Listiges  Gesindel erobert die Gärten. Wanderratten sind doch nur riesige Mäuse
von Wolfgang Alexander Bajohr

Was da gerade um die Ecke prescht, ist das eine Ratte?
Oder nein - es sind sogar zwei Ratten! Eine viel kleinere rotbraune rennt hinter der dicken buckligen her. Diese ist braungrau und hat einem gedrungenen Hals. Mit ihren kurzen Pfötchen ist sie schwerfälliger und kommt gar nicht richtig auf Tempo beim Rennen. Ganz anders der Verfolger, ein winziges Mauswiesel mit seinem gelenkigen Leib, der sich beim Springen elastisch zusammenbiegt und wieder streckt. Da ist den

schlanken Hinterbeinchen keine schwere Last aufgebürdet. Ihr Rücken ist wie ein elastischer Bogen, der sich beim Hüpfen zusammenbiegt und wieder streckt. Ein zierliches quecksilbriges Tierchen, das graziös vor- und zurückfedert, und damit viel behänder ist, als die große hysterisch erschreckte Wanderratte, die vor ihm flüchtet. Die sucht ihren Bau oder wenigstens ein Loch zum verbergen. Entsetzt hält sie ein, wirft sich kreischend auf den Rücken, und zeigt die messerscharfen, die schrecklichen gelben Zähne. Dann erstarrt sie. Auf einmal ist Ruhe. Nur die Ratte sitzt mit in Todesangst gefletschten Zähnen da, sie bleckt und kreischt. Das winzige Mauswiesel attackiert mal von links, mal von rechts zustoßend, herausfordernd die Ratte. Aber es vermeidet, ihr zu nahe zu kommen. Die Ratte sitzt aufgerichtet auf den Hinterbeinen und wiegt sich, mal links, mal rechts einen Ausfall

erwägend, dass es ausschaut wie ein Todestanz. Als sie ihre Chance wahrnehmen will und seitlich ausbricht, stößt blitzschnell das winzige Mauswiesel zu und hat die wenigstens fünfmal so schwere Ratte am Genick gepackt, genau dort, wo die Wirbelsäule ansetzt. Beide Tiere überschlagen sich ein-, zweimal. Der Jäger hält fest, und der Gejagte schlegelt noch krabbelnd mit den Hinterbeinen. Ein letztes ersterbendes Pfeifen, und fort ist die Rattenseele in den Rattenhimmel. Das Wiesel schneidet das Fell am Bauch an und beginnt seine Malzeit.

Rattengift gefährdet unsere Verbündeten!
Mauswiesel und Hermelin, Steinmarder und Baummarder, Iltis und Hauskatzen, Uhu und Waldkauz sind auf nächtlicher Pirsch die natürlichen Gegenspieler der Wanderratte, also unsere besten Helfer. Sie alle aber sind gefährdet durch Rattengift. Das erste Mauswiesel, das man mir gebracht hat, lag nahe dem Bahnhof Gilching auf einem Eingangsweg. Es wand sich schreiend vor Schmerzen und starb einen grausigen Tod. Denn moderne Gifte haben einen Zeitzünder eingebaut, weil die im Rudel lebenden Ratten lernen und sterbend noch weitersagen, was Gift ist. Das Rattenvolk reagiert schnell, und sie machen sehr rasch um die gängigen beigemengten Gifte einen großen Bogen. Die neuen Gifte sind eine Vitamin-K-Atrappe, denn Vitamin K spielt eine Rolle bei der Blutgerinnung. So sterben alle vergifteten Tiere an inneren Blutungen mehr oder weniger qualvoll, es sei denn, man rettet sie rechtzeitig mit einer Überdosis echtem Vitamin K. Nur die Ratten haben gelernt, dennoch zu überleben und das Gift in echtes Vitamin K umzuwandeln. Heute sollen schon wenigstens 50 % immune Superrats sein, also unverwundbar durch das Gift. Nicht gesichert sind aber unsere Hunde und Katzen und ebenso nicht all die wichtigen Beutegreifer, die Ratten fangen und uns damit helfen. Es ist unverantwortlich, wenn eine Kleinstadt im Raum München im Rundfunk die Bevölkerung aufruft, Hunde an der Leine zu führen, da Rattengift in der Landschaft verteilt worden sei.
Gift gehört nicht in die Natur.

Eigentlich sind Ratten ja nur recht groß geratene Mäuse
Ratten aber gelten als die Ekeltiere der Nation, als dreckig, heimtückisch und hässlich. Die meisten Menschen reagieren auf Ratten hysterisch. Sie glauben, dass Ratten asozial sind und nichts anderes zu tun haben, als ihre aggressive Natur in blinder Zerstörungswut auszuleben und um über alles Essbare herzufallen. Gewiss, sie vernichten mehr als sie fressen, und darum scheinen die schrecklichsten der Gifte gerade gut genug für sie. Auch die Kosmetik-Industrie lebt recht gut von ihrem Negativ-Image. Kaum einer von denen, die sich über Affen-Versuche aufregen, ist bereit, genauso für die domestizierten weißen Labor-Ratten zu kämpfen, die aus der Urform Wanderratte gezüchtet wurden.

Wo immer es etwas zu holen gibt, rücken die Ratten an. Das Milliardenheer der "Kaspischen Maus" hält heute die ganze Erde besetzt. In Indien soll es fünfmal mehr Ratten als Menschen geben. Aber auch bei uns in Deutschland gibt es wenigstens so viele Ratten wie Menschen, wenn nicht sogar mehr. Das listige Gesindel ist ein echter Erfolgstyp. Gegen die Wanderratten haben die Menschen ihren totalen Krieg längst verloren. Sind die Ratten einmal los, und finden sie genügend Nahrung, überstehen sie siegreich auch jede massenhafte Verfolgung. Sie sind Meister darin, sich vollendet anzupassen, selbst an Gift.

Ist die Not groß, mümmeln sie auch mal nur die Grablichter auf dem Friedhof oder die duftende Papier-Packung aus den Abfallkörben der Fast-Food-Restaurants. Sie besiedeln die Papierkörbe an den Rastplätzen der Autobahn und finden ein Futterparadies an den Entenhäuschen im Park. Unsere Komposthaufen mit Essensresten aller Art sind ein Schlaraffenland, in dessen lockerer Erde sich auch gleich noch eine Mehrzimmerwohnung buddeln lässt. Ohne die Wegwerfphilosophie unserer Wohlstands- und Überflussgesellschaft hätten sie wohl kaum eine so beispiellose Karriere als Trittbrettfahrer unserer Zivilisation machen können. Auch unsere Vorratshaltung ist schon zu Zeiten ihrer Einwanderung eher leichtfertig als vorausschauend gewesen, und die Ratten haben sich angepasst. Denn eines ist sicher und gilt für alle Tierarten. Wo sie Futter in Hülle und Fülle finden, explodiert ihr Bestand. Wo Futter rar ist, wandern auch die Wanderratten ab. Unterernährte Mütter haben weniger oder gar keine Jungen, und sie haben zum Säugen weniger Milch.

Dass Ratten zum Ekeltier wurden, liegt an ihrer für uns ekelerregenden Gewohnheit im Untergrund Wühlarbeit zu leisten und auch durch die Kanalisation zu paddeln. Auf diese Weise können sie sogar in sehr saubere Häuser geraten und in den glatten Plastikrohren hochklettern. So mancher Hausfrau ist schon schlecht geworden, wenn ihr mit freundlich gelb gebleckten Zähnen eine Ratte aus der Klosettschüssel entgegengrinste. Der Gedanke, dass sie auf diesen Wegen Keime ansteckender Krankheiten aufsammelt, liegt nahe. Den Menschen stecken eben noch die Schrecken der großen Epidemien des Mittelalters in den Gliedern, für die Wanderratten aber gar nichts können, weil es sie damals hierzulande noch gar nicht gab. Der Übeltäter war einst die sonst so saubere Haus- oder

Dachratte im Obergeschoß der Häuser, ein freundliches Geschöpf, alleine schon darum, weil sie Vegetarier war. Aber bei ihrer Lebensweise in den Wohnräumen hat sie dorthin auch ihre Rattenflöhe mitgebracht, und die haben dann Pest und Fleckfieber übertragen, woran in Mitteleuropa alleine 25 Millionen Menschen gestorben sind. Von der Hausratte hat erst die Wanderratte uns befreit. Mit der hat sie kurzen Prozess gemacht, hat sie totgebissen und einfach aufgegessen, womit die Wanderratte für uns eigentlich ganz nützlich gewesen ist. Dass sie von unserer Abfallflut lebt, ist ebenfalls gut, weil sie Müllprobleme mindert. Weniger schön ist, wenn sie den Vögeln die Eier wegfrisst und diese beim Brüten auch gleich mit anknabbert. Zum Menschen hält sie meist Distanz und wandert nachts. Nur an Kanälen und Flüssen ist sie auch tagsüber zu sehen.

Sonst widerlegen Ratten alle gegen sie gehegten Vorurteile. Sie sind fanatische Saubermänner. Offene Konflikte und Beißereien sind verpönt. Ein Rattenrudel kennt sich am Baugeruch und selbst wenn Fremdlinge zu nahe kommen, die anders riechen, scheint Lebensgefahr nicht die Regel zu sein. Meist gibt es nur eine Art Ringkampf und Boxgefechte mit den Vorderpfoten, aber die gelben messerscharfen Zähne setzten sie nicht ein, und eine Unterwerfungsgeste beendet das Gefecht. Auch wenn man sich in einem großen Rattenvolk mal gründlich prügelt, greift eine Oberratte gewaltsam ein und beendet die Kulturrevolution. Futterneid ist verpönt. Man sagt sich, wo die guten Brocken her sind. Und beim Sex geht es recht freizügig zu. Weibchen, die schon 3 1/2 Monate jung geschlechtsreif werden, sind nur 6 Stunden lang empfangsbereit, so dass jede weitere Kopulation durch immer wieder neue Männchen die Chance der Befruchtung erhöht. Nach 24 Tagen Tragezeit werden im Schnitt 7 rosa Babys geboren, in der Rattenkommune ins Gemeinschaftsnest gepackt und von allen gemeinsam versorgt. Wenn eine Mutter tödlich verunglückt ist, ziehen die Anderen ihre Kinder mit auf. Nach 15 Tagen öffnen die Jungen ihre Knopfaugen, und eine weitere Woche später wandern sie schon über die Straßen der Rattengemeinschaft zum Festfutter. Mit 35-40 Tagen wird die Milch abgesetzt. Kohlenhydratreiche Kost ist danach ihr Lieblingsgericht, vor allem Getreide, Grassamen, Gemüse und Fallobst. Aber auch Junge aller Vogelarten, Fische und Frösche. Nach Beute im Wasser wühlen sie mit den Händen und seihen es zwischen den Fingern durch. Rein theoretisch kann ein Rattenpaar binnen Jahresfrist rund 10.000 Nachkommen haben. Mit 18 Monaten kommt die Rattenmama in die Wechseljahre und mit dem Sex ist es vorbei. Aber auch die zahlreichen Rattenfresser sorgen gemeinsam dafür, dass der Bestand sich in Grenzen hält.

Woher sind die Ratten zugewandert?
Schon die Hausratte war eine Zugereiste, nur ist sie bereits mit den Schiffen der Kreuzfahrer vor 500 Jahren gekommen. Die Wanderratte ist in Europa relativ neu. Ursprünglich lebte sie in Mittelasiens Steppen in Erdbauen. Die Gebiete östlich des Kaspischen Meeres gelten als Urheimat. Schon Aelian schildert die "Kaspische Maus", die zeitweise die Flüsse in ungeheueren Mengen überschwimmt, wobei sich die nächstfolgende mit den Zähnen am Schwanz des Vordermanns festhält. Sie fällen das Getreide wo sie hinkommen, pflücken die Früchte von den Bäumen und fressen die Ferkel der Hausschweine an, bis die wie Wolken herbeieilenden Greifvögel und Füchse sie alle vertilgt haben. Erst Pallas beschreibt Wanderratten als Europäische Tiere, da sie im Herbst 1727 in großen Massen nach einem großen Erdbeben aus den kaspischen Ländern nach Europa vorgerückt und über die Wolga geschwommen sind. England erreichen sie 1732 mit dem Schiff eines Ostindienfahrers. In Ostpreußen beschreibt man sie 1750, in Paris sind sie 1753 und 1780 gelten sie in Deutschland schon als häufig. Es soll aber noch einen älteren Nachweis aus einer Burg bei Preetz/Holstein aus dem Jahr 1050 geben. Unter den 570 Rattenarten der Welt hat sie den größten Erfolg und die weiteste Verbreitung. Mit 250-580 g Gewicht ist sie auch ein dicker Brummer und 20-28 cm lang. Der dicke Schwanz hat 160-205 Ringe und misst 17-23 cm.

Sozialordnung macht Rattenrudel erfolgreich
Früher glaubte man, dass der Rattenkönig mit goldener Krone auf einer Gruppe von Ratten sitzt, die innig mit den Schwänzen verwachsen sind und vom Rattenstaat ernährt werden müssen. Einen König dieser Art gibt es natürlich nicht, wohl aber jenes Knäuel von Ratten, deren Schwänze sich verschlungen haben. Die Ursache dafür wird als Krankheit gedeutet, die noch nicht geklärt ist und "Rattenkönig" heißt.

Doch lieben sie die Gesellschaft von Ihresgleichen, und ein Rattenrudel von 20, 60, ja bis zu 200 Tieren ist fast immer eine Großfamilie. Sie lernen rasch was ihnen allen nutzt und geben ihre Erfahrung auch weiter. Große Rattenrudel legen im Umfeld ihrer Baue ein ganzes Netz von Versorgungswegen an, auf denen sie, selten weiter als 30-100 Meter vom Mutterbau entfernt, solange die Umgebung durchstreifen, wie sie genügend Futter hergibt. Diese Dauerwechsel verbinden den Bau mit Futterplätzen und Tränken. Es ist eine Lieblingsbeschäftigung der Rudelmitglieder, auf diesen Wegen zu wandern. Jede Veränderung untersuchen sie leidenschaftlich gerne mit einer Mischung von unstillbarer Neugier und ängstlicher Vorsicht. Ihre hervorragende Nase ist dabei eine große Hilfe, mit der man nicht nur Nahrhaftes finden kann. Auch die Urinmarkierungen der Reviergrenzen beschnüffeln sie, und gegenseitig erkennt man sich am Geruch. Wer anders riecht, wird feindselig beschimpft. Wenn zwei sich begegnen, die nicht zusammen gehören, ist eine erst einmal in Lebensgefahr. Dann erstarren beide vor Schreck. Ein freundlicher Eindringling schreit vorsichtshalber schrill und versucht die Platzratte zu beschwichtigen. Nur wenn der Fremde zu boxen beginnt, wird zurückgeboxt, und sie prügeln sich wie zwei Hasenrammler mit den Vorderpfoten, doch ohne zu beißen. Sie beenden den Kampf rasch mit der schon erwähnten Unterwerfung und einem Triumphgefiepe des Siegers. Die scharf geschliffenen gelben Zähne zeigt man in Rattenkreisen nur, aber benutzt sie nicht als Waffe. Beschädigungskämpfe, bei denen sie brutal eingesetzt werden, sind äußerst selten.

Hingegen haben die Ratten eines Rudels sich viel zu erzählen, über Gefahren von außen, über Gift oder Nahrungsquellen. Ein Notschrei kann alle vertreiben. Das Individuum stirbt, aber die Gemeinschaft überlebt. Immer werden aus der genetischen Gemeinschaft genügend übrig bleiben, um die Art zu erhalten. Dieser Erfahrungsaustausch unter ihnen macht es so schwer, ihnen beizukommen, und es ist das Geheimnis ihres Welterfolges. Selbst die Stimmung ist Gemeinschaftssache. Putzt sich eine, putzen sich alle. Findet eine Nahrung, kommen bald alle. Sie sind vollendete Kavaliere bei der Futtersuche, untereinander zärtlich, legen viel Wert auf ihre Liebesspiele und sind auch sonst stets zum Spielen aufgelegt, wenn sie umhertollen, quieken und mit dem Schwanz wedeln. Als Meister der Improvisation polstern sie ihre Nester mit Gras aus oder mit Putzwolle, mit Holzwolle, Papierschnitzeln oder Lappen. Sie kuscheln gemeinsam und gemeinsamer Geruch verbindet die Rudelmitglieder, die ja sogar ihre Jungen im Kollektiv säugen. Dieser Kontakt zu ihresgleichen hat unserer Ratty wohl gefehlt, die ich etliche Monate im Hause gehalten habe, um sie zu beobachten und in ihrem Rattenalltag zu fotografieren.

Als man mir Ratty in einer Lebendfalle brachte, war sie nicht größer als eine Waldmaus, aber es war tatsächlich keine Maus, wie die Leute mit Schrecken von mir erfahren haben. Und seither hatte ich monatelang eine Wanderratte als Hausgenossen. Natürlich habe ich alle greifbaren Rattenbücher gelesen und schüchtern im Zoohandel gefragt, wie man Ratten behandelt. So habe ich erfahren, dass Ratten Körperkontakt

wollen und am liebsten unter dem Pullover herumkrabbeln oder auf der Schulter sitzen und sich herumtragen lassen. Man hat mir geraten sie nie tagsüber im Schlaf zu stören, oft mit ihr zu spielen und ihr viel Auslauf zu gönnen. Im Heimtierbuch "Die Ratte, das unverstandene Wesen" wird geraten, ihr in einem Vogelkäfig eine dunkle Schlafkammer einzurichten, den Käfig aber mit einem Vorhängeschloss zu sichern, da Ratten Ausbrechkünstler sind. Wie das läuft, haben wir schon vorher einmal bei Nachbars zahmer Hausratte miterlebt, die wir im Urlaub gepflegt haben. Sie war eindeutig auf den Menschen als Mitratte geprägt und ist uns mit begeistertem schrillen Schrei vor den Bauch gehüpft, sobald der Käfig offen war. Es hat ihr auch immer viel Spaß gemacht, bei der Futterbereitung für die übrigen Heimtiere dabei zu sein, und sie ist auf dem Küchentisch zwischen Töpfen, Pfannen und Schüsseln umherspaziert. Auch Wanderratten sollen so zahm wie Hunde werden und dem Pfleger überall hin folgen, als Haus- und Stubentiere vollendet fingerzahm sein.

Unser Ratty blieb ein Wildtier, weil sie vielleicht schon zu groß war, als ich sie bekommen habe. Wenn sie in einem ausbruchsicheren Raum spazieren ging, weil der Käfig gereinigt wurde, war sie immer etwas hysterisch und hat mich nicht als Ratte akzeptiert, denn nach einem schrillen Angstgeschrei sprang sie mich bis auf Kniehöhe an und zwickte ihre gelben Beißerchen durch mein Hosenbein. Sie griff mich an wie jede anständige wilde Ratte, die Angst hat. Einmal hat sie mich empfindlich am Finger erwischt. So habe ich mich nicht getraut, sie auch noch durch den Pullover krabbeln zu lassen oder sie auf die Schulter zu setzen.

Vielleicht hätte ich von ihr lernen können, wie man sich durch Mauern beißt, aber bitte, wofür braucht man das? Als Fotomodell war sie ganz kooperativ und hat sich begeistert in Vorratsregalen getummelt, wo sie an den Dosen nicht viel anrichten konnte. Sie hockte sich auch bereitwillig zwischen Spinnweben freiwillig in die dreckigsten Winkel, obwohl sie sich als leidenschaftlicher Saubermann hinterher stundenlang waschen musste. Sie hat mir auch vorgeführt, wie man als Ratte über das Schiffstau an Bord kommt. Nur wenn ihr die dauernde Blitzerei lästig wurde, hat sie empört vor sich hingemeckert, damit ich sie in Ruhe lasse. Klar geworden ist mir auch, warum Ratten das sinkende Schiff verlassen noch ehe es soweit ist. Sie haben nicht gerne nasse Füße, und mit denen muss man auf alten Kähnen schon rechnen. Noch etwas habe ich lernen müssen, dass man mit Speck vielleicht Hausmäuse fängt, aber noch lange nicht Ratten, denn deren Lieblingsspeise sind Haferflocken in roher und gekochter Form, und wer Ratten fangen will, der wird mit Haferflocken am allerweitesten kommen. Ich bin damit jedenfalls erfolgreich und hatte schon zwei gleichzeitig in der Lebendfalle. 

Dass unser Ratty am Ende seines Menschenabenteuers nicht gekillt wird, war lange Ehrensache, denn wir hatten uns aneinander gewöhnt, und sie war mein Gast. Irgendwie habe ich dann beim letzten Fotoabenteuer aber wohl doch noch einen Fehler gemacht, denn ich wollte Ratty auf einer kleinen Insel im gurgelnden Bach fotografieren. Da sie noch nie im Leben Wasser gesehen hatte, war ich überzeugt, sie bleibt auf ihrer Wasserburg. Doch Ratty war anderer Meinung. Blitzartig, als hätte sie es gelernt, ist sie zum Ufer geschwommen, hat auch gleich einen Bisambau gefunden und ist vom Ufereingang aus unterirdisch ein Stück in den Auwald gewandert, dort aus einer anderen Röhre herausgeschlüpft und hei, wie ist sie dann über die Moospolster im Wald munter waldeinwärts getrabt. Die Freiheit hatte Ratty wieder, aber fortan hat sie ihr Futter auf andere Art und wahrscheinlich schwerer erarbeiten müssen.

Wie wird man die Überlebenskünstler los?
Einst galt die Wanderratte als Slum-Bewohner, heute ist sie allgegenwärtig in den Komposthaufen der Villenvororte, doch ein fehlender Komposthaufen oder ein Kompostsilo ist auch noch lange kein Schutz. Wenn wir Menschen weiterhin so rüde und rücksichtslos mit der Natur und unserer Erde umgehen, ist eines sicher, dass den Enkelkindern nicht mehr der Osterhase die Eier bringt, sondern die Wanderratte. Wird es am

Ende nur noch zwei Lebewesen auf der Welt geben, Menschen und Wanderratten? Eines ist trotz allem sicher, dass Gift und Giftgas nicht in die Hand von Amateuren und nicht in die Landschaft gehört. Wer anderer Meinung ist, der sollte einmal einen vollen Tag im Wartezimmer der Tierärzte zubringen, damit er sieht, wie viele vergiftete Hunde und Katzen dort behandelt werden müssen. Es mag sein, dass auf Schiffen mit Nahrungstransporten, auf manchen Bauernhöfen nach der Ernte oder in großen Lagerhäusern Gift nicht entbehrlich ist, doch das legen Kammerjäger. In unseren Gärten und Wohnbereichen hat es nichts zu suchen und in der Hand von Nichtfachleuten schon zweimal nicht. Als Gegenspieler der Ratten zeigt selbst der "Automarder" sein zweites und für uns sehr nützliches Gesicht. Je natürlicher und umweltfreundlicher unsere Gärten sind, desto mehr natürliche Feinde der Ratten gibt es. Die eine oder andere fängt ein rattenscharfer Hund, und mancher große Hauskater schafft es auch. Wo gar nichts mehr geht, ist auch die Totschlag-Rattenfalle fehl am Platze, denn darin fangen sich nur unsere Vögel und Igel. Darum sollte man diese Falle gesetzlich verbieten. Ideal und immer wieder verwendbar sind Lebend-Rattenfallen, die man täglich zweimal kontrollieren muss, denn von der Ratten-Lieblingsspeise Haferflocken naschen auch Vögel, und die können wir dann immer wieder freilassen. Aber auch eine stabile Rattenfalle ist nicht ausbruchsicher. Ehe ich mich versah, hat eine frisch gefangene weißhaarige Rattenoma zu toben begonnen als sie mich erblickte. Die Klappe ist zurückgefedert und "peng" hat sie Falle, Haus und Garten verlassen.

Noch besser als Fallen ist es, den Ratten die Nahrung zu entziehen und Essens-Reste nebst Fallobst in der Biotonne zu entsorgen, nicht aber auf dem Kompost. Dorthin gehören nur Gartenabfälle und geschredderte Zweige, aber keinesfalls Fleisch, gekochte Kartoffeln, Brot oder alles was Kohlenhydrate enthält. Dort, wo es keine Nahrung für die Wanderratte gibt, wird sie fernbleiben und weiterwandern, um einen gastlicheren Ort zu suchen. Ihr das Brot unter der Butter wegzunehmen, ist das allerbeste Rezept.