Wald: Die Babys von Reineke und Ermeline - Fuchs-Kinder in Malepartus.
Als Beobachter und Zaungast in der Kinderstube der Füchse
von Wolfgang Alexander Bajohr

In der Natur gibt es Momente, in denen alles um uns versinkt und eine Zauberwelt sich auftut. Sie erinnert uns an jene Augenblicke, als wir in der Kindheit durch das Schlüsselloch spähten, um von dem Glanz des großen Festes schon eine Ahnung in die Wirklichkeit zu holen. Vergleichbar ist es vor allem mit der Kinderstube der Tiere, unter denen die verspielten Kinder der Beutegreifer einen besonderen Rang haben. Unter ihnen ist es der schlaueste, der Fuchs, der uns

so fasziniert, weil er im Gegensatz zu allen anderen auch die wütendsten Verfolgungen überstanden hat. Auch darum, weil er seine Kinder besonders zu verstecken weiß. Anfangs noch hilflos und blind, kommen sie alleine aus dem Bau, sobald sich die Augen öffnen. Grau und dicht ist ihr noch plüschiger Babypelz, blau sind mit gut zwei Wochen noch die Augen, und sie blicken unbestimmt ins Leere. Tief unten im Bau ist noch ein Eiskeller, denn der Winter hat die Erde tief gefroren und mit Kälte aufgeladen.

Malepartus (die Wohnung des Fuchses in der Tierfabel) liegt am Waldrand nicht weit von meinem Haus. Es ist ein riesiger vom Dachs einst angelegten Bau, ein Jahrhundertbau. Der Dachs wohnt auch heute noch zusammen mit den Füchsen in diesem Bau, nur in einer anderen Etage. Ich kenne den Bau schon bald 30 Jahre, und habe hier schon früher Füchse und Dachse fotografiert. Routinemäßig schaue ich im Mai immer einmal vorbei, und weil ich die Kamera nicht im Auto lassen kann, habe ich sie dabei, aber kein Stativ. In einem Sonnenkringel hat sich ein winziges Füchslein eingerollt und schläft. Kein Baumstumpf ist da zum auflegen, kein Stamm sich dahinter zu verstecken. Ich peile das Füchslein an und wackele mächtig, Noch nie habe ich ein 2,8/400 mit 2-fach-Konverter freihändig geführt, aber es klappt, wenn ich auch 90 % wegwerfen muss.

Anlass genug am Samstagmittag wieder vor Ort zu sein, denn zwischen 12 und 13 Uhr kommen sie in der Regel heraus. Es scheint bei Jung-füchsen so üblich zu sein: wenn die Sonne den Waldkauz schlafen geschickt hat, ist in der Familie von Reinecke und Ermeline Spielstunde. Dabei kommt eines der Jungen bis zu 1 m an mich heran, es kriecht neugierig her, schnüffelt und schaut. Sie setzen sich zu zweit neben-einander, als hätten sie nie anderes gemacht als fotogen nebeneinander diese Pose einzunehmen. Jeder kämpft um den

schönsten Platz in der Loge. Nur sind sie meist zu nahe für das 400 mm Objektiv, ich habe sichtlich Mühe sie ohne Anschnitt der Branten in das Bild zu komponieren. Sie purzeln vor meinen Füßen umher, und als der Chip voll ist, muss ich zwangläufig aufhören zu fotografieren und mich unauffällig davon schleichen. Von mir haben die Füchslein keinerlei Notiz genommen und sie kamen doch zuweilen auf 2 Meter an mich heran.

Einen Tag später komme ich mit einem Bekannten zum Bau, aber fast eine Stunde rührt sich nichts. Dann entdecke ich drei Fuchsbabys in einer Senke vor einer anderen Röhre. Als der Bussard über uns schreit, erschrecken sie und verschwinden in der Röhre. Als ich gerade eine neue Position einnehmen will mit besserer Übersicht, rührt sich zwei Meter vor einer der Röhren etwas. Dann aber sitzen sie wieder da und schauen interessiert zu. Wir fotografieren leider im Gegenlicht. Sie schubsen sich und spielen, als in der Nähe ein Ast knackt, erschrecken sie und sausen in die Röhre. Doch lange halten es unser beiden Füchslein unten nicht aus. Im Karacho sausen sie aus der Röhre und fallen übereinander her. Fast alle Bilder werden in den harten Schatten mit 2/3 Blitz aufgehellt. Als jeder von uns über 30 Fotos geschossen hat, schleichen wir uns davon mit einmaligen Bildern von der Kinderstube in Malepartus.

Nachwuchs in Malepartus
Nach der Ranz im großen Bau haben Reineke und Ermeline zwischen Januar/Februar beschlossen Junge zu haben. Danach geht Frau Ermeline 51-53 Tage dick. Daher kommt es, dass in manchen Bauen schon Mitte März Jungfüchse gewölft werden. Jeder anständige Jäger nimmt daher zur Kenntnis, dass ein Terrier im Bau nichts mehr zu suchen hat. Frau Ermeline rollt sich jetzt um ein Häuflein grauer und blinder hilfloser Fuchsbabys, die sie wärmt und säugt. Darum bleibt sie wenigstens die nächsten 2-3 Wochen, bei schlechtem Wetter aber


auch länger im Bau und als fürsorgliche Mutter bei den Welpen. In der Zeit versorgt Reineke der Fuchsrüde sie mit Mäusen. Wenn aber Reineke auf der Jagd verunglückt oder der Jäger den Fuchs schießt, somit also kein Vater mehr da ist, wird dies die Fähe hinaustreiben. Das kann die Überlebensrate der Jungen gefährden, aber auch ihr eigenes Leben.
Mit rund zwei Wochen öffnen die Fuchsbabys ihre Augen, die noch einen bläulichen Schimmer haben. Die Welpen verhalten sich innerhalb eines Wurfes ganz unterschiedlich, aber auch von Wurf zu Wurf gibt es große Varianten. Doch löst ganz sicher das in die Röhre fallende Tageslicht ihre Neugier aus. Nur kommen manche früher heraus, zuweilen schon mit 4 Wochen, andere erst mit 6 Wochen. Dazu muss die Fähe sie erstmals hinausführen in die wärmenden Sonnenstrahlen, die sie sichtlich genießen, denn im Bau ist es kalt. So können sie in einem Bau schon ab Mitte April erscheinen, in anderen erst Anfang oder gar erst Mitte Mai.

Die Unbefangenheit der ersten Tage wird rasch vergehen, darum bin ich zeitig vor der Mittagsstunde wieder am Bau. Wenn kein Fuchs mehr draußen ist, rücke ich näher heran und achte vor allem auch auf den Wind. Weil es einige Tage geregnet hat, bin ich erst am 9. Mai wieder am Bau. Ich hocke am Boden und lehne mich an eine dicke Fichte, die mich gegen den Hintergrund deckt. Ich sitze ganz offen da, als ich Besuch bekomme. Eins, zwei, drei Junge klettern heraus.

Die Erfahrung der nächsten Tage zeigt, dass die Jungen ganz feste Spielzeiten haben, in denen sie sich auch gerne sonnen. Die besten Beobachtungszeiten liegen immer um Mittag, etwa ab 11 Uhr. Und gegen 14 Uhr ist Ruhe. Bei bedecktem Himmel ist es hier selbst für hochempfindliche Filme zu duster, so dass die Digitalkamera mit auf 1600 ASA eingestellter Belichtung ein technischer Vorsprung ist. Aus verschiedenen Löchern kommen drei Jungfüchse heraus, von denen jeder ein ganz anderer Typ ist. Einer ist hochbeinig, hat große Lauscher, einen dünnen gestreckten Hals und scheint hinten ein wenig klein geraten, aber lange Läufe hat er und einen ganz wilden Blick. Wild ist er auch, scheu und schreckhaft wie ein Altfuchs.

Richtige Ringkämpfe mit Herumrollen usw. führen sie nicht auf, eher sind es Fang- und Rennspiele. Die führen oft in die Umgebung oder man beißt den Gegner in den Schwanz. Wenn sie herauskommen, gähnen sie herzhaft und reißen dabei den Fang im rechten Winkel extrem weit auf, wie ein Altfuchs. Von der Mutter scheinen sie eine Kompanie Flöhe übernommen zu haben, denn sie zeigen ganze Kratzorgien. Ich habe meine Deckung mit einem Tarnnetz verbessert, und sie werden gleich vertrauter, denn anscheinend ist die Vorsicht schon angeboren. Doch habe ich die Rechnung noch ohne die Mutter gemacht. Die Fähe ist wachsam. Sie begegnet mir drüben bei der Quelle, wo eine Rehgeiß ihr Kitz versteckt hat. Fuchs und Reh stehen sich auf 20 m gegenüber und die Geiß stampft solange drohend mit dem Vorderlauf und schreckt, bis der Fuchs aufgibt und ohne Beute in den Wald schnürt. Gegen eine ausgewachsene Geiß, die ihr Kitz verteidigt, hat der Fuchs keine Chance, denn sie würde ihn mit ihren harten Schalen jämmerlich verprügeln.

Ihre Spiele sind noch immer Renn- und Fangspiele, fast nie ist es eine Rangelei. Nur einmal gibt es an einer im Gras verborgenen Röhre eine Art Ringkampf, aber der bleibt zwischen Gras, Himbeer- und Brombeerranken verborgen. Auf den Freiflächen kämpfen sie nie. Entweder hocken sie dort nur in der Sonne oder streben davon. Jetzt sind sie schon richtige kleine Füchse, die auch die Geräusche der Kamera mit schief gestelltem Kopf orten und genau zu mir hinaufäugen. Gerne sitzen ein Grauer und das Nesthäkchen beisammen. Ich habe es Babyface getauft, denn es ist nur halb so groß wie die übrigen, hat das tollpatschige Gesicht eines Teddybären mit runderen kurzen Ohren und mopsigem Kopf. Babyface ist noch ganz wollig, aber im Gesicht schon ganz rot. Wie ein Kleinkind beknabbert er noch alles, was er findet, Grashalme, Ästchen und Beutereste. Tollpatschig stützt er sich auf sein Schnäuzchen und ist von allen der Häuslichste.

Manchmal kommt um Mittag auch die Fähe zum Bau. Meist naht sie gedeckt aus der Dickung heraus durch die Himbeeren und das hohe Gras. Von oben zu sehen, aber nicht fotografierbar. Nur zweimal kommt sie auf einem der Pässe mitten am Schlag und bringt ein großes Wildbretstück. Weil ich sie beide Male fotografiere, erschrickt sie über das Geräusch und verschwindet reaktionsschnell unter der Erde. Was sie daherschleppt, begreife ich bald, denn vor einer der

Röhren liegen Rehläufe, 4 von einer Geiß und 8 von zwei Kitzen. Die Geiß ist entweder auf der nahen Straße angefahren worden oder sie ist beim Setzen verendet. Dass die Fähe sie noch nutzt ist gut und richtig, und dass sie dann eventuell die mutterlosen Kitze fängt, ganz sicher auch.
Doch nicht nur die Fähe kommt zum Bau, auch den Rüden habe ich zweimal gesehen und einmal fotografieren können. Er ist ein alter hagerer Fuchs mit einem schmalen alten Gesicht und durchdringendem Blick. Er ist größer als die Fähe, viel dürrer und (bis auf den roten Kopf und Hals) bis zur Blume der Lunte dunkel- und mittelgrau. Ein faszinierender Anblick, wie er da bis zum Bauch im hohen Gras steht und mich mit den hellen Augen anstarrt. Die Jungen sind von seiner Ankunft so begeistert, dass sie gleich auf ihn losstürmen. Er aber kennt die lästigen Quälgeister und wendet sich abrupt, und so bekomme ich noch ein Bild vom Reineke Fuchs mit seinem Sohn daneben. Das ist ein so wundervolles und fesselndes Erlebnis.

Das böse Ende mancher Kinder von Malepartus
Es ist wohl richtig, dass die Kulturlandschaft den Fuchs begünstigt, dass sie ihm viele zusätzliche Nahrungsquellen bietet, welche die Wildnis nicht kennt. Außer dem Menschen hat er keine natürlichen Feinde. Zweifelhaft ist aber, dass in der Wildnis natürliche Feinde den Fuchsbestand einregulieren. Das schaffen nur Krankheit, Hunger und der Winter. Der Bär mag mal einen Bau mit Jungfüchsen ausgebuddelt haben. Wir wissen aus Gebieten mit Uhu und Adler, dass sie nur gelegentlich mal einen Jungfuchs schlagen. Man bezweifelt heute aber auch, dass Wolf und Luchs ihn einregulieren. Gewiss fangen auch sie mal einen Fuchs und fressen ihn, aber sie fangen ihn als Nahrungskonkurrenten. Der Ersatzfeind Mensch hat ihn nur örtlich gelegentlich einreguliert. Die Statistik beweist es, dass solange sie geführt wurde, noch nie der Fuchs wirklich einreguliert werden konnte. Wenn eine Marderfähe mit 3 Jahren erstmals Junge wirft, hat eine gleich alte Fuchsfähe in dieser Zeit theoretisch schon 18 Junge, 36 Enkel und 54 Urenkel, zusammen also 108 Nachkommen. Als während des Weltkrieges die Fuchsjagd ruhte, sind die Bestände nicht explodiert. In England explodiert der Bestand ebenfalls nicht, obwohl es massenhaft Stadt-Füchse gibt, begünstigt durch Komposthaufen und Mülldeponien, aber nicht bejagbar. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass sie dort selten älter als 3 Jahre werden. Auch ohne den Menschen als Vertreter Gottes auf Erden, weiß die Natur sich sehr gut selber zu helfen. Alles was wir erreicht haben, sind Füchse, welche die ständige Verfolgung extrem scheu gemacht hat, und dass

einige wenige alle Jäger in Verruf bringen, wenn sie Jungfüchse töten und Fangeisen stellen. Niemand will darum die Jagd auf den Fuchs abschaffen. Er ist eine der wenigen Arten, die man intensiv bejagen kann ohne ihn als Art zu gefährden, wenn man ihn nur dann bejagt, wenn der Balg verwertbar ist: im Winter, und ihn auch dann nur fair mit der Waffe bejagt. Aber nicht als Kleinkind. Wer das nicht einsehen will oder kann, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er sich mit der Forderung nach einer Totalschonung des Fuchses konfrontiert sieht.

Die Fuchsliebe hält ein Leben lang
Es ist seltsam, dass dies noch immer bestritten oder nicht geglaubt wird, obwohl viele Jäger es immer wieder beobachten, und Wissenschaftler in vielen Staaten der Welt es bestätigen. In sozial hochstehenden intakten Populationen steht der Familie ein Rüde vor und eine Alfa-Fähe. Weitere Jungfähen, die selber keine Jungen bekommen, beteiligen sich an der Aufzucht. Ein starker Familienclan kann die Jungfüchse optimal ernähren und die Überlebenschancen enorm erhöhen. Weil aber auch jeder dieser Füchse am Tag seine 300-500 g Mäuse braucht, also 15-20 Mäuse je Fuchs, ist jeder von ihnen, trotz gelegentlicher Räubereien, ein hervorragender Helfer der Bauern und Waldbesitzer. Weil sie damit rechnen, dass jeder Fuchs im Jahr runde 4.000 Mäuse braucht, verschonen Forstleute heute fast immer jeden Fuchs. Besser Mäusefresser mit biologischem Appetit auf den Schlägen als Mäusegift, das auch Eulen und Greifvögel tötet.

Füchse sind ungeheuer faszinierend!
Die Winterjagd auf den Fuchs gehört für viele Jäger zu den Höhepunkten des Jagdjahres. Aber für waidgerechte Jäger endet sie seit jeher mit der Verwertbarkeit des Balges Ende Februar. Haben Reineke und Ermeline die Winterjagd überstanden, dann suchen sie gemeinsam eine Burg. Das ist meist nicht der Riesenbau mit seinen vielen Röhren und zahlreichen Geschossen, wo sie Hochzeit hielten. Wurfbaue sind meist kleiner, haben oft nur eine Röhre und liegen irgendwo an einem warmen Platz. Darum zieht Reineke mit seiner Frau Ermeline gemeinsam um. Denn sie werden sich beide an der Aufzucht der Jungen beteiligen.

Wer Füchse fotografiert, tut Ihnen nichts Böses an, aber es ist ungemein spannend, selbst wenn es bezaubernde Fuchsbabys sind. Wer sie nur schießt oder fängt und dann in der Mülltüte entsorgt, hat den Zauber der Jagd nicht begriffen.

siehe auch Säugetiere im Wald: Füchse