagd hohe Anforderungen an die Vögel stellt. Denn sie müssen ja nicht nur tauchen, sondern auch schneller sein als die schnellsten Fische. Auf Land sind alle Taucher mit ihren weit hinten angesetzten Füßen schwerfällig. Unter Wasser aber jagen sie mit diesem Heckantrieb und fest angelegten Flügeln mit hohem Tempo hinter der Beute her. Je häufiger die ist und je besser sie zu sehen ist, desto wirksamer ist das für den Fangerfolg.

Wieder aufgetaucht, jonglieren die Vögel mit dem Gewicht. Sie liegen mal hoch auf den Wellen, mal flach und tief im Wasser, dass man vom Rücken nur einen Streifen sieht. Sie fliehen auch lieber durch Tauchen als durch Fliegen. Denn sie müssen über das Wasser rennen, um in die Luft zu kommen und vergleicht man den schweren Leib mit den kleinen Fittichen, hält man sie für plump. Aber wenn sie bei einem Alarmstart eine gewisse Höhe erreicht haben, eilen sie mit sehr schnellen Flügelschlägen rasant und mit sausendem Pfeifen dahin. Sie stürzen sich am Landeplatz auch oft steil auf das Wasser und tauchen sofort weg. All das erfordert aber einen erheblichen Energieaufwand, und wenn sie bei einer Treibjagd oder durch Wassersportler herumgehetzt werden, kommen sie rasch in ein Energiedefizit und sterben, ohne dass ein Schuss fiel.

Gewiss kann ein Mensch auch ohne die Tauchvögel leben, aber sie können es nicht ohne den Starnberger See als Winterquartier. Und ihre Rechte sind älter, denn sie kamen hierher, noch ehe es am See Menschen gab. Jeder wird auch zugeben müssen, dass Segeln, Surfen, Tauchen Sommersportarten sind, denn vor der Erfindung der Trockentauchanzüge hätte man sich eine Lungenentzündung auf dem See geholt. Was heute die Vögel gefährdet, sind neue Modesportarten, die der Mensch für seine Existenz nicht braucht.

Sieht man einmal von ein paar Schilfstreifen ab, in die der Mensch nicht kriechen soll, und von einer Brutinsel für Flussseeschwalben, dann ist auch den Sommer über niemand am See in seinen Erholungsansprüchen beeinträchtigt, wenn das Ramsarschutzgebiet wirksam wird.

Welche Bedeutung der Starnberger See, aber auch Ammersee und Chiemsee für ziehende Vogelarten haben, war der Deutschen Bundesregierung durchaus bewusst, als sie der Ramsarkonvention von 55 Staaten schon im Jahr 1976 beigetreten ist. Nur hat sie ihre Verträge nicht eingehalten, diese Rastgebiete für die Vögel zu bewahren und das zu überwachen. Da das am Starnberger See nicht eingehalten wurde, ist Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt worden. Wir zeigen gerne mit dem Finger auf andere, auf Italiener, die Singvögel essen oder Afrikaner, die aus Rastgebieten unserer Vögel durch Überweidung Wüste werden lassen oder Jagdtourismus vermarkten. Jetzt können wir endlich beweisen, wie ernst uns die internationalen Naturschutzverpflichtungen der Nation sind. Ich meine auch, dass es Gedankenlosigkeit ist, die Wintersegler auf den See hinaustreibt, denn wer möchte heute schon als Umweltschädling gelten. Diesen Vögeln hilft man auch nicht mit dem Futtersack, sondern damit, dass man sie einfach in Ruhe lässt. Darunter sind so faszinierende Arten wie jene Pracht- und Sterntaucher, denen ich ins Brutgebiet gefolgt war.

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