Starnberger See/ Maisinger See: Bei den Zwergtauchern im Schilfwald.
Verborgen im raunenden Rohr 
Text und Fotos von Wolfgang Alexander Bajohr

Zwergtaucher

Im 5-Seen-Land können wir die Zwergtaucher den ganzen Winter über zwischen all den anderen Wasservögeln sehen, besonders auch an der Promenade am Starnberger See und am Seglerhafen. Weil sie nur faustgroß sind, meist alleine oder nur zu zweit schwimmen,  den Winter über ein unauffälliges graues Kleid tragen und meist unter Wasser sind, übersieht man sie leicht. Aber sie sind da. Den Sommer über brüten sie immer dort wo dichtes Schilf ist. Ohne Schilf keine Zwergtaucher. Das ist am Starnberger See nicht anders als in den kleinen Mooren in der Toteislandschaft, in den Naturparadiesen der kleinen Seen und in den Alt-wässern der Flüsse. Immer ist dichtes Schilf als ihr Lebensraum Voraussetzung.

Wer im Sommer nicht zu eilig diese Altwasser und Schilflebensräume betrachtet, wird unwillkürlich verharren und ihren Anblick genießen, so zauberhaft ist es dort, wo  Schilf, Wald und eine mächtige Eiche am Ufer das Biotop umrahmen, und ein riesiger Busch azurblauer Iris sibirica steht dekorativ davor. Die Wasserfläche aber ist übersät von einem grünen Geflecht mit großen sattgrünen Schwimmblättern und unzähligen weißen Wassersternen blühender Seerosen. Auf dem tiefschwarzen stillen Moorwasser ein unvergesslich malerisches Bild, das einen so verzaubert, dass man jeden Augenblick glaubt, daß Nymphen den Blüten entsteigen müssen.  Da blühen rosa die Ähren des Laichkrautes zwischen Ranken und ovalen Blättern. Wo in der Mitte eine nicht begehbare Insel aus Seebinsen und Seggen wächst, ist das Reich der Nymphen und ihrer Seerosenblüten, liegt rund um diese „Insel“ und ist das ganze Jahr über mit weißen Blüten geziert. Dem Schilfwald zu, blühen aber auch die Mummeln, Gelbe Teichrosen und Wasserhahnenfuß. Blaugrüne Mosaikjungfern zucken mit knisternden Flügeln darüber hin. Unter den Eichen, im Schlick zurückweichenden Wassers, zwischen den Horsten der Seggenbülten tippen paarweise fliegende kleine rote Libellen immer wieder herab auf den schwarzen Schlamm und lassen Ei um Ei fallen. Diese kleine Libelle ist eine große Rarität, die sonst schon überall ausgestorben und daher bedroht ist. Die "Späte Adonislibelle" tanzt ihren Hochzeitsreigen. In das Brutgebiet verirrt sich ganz selten jemand. Das ist gut so. Darum ist es dort wo Schilf und Moor sich treffen, rundum ganz still. Weiden, Kiefern, Moorbirken, und  der  Mischwald reichen bis an das Ufer, und der Wald geht nahtlos in ein Schilffeld über. Ein Streifen raunenden Rohres. Dort, wo eine alte Eiche in das Wasser gestürzt ist, sitzen gerne Frösche und Stockenten auf dem Stamm und sonnen sich. Hier öffnet sich nochmals eine offene Wasserfläche. Dahinter wird der Schilfwald undurchdringlich dicht.

Die Lebensräume im Schilfwald sind abwechslungsreich für alles, was da kreucht und fleucht. Viele dieser Tiere sind sehr selten und in unserem Landkreis nur noch hier im Schilfdickicht zu finden. Das anscheinend tiefschwarze Wasser ist glasklar über dunklem Moorgrund und gibt im zeitigen Frühjahr den Blick frei auf  Teich- und Kammmolche und die Frühlaicher unter den Fröschen. Bläulich schimmernde Springfrösche, die aus dem Wald kommen und rot angelaufene Grasfrösche von den Streuwiesen. Das ganze Jahr über quaken mit Höllenspektakel Laubfrösche in den Büschen, und selbst von der Straße aus hören wir das Konzert der plärrenden Grünfrösche. Tief grunzen die urweltlich anzuschauenden Gelbbauchunken. Große Fische, die Amphibien gefährden könnten, sehe ich nicht, doch laichen auch viele Fische im Schilf, die man nie sieht. Nur kleine harmlose Moderlieschen sieht man gelegentlich.

Alles Angebotene reicht offensichtlich dem Graureiher, der gerne  herbei streicht und verborgen am Schilfrand steht. Gelegentlich schauen auch Durchreisende vorbei, Störche, oder es schaukelt eine Rohrweihe über dem Schilfwald, ein Schwarzmilan oder die Kornweihe. Im Vorfrühling kreisen und balzen Habicht und Mäusebussard hoch in der endlosen blauen Luft des Himmels.

Doch der Ernst des Lebens beginnt rasch für die Zwergtaucher. Die Flitterwochen gehen zur Neige. Wo in Seggen und Schilf ein Klumpen Halme aufeinander liegt, tut sich etwas. Unaufhörlich schleppen die Taucher mit ihren Schnäbelchen modrige Halme und Stängel heran und schichten sie aufeinander. Dazwischen stopfen sie faulige Blätter, die sie vom Grund empor holen. So wächst allmählich ein großer schwimmender Klumpen. Immer mehr schichten die Zwergtaucher hinauf, bis das Nest fertig ist. Modrig, feucht und gärend treibt es als Boot im Wasser, und gerade darum ist es so gut, und den kleinen Tauchern gefällt es.

Das Weibchen hat jetzt besonderen Hunger, und immer, wenn es gerade satt ist, knurrt der Magen schon wieder. Denn es muss jetzt Eier legen. Während das Weibchen auf dem Nest sitzt, wacht das Männchen in der Nähe und umgekehrt. Wenn ein Triller warnt, deckt der brütende Vogel die Eier rasch mit nassen Blättern zu, damit sie schön warm bleiben und unsichtbar sind. Plumps taucht er ins Wasser und ist gleich weg. Hier ist ein heimliches Zwergtaucherrevier, und ich habe Glück, denn im Schilf am Ende eines Steges steht ein etwas ramponierter Entenjagdschirm der Jäger. Von da aus ist der schmale Schilfstreifen gut zu übersehen, und gleich daneben schwimmt in passender Entfernung das Schwimmnest der kleinen Taucher im Schilf.
"Bibibibibibibibibibi" ruft ganz dicht neben mir der Zwergtaucher, aber zu sehen ist er nicht. Allenfalls höre ich einen Plumpser im Schilf, wenn er wegtaucht. An den gut mit Schilf getarnten Entenjagdschirm müssen die Vögel sich nicht erst gewöhnen, denn er stört sie nicht, sonst hätten sie ja ihr Nest nicht daneben gebaut, obwohl er da war. Ich muss ihn nur ein wenig ausbessern, weil die Frühlingsstürme ihn zerzaust hatten. Der Kahlschlag war es, der die Nestfotografie einst so in Verruf brachte. Aber auch der ist hier nicht nötig, denn ich kann ja blitzen und brauche keine Sonne. Hier störe ich die Tiere sicher nicht.

Nach alter Erfahrung bringt mich ein Begleiter in den Schirm und geht dann. Ich sitze längstens 3 Minuten still, da bewegen sich schon neben dem Nest die Schilfhalme. Unsichtbar zwängt sich jemand unter Wasser durch. Links, einen Meter neben meinem Kopf, singt der Teichrohrsänger, vom Ackerrand her höre ich die Goldammer, in den Faulbaumbüschen flötet ein Pirol, am nahen Uferrand in den Weiden ein Fitis und eine Weidenmeise, und man hört das Wispern der noch stummelschwänzigen Schwanzmeisenkinder, denn der Busch hängt voller Raupen. Der Wind trägt einen Kuckucksruf herüber, und urplötzlich sitzt neben dem Nest im Wasser ein Zwergtaucher. Hübsch ist er. Blitzende Wasserperlen stehen auf blauschwarzem Gefieder. Die fuchsroten Hals- und Kopfseiten stehen ihm gut. Matt leuchtet der weiße Wulst zwischen dem dunkel rotbraunen Auge und der Schnabelwurzel. "Bibi" macht er noch einmal und taucht wieder weg, unter dem Nest hindurch und sofort dahinter wieder auf. Er klettert hastig hinauf, räumt die Blätter von den Eiern sorgfältig zur Seite und sitzt auch schon. Auf die sehr leise Kamera und den Blitz reagiert er überhaupt nicht. Er wendet den Kopf hierhin und dorthin, und immer wieder sieht er wunderschön aus. Ich fotografiere, fotografiere nochmals und immer wieder. Dass ich einen ganzen Film verschossen habe, bemerke ich erst, als der automatisch zurückläuft. Allmählich werde ich wählerischer, fotografiere auch mit Konverter und warte lange dass etwas geschieht. Aber es passiert nichts. Der Taucher ist völlig vertraut, aber ich werde allmählich steif vom langen Sitzen.

Ich setze auf die Brutablösung und hoffe beide Eltern auf ein Bild zu bekommen, aber das glückt nicht. Kommt Ablösung, rutscht der brütende Vogel ins Wasser, deckt aber die Eier nicht zu. Die Ablösung klettert hinauf und sitzt schon. Aber ich lerne beide Partner unterscheiden. Das Weibchen ist kleiner und nicht so bunt. Der Schnabel ist kürzer, ebenso der weiße Strich dahinter und auch die rostrote Kopfzeichnung ist kleiner. Beim Männchen zieht sich die Rotzeichnung viel weiter, farbiger und ausgeprägter auch den Hals hinab. Sein Kopf ist gestreckter und größer, Schnabel und weißer Strich sind länger, alles ist viel prächtiger. Wenn er hinaufsteigt, sitzt er mit seinem S-förmig gebogenen Hals anmutiger auf der Wasserburg. Manchmal rast er hinauf und übermütig drüben gleich wieder herab, taucht unter dem Nest durch und steigt abermals hinauf, ordnet die Eier und setzt sich. Ich habe von beiden hunderte von Bildern gemacht. Hoch und quer, mit Wasserspiegelung und ohne. Mal sorgt der niedrig darüber hinstreichende Habicht für Aufregung oder eine durchziehende Rohrweihe. Dann flüchten sie ins Wasser und tauchen, aber dann decken sie stets auch die Eier zu. Wenn sie wieder auftauchen, räumen sie die Tarnung weg. Ich habe auch das von allen Seiten fotografiert. Sehr selten nur kann ich sie im Wasser aufnehmen, da sie meist gleich tauchen oder erst direkt am Nest auftauchen und gleich hochsteigen. Rechts, wo ich auf den See schauen kann, sehe ich kein einziges Mal den Taucher auf der freien Wasserfläche. Die Chance, sie dort zu fotografieren ist fast Null, denn sie bewegen sich nur im Schilf und bleiben im Schilf in Deckung, wo sie sicher vor der Luftaufklärung sind, und sie finden dort bevorzugt ihre Nahrung. Meist Kaulquappen, Egel und Libellenlarven. Zu einer bestimmten Stunde stiehlt sich die Sonne durch das Schilf und scheint eine halbe Stunde lang auf das Nest. Aber hell wird es im Schilfwald dennoch nicht, und ohne Blitz geht gar nichts. Schneller als gedacht, kann ich meine Arbeit beenden und kann mich abholen lassen.

Inzwischen sind die weißen Eier vom Modder gelb geworden. Binsen und Seggen rundum sind mittlerweile gewachsen und das neue grüne Schilf überwuchert die gelbe Altschilfschicht mannshoch.  Ich hatte mir ausgerechnet, dass die Jungen 21 Tage nach Brutbeginn schlüpfen werden und fahre in den kritischen Tagen täglich hinaus. Nur an einem Tag kann ich nicht, und gerade an dem schlüpfen sie, und ich verpasse den Zeitpunkt. Obwohl das Gebiet offener Flächen  sehr klein ist, hat man nie eine Gelegenheit, sie auf dem freien Wasser zu fotografieren, denn sie gehen nie aus der Deckung heraus. Die Vogelbabys sind schwarz und vierfach gelb gestreift, haben rote Schnäbelchen unter einer silbergrauen Stirn. Ihre schwarzen Füßchen tragen auch schon die Schwimmlappen wie die Ruder der Eltern. Ich sehe zwar mal eines der schwarzgelb gestreiften kleinen Zebras, aber gleich ist es wieder im Schilf.

Gerade als ich wieder einmal vorbeikomme, entdecke ich die Schar, wie sie sich zwischen den weißen Blütensternen der Seerosen und ihren großen grünen Schwimmblättern tummelt. Auch ein Blesshuhn mit einem Dutzend rotköpfigen Jungen schwimmt dort, und eine Reiherente mit Jungen ist gleichfalls unterwegs. Ich ducke mich am Ufersaum hinter einem riesigen Busch blau blühender Iris sibirica neben den akeleiblättrigen Wiesenrauten und hoffe, dass die Zwergtaucher vorüberschwimmen oder wenigstens einer nahe kommt, damit ich fotografieren kann, aber ich habe kein Glück. Dauernd rufen und trillern sie "bibibibibibibibibibi", doch ins offene Wasser kommen sie nie heraus, sondern bleiben immer in der Deckung. Das ist so ihre Art.

Auf den Moorwiesen hinter dem Wald tanzen leuchtend hellblaue Hufeisenazurjungfern über dem Gras und eine große Vierflecklibelle jagt zwischen den einzelnen Schilfhalmen. An einem Röhrichthalm hat eine Feldwespe ihre Stielwabe gebaut. Auffallend niedrig ist das Pfeifengras auf den nährstoffarmen Moor- und Streuwiesen. Überall läuten Kuckuckslichtnelken. Einige pinkfarbene Mehlprimeln sind noch nicht verblüht und kontrastieren zum Gelb des Hahnenfuß und dem Violett der Flockenblumen. Schmetterlinge fliegen: Schachbrett, ein Pfauenauge, etliche braune Perlmutterfalter, ein großer Perlmutterfalter, Silbergrüner Bläuling und Hauhechelbläuling, Flockenblumenscheckenfalter und der sehr seltene Silberscheckenfalter. Klee-Zygänen paaren sich auf einer Witwenblume und überall huschen grünsilberne Grünwidderchen. Und dann ist da auf einmal ein orangefarbener Schmetterling, den ich nie zuvor gesehen habe, nicht größer als ein Bläuling. Aber wenn er sich setzt, bekommt er im Sonnenlicht Farben wie das tropische Feuer und schillert mal orange, mal bläulich zwischen seiner schwarzen Zeichnung. Er kommt selten zur Ruhe und setzt sich fast nie. Das ist der kleine Ampferfeuerfalter. Nebenan im Wald flötet sehr laut die Misteldrossel. Im Brennessel-Schilfgemisch am Wasserabzuggraben der Felder schwätzt der Sumpfrohrsänger, und im Schilf daneben sein Ebenbild der kleine "Karrekiet" oder Teichrohrsänger. Männchen und Weibchen treten immer zu zweit auf.

Bis zum Herbst werden auch die Jungvögel erwachsen sein und mit auf die Reise gehen. Vielleicht im Winter auf die schnell fließenden Flüsse, die nicht zufrieren, wie Isar oder Ammer. Vielleicht bleiben sie auch auf dem Ammersee besonders gerne aber am Starnberger See. Aber unter den Tausenden von Wintergästen sind sie nur selten vertreten, und man sieht sie fast stets als Paar zusammen, denn sie leben in Dauer-Ehe. Manche reisen auch die Flüsse hinunter bis in die Donau. Sie bleiben in milden Wintern in Ungarn oder im Donaudelta oder machen auch einen Abstecher ans Mittelmeer.
Um reisen und fliegen zu können, brauchen alle Taucher einen langen Anlauf für den Start, um Luft unter die Flügel zu bekommen. Es ist schon verwunderlich, dass sie mit so kurzen Flügelchen überhaupt fliegen können. Aber wenn sie erst einmal fliegen, sind sie schnelle und rasante Flieger. Weil sie aber immer im Tiefflug reisen, werden ihnen alle Überlandleitungen gefährlich. Um zu flüchten, fliegen sie nie, sondern verstecken sich viel lieber unter Wasser, tauchen ab und fliehen ins Schilf. Bejagt werden sie ohnehin nirgends. Obwohl sie so vorsichtig sind, ist der Bestand in den vergangenen 40 Jahren rapide zurückgegangen. Einst lebte im Auwald in jedem Altwasser ein Paar. Doch es hat viele Wasser-Regulierungen gegeben, und da sie Endglieder in der Nahrungskette sind, landet die Chemische Keule aus der Landwirtschaft mit allen schädlichen Folgen auch bei ihnen.

Den Winter über sieht man sie allenthalben und sie sind auch wenig scheu, wenn sie an dem See-Abfluss Würm oder im Seglerhafen schwimmen. Der Starnberger See ist ein ideales Winterquartier, da er selten zufriert und bis in große Tiefen klar bleibt. Da sie ihr Sommerkleid ablegen und ein graues Winterkleid tragen, könnte man sie für eine ganz andere Vogelart halten.

Ich denke noch immer gerne an die geheimnisvollen Stunden bei den kleinen Tauchern zurück. Der Schilfwald raunt seine flüsternden Worte von heimlich stiller Natur in diesem so wundervoll und reichhaltig belebten Paradies, das in seiner Ursprünglichkeit und Schönheit einmalig ist.