Ammersee/ Starnberger See: Tafelente aus Asiens weiten Mooren, Augen rotglühend wie ein Rubin
Text und Fotos
von Wolfgang Alexander Bajohr

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Tafelente

Es muss schon etwas Besonderes an der kleinen Ente sein, dass sie mit so kostbaren Augen in die Welt schauen darf. Mit Augen, so funkelnd wie ein Rubin aus dem Nibelungenschatz kann nur die Tafelente (Aythya ferina) aufwarten. Nicht anders als der Recken Schar kommt sie indirekt aufwärts der Donau nach Westen. Genau genommen kommt sie aus den Steppen- und Moorgebieten hinter dem Ural aus den Weiten Sibiriens. Gleich nach der Reiherente mit der kecken Federlocke stellt die

Tafelente mit dem fuchsroten Köpfchen das zweitgrößte Kontingent. Schmuck ist der Erpel im Prachtkleid, dann ist auch noch die Brust schwarz und der Rücken grau marmoriert. Bei seiner Braut ist alles braun übertüncht, doch ahnt man die Farbverteilung noch. Deutlich kleiner als die bekannte Stockente würde ich sie mittelgroß beschreiben. Da sie auffallend tiefer im Wasser liegt, zudem durch anpressen des Gefieders die Luft aus dem Federkleid drücken kann und die Beine weiter hinten angesetzt hat, wird klar, dass sie eine Tauchente ist. Will sie starten, muss sie erst tüchtig über die Wellen rennen, um Luft unter die Flügel zu bekommen.

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Enten-Ruhezone 

Auf unseren großen Seen muss sie leider recht oft rennen und fliegen, weil sie trotz RAMSAR-Schutzgebiet keiner in Ruhe lässt. Ein schlechtes Beispiel geben selbst die Jäger, wenn sie auf Stockenten ganz legal jagen, aber Tausende anderer Enten aufscheuchen. Dann kommen erst die Ruderer, dann die Wintersurfer, Angler und Segler. Alle aber meinen, der See sei groß genug. Aber die kleinen Enten können eben nicht mal ein Stück weiterrücken, denn sie brauchen die Flachwasserbereiche.

 Die liegen südlich der Linie Bernried-Ambach und nördlich von Possenhofen-Leoni. Weil die Enten nicht länger als 20-40 Sekunden Tauchzeit schaffen, darf es nicht tiefer als 5 m sein. Gemeinsam mit den Blesshühnern weiden sie als überwiegende Vegetarier die Wasserpflanzen ab und verhindern damit die Faulschlammbildung. Jenes klare Wasser, das wir Menschen schätzen, ist auch ein Werk der Tafelenten.

Für sie ist die Minimalforderung: keine Freizeitnutzung auf dem See von 1.11.-31.3. eigentlich zu knapp bemessen. Wenn die Sommersaison ausläuft, treffen sie hier schon ein, um auf Starnberger See, Ammersee und in Ismaning mit der Mauser zu beginnen. Wenn im Herbst bis zu 1.600 Tafelenten auf dem See schaukeln, stört sie gleich Mitte Oktober auch schon die Jagd, die zwar nicht ihnen gilt, sondern den Stockenten. Die beunruhigten Tafelenten können in der Mauser ja nicht einfach weiterfliegen, denn sie sind flugunfähig. Nach der Mauser zieht ein Teil weiter auf den Bodensee, um dort noch das Feingefieder zu wechseln.

Weil nachtaktiv, nutzen sie die erste Nachthälfte zur Futtersuche und schlafen in der zweiten Nachthälfte. Wenn man sie in Ruhe lässt, ist Vormittags wieder Essenszeit und vom Mittag bis zum Abend schlafen sie erneut. So hätte es ab Herbst im RAMSAR-Schutzgebiet sein können, wenn man nicht den Vegetarier Tafelente mit dem Fischesser Kormoran in einen Topf geworfen hätte. Tafel- und Reiherente sind 10x, ja 20x häufiger als der gescholtene Kormoran. Auch Reiherenten essen keine Fische, sondern sie reduzieren die ungeliebte Wandermuschel nach Kräften. Wenn sie tauchen, dann rudern sie kräftig mit den Flügeln. Das kann die Tafelente nur bei einem Alarmstart unter Wasser. Normal rudert sie nur mit den Füßen und länger als 20-40 Sekunden hält sie es unten nicht aus. Das reicht gerade für 5 Meter Tiefe und weniger.

Tafelente als Brutvogel
Tafelenten brüten hinter dem Ural und mit fast 1000 Paaren auch in Bayern. Schon Alt-Ornithologe Pfarrer Jäckel schrieb, daß 1891 jährlich 6-8 Paare in den Moorweihern bei Buch brüten. Am Starnberger See brüten sie nicht und am Ammersee nur gelegentlich. Doch am Maisinger See hat Jagdaufseher Hans Wachter sie schon 1880 entdeckt. Zwischen 1912 und 1915 schreibt Prof. Laubmann von 45 Paaren am Maisinger See. 1828 brüten dort 15-20 Paare, aber 1932 nur noch 2 Paare. 16 Jahre bleibt sie verschwunden und 1949 kommt 1 Paar zurück. Ab 1955 finden sich dann 4-5 Nester inmitten der Lachmöwenkolonie, wo sie von der Wachsamkeit der Möwen profitiert. Regelmäßig brütet sie auch am Zellsee hinter Raisting.

In der guten Stube auf dem Maisinger See habe ich sie balzen sehen. Da schüttelt der Erpel heftig den Kopf und legt sich flach auf das Wasser, dass vom Kopf gerade noch Augen und Schnabelspitze sichtbar bleiben. Ihre Schwimmnester aus Schilf übernehmen sie wohl von den Lachmöwen und bessern sie aus. Immer werden sie dabei selber zu Koloniebrütern, ja mehrere Weibchen legen sogar die Eier in ein Nest. Wie bei allen Enten sind die Jungen Nestflüchter, die sie noch 50-55 Tage führen. Doch eines holt sich die Rabenkrähe, ein anderes die Rohrweihe oder der Hecht, so dass am Ende nur ein Bruterfolg von 3,6 Jungen übrig bleibt.

Zuweilen setzt eine Rückwanderung nach Osten ein, denn die Beringung hat bewiesen, dass eine Bayerische Tafelente durchaus einen Partner vom Ural heiraten kann. Wenn wir morgen noch immer kein RAMSAR- Schutzgebiet haben, dann sollten wir uns erinnern, dass vielleicht einer der beiden Partner aus Bayern stammt und sich wundert, wenn kein Platz mehr in der Herberge ist. Bis jetzt waren die Ramsar-Schutzgebiete ein Lippenbekenntnis. Bayerns Naturschutzverbände haben es darum eilig und begrüßen, wenn Umweltminister Goppel die Forderung der Vogelschützer sehr rasch ernst nimmt und die großen Seen im RAMSAR-Jahr wieder ein Platz für Tiere werden.

Biologie der Tafelente (Aythya ferina)

Tafelenten sind Tauchenten, die etwas kleiner als Stockenten sind. Im Prachtkleid hat der Erpel einen auffallend fuchsroten Kopf und Hals, eine kohlschwarze Vorderbrust und eine scharf abgesetzte hellgrau marmorierte Oberseite und Flanken. Er wiegt 850 g, das Weibchen 800 g. Sie ist überwiegend braun und wirkt so, als sei die Farbe des Männchens braun lasiert worden, so dass die Zeichnung durchschimmert. Auffallend ist sein leuchtend rubinrotes Auge.

Tafelenten brüten über ganz Mittel-, Süd- und Ostsibirien verteilt auf Mooren und an brackigen und salzhaltigen Seen im Röhricht und auf Seggenbülten. Sie breitet sich als Brutvogel seit Ende letzten Jahrhunderts westwärts aus. In Bayern schätzt man den Brutvogelbestand auf 1.000 Paare. Ihre Nahrung sind vor allem Wasserpflanzen, die sie bis 5 m Tauchtiefe heraufholen. Mollusken, Wasserinsekten, Kleinkrebse, Schnecken und die Wandermuschel nimmt sie nur gelegentlich.

Als Wintergast ist die Tafelente auf die Mausergelegenheit und die Flachwasserbereiche der großen Seen angewiesen. Auf dem Starnberger See ist sie mit 1.500 Vögeln und mehr die zweithäufigste Ente nach der Reiherente. Im Winter liegt die Zahl knapp darunter. Auf dem nahen Ammersee liegt im November die Höchstzahl knapp unter 1.000. Die Summe für den ganzen Winter bei knapp 3.000.

Regelmäßiger Brutvogel ist sie seit rund 100 Jahren auf dem Maisinger See und anderen Moor-Kleingewässern im Fünf-Seen-Land. Mai bis Juli legt sie 6-13 graugrüne bis rahmfarbige Eier, die sie vom Vollgelege an 24-28 Tage bebrütet. Die Jungen sind Nestflüchter, die mit 50-55 Tagen flugfähig sind und sich von der Mutter trennen.