Der Fuchs in Kulturen, Fabeln und Mythen

Ein Streifzug

Rabe, Fuchs knabbert

Fuchs schnürt

Fuchs keckert   Fotos W. A. Bajohr

Wohl beinahe jeder von uns weiß eine Geschichte über den Fuchs. Diese stammen zumeist von einigen bekannten Fabeln und Liedern (Der Fuchs und der Rabe, Fuchs du hast die Gans gestohlen...). Und viele Menschen haben schon einen Fuchs gesehen, im Wald, am Dorfrand, vielleicht sogar in der Stadt. Warum ist das so? Was steckt hinter diesem Wildtier?

Der bei uns vorkommende Rotfuchs (Vulpes vulpes) hat von allen wildlebenden Fleischfressern das größte geographische Verbreitungsgebiet: Er kommt von nördlich des Polarkreises bis in die Wüstengebiete vor und von Nordamerika über Eurasien bis zum Beringmeer. Betrachtet man weiters die Verbreitung der Unterarten der Gattung Vulpes, so gibt es kaum ein Land der Erde, welches nicht von einer Fuchsart besiedelt ist (Australien – Rotfuchs, Besiedlung durch Importe aus England).

Diese große Anpassungsfähigkeit des Fuchses geht auch aus seiner Biologie hervor: hier verbinden sich hervorragende Sinnesleistungen mit einer raschen Auffassungsgabe, hoher Lernfähigkeit und gutem Erinnerungsvermögen. Weiters vermag der Fuchs ein äußerst breites Nahrungsspektrum zu nutzen und auf verschiedene Einflüsse mit hoher Nachwuchsleistung zu reagieren. Sein geschmeidiger Körperbau erscheint als Sinnbild der genannten Eigenschaften.

Immer schon scheint der Fuchs auch die Nähe des Menschen aufgesucht zu haben, ob von seinen Abfällen zu profitieren oder auch kleine Haustiere zu rauben. Jedenfalls haben viele menschliche Kulturen den Fuchs seit langen Zeiten wahrgenommen, mit allen seinen Eigenschaften sowohl im positiven als auch im negativen Sinn.

Von Mythen und Fabeln

Mythen und Fabeln mit dem Fuchs als Inhalt beschreiben daher ebenso sein Vorkommen, hinweg über alle Kontinente in unterschiedlichsten Kulturen. Das reicht von Japan und China über Indien, Sibirien, den Eskimos und Indianervölkern Nordamerikas über Mexiko und Südamerika bis Feuerland. Ebenso gibt es Fuchsmythen und Fabeln in großen Teilen Afrikas und überall in Europa.

Vor allem in der neuen Welt tritt mit dem Fuchs oft gemeinsam der Koyote auf: “Koyote, der Trickster und sein Spießgeselle Fuchs.” Dabei stellen die beiden kleinen hundeartigen Raubtiere meist ein Art Dualismus dar z.B. mit Gut/Böse, Erde/Luft….

Die Verhaltensweisen, welche dem Fuchs mit menschlichen Eigenschaften zugeschrieben werden, reichen von “listig-hinterlistig, verschlagen, heimtückisch, überheblich bis zu schlau, weitblickend und weise“.

Übereinstimmung und Parallelen in globalen Fuchsmythen

Bei der kaum überschaubaren Vielfalt an unterschiedlichen Mythen und Legenden lassen sich jedoch gewisse Übereinstimmungen und ähnliche Motive herauslesen, welche dem Fuchs zugeschrieben werden. Hier einige davon:

Diebstahl: geraubt werden gerne Lebensessenzen (Plazenta, Sperma, Blut), Gestirne und Elemente wie Mond, Sonne und Feuer, Lebensmittel und immer wieder Frauen…

Farbe und Feuer: nicht verwunderlich dominiert die Farbe rot, aber auch weiß (weiße Füchse sind heilig), teilweise auch schwarz – so erhält z.B. der Schakal seinen dunklen Rücken vom (gut gemeinten) Versuch, die herab gefallene Sonne zu tragen; in Europa gilt der Fuchs auch als Feuertier, so springt nach einem Brauch in Westfalen ein Dämon als Fuchs durchs Osterfeuer…

Fruchtbarkeit: Koyote und Fuchs kommen in vielen Schöpfungsmythen vor; der neunschwänzige Fuchs in China gilt als Symbol der Fruchtbarkeit; sich paarende Füchse auf Feldern bringen gute Ernte; treffen Sonne und Regen aufeinander, so ist dies die Paarungszeit der Füchse; “Fuchs passen” meint in manchen Alpenregionen das Warten des Vaters auf die Geburt des Nachwuchses…

Ehebruch & Inzest: kommt laufend vor, v.a. bei Koyote und Fuchs in Nordamerika; siehe die Fabel vom Jaguar und Fuchs aus Südamerika; Epos Reineke Fuchs und Gieremund, der Frau des Wolfes Isegrimm!

Priestertum, Schamanen & Hexen: übergeworfene Fuchsbälge wurden von Priestern in Ägypten, Schamanen in Sibirien und Indianern Nordamerikas zu spirituellen Sitzungen verwendet; in Europas Sagen, z.B. der Fuchs als Hexentier im Kanton Uri; besitzen die Macht für die Rückführung ins Leben; immer wieder treten Füchse als Priester und Nonnen auf…

Verwandlung & VerführerIn: Verwandlungsmythen ziehen sich durch viele Geschichten, oft auch Schöpfungsmythen, mit etwa folgendem Ablauf: Verwandlung Fuchs – Mensch, in Mann oder Frau, Beschlafen, Verheiraten und meist wieder Rückwandlung (in einen Fuchs); hier taucht auch die Fuchsfee wieder auf; auch wieder Hinweise auf Untreue; Motiv der Verschonung des Fuchses bei der Jagd – Dank in verschiedener Form, oft Heirat (Fuchs verwandelt sich in Mädchen); aber auch Tod bei Erlegung; Geisterfüchse sind unverletzlich, Jäger dagegen schon…

Der Fuchs in Europa und in der Bibel

In den Fabeln des Äsop im Altertum (Griechenland, 600 v.Chr.) kommt der Fuchs immer wieder vor.

In der Bibel wird der Fuchs mehrfach erwähnt: im alten Testament als Schädling im Weinberg oder in Verbindung mit „falschen“ Geistlichen.

Im Neuen Testament verweist Jesus auf seine Heimat- und Besitzlosigkeit mit dem Vergleich, „der Fuchs hat seinen Bau und die Vögel ihre Nester“; dieser Vergleich wurde später umgedreht: nur habgierige Füchse häufen Besitz an!
Christus nennt Herodes „den Fuchs“, allerdings bleibt der Grund im Unklaren, da Herodes ein Nachkomme Esaus ist (Esau – der Rote!); Schwerwiegender dazu: später wird dieser Umstand von Augustinus so ausgelegt, dass die Juden lieber den listigen Fuchs Herodes zum König wollten als das unschuldige Lamm Christus! Dieses Bild stellt eine der Grundlagen christlichen Antisemitismus dar!

Reineke Fuchs

Dieses Tierepos über die Schlauheit des Fuchses, alle seine Gegner zu überlisten und ihnen noch im letzten Moment zu entwischen, stammt aus dem Mittelalter und wurde lange mündlich überliefert. Aus dem Jahr 1497 aus Lübeck stammt die erste gedruckte Fassung “Reynke de Vos”. Im Jahr 1752 schuf Johann C. Gottsched die erste hochdeutsche Fassung. Diese bildete die Grundlage für den von Johann W. Goethe 1793 geschriebenen “Reineke Fuchs”, ein Epos “In zwölf Gesängen”.

Goethes “Reineke Fuchs” hat für die Nachwelt sicherlich ein positiveres Bild über den Fuchs gezeichnet als dies etwa aus der Bibel hervorging. Nach wie vor ist dieses Epos in zwölf Gesängen absolut lesenswert, ist es doch ein Abbild des höfischen Lebens mit seinen “wichtigen” Darstellern und ihren (menschlichen) Eigenschaften und Handlungen wie Doppelmoral, Gier, Betrug und vieles mehr. Letztlich ist es ein hochpolitisches Epos und zeitlos aktuell.

Weiteres entlang des Streifzuges

Ein kleiner Blick auf die Literatur zeigt in der Posse “Der Talisman” von Johann N. Nestroy den rothaarigen Barbiergesellen Titus Feuerfuchs als Außenseiter der Gesellschaft, der ebenfalls durch Blendung derselben mit ihren Vorurteilen Aufstieg und Fall erlebt.

Besonders erwähnt sei auch “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint Exupery, worin u.a. in einem wunderbaren Dialog zwischen dem Fuchs und dem kleinen Prinzen über das “zähme mich - einander vertraut werden” der Fuchs als sehr weises Tier dargestellt wird.

Sehenswert ist der Film “Der Fuchs und das Mädchen” von Luc Jaquet, ein fabelhaftes Märchen über die Annäherung und Freundschaft zwischen einem Fuchs und einem Mädchen, um gemeinsam die Natur mit ihren Wundern zu durchstreifen und zu entdecken.

In vielen Liedern wird der Fuchs erwähnt, herausgegriffen das Kärntner Lied “Im Löllinger Graben: …und meine Schua sind aus Fuchsleder g´macht, schlaftn´t bei Tag und gehnt furt bei da Nacht …!”

Am Ende dieses kleinen Streifzuges durch die Welt der Mythen und Fabeln über den Fuchs und sein Wesen zusammenfassend die Antwort des pfiffigen Jagdprüflings auf die unpräzise Frage des Prüfers: “Was ist der Fuchs?” – “Da Fuchs is a Luada!”

Oder mit dem letzten Vers in Goethes Reineke Fuchs:

„Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre

Bald sich jeder, und meide das Böse, verehre die Tugend!

Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter

Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten

Sondern möget, und schätzen die Weisheit, damit auch die Käufer

Dieses Buches vom Laufe der Welt sich täglich belehren.
Denn so ist es beschaffen, so wird es bleiben und also

Endigt sich unser Gedicht von Reinekens Wesen und Taten.

Uns verhelfe der Herr zur ewigen Herrlichkeit! Amen.

Thomas Huber

Literatur

Levi Strauss, Claude (1993): Die Luchsgeschichte. Zwillingsmythologie in der Neuen Welt. Hanser Verlag.

Goethe, Johann Wolfgang (1987): Reineke Fuchs. In zwölf Gesängen. Reclam Verlag, nach Erstausgabe 1793.  

Mailahn, Klaus (2006): Der Fuchs in Glaube und Mythos. Religionswissenschaft Band 11, LIT Verlag Berlin.