Wald: Schwanzmeisen im Auwald, "Pfannenstielchen" turnen durch die Zweige
von Wolfgang Alexander Bajohr

 

Schwanzmeisen sind unheimlich zutraulich. Im Auwald entlang der Flüsse Ammer und Amper, Isar, Lech und Würm sind sie am leichtesten zu beobachten. Häufig sind sie zwar nirgends, aber einmal entdeckt, sind sie nicht zu übersehen. Ihre Überlebensstrategie ist eine Art Ehe als Lebensgemeinschaft im Vogel-Schwarm. Sie lieben Auwälder und Parklandschaften, aber auch alle Misch- und Laubwälder rund um die Moore und Seen.

Wo sie wispernd durch das Geäst turnen, sind sie mit ihrer auffallenden Schwarzweißfärbung und dem langen Balancier-schwanz schnell zu sehen. Von 14 cm Gesamtlänge beansprucht der Schwanz 8 cm, und mit 6 Gramm sind sie Leichtgewichte. Die Nordrasse hat ein weißes Köpfchen, die Südrasse hat einen schwarz/braunen Streifen am Kopf. Die Verbreitungsgrenze beider Rassen ist unklar. Denn ich habe ein Paar am Ammersee fotografiert, in dem beide Rassen vertreten waren.

 
  Ihr Nest hängt am Wegrand. Das ist nicht ungewöhnlich. Hunderte Vogelfreunde gehen an manchen Tagen vorbei, doch keiner bemerkt das kunstvoll gewebte Beutelnest, das eine Tarnkappe hat. Von außen ist es durch Spinnenweben, Birkenbast und Moos perfekt getarnt. Es ist damit unsichtbar, obwohl es nur 4 m hoch ganz offen in der Astgabel einer Weide hängt. Es ist Betrieb dort, denn Eltern und Pflegeltern füttern gemeinsam die Jungen. 

Weil Schwanzmeisen bei Verlusten kein Nachgelege machen, versuchen sie eine hohe Nachwuchsrate mit ihrem Sozialverhalten zu erzielen. Die Eltern würden es auch im Auwald bei schlechtem Wetter kaum schaffen 12 Junge großzuziehen. Es helfen daher beim Füttern auch alle Paare mit, die ihre Jungen durch Fressfeinde verloren haben, aber auch alle Vettern, Onkel und Tanten, die selber gerade keine Jungen haben.

 
  Die Vögel kennen sich alle, weil sie auch das übrige Jahr in enger sozialer Bindung verbringen. Erst kurz vor der Brutzeit treffen sie sich zu Hochzeitsmärkten mit anderen Schwärmen, bei denen sich die Paare finden. Dann aber sind sie kurze Zeit territorial und streiten um die besten Nistplätze. Das soll offenbar eine Koloniebildung verhindern. Die ist unerwünscht, da im Auwald die Elster jagt und eine Kolonie aufreiben würde. Aber noch ehe das eigene Nest fertig ist, helfen sie auch beim Nachbarn mit bauen. 

Für spätere Fütterhilfe ist es gut, wenn man die Nester der Freunde und Verwandten kennt. Denn es muss ja sichergestellt sein, dass später alle Jungen ausfliegen. Wer aufmerksam beobachtet, wird bemerken, dass es rund um ein Nest mit ausfliegenden Jungen von erwachsenen Schwanzmeisen nur so wimmelt. Die Großfamilie macht dabei ein mächtiges Gezeter. Ihre ungewöhnliche Vertrautheit ist faszinierend. Sie hängen an den dünnsten äußersten

 

 Zweigspitzen oft kopfunter und lesen Räupchen, winzige Spinnen und Kerbtiere oder deren Eier ab. An den Traubenkirschen sammeln sie auch die Blattläuse. Die ausfliegenden Jungen sind recht unscheinbar, gräulich und haben noch kurze Schwänzchen. Sie zetern und werden von allen gefüttert. Die Überlebenskünstler sehen aus wie Federbällchen. Der Volksmund nennt sie auch Pfannenstielchen. Sie sind im Winter nicht in den Schwärmen mit anderen Meisen vereint, sondern nur mit Ihresgleichen. Ich habe sie im Herbst als Strichvögel in warmen Anrainerländern genauso beobachtet wie in der klirrenden Kälte des Hochgebirges. Wie schaffen es die Tiere, dass ihr Herz und Kreislauf in kurzer Zeit oft derartige Klimaunterschiede überbrückt? Schwanzmeisen übernachten gemeinsam und eng zusammengedrängt auf einem Ast. Jede sucht ihr warmes Plätzchen eng zusammengedrängt immer zwischen zwei anderen, die schon dasitzen. Je stärker die Tiere sind, desto sicherer ist der begehrte Mittelplatz. Die schwächeren müssen mit den kühleren Außenplätzen vorlieb nehmen, wo sie nur von einer Seite gewärmt werden. Diese sich wärmenden Schlafgemeinschaften gibt es nicht nur im Winter, sondern auch schon in kühlen Sommer-Nächten.

Einen gezielten Vogelzug kennen sie nicht, denn es sind Strichvögel, die als Schicksalsgemeinschaft kalte Gegenden verlassen und schneefreie wärmere Gebiete aufsuchen. Aber anders als andere Vogelarten suchen sie Körperkontakt in der Nacht, wobei sich bis zu 100 Vögel zusammenfinden können. Ihr Sozialverhalten als Gemeinschaft will eindeutig den Fortbestand von Tieren der gleichen genetischen Abstammung begünstigen. Sie zeigen ein Sozialverhalten, das fast menschliche Züge hat. Es ist eine sinnvolle Anpassung der Evolution, eine von vielen im Tierreich.