Wald: Rotkehlchen Vogel des Jahres 1992, auf der Hitliste der Tiere steht es auf Platz Nr. 1.
Sein Revier ist ein Königreich
von Wolfgang Alexander Bajohr

Von allen Tieren dieser Welt lieben die Menschen in Deutschland das Rotkehlchen am allermeisten. Auf der Hitliste der beliebtesten Tiere belegt es einsam Platz 1. Es steht also noch vor Hund, Katze und Pferd. Die Wildbiologische Gesellschaft hat das erforscht. Deutschlands Vogelschützer haben daraus gelernt, und so haben der Landesbund für Vogelschutz in Bayern und der Naturschutzbund Deutschland gemeinsam das Rotkehlchen zum Vogel des Jahres 1992 gewählt.

 

Obwohl es noch gar nicht bedroht ist. Aber das darf man mit einem dicken Fragezeichen versehen, denn auch mit dem Rotkehlchen geht es schon steil bergab. Bedroht ist ständig und schleichend sein Lebensraum. Das beginnt mit der sterilen sauber getrimmten Thujenhecke und exotischen Bäumen, die grün gestrichenen Fernsehantennen ähneln, und reicht bis zu dem Garten, in dem man aus falsch verstandener Ordnungsliebe das Laub unter den Büschen zusammenkehrt, in dem das Rotkehlchen und andere Vögel ihre Nahrung finden müssen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, erlebt es die Jahrtausendwende vielleicht gar nicht mehr. Auf das Wunder aber warten auch schon alle Vogelarten vergebens, die bis jetzt Vogel des Jahres waren. Auch das Jahr 1991 geht zu Ende ohne dass dem Rebhuhn geholfen wurde. Ihm hat die industrialisierte Landwirtschaft den Lebensraum genommen und die Agrarpolitik hat es zugelassen. Ursache war keineswegs die Jagd, wie manche vermuten. Aber es verträgt sich schlecht mit dem Selbstverständnis des Jägers als Naturschützer, wenn es immer noch geschossen wird, obwohl es bedroht ist. Das wenigstens kann dem Rotkehlchen bei uns nicht passieren, wohl aber auf seiner Winterreise in den Süden.



Gewöhnlich ist dieses Rotkehlchen, das wir im Winter in unserem Garten und in der Nähe unserer Vogelfütterung antreffen, ein Männchen. Denn die Weibchen ziehen vor dem Winter meist südwärts. Es haben sich aber auch bei beiden Geschlechtern Populationen herausgebildet, die nicht ziehen und andere, die ziehen. Zum Teil in milden Wintern bis Südengland, weiter in Richtung Spanien und Nordafrika. Die Mehrzahl aber bevorzugt das Mittelmeer für die Winterferien. Schon von der Toskana an wird es für sie gefährlich, in Sizilien und Malta aber noch ungastlicher.

Denn der dort jagende Mensch, und das ist da fast jeder, kennt unsere Emotionen für das Streicheltier Rotkehlchen nicht. Er fängt das Vögelchen mit dem Netz oder schießt es, um es zu verspeisen. Das macht man dort zwar schon seit Jahrhunderten. Aber es ist verdächtig, dass die bei uns daheim bleibenden Männchen um 20 % häufiger sind, als die auf Reisen gehenden Weibchen. Die Vogelfänger und -jäger verweisen darauf, dass sie schon immer Rotkehlchen gegessen haben, ohne dass es weniger wurden und erst wir mit unserer Zerstörung der Sommerlebensräume die Vögel bedrohen. Wer ist da wohl der schlimmere Feind der Rotkehlchen? Dennoch sollte ein Vogel des Jahres in einer EG ohne Grenzen den Anstoß geben, Artenschutzprobleme gemeinsam zu lösen. Ein Vogel des Jahres, der bislang noch Grenzen zu überwinden hatte, ist als Symboltier hilfreich in einem vereinten Europa die Vogelwelt zu behüten und für kommende Generationen zu bewahren. Auch wenn der kleine Vogel sich auf der Futtersuche im Moos unter den Büschen umher treibt, weiß er sich durchaus wirkungsvoll in Positur zu setzen. Eigentlich ist es ein unscheinbares ockerfarbenes Vögelchen, das trotz der wirkungsvollen roten Färbung an Hals und Kehle von vielen ganz falsch eingeschätzt wird. Denn mit seinen großen dunklen verträumten Knopfaugen und durch seine fast handzahme Vertrautheit dem Menschen gegenüber löst es etwas aus, was für Psychologen ein Schlüsselreiz ist.


Im Garten würde es gerne in den ausgefaulten Halbhöhlen unserer alten Obstbäume brüten, und da fängt die Misere schon an. Die alten Streuobstbäume mit den heimeligen Astlöchern hat man längst abgesägt und gegen Hochleistungszüchtungen ausgewechselt. Vielleicht hat man auch einfach nur "Ordnung" geschaffen, weil nichts mehr krumm und so richtig schön unordentlich sein darf. Aber auch der Auwald am Bach ist weg. Als man den Bach zum Kanal begradigte, wurden die Kopfweiden gefällt, und man ackert jetzt bis auf den letzten Meter an das Wasser heran.


  

Im Wirtschaftswald triumphiert Holzackerbau und es fehlt das Unterholz. Man kennt nur noch zwei Baumarten, Fichte oder Kiefer. Mit dem Strauchwerk vielstufiger natürlicher Waldränder mit großem Artenreichtum der Beersträucherarten fehlen deren Früchte.Verglichen mit seinem auf der Reise gefährdeten Weibchen, lebt das im Winter zurückgebliebene Männchen in unserem Garten sicherer. Es nascht Fetthaferflocken und gemahlene Nüsschen, Kleie und Rosinen, gefrorene Äpfel und die an den Sträuchern verbliebenen Beeren. Da zudem die Winter immer milder werden, weiß es die Kost durch Stöbern im Laub aufzubessern. Springschwänze und Larven, Puppen und Spinnen, Würmchen und Schnecken, ja selbst kleine Fischchen im fließenden Wasser weiß es neben Holunder und Schneeballbeeren zu picken. Auch geht es ihm als unserem Gast blendend. Die Park-Rotkehlchen und die am Fluss lernen mit Menschen zu leben und sich ein Bröckchen der Brotzeit zu schnorren. Aber so zart und liebenswert, wie das Vögelchen sich auch uns gegenüber zeigt, gegen Seinesgleichen ist es brutal. Weder im Wald, noch am Futterplatz oder im Garten duldet es Rotkehlchen neben sich - in der Notzeit mit knappem Futterangebot oft nicht einmal ein Weibchen. Fließt die Nahrung reichlicher, duldet er seine Braut. Es ist immer nur ein Rotkehlchen, das wir bei uns sehen, niemals mehrere. Vor anderen Vogelarten weicht es aber kampflos zurück.



Wehe aber, wenn ein anderes Rotkehlchen es wagt, in das Nahrungs- oder gar Brutrevier zu kommen. Ein Rotkehlchenrevier ist immer ein Königreich. Das bewacht es eifersüchtig und verteidigt es so brutal wie es nur irgend geht. So leben sie denn selten in Frieden. Sie brauchen vor allem ein Brutrevier, in dem es genügend Nahrung gibt. Wenn es ernsthaft um so ein Brut- und Nahrungsrevier geht, dann prügeln sich zwei Männchen oft bis zur Erschöpfung, ja bis zum Tod.

Das wäre vermeidbar, wenn es mehr Brutreviere als Rotkehlchen gibt. Denn was nutzt ihm die Futterhilfe im Winter, wenn es nachher kein Brutrevier mehr findet, weil die wenigen guten alle besetzt sind, und andere Männchen es hinausprügeln? Jeder zehnte Rotkehlchenmann überlebt nach der Prügelei ihre Folgen nicht. Sie hocken dabei auf gespreizten Schwänzen, hacken mit Füßen und Schnäbeln und schlagen sich die Flügel gegenseitig um den Kopf. Ihr beliebtester Lebensraum ist immer ein natürlicher uriger Auwald mit schwellenden Moospolstern. Doch der ist vielfach gerodet, weil man den fruchtbaren Schwemmlandboden als Acker nutzt. Wenn es wenigstens rund um jeden Acker eine Hecke gäbe, wie früher, oder einen vielstufigen artenreichen Waldrand mit zahllosen Baum- und Straucharten, auch ein Ökogarten mit gepflegtem Chaos könnte es sein. Bis der heranwächst, tut es auch schon ein Reisighaufen, von denen es nie genug geben kann. Im Garten nicht, am Waldrand und im Felde nicht, aber auch nicht auf Schlägen im Wald.


Reisighaufen, die man nicht als Müll abfackelt, sondern extra anlegt, um sie den Rotkehlchen als Ersatzlebensraum anzubieten, bis ein neuer Naturwald aus Mischbaumarten aufwächst. Sie werden verrotten und neben diesem territorialen Vogel haben auch andere Tiere Lebensraum und Nahrungsangebot, aber auch die Deckung um sich zu schützen. Je mehr geeignete Reviere es gibt, desto seltener werden auch die harten Revierkämpfe sein. Ihre größte Besiedlungsdichte


 

erreicht ihre Populationen in feuchten und mit Moos bewachsenen Wäldern, mit viel Unterwuchs und dichtem Falllaub. Im Bergwald reicht ihre Verbreitung bis auf 2200 m hinauf. Sein Königreich wird ein Rotkehlchenpaar natürlich immer verteidigen. Falls in guten Revieren auch das Weibchen im Winter hier bleibt oder frühzeitig zurückkehrt, so duldet er es, und das zärtliche Paar hat sich um Wochen, wenn nicht Monate früher zusammengefunden als bei anderen Vogelarten. Das hat sicher Vorteile, da man sich kennt, und weil die Zukunft gesichert ist, angesichts der vielen Weibchen, die nie wieder von ihrem Zug zurückkehren, so dass es 20 % Männerüberschuss gibt. Ende April, Anfang Mai beginnt das Weibchen aus Halmen, Moos und Tierhaaren sein Nest zu bauen. Dann schlüpft es auch in den befahrenen Fuchsbau um Wolle zu holen, die sich die Fähe am Gesäuge gerupft hat. Sie fliegen aber auch keck den Rehen und Hirschen auf die Schulter und - weil gerade Haarwechsel ist - mit einem ganzen Büschel davon. Schon im Spätwinter hat das Männchen mit dem Reviergesang begonnen, und 5 Tage bevor sie mit dem Nestbau fertig ist, wird geheiratet. Ich habe die Nester an eigenartigen Standorten gefunden, in einem Nistkasten mit großem Einflugloch, aber nie in den für sie gedachten Halbhöhlenkästen, in alten Konservendosen oder in der Halterung für den Gartenschlauch. Notfalls steht es auch am Boden im Reisighaufen. Zuweilen findet es der Steinmarder. Überall aber ist es auch durch Hauskatzen gefährdet, die man im Frühling nur mit umgehängter Glocke streunen lassen sollte.

 

Junges Rotkehlchen


Das Weibchen legt 4-8 Eier, die am stumpfen Ende braun gesprenkelt sind. Nur sie brütet bombenfest 14 Tage lang vom Vollgelege an und wird vom Männchen gefüttert. An der Jungenaufzucht beteiligen sich beide Eltern. Ich habe einmal nach dem Schlüpfen erst nach 10 Tagen wieder nachschauen können, da waren sie schon fast flügge und 3 Tage später hockten braune Vögelchen mit einem getupft angedeuteten Kehlchen schon überall in den Büschen. Bald folgt dann eine

weitere Brut. Trotz aller Mühe und Arbeit mit dem Füttern, bleibt das Männchen gelassen und heiter. Morgens und abends sitzt es hoch aufgerichtet auf einem Zweig, mit herabhängenden Flügeln und etwas aufgeplusterter Kehle, singt es ganz ernsthaft und feierlich in dieser würdig stolzen Haltung. Dieses Singen ist bei diesem so territorialen Vogel die Reviermarkierung und -abgrenzung gegen die Konkurrenz. Das ist so wichtig, dass er erst lange nach dem letzten Schein des Tages verstummt und schon wieder damit beginnt, noch ehe das erste Licht den Wald erhellt. Es ist ein kurzweiliges Lied, das auch jeder Jäger kennt, denn er ist im Wald der letzte und erste Mensch des Tages. Gäbe es das Rotkehlchen nicht, wäre mancher lange Ansitz doch tot langweilig.

Wenn die Konturen der Büsche und Bäume im Auwald verschwimmen, und selbst die Mücken ihr Sirren einstellen, der Waldkauz seine Liebessehnsucht in die Mondnacht hinausschreit, dann sind die Singdrosseln längst verstummt, und nur noch das Rotkehlchen zwitschert. Wenn aber die Finsternis dahinsiecht und Morgenlicht den Wald vergoldet, dann singt das zarte Vögelchen mit der morgenrotfarbenen Brust schon wieder. Das Rotkehlchen singt den Frühling ein, auch im Sommer und Herbst noch immer, und zuweilen selbst noch bei Eis und Schnee im Winter.

Es ist ein unvergessliches silberhelles Zwitschern mit hohen aneinander gereihten flötenden Tönen, die in der Höhe sich mit einem Tremolo überschlagen und hellen abfallenden Trillern. Eine zarte Stimme, die feierlich, ja fast melancholisch und schwermütig mit abwechslungsreichen Strophen dahinperlt und meist von einer Warte aus vorgetragen wird, damit jeder Artgenosse auch ja die leuchtend rote Brust und Kehle des Rotkehlchens sieht. Denn sie singen ja nicht um uns zu erfreuen, sondern um ihr Revier abzugrenzen, gegen die Konkurrenz von Seinesgleichen. Und dazu gehört dann nicht nur das zarte Lied, das ein großer Vogelkenner einst mit einem saugenden Kuss verglichen hat. Auch das demonstrative Darbieten ihres Kehlchens ist wichtig, das wie ein Leuchtfeuer verkündet, dass man es in seinem Königreich ja nicht übersehen darf. Oft hört man dazwischen auch ihr Ticken, ein warnendes Schnikkern, mit dem sie auch Katze und Fuchs ansagen und dann noch mit hohem warnendem "Zieh" verkünden, dass sich ein Fressfeind nähert. Leise und mehr ein Gezwitscher ist dieser Gesang, der zum ersten gehört, was der Wald uns morgens schenkt. Voller Freude über den Frühling, der wieder in den Wald eingezogen ist. Eine zarte Stimme, die feierlich, ja fast melancholisch und schwermütig mit ihren abwechslungsreichen Strophen dahinperlt. Da sitzt es, das Vögelchen mit dem rot leuchtenden Kehlchen. Eigentlich ist es fast zu schade als Vogel des Jahres, weil man die anderen alle längst vergessen hat, ohne dass ihnen wirklich geholfen wurde. So erging es dem Brachvogel und dem Wendehals, Braunkehlchen und Pirol, Teichrohrsänger, Storch, Saatkrähe und Rebhuhn. Vielleicht ist das Rotkehlchen damit erfolgreicher, und die Hecke teilt es ja mit dem Rebhuhn. Immerhin ist es ja auf der Hitliste der beliebtesten Tiere Deutschlands das Streicheltier Nummer 1.