Säugetiere im Wald: Von Hasenbalz und Mortalität

Feldhasen sind unzureichend erforscht
Darf man Hasen noch jagen?

Wir sollten uns schon sehr wundern, dass ein als Osterhase so mächtig populäres Tier, wie der Hase, der zeitweise auch noch als Hauptbeute der Jäger galt, dennoch so schlecht erforscht ist. Wenn es um die Jagd geht, dann schlagen die Emotionen hohe Wellen. Das alles gilt nicht nur für die Wildbiologie, sondern auch für sein ganzes Verhalten. Man weiß recht wenig und dann auch noch viel Ungenaues über die


Pfotenschütteln

Balz, Zuwachsraten und Mortalität. Das mag Ursache sein für manchmal etwas kurioses Handeln gegenüber dem Hasen und seinen Feinden. Noch immer lernen Jäger in Lehrgängen, dass man nur Fressfeinde bekämpfen muss, damit man viele viele Hasen ernten kann. Dabei ist man dann nicht zimperlich und bekämpft gleich noch einige mehr. Es bietet sich ja an, dass der Hase mehrmals im Jahr 2 bis 5 Junge setzt, dass er selbst 12 bis 15 Jahre alt wird, zudem schnell und wachsam ist, aber dennoch sieht man seine Zukunft immer negativer und alle Hegemaßnahmen bleiben vergebliches Bemühen. Über sein Balzverhalten, so auffällig es auch ist, vertritt man seltsame Meinungen. Danach soll der Rammler seine Häsin tüchtig verdreschen um sie gefügig zu machen, und nach 10 Schlägen vergewaltigt er sie dann.

Daran ist so ziemlich alles falsch. Hasen, vor allem jene, die im Wald leben, bleiben meist für sich alleine. Man denkt, dass sie in Einehe leben, zuweilen auch zu dritt, dass sie sich zu einem Hasenfestival versammeln, glaubt keiner. Bald hier, ein anderes Jahr an anderer Stelle, versammeln sie sich auf einer Art von Hasen-Tournierplatz. Das kann einmal eine kleinere Hasengesellschaft sein, es kann aber auch ein Dutzend sein oder gar 20 und manchmal auch mehr. Dieses Treffen hat durchaus einen Sinn, denn während der Liebestänze könnten Fressfeinde die Gelegenheit nutzen und sich hinterrücks anschleichen. Auf solch einem Hasenrammelplatz ist die Hasenwelt unter sich. Junghasen werden als Debütantinnen in die Hasenwelt eingeführt. Auf diese Weise haben sie die ersten Kontaktadressen. Da rast dann eine solche Hasengruppe mit hoher Geschwindigkeit über den Acker.

Jetzt erst merkt man: wer die Hasen richtig kennt, der weiß dass vorne stets die Häsin rennt. Die ist auch eine Kleinigkeit größer als die Rammler. Einer darf, ihr nahe, mit rennen, und die übrigen rennen nebenher mit. Ob sie auch eine Chance haben, bleibt unklar. Ziel des Rennens ist es, sich zu einer Paarbindung näher zu kommen. Manche rennen in größeren, andere in kleineren Gruppen. Es kann auch sein, dass die zwei zusammen gehörenden miteinander rennen und nur von einem zweiten Rammler als Satellitentier oder Sekundanten-


Gesprächsrunde

Hasen begleitet. Auf meinen Fotos ist das sehr gut zu erkennen. Die Häsin möchte eigentlich noch in Ruhe gelassen werden und hält sich die Rammler vom Leib, indem sie diese mit taumelnden Vorderläufen vertrimmt. Dabei stellt sie sich auf die Hinterläufe und zu dieser  Prozedur stellt sich auch der Rammler hoch auf die Hinterläufe und schlägt parierend zurück. Das geht alles unheimlich schnell vor sich, und man hat Mühe mit zu bekommen, dass es meist die Häsin ist, die dabei 1 Meter vielleicht auch darüber hinaus in die Luft springt. Ich hatte gehofft, sie dabei hoch oben treffend zu fotografieren, aber auch das bekommt man kaum mit, weil es zu schnell geht. Solche Bilder sind auch bei kürzesten Belichtungszeiten hoffnungslos verwackelt. Zwischendurch setzen sich die Partner voreinander und starren sich an. Dann rennt und springt ein Paar miteinander, oder aber einer ruht erst einmal in einer Sasse, um zu verschnaufen. Das kann auch dazu führen, dass beide erst einmal tief Luft holen wollen.

Ziel des Rammlers ist es, immer wieder Körperkontakt zur Häsin zu suchen. Das kann nur den Zweck haben, dass er sich mit ihrer Duftnote parfümieren will. Denn wenn er wie sie riecht, kann das Aggressionen abbauen helfen. Dieses Ziel verfolgt er mit Sicherheit auch beim Unterlaufen der Häsin. Das geht so schnell, dass man es kaum mitbekommt und erst auf dem Bild erkennt. Dabei rennt er unter ihr hindurch. Darauf beruht wahrscheinlich auch die Beschreibung, dass er auf seiner Häsin herumtrampelt. Tatsächlich ist es aber


Tanz um eine Häsin

umgekehrt, und er riskiert dabei wieder einige ihrer Ohrfeigen. Immer wenn er ihr zu nahe kommt, und das gilt auch für dritte oder vierte Satelliten-Hasen, dass sie Prügel beziehen. Es hindert den Rammler aber nicht daran, es mehrfach zu versuchen sie zu unterlaufen. Diesen Vorgang zeigen auch einige meiner Fotos. Je häufiger der Körperkontakt ist, desto mehr streift er sich etwas von ihrem Parfüm auf den Balg. Damit wird er für die Häsin immer vertrauenswürdiger. Nebeneffekt kann auch sein, dass sein Rücken immer wieder ihren Bauch streift und damit förderlich für den Eisprung ist. Das ist natürlich eine theoretische Überlegung, die ich schwer beweisen kann und die damit spekulativ ist.

Beim anschließenden gemeinsamen Rennen kommt man sich also wieder ein Stück näher. Hasenbiologe Dr. Schneider schreibt von anschließenden zärtlichen Schnauzenkontakten. Ganz sicher bedeutet das auch einen Anstieg der Toleranz, wenn man zärtlich schnäuzelt. Toleranz ist auch nötig, denn bei einem der Rammler hängt das eine Ohr von einem Treffer demoliert herab, und es soll auch schon geschehen sein, dass ein Auge beschädigt wurde. Eifersüchtige Prügeleien habe ich nicht zwischen Rammlern erkennen können, sondern es war immer Abwehr von der Häsin.

Sollte sich jetzt von außen ein fremder Hase nähern, gefällt das den anwesenden Hasen absolut nicht, denn er gehört nicht zur heimischen Tanzgruppe. Darum versucht man ihn gemeinsam zu vertreiben. Trotz der gemeinsamen Prügeleien stehen die Hasen der Gruppe einander doch näher als der fremde Hase. Im Laufe des Nachmittags sitzen dann die Hasen müde vom Tanz in den Sassen 2  - 3 m voneinander entfernt und ruhen sich aus. Sie halten dabei Distanzabstände.


Hasenwettlauf

Dass Hasenpaare zueinander Kontakt suchen, beginnt schon im Dezember. Je länger sich die Hasen kennen, desto geringer sind auch die Aggressionen. Je länger sie sich kennen, desto besser ist es für das Erwarten von März-Hasen. Grundsätzlich gilt aber auch, dass Hasenpaare das Jahr über beisammen bleiben. Für den Jäger bedeutet das, er sollte vermeiden Paare, die sich schon im Dezember gefunden haben, wieder auseinander zu reißen, weil sie ja schon im Dezember ihre Aggressionen abbauen. Die Hasenjagd sollte im November enden. Eine Bejagung über den 30.11. hinaus ist nach den heutigen Erkenntnissen nicht vernünftig, weil sie Hasenpaare auseinander reißt, die sich gefunden haben. Das hat grundlegende Bedeutung für die Hasenpopulation in dem betreffenden Revier.
 

Die hier geschilderte Hasenbalz einer Hasengruppe hat sicher nicht nur mit deren Sozialverhalten zu tun, sonder ist als Gruppenbalz, zugleich eine Strategie der Feindvermeidung, da die Hasen ja während der Balz nicht sehr aufmerksam auf die Umwelt achten können. Wenn sie in der Sasse sitzen, haben sie ja auch die Fähigkeit die Umgebung 360 Grad rundum unter Kontrolle zu halten. Diese Fähigkeit und die hohe Wachsamkeit, ebenso aber ein schlagartige hohe Fluchtge-schwindigkeit aus dem Stand und die Fähigkeit Haken zu


Unterlaufen

schlagen. Jeder gesunde Hase rennt dem Fuchs und auch dem Habicht locker davon. Hat der Hase aber Kokzidiose oder eine der zahlreichen anderen Hasenkrankheiten, dann wird er gefangen. Nach der Balz vergehen 40 bis 42 Tage, dann werden die Hasenbabys gesetzt, die sofort sehen und hoppeln können. Das können 2 oder 3, ja auch 5 Junge sein. Man hat schon Häsinnen mit 10 Jungen im Leib seziert. Sobald es irgend geht, verlassen die Jungen den Wurfplatz. Denn Vereinzelung schützt vor Gefahren. Sollte es einen Räuberangriff geben, kann niemals der ganze Wurf verloren gehen. Die Strategie der Hasen heißt immer Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Was der Hase am allerwenigsten braucht, ist die Hilfe des Jägers, die dieser allgemein „Hege“ nennt.
Das wurde deutlich, als Politiker zwischen 1935 und 1939 begonnen haben, einen totalen Krieg gegen alle Beutegreifer und Greifvögel zu führen. Man nannte das Hege und glaubte, dass man den Hasen und Rebhühnern helfen müsse zu überleben. In Wirklichkeit strebte man aber eine Erhöhung der eigenen Strecke an. Hermelin und Iltis, Greifvögel, aber auch Dachs und Fuchs wurden gnadenlos und rund um die Uhr verfolgt. Die Statistik hat diesen großen Irrtum geklärt, denn weder Hasen noch Rebhühner haben davon profitiert, aber die Natur ist ein großes Stück ärmer geworden.

Auch in unserer Zeit hat man experimentiert, weil die Zahl der vorhandenen Hasen deutlich zurückgegangen ist. Es ist ehrenwert gedacht, die Jagd auf Hasen zu reduzieren. Deutlich geworden ist nur eines, dass man den Hasen auf diese Weise ebenfalls nicht helfen konnte. Es ist zweifelhaft, ob die Jagd wesentlichen Einfluss auf den Hasenbestand haben kann, denn wenn die Jagd beginnt, hat der Hasenbestand seine großen Verluste schon hinter sich. Die entscheidende Gefahr für die Hasen sind Landwirtschaftliche Maschinen.


Rammler unterläuft

Insbesondere das Abwalzen der Wiesen und das Grubbern der Äcker vor der Bestellung im Frühling sind für die Hasen eine Katastrophe. Wenigstens 75 % der Junghasen werden vernichtet. Schlimm für Hasen ist auch die Getreideernte mit dem Mähdrescher. Wir können uns vielleicht vorstellen was es bedeutet, wenn während des Krieges in einer einzigen Nacht eine ganze Stadt im Bombenhagel unterging. Ähnlich müssen sich Hasen fühlen, wenn innerhalb eines Tages alle Getreidefelder plötzlich verschwinden. Dieser Stress aber macht die Hasen krank.

Hasen habe ich im Hochgebirge bis auf 1800 m Höhe angetroffen. Hier und im Wald können Hasen uralt werden. Sie können eine natürliche Lebenserwartung von 12 bis 13 Jahren haben. Aber wenn 75 % der gesetzten Junghasen sterben, in manchen Revieren sogar auch 90 %, dann liegt das nicht alleine an der hohen Mortalität im ersten Lebensjahr. Sie sterben auch nicht durch den Jäger, sondern bevor die Jagdsaison angeht.
 

Würde man sie im Sommer bejagen und sich dabei auf Junghasen beschränken, könnte man ein Vielfaches der bisherigen Hasenstrecke erreichen. Da man sie im Sommer nicht bejagt, sterben sie an den verschiedenen Hasenkrank-heiten, die hier in diesem Bericht das Thema sprengen würden. Die auf diese Weise sterbenden Hasen holt sich natürlich der Fuchs, und er jagt auch Hasen an, die er trifft. Ist der Hase gesund, rennt er davon, ist er krank, fängt ihn der Fuchs, und das ist sogar wichtig. In Polen gehen Wissenschaftler von

einer Lebenserwartung von durchschnittlich 1,43 Jahren beim Hasen aus. In anderen Gebieten in Europa liegt sie näher an 1 Jahr und auch weniger. Darauf hat der Jäger keinen Einfluss, wohl aber, dass die Jagdzeit zu sehr in den Winter und damit in die Balz hineinreicht, wenn es Jagdzeiten bis Ende Dezember oder gar bis in den Januar gibt. Trotz aller widrigen Umstände ist die Art immer noch sehr vital. In erstklassigen Hasengebieten mit warmen Böden werden auch heute noch Wilddichten von 1 Hasen pro ha erreicht. Auch die Marschgebiete an der Küste sind optimal. Im Burgenland habe auch ich noch Jagden mit 450 erlegten Hasen miterlebt.
 

Ungünstig ist das Gebiet rund um meine Haustüre in 500 bis 600 Höhenmeter. Hier gibt es fast nur im Wald gelegentlich einen Hasen zu sehen, wenn er vor meinem Terrier aufsteht. Aber schon 3 km weiter haben wir im Ortsbereich auf einer isolierten Fläche von ca. 100 ha den guten Bestand, den ich fotografiert habe.

Wenn wir fragen: „Ist der Osterhase noch zu retten?“ Dann müssen wir vom Frühjahrsbestand ausgehen und den durch Zählen am frühen Morgen ermitteln. In einem Jahr mit


Misstrauen

trockenem und freundlichem Wetter und wenn die Jagd längstens Ende November vorbei ist, dann kann man etwa 19 % als Zuwachs erlegen. Die Zukunft für Hasen ist sehr unterschiedlich zu bewerten. Es gibt viele Gebiete, in denen die Bejagung durch Gesellschaftsjagden nicht mehr möglich ist. Es gibt aber auch viele Gebiete, in denen der Bestand ganz ausgezeichnet ist. Ein Weihnachtshase für den Jagdherren, den er mit der Kugel schießt, ist sicher überall drin. In anderen Gebieten ist es machbar ihn zu bejagen, wenn umschichtig 2/3 der Revierfläche einmal im Jahr bejagt werden, im kommenden Jahr wieder 2/3. So praktizierte es mein Lehrprinz schon vor 100 Jahren. Ich warne aber ausdrücklich durch Manipulieren an der Natur zu versuchen das nicht machbare machbar zu machen und vermeintliche Konkurrenten zu bekämpfen und das dann noch Hege zu nennen. Der Versuch, ein Ungleichgewicht in der Natur herzustellen und den Beuteanteil der Beutegreifer zu annektieren, ist unwaidgerecht.

Jagd ist die Liebe zu allem Lebendigen. Dazu gehört auch, dass wir Gott nicht korrigieren sollten und zu versuchen ein unnatürliches Ungleichgewicht herzustellen. Jagd ist eben nicht nur zu töten, sondern auch das Beobachten von Hasen, von Beutegreifern und Greifvögeln, als Teile der Natur. Der Mensch ist ein Teil der Natur, von der er lebt – er kann nicht gegen die Natur leben. Für den Hochwildjäger ist das seit eh und je alles ganz selbstverständlich.
 

Wolfgang Alexander Bajohr


Hasen tanzen