Wühlarbeit im Untergrund. Von der Schermaus geplagt
von Wolfgang Alexander Bajohr

Wie alle Jahre im Frühling erblühte das Staudenbeet zu besonderer Pracht. Schwefelgelbe Osterglocken neben blauen Lilien und ein buntes Meer Tulpen. Doch was ist das? Unser freudiges Lächeln gefriert. Aus dem Prachtbeet dringt verdächtig ein lautes Schmatzen. Ein Bund Tulpen schwankt zuckend und ein Schlund in der Erde tut sich auf. Er verschlingt Blätter und Blüten, weil längst jemand die Zwiebeln unter der Erde abgeknabbert hat. Komplett verschlingt in rascher Folge jemand

alle schönen Blumen. Das klingt märchenhaft erfunden, aber es ist Wirklichkeit, denn meine Frau steht am Fenster und erlebt das genauso, wie es hier geschildert ist. Eine ärgerliche Sache! Der hochovale Querschnitt des Tunnelganges zeigt deutlich, dass hier ein großer Nager wohnt: die Schermaus, nicht etwa der Maulwurf. Denn der hat querovale Gänge und ist ein reiner Fleisch-Esser. Hat die Schermaus einem Blumenbeet den Garaus gemacht, zieht sie gleich ein Beet weiter, zum Gemüse. Dort versinken bald alle die frisch gepflanzten Salatpflänzchen. Was haben wir gegen diesen lästigen Nager schon alles unternommen - er aber auch gegen uns. Dem Rat eines Nachbarn folgend, haben wir die Kaiserkrone gepflanzt, die soll Wühlmäuse vertreiben. Doch die Wühlmaus hat kurzerhand die Knolle aufgegessen.

In der warmen Jahreszeit fällt die oberirdische Nagerei kaum auf, sie ist zu unbedeutend. Schermäuse bevorzugen alle in der Erde wachsenden Wurzeln, Rhizome, Knollen, Rüben, Zwiebeln. Daher gibt es rätselhafte Fehlstellen im Bestand. Ärgerlich wird es bei frisch gepflanzten Obstbäumen, von denen oft 10 % eingehen. Da fehlen total die Wurzeln, und lapidar heißt es: "Mäusefraß". Keiner hat die Schermaus beim Fraße je gesehen, obwohl sie tagaktiv ist, und so bekommen alle Mäuse eine Kollektivschuld.

Die Schermaus im Garten ist ein Plagegeist, aber mit ihrem runden Köpfchen und der Boxernase auch unheimlich niedlich. Als wir sie endlich überlistet haben, will keiner sie töten. Wir fangen Mäuse stets in Lebend-fallen, denn in Totschlagfallen verunglücken auch geschützte Arten. Als Tierfreunde haben wir auch die Schermaus jenseits des Zaunes weit weg wieder freigelassen. Jede einzelne von ihnen verzehrt am Tag rund 85 g, und in jeder Kaverne lagert sie 4000 g Wintervorrat

0,5 m unter der Erde, und 16 solcher Hamsterlager sind schon je Höhlensystem gefunden worden. So besteht über ihre Schädlichkeit im Gartenbau eigentlich kein Zweifel, auch nicht, wenn sie oft erst gegen Herbst in die Gärten wandern.

Lateinisch heißt die Schermaus Arvicola terrestris L., und sie hat noch ein Dutzend andere Namen. Einer davon heißt "Wasserratte", denn als die größte aller Wühlmausarten lieben einige von ihnen das Wasser so sehr, dass sie nur dort hausen, weil am Ufer besonders viel Futter wächst. Gut genährte Tiere können 120 g, ja bis 180g wiegen und 17-31 cm lang werden. Hinzu kommt noch der Schwanz, der ist länger als das halbe Tier. Sie leben nur 2-4 Jahre, aber nach 21 Tagen Tragezeit bekommt sie 2-8 Junge, das 3-4 x im Jahr, zusammen also 32. Zwar werden die in dem Jahr nicht mehr fruchtbar, aber das ist auch der einzige Trost. In guten Jahren explodiert der Bestand plötzlich. Da sie aber ihr Revier verteidigen, begrenzen sie sich selbst. Anders als Maulwürfe, die lockere Böden lieben und große Haufen aufwerfen, buddeln Wühlmäuse lieber im festen Grund und verteilen ihre Erde unauffällig. Öffnet man einen Gang, können das beide Arten nicht leiden. Sie eilen sofort herbei und bessern aus. Der Maulwurf mit lockerer Erde, die Wühlmaus aber stampft den Boden fest wie er war. So lässt sich unterscheiden wer hier wohnt und wo Falleneinsatz sinnvoll ist. Auch wiederholtes Öffnen vergrämt die Schermaus nie. Die mehrfach wiedereingebaute Falle stört sie nicht, aber Zugluft in den offenen Bau kann sie nicht ausstehen. Sie mag auch stinkende Öl- und Benzinlappen nicht. Auch der Geruch von Plastikfallen stört sie. Dafür liebt sie umso mehr Äpfel oder Möhren - als Köder!!!

Ein Verwechseln mit besonders geschützten Arten ist kaum möglich. Doch sollte man in der Natur nie  die neuen Blutgerinnung hemmenden Gifte einsetzen, da Wiesel und Eulen auch dann sterben, wenn eine tödliche Dosis erst durch addieren von Gift aus mehreren Beutetieren entsteht. Wir bevorzugen immer die Lebendfalle als bessere Alternative. Aber wenn es schon Gift sein soll, dann allenfalls Zinkphosphid, das erst unter dem Einfluss von Magensäure giftig wird, so dass Zweitvergiftungen unserer Helfer unmöglich werden.

Noch besser als Falle und Gift sind allemal Wiesel, Iltis und Schlangen, die den Wühlmäusen in den Bau folgen. Solange in einem Jahr keine Mäusegradation ist, halten sie immer den Bestand stabil. Schließlich hat auch die Schermaus ein Lebensrecht und man muss sie nicht überall in Wald und Feld verfolgen. Sofern man sie dort in Ruhe lässt, erfüllt das auch den Wunsch nach Artenschutz. Auch wenn wir sie aus dem Hausgarten vertreiben, bleibt ihr Überleben als Art gesichert.