Spannende zwei Wochen beim Luderansitz: Winter-Füchse und Adler

Füchse gehören zu den zauberhaftesten Geschöpfen der Natur. Wären sie nicht so maßlos schlau, hätte man sie längst ausgerottet. Für den richtigen Jäger war seit jeher das reaktionsschnelle Verhalten des Fuchses immer wieder eine große Herausforderung. Die Menschen nennen das Schlauheit und List. Aber List im menschlichen Sinne ist es nicht, denn

List ist ja doch hinterhältig und gemein. Das ist vielleicht die Art, wie manche Menschen seit jeher mit dem Fuchs umgehen, wenn sie ihn rund um die Uhr bekämpfen, weil sie den Hasen und Fasanen helfen wollen. Das aber ist eine Lüge, denn sie sehen im Fuchs einen Konkurrenten, weil sie dessen Beute selber haben wollen. So bejagen sie ihn nicht fair mit der Waffe, sondern vergiften und vergasen die Füchse oder foltern und quälen sie in Fallen langsam zu Tode.

Was der Fuchs dem Menschen entgegenzusetzen hat, ist Sinnesschärfe und blitzschnelles Reagieren, wie es ein Jäger braucht, der von seiner Jagd leben muss. Das ist in der ausgeräumten Landschaft heute gar nicht mehr so einfach. Doch Reineke Fuchs hat sich etwas einfallen lassen: er ist umgezogen. Wie die Wildbiologen aus Weihenstephan erkannt haben, leben heute 90 % der Füchse in der Stadt oder in deren

Vororten mit ihren Parklandschaften. Hier gibt es in Komposthaufen reichlich Nahrung. Und sie werden von Tierfreunden gefüttert, außerdem noch entwurmt und beschützt. Hier gibt es auch keine Jäger und auch keine natürlichen Fressfeinde. Stadtfüchse sind in der Regel auch gesünder als Landfüchse. Statistisch gesehen wird die Masse der Jäger den Füchsen nicht gefährlich, denn es sind nur wenige, die ihn fanatisch verfolgen.

Je nach Bundesland schießen in Deutschland nur 0,2-0,8 % der Jäger pro Jahr einen Fuchs. Da kann von einem Einregulieren des Zuwachses nicht die Rede sein, aber doch werden alle Jäger pauschal von der Bevölkerung beschimpft. Das rührt daher, weil einzelne Jäger auf führende Fähen geschossen haben, so dass Junge verhungerten. Es wurden aber auch Jungfüchse abge-schossen und dann auf den Misthaufen geworfen, da man sie nicht verwerten konnte. Es gehört eigentlich zum Ehren-schild jeder Jagd, dass man verwertet, was man erjagt.

Zwei Wochen Füchse über Füchse
Jagd auf den Fuchs hatte für mich einst einen weit höheren Stellenwert als die auf den Rehbock. Fuchsjagd hat nur den einen Schönheitsfehler, den wir von jeder Jagd kennen. Die Jagd ist vorbei, wenn der Schuss gefallen ist. Nur bei der Kamerajagd ist das anders. Sie geht immer weiter, und das kann ungemein spannend sein. So habe ich in Polen zwei

Wochen Fotojagd auf die riesigen Seeadler gemacht und sie mit großer Sehnsucht erwartet. Dass es zugleich eine Fuchsjagd ohne Ende wurde, war nicht vorherzusehen. Eines war von vornherein klar. Mit Waffe durfte ich nicht erscheinen. Alleine die Kamera war erlaubt. Dass ich zwei Wochen lang in einem Ansitzschirm täglich 10-12 Stunden auf die Adler gewartet habe und überglücklich war,

dass es reichlich Füchse gab. Doch ist diese Jagd anders. Bei den Bären habe ich zwei Wochen lang 16 Stunden zugebracht. Damit verglichen war diese Ansitztour bei Adler und Fuchs geradezu harmlos. Da die Adler gerade satt waren, hockten sie erst einmal tagelang über uns in den Bäumen, aber kamen nicht herab. Ich habe sie rufen hören und war schließlich überglücklich als der erste Fuchs erschienen ist, denn der war

auch hungrig, und so war ihm die Kirre hochwillkommen.Als der erste Fuchs heranschnürt, sehe ich ihn schon als er noch sehr weit weg ist. Er macht sich gut in der verschneiten Landschaft. Im Laufe der Tage werden es 10 oder 12 Füchse sein. Stets aber kommen sie einzeln, nie in Gesellschaft. Der Ausdruck in Ihren Gesichtern und auch die Farbe des Balges sind sehr variabel. Einzelne sind sehr glatt und schmuck, andere sind struppig, ja haben vielleicht sogar

Räude, denn die Wolle hängt ihnen in großen Fetzen herab. Bei der grimmigen Kälte der ersten Tage geht es ihnen dabei sicher nicht gut. Doch im Hamstern von Kirre sind diese Füchse wirklich einmalig. Zwar weiß ich nicht, wo im Wald ihr Bau ist, aber es ist ganz sicher anzunehmen, dass sie alles was sie davon schleppen zu ihrem Bau bringen. Denn wochenlang ist es eiskalt und der Wind lässt es durch den Schill-Effekt noch kälter erscheinen.

Mein Versteck-Ansitz  steht auf der Nordseite am Waldrand. Ich fotografiere also in Richtung Süden. Wieder sind wir im Dunklen hinein geschlüpft. Bis alles schussbereit ist, vergeht eine Weile. Für manchen Jäger mag es unverständlich sein, dass ich hier stundenlang sitze, weil ich ja keine Waffe dabei haben darf. Der Wesentliche Grund dafür ist das Naturerlebnis Seeadler, vielleicht auch noch ein Steinadler, aber das ist ungewiss. Obwohl ich ja

nicht schießen kann, ist das hautnahe Naturerlebnis Adler etwas Ungeheueres. Dass sich nebenbei auch noch die Winterfüchse einstellen, erhöht den Reiz der Stunden. Aus meiner Sicht als Hochwildjäger sind alle diese Winterfüchse hoch jagdbar, und vielleicht hätte ich gerne den einen oder anderen erlegt. Der Fuchs braucht den Jäger weder zum Leben noch zum Sterben. In den Nationalparkgebieten zeigt sich,

dass der Winter, natürliche Fressfeinde und Krankheiten vollauf genügen, Füchse einzuregulieren. Der Mensch wird hierfür nicht gebraucht. Ich will die Jagd auf den Fuchs nicht abschaffen, aber fair sollte sie sein, also Jagd auf den Fuchs aus Freude am Jagen. Da man früher für einen Fuchsbalg eine Forstuniform kaufen konnte, stand damals der Balg im Vordergrund der Jagd. Erst im Dezember bis in den

halben Februar ist der Balg vollwertig. Der wahre Fuchsjäger jagt also ab Ende November bis Ende Februar. Um Füchse lediglich totzuschießen und dann wegzuwerfen, sind sie zu schade. Das Erlebnis Fuchsjagd hat man aber auch mit der Kamera. Diese Herausforderung habe ich nun auch ohne Waffe in meinem Adlerversteck praktiziert, denn in einer meiner vielen Taschen habe ich eine vergessene Hasenklage entdeckt.

Wie reagiert so ein Fuchs, der ohnehin schon auf 20 m vor mir am Futter der Kirre  steht, auf die Hasenklage. Schaffe ich es, den richtigen Ton zu treffen?

Die Füchse reagieren auf die Hasenklage
Langsam wird es auf der Wildwiese heller. Noch sind keine Kolkraben da. Das dürre Gras auf der Wiese ist überzuckert mit schimmernden Eiskristallen. Ganz blau sieht das aus. Weit weit hinten kommt im Stechschritt ein Fuchs langsam näher. Im Zickzack und langsam pirscht er sich an. Ständig hat er die Nase am Boden. Ja, die Mäuse sind es, die er sucht. Dafür ist es heute zu kalt. Die Mäuse bleiben im warmen Bau. Zaghaft beginnt eine Misteldrossel. Sie ist zu früh zurückgekehrt, aber singen will sie doch schon. So schnürt der Fuchs gemächlich näher und erreicht den toten Luderfuchs, der etwa 20 m vor mir liegt. Ein erster jammervoller Ton aus der Hasenklage – gerade erstmals  ein Versuch. Blitzartig fährt der Fuchs herum, stellt sein linkes Ohr nach hinten und das andere nach vorne, wird größer und rast sofort los.

So bekomme ich ein Porträt von Reineke, und ich bekomme es sogar formatfüllend und man kann die Barthaare zählen. Noch nie hatte ich einen freilebenden Fuchs so nahe vor mir, dass er auf dem Bildformat keinen Platz mehr hatte. Der Fuchs flitzt zwischen unseren beiden Ansitzhütten hindurch und verschwindet im Unterholz. Doch es dauert nicht sehr lange, da kommt er auf dem alten Weg erneut über die Wildwiese zurück. Wieder quäke ich mit der Hasenklage und abermals steht der Fuchs zu. Er ist sehr schnell, kommt näher, flieht links und rechts und sucht offenbar den Hasen. Nur durch die hohe Lichtstärke des 2,8/400 mm Objektivs ist es in Verbindung mit der auf 200 ASA eingestellten Empfindlichkeit möglich zu fotografieren. Es ist unheimlich dunkel und wird sicher gleich schneien. So bleibe ich ständig mit der Kamera auf dem Fuchs, und er flitzt hin und her, nimmt schließlich ein Stück von dem Luder und saust auf dem Wechsel über die Wiese davon. Solche Vorgänge wiederholen sich auch noch mit anderen Füchsen. Unheimlich stimmungsvoll ist es, als ein Fuchs neben dem toten Luderfuchs steht. Die Bilder der hochflüchtigen Füchse sind ungemein lebendig und ich freue mich, dass ich es fertig brachte, die Füchse trotz der schlechten Lichtverhältnisse und großer Kälte so in Aktion zu fotografieren. Wenn er so vor mir steht, kann ich im Sucher die Barthaare zählen. Alle Zwischenphasen der Bewegung sind fotografiert. Sekundenschnell ist Reinecke schon wieder bei mir, und ich habe eine ganze Bewegungs-Serie aufgenommen, weil ich den Finger auf dem Auslöser gelassen habe.

Füchse sind Kannibalen
Die große Waldwiese, an der wir unser Versteck haben, war einmal ein See, der verlandet ist. Diese Freifläche ist aber auch eine der wenigen in dem riesigen Waldgebiet der Johannisburger Heide. Wo der Wald aber dicht ist, gibt es für Füchse nicht all zu viel Nahrung. Kein Wunder also, dass sie sofort das Luder annahmen. Das Luder sind Innereien, eingefroren in der Gefriertruhe. Es ist aber auch einmal ein Reh, das auf der Strasse überfahren wurde. Lange steht es als Futter nicht bereit. Wir haben zugesehen, dass 40 Kolkraben das Reh innerhalb von zwei Tagen aufgefressen haben. Gewiss, auch die Füchse waren beteiligt. Als Luder liegen aber auch vor uns tote Füchse, die bei der Herbsttreibjagd so zerschossen waren, dass der Balg nicht mehr zu gebrauchen war. So liegt denn der Fuchs dort, eigentlich als ganz natürliche Beute für die Adler.

Wie aber habe ich gestaunt, dass unsere hungrigren Füchse diese toten Füchse angeschnitten haben und mit beteiligt waren, sie zu fressen. Wie muss Hunger weh tun. Da steht dann der Fuchs vor seinem toten Vetter und keckert und faucht die Kolkraben an, weil er, der Fuchs, den Fuchs fressen will und ihn den Raben nicht gönnt. So ergibt sich auch die einmalig stimmungsvolle Szene, dass der Fuchs vorm Fuchs steht und Schneewirbel diesem einmaligen Motiv die rechte Stimmung geben. Wolken haben den Himmel verdüstert, und Schneewirbel nach Schneewirbel wirbelt über das Bild.

Dann aber passiert etwas Unglaubliches. Der Fuchs leckt unter der Lunte am toten Fuchs. Dann aber beisst er zu. Er drückt und drückt und drückt seinen Kiefer nach oben. Es knack, und die Lunte, also der Schwanz, ist ab. Er aber packt diesen Fuchsschwanz, an dem doch nichts Essbares ist, er trägt diese Lunte quer im Fang und kommt auf uns zu geschnürt. Eine schier unglaubliche Szene: der Fuchs apportiert den Fuchsschwanz und schnürt auf mich zu, an mir vorbei und verschwindet im Wald hinter mir, wohl um seine Beute heim zu tragen in seinen Bau. Niemand, dem ich dieses Bild zeigte, findet eine Erklärung für das Phänomen der apportierten Lunte.

Wolfgang  Alexander Bajohr

siehe auch den Beitrag Schonzeit für Füchse