Eulen: Die Waldohreule, als Mäuseschreck wendig und zielsicher
von Wolfgang Alexander Bajohr

Nahe dem Dorfrand steht eine verfallende Scheune, umgeben von einem Dickicht alter Holunder und knorriger Streuobstbäume. Hier beginnt auch entlang dem Wallgraben eine greise Feldhecke, die bis zum Waldrand reicht. Vor Generationen schon hat man die Lesesteine aus den Feldern dort hingeschüttet. Sie bieten Lebensraum für viele Tiere, genauso wie die uralten ausgedrechselt, verschrobenen und ausgefaulten Weißbuchen mit ihrem Höhlenlabyrinth, und die gerade noch lebendige aber innen hohl gewordene Linde, die einst aus einem Stockausschlag herauswuchs. Zur Blütezeit summt es in den Wildkirschen und Traubenkirschen, in den Schlehen und Kornelkirschen. In der Krone der behäbig breiten Kiefer nistet gerne die Elster, und das Dickicht verbirgt Igel und Spitzmaus.

Unter der Erde tummeln sich Feld- und Erdmäuse, Gelbhals- und Waldmaus. Dort jagt das Hermelin, das stets an schwarzer Schwanzspitze zu erkennen ist und im Winter weiß wird. Hingegen bleibt das Mauswiesel braun, und es hat ein braunes Schwänzchen. Auch der Fuchs schnürt gerne vorbei. Für den Steinmarder ist die Hecke Verbindung zwischen Dorf und Wald. Dort huschen aber auch Blindschleichen und Eidechsen, und es krabbelt allerlei Käfergetier. Der Hase drückt sich hier gerne, und auf der dürren Spitze der vom Blitz gezeichneten Eiche hat der Bussard seinen Lieblingsplatz als Luginsland.
Fast hätte ich einen Gast in dieser Hecke übersehen. Der sitzt da auf einem schrägen Ast, als wäre er ein Knorren des Baumes. Ein Federtier ist es, das ganz in der Umgebung aufgeht. Ein Vogel also, der nicht scheu ist, weil er auf seine Tarnung vertraut. Auf einmal stellt er seine Federohren auf, öffnet leuchtend orangegelbe große Augen und sträubt den Schleier in seinem Gesicht. Schon seit etlichen Tagen merken wir, dass sie da ist, denn das dumpfe und nicht sehr laute „Huh, uh uh” der Waldohreule war nicht zu überhören, obwohl es nicht sehr weit trägt.
Doch ungestört, mit anlegten Ohren in der Ruhestellung, ist sie kaum zu entdecken. Ihr Gefiedergrund ist gelblichbraun mit dunkler unordentlicher Marmorierung, unterseits hell rostgelb mit kräftigen dunklen Längsstreifen gezeichnet und feiner dunkler Querbänderung. Beim Männchen ist alles etwas heller, beim Weibchen dunkler. Der gelblich weiße Gesichtsschleier ist seitlich dunkel umrandet und darunter die spitzwinkelige Stirnbefiederung zwischen den Augen und weißlichen Augenbrauen ist V-förmig unterbrochen und beidseitig mit einem deutlichen Längsstreifen gegliedert, der sich in den Farben der auffallenden Federohren fortsetzt. Ihre Mimik ist vielgestaltig wie kaum bei einer anderen Art. Ohrstellung, Schleierform, bloßlegen der weißen und schwarzen Signalzeichnung im Gesicht und das Öffnen oder Schließen der Augen ermöglichen einen immer anderen Gesichtsausdruck, der mit hochgestellten Federohren seltsam hochmütig wirken kann, mit eingezogenen Ohren aber auch rundköpfig und lammfromm wirkt.

Mit 36 cm Körperlänge ist die Waldohreule etwas kleiner aber auch zierlicher als der Waldkauz. Die Flügellänge beträgt knapp 1 m. Flügel und Schwanz scheinen bei schneller Betrachtung schlanker und länger als beim mopsigeren Waldkauz. In vielen Gebieten ist sie sogar häufiger als der Waldkauz. Der ist aggressiver und kann ihr gefährlich werden. Sie reagiert auf diese Gefährdung, dass sie heimlicher ist als er. Daher  übersehen wir sie oft. Der Mäuse wegen jagt sie viel lieber in offener Landschaft und viel häufiger auch in Ortsnähe als andere Eulenarten. Nur wer unterhalb ihrer Lieblingsplätze die Gewöllehaufen erkennt, hat eine Chance sie zu sehen. Weil sie sich meist perfekt in Nadelbäumen drückt und tarnt, kann sie es sich auch leisten, wenig scheu zu sein. In der Größe wäre sie eigentlich kaum zu übersehen,

  

denn Männchen erreichen 220-280 g und Weibchen 250-370 g. Als neben unserem Vogel in der Feldhecke in der alten Kiefer eine Krähe zu quorren beginnt, drückt sich die Waldohreule noch tiefer auf den Ast. Nur die goldorangen Augen leuchten aus dem Schleier im Gesicht. Wenn der schwarze Schreihals sie entdeckt, wird er seinesgleichen heranrufen, und gemeinsam werden sie die Eule beschimpfen. Damit werden dann auch die Kleinvögel aufmerksam wie Meisen und Rotkehlchen, Kleiber und viele andere, und alle werden zeternd der Eule das Leben schwer machen. Daraufhin würde sie  flüchten und sich in einer Baumhöhle verkriechen.

An diesem Morgen nach der kalten Nacht hat sie Glück, denn die wärmende Sonne stiehlt sich durch das Geäst, und sie genießt sichtlich die Wärme. Als die Rabenkrähe davonfliegt, rückt sie noch ein Stück weiter in die volle Sonne. Dabei spannt sie die Flügel etwas auf, zupft gelegentlich an dieser und jener Feder, schüttelt sich, macht einige Verrenkungen. Dann beginnt sie seltsame Grimassen zu schneiden und den Schnabel weit aufzureißen, bis sie würgt und ein dunkles glitschiges Gewölle vom Baum plumpst. Dieser Klumpen enthält die Reste der Futterrationen, Knochen und Felle der Mäuse, den Kopf und Flügelstücke eines Vogels, Käferbeine und Chitinreste.
Sie liebt für die Tagesruhe diese Feldhecke und in ihr die vereinzelten Nadelbäume, und sie weiß auch, dass hier die alten Nester von Krähen, Eichelhähern und Elstern zu finden sind. So ist sie auch trotz des Namens Waldohreule selten im dichten Wald anzutreffen, sondern eher in der Feldflur in den Hecken, so dass man sie eigentlich Feldohreule nennen sollte. Sie ist wie die meisten Eulen ein Waldrand- oder Waldlückenbewohner, der auch in früheren Jahrhunderten nur dort eine Chance hatte, wo die großen Pflanzenfresser unter den Schalenwildarten Löcher in den Germanischen Urwald gefressen hatten. Da sie Mäuse und nochmals Mäuse fangen will und muss, profitiert sie von offenem Gelände. Wo Grünlandwirtschaft vorherrscht, gibt es auf den Wiesen mehr Feldmäuse als auf dem Ackerland.
Auch im geschlossenen Wald gibt es nie so viele Eulen, da Mäuse dort seltener sind. Im Wald lebt sie daher am Rand der großen Schläge und jagt auf den Waldschneisen. Wo sie von Wühl-, Feld- und Erdmäusen lebt, wird sie schon bei Tage zur Jagd aufbrechen, da diese Mäusearten tagaktiv sind. Nur Wald- und Gelbhalsmäuse sind dämmerungsaktiv, und so wird sie auf diese Mäusearten in der Dämmerung jagen. Nur in den ganz tiefschwarzen Stunden der Nacht muss sie ebenfalls eine Ruhepause einlegen, weil selbst sie dann zu wenig sieht. Doch sind die Augen der Eulen ein Wunderwerk. Schon die große Pupille sorgt gegenüber dem Auge des Menschen für einen 2,7-fachen Lichteinfall. Da ihr Auge mehr auf Weitsicht eingestellt ist, wird dafür gesorgt, dass im Augeninneren das Licht nicht unnötig gestreut, sondern gezielt auf die Netzhaut geleitet wird. Da sie keine reflektierende Schicht im Inneren der Netzhaut hat, wie manche Säugetiere, kann sie somit aber auch nicht die gleiche Dämmerungsleistung erreichen wie z.B. die Katzen. Und doch haben die am Waldboden jagenden Eulenarten einen besseren Restlichtverstärker als Arten, die bevorzugt Vögel jagen, denn unter dem Kronendach der Waldbäume ist es dunkler als auf Freiflächen.



So ist Beute erkennen auch noch bei 0,00000016-0,00000025 Fußkerzen  möglich. Schon der Waldkauz erreicht dabei eine 2,5 x bessere Dämmerungsleistung als Menschen, und die übrigen im Wald jagenden Arten werden mit einer 3 bis 10-fach besseren Dämmerungs-leistung beschrieben. (Siehe: „Die Eulen Europas” von Mebs/ Scherzinger). Sie ergänzen diese Leistung aber noch durch den Lauschangriff. Das „Radar” ist ihr überaus feines Gehör, dessen Empfangsleistung mit dem Gesichtsschleier als Antenne gebündelt und damit weiter verbessert wird. Hinzu kommt ihre Fähigkeit zur nahezu Rundumsicht. Weil sie den Kopf nach hinten drehen kann, ist sie fähig 270° der Umgebung zu kontrollieren. Diese Leistung übertrifft allerdings der Feldhase, der auch ohne Kopfdrehen, sogar mehr erfasst als die totale Rundumsicht. Er schafft also mehr als 360°. Doch gibt es einen Unterschied beim Sehen, er braucht diese Fähigkeiten nur relativ grob zur Feindvermeidung, die Eulen aber um in der Nacht noch gezielt zu jagen.


Nachtgeister
Wenn Waldohreulen fliegen, sind ihre Bewegungen und Schwünge kraftvoll und doch elegant, ja geradezu grazil. In den Ästen springen, klettern und trippeln sie mit traumwandlerischer Sicherheit. Müssen sie klettern, dann klettern sie wie die Affen oder sagen wir besser, wie Papageien, denn sie nehmen außer den Füßen und den Krallen auch ihre Flügel und den Schnabel zu Hilfe, wenn sie bis in die allerdünnsten Zweige der Bäume hinaufklettern, um z.B. dort oben die Maikäfer abzupflücken und zu verzehren, wobei sie auch aus dem Baum herausfallen können, aber  schon im Sturz fangen sie sich und gehen vom Fall in den Ruderflug über, um dann still und weit zu gleiten, abermals über der Wiese zu rütteln und sich wieder auf eine Beute zu stürzen.
Die Waldohreule schwingt sich aus ihrem Versteck heraus und gleitet bis an das Ende der Hecke und blockt dort auf dem Hochsitz auf. Der ist eine gute Warte. Einige Male ruft sie wieder ihr tiefes „huh, jhuuuuh". Es ist ein Ton, der zugleich wie Erde und wie Luft klingt, er ist so tief, dass er  furchtbar schwierig zu orten ist. Der zweiten Eule ist das wohl auch egal, denn sie antwortet. Das aber klingt wie „wühii wuhimmhi”. Dann schwingen sich zwei Schatten in das Feld hinaus und beide fliegen eine Zeit lang hintereinander her. Sie rufen und zwischendurch klatschen sie die Flügel  hart unter dem Bauch zusammen, dass es aus der Luft herab knallt als jage dort oben der wilde Fuhrmann über den Himmel. Wieder und wieder rufen sie und klatschen. Es ist wie Wodans wilde wütende Jagd. Das hatte einst wohl auch zu jener Legende von den Hexenvögeln  geführt. Die Folge war viel abergläubischer Unfug, unter dem die Eulen haben leiden müssen, weil sie sinnlos verfolgt wurden. Mancher hat sie gar gekreuzigt und ans Scheunentor genagelt. Das ist vorbei in unserer aufgeklärten Zeit.

Jetzt aber jagt der Eulerich die Eule vor sich her, schreit „huhh, huhh” und sie schreit „wuji, wuji” und abermals knallen klatschend die Flügel zusammen. Schließlich aber besinnen beide sich auf ihren Hunger. Da sie zum Mäusefang die Dämmerzeiten bevorzugen, ist eine Nacht nur kurz, um satt zu werden und zu kurz, um zugleich auch noch beim Jagen heimlich zu sein. So unterbrechen sie den Balzgesang und jagen nun auf Mäuse. Typisch ist dabei ihr Suchflug in weiten Schleifen relativ hoch über dem Waldboden. Es ist eine Kombination aus flachem Rudern der Schwingen und segelndem Gleiten.

 

Wenn es nicht regnet, hilft das Gehör, die Mäuse vorab zu lokalisieren. Im Rüttelflug schwebt dann plötzlich der Tod über der Maus. Mit fallschirmartig gebreiteten Schwingen fängt der Vogel den Schwung vor dem Aufprall ab, greift seitlich im Vorbeigleiten die Maus mit vorgestreckten Krallen und lehnt beim Greifen den Kopf etwas zurück als er zupackt und schon wieder durchstartet, um sich geschickt wieder in die Baumkronen zu erheben. Waldohreulen jagen aber auch, mit den Schwingen schlagend, Kleinvögel aus dem Schlafbaum ins Dunkel hinaus und packen dann zu. In der Regel schlucken sie die Maus auf einer Warte dann in einem Stück hinunter. Jetzt aber will das Männchen zeigen, dass es sehr wohl fähig ist, ein brütendes Weibchen zu versorgen, und so schenkt er ihr seine Maus.Nun jagen sie zu zweit über die Wiesen. Eulen jagen dabei gar nicht so lautlos, wie es oft beschrieben wird. Der Schlag ihrer langen Flügel ist schon bei einer einzelnen Waldohreule gut zu hören, so laut ist er. Bei zwei Eulen ist er noch lauter, denn jetzt jagen die beiden Waldohreulen einträchtig miteinander und die ganze Nacht über, bis  das Ende der blauen Stunden naht. Wenn schon vor dem Sonnenaufgang der Himmel aufglüht, und schließlich der  Feuerball über den Horizont rollt, jagen sie so vereint noch eine ganze Weile, denn sie sehen auch am Tage recht gut.
Das Paar hat sich jetzt zu einer Saisonehe zusammengefunden, und sie jagen etliche Tage miteinander, um sich näher zu kommen und um ein passendes Nest zu suchen. Sie brauchen ein geeignetes Nest von Elster oder Eichelhäher oder Krähe. Dabei kann es durchaus sein, dass solche Nester in Kolonien nahe beisammen stehen, aber das stört Waldohreulen nicht. Sie halten wohl auf Distanz, aber sie haben kein Revier- und Territorialverhalten. So sitzt das Waldohreulenmännchen auf dem Nest und ruft, um sein Weib herbeizurufen, damit sie das Nest inspiziert.

Finden sich doch auch im Winter Waldeulen zu Rastgemeinschaften zusammen. Tagsüber sitzen da nun zuweilen 30 oder bis zu 100 Waldohreulen beisammen in einem Baum und tauschen Erfahrungen aus, wo es in diesem Winter noch etwas zu jagen gibt. Diese Winterversammlungen in immer dem gleichen Baum haben oft schon Jahrzehnte Tradition, manche behaupten sogar, dass die Tradition 100 Jahre  oder noch älter sei. Nachts fliegt aber jede für sich alleine los in die Landschaft. Tags kehren sie dann wieder auf diese Sammelschlafbäume zurück. Diese Toleranz gegenüber Artgenossen wird ebenfalls deutlich, wenn eine ganze Eulenschar beim Gruppenansitz auf dem Acker hockt und jedes Mauseloch kontrolliert wird. Nicht nur gegenüber der eigenen Art, auch gegenüber allen Eulenarten sind sie tolerant und kämpfen nicht. Stets setzen sie eher auf Feindvermeidung als auf  den totalen Krieg und Angriff.
Vor allem, wenn sie ein Feind in die Enge treibt, entpuppen sie sich auch in aussichtslosen Situationen als Meister der Tarnung und Abschreckung. Sie stellen die Flügel zu einem Rad auf, knappen und fauchen, reißen die riesigen Kulleraugen auf und pendeln mit dem Kopf hin und her. Kleine Beutegreifer lassen sich in der Regel davon abschrecken, denn die Abwehrhaltung der Waldohreule ist doch recht eindrucksvoll.



Balz und Fortpflanzung

Genau genommen hat die Balz schon im November begonnen, als das Männchen zu rufen begann und sich für alle möglichen Elster- und Krähennester interessierte. „Huh, huh, huch” hat er immer wieder versucht, ein Weibchen für sich zu interessieren, und dafür braucht er erst einmal ein Nest. Weil nun aber mehrere Paare auf engen Raum wohnen wollen, haben auch andere Männchen die Nester entdeckt und auch die gleichen Weibchen angesprochen. Da nun außerdem die Ehe eine Saisonehe auf Zeit sein wird, kommt es bei dieser Balz  zu sehr reizvollen Wechselgesängen von mehreren Männchen und Weibchen. Dabei rufen die Männchen „Huhuhuhu” mit tiefer Stimme und die Weibchen antworten mit Nistplatz-Summen. Dann fliegt eines der Männchen aus den Bäumen heraus und umkreist in engen Schleifen und, immer geschickt den Zweigen ausweichend, den Horstbaum, den es sich einbildet. Dabei klatscht es laut mit den

Flügeln, die es unter dem Bauch zusammenschlägt und rast leise rufend im Zickzack-Kurs durch die Baumkronen. Es ist sehr schwierig, die verdeckt in den Bäumen ablaufende Balz zu beobachten, aber irgendwie sortieren Männchen und Weibchen sich schließlich auseinander, und die einzelnen Paare finden zueinander. Wenn es ernst wird, reißt das Männchen die Flügel V-förmig hoch und landet rasch fallend zielgenau bei seinem Weibchen. Die aber bettelt ihn gleich um Futter an. Dann drehen sich beide Partner in steifer Haltung trippelnd auf dem Ast. Die Federohren haben sie hoch aufgerichtet und sie ziehen ein schmales Gesicht, das für uns Menschen hochmütig wirkt. Dann reißt er die Flügel nach hinten über dem Rücken hoch und verbeugt sich immer wieder wippend vor dem Weibchen. Das wiederum duckt sich flach nieder und hält auffordernd den Schwanz horizontal abgeschwenkt. Jetzt springt das Männchen mit immer noch nach hinten hochgerissenen Flügeln auf und kopuliert. Das Weibchen quittiert mit matten Flügelschlägen winkend. Ein „schirkendes” Knurren stoßen dann beide aus. Es schließt die vollzogene Eulenhochzeit ab.
In den Nestbau investieren beide Partner so gut wie gar nichts. Ende März bis Mitte April ist es soweit. Die Eule beginnt zu legen, und sie brütet gleich vom ersten Ei an. Dabei sitzt die brütende Eule sehr tief in der Nestmulde und ist daher von unten kaum zu sehen. Nur die Federohren ragen bei genauerem Hinschauen über den Nestrand. Früher war es eine bei Jägern verbreitete barbarische Sitte, Krähen-Nester auszuschießen. Das hat vielen, sehr vielen Waldohreulen das Leben gekostet. Dieses Ausschießen ist nicht nur barbarisch, sondern auch verboten und viele dieser Unbelehrbaren wurden angezeigt. Sie haben alle auf Lebenszeit ihren Jagdschein abgeben müssen. Das hat sich wohl inzwischen doch herumgesprochen, denn Wald und Feld haben eben doch Ohren und Augen, so dass dieser Frevel nicht verborgen blieb.
Während der Brut brütet fast nur das Weibchen. Vom letzten Ei an gerechnet sind das 27-28 Tage. Solange wird es vom Männchen gefüttert und rührend umsorgt. Bringt er eine Maus, springt sie auf, steht am Nestrand und schlingt die Maus in einem Stück blitzschnell herunter. Da Waldohreulen alle 2 Tage legen, es auf 4 bis 6, manchmal in guten Mäusejahren auch auf 8 Eier bringen, verteilt sich der Brutbeginn Ei für Ei, und für den Vogel dauert damit die Brut um 8-14 Tage länger. Also ist die eigentliche Brutzeit bei 6 Eiern für sie 42 Tage lang. Wie bei allen Eulen sind die Eier weiß und sehr rund. Sie messen 40x32 mm und jedes wiegt 23 Gramm. 


Vom Nestling zum Ästling

Entsprechend dem auseinander gezogenen Brutbeginn schlüpfen auch die Jungen alle 2 Tage. Wenn das letzte schlüpft, ist das erste schon weit entwickelt. Frisch geschlüpfte Eulenküken wirken sehr verletzlich und hilflos, sie wiegen gerade 16 Gramm. Doch schon im zartesten weißen Dunenkleid ist an schwärzlich verfärbten Hautpartien zu erkennen, wo ihnen die Federohren wachsen werden. Die Jungen sind einander zärtlich zugetan, und es ist ein soziales Verhalten, wenn die Älteren die Jungen zärtlich beknabbern. Ihre Augen öffnen sie mit dem 5. bis 7. Tag. Auf den Füßen stehen können sie ab dem 12. Tag und in der 3. Woche können sie schon sicher gehen.


 

In der 2. Woche können sie Reste zerrissener Beutetiere im Nest erkennen und fressen. Mit der 3. Woche zerreißen sie Mäuse selber in Stücke, um diese Teile zu verschlingen. Von der 3. Woche an beginnen sie auch schon aus dem Nest zu klettern und die umliegenden Bäume zu besteigen. Damit wird aus dem Nestling ein Ästling, der jetzt beginnt, die von den Eltern gebrachten Mäuse total zu verschlingen. Es hat Vorteile, ein Ästling zu werden, denn das ist eine Sicherheitsstrategie. Wenn der Baummarder das Eulennest findet oder ein anderer Fressfeind, kann er niemals alle finden und töten. Umso besser für die Eulen-Familie, wenn möglichst viele das Nest schon verlassen haben, falls ein Fressfeind sich einstellt.
Fällt ein gar zu vorwitziger Ästling vom Baum herab, steigt er schnellstens wieder hinauf. Dabei wird er alles benutzen, was er hat, die Krallen ebenso wie den Schnabel und die Flügel. Weil diese Jungen sich auch gegen Feinde kaum wehren können, ziehen sie in dieser Altersstufe alle Register der Abschreckung zugleich: ein besonders ausgeprägtes Drohen mit gefächerten Schwingen, erregtes Augengeklimper und drohendes Fauchen und Flügelknappen. Mit 5 Wochen können sie ausreichend gut fliegen, um von Baum zu Baum zu gelangen oder um einem Angreifer zu entgehen. Doch eine erfolgreiche Mäusejagd gelingt ihnen erst ab der 10. Woche. So hocken sie bald überall in den Bäumen herum, greinen und fiepen jämmerlich den ganzen Tag und die Nacht, bis die Eltern ihnen eine Maus bringen. Ausnahmslos erwarten sie, dass die Eltern mit dem Futter zu ihnen kommen. Niemals folgen sie bettelnd den Eltern. Und wenn der Hunger noch so groß ist, sie rühren sich nicht von der Stelle und weinen. Erst satt macht zufrieden und still. So werden sie noch eine ganze Weile auf die Eltern angewiesen sein.



Hinaus ins feindliche Leben!

Fast die Hälfte der Jungen wird das erste Lebensjahr nicht überleben. Die Mehrzahl der Todeskandidaten endet aber nicht in irgendwelchen Mägen von Fressfeinden, sondern vor dem Auto oder vor einer Lokomotive. Haben die Jungeulen das erste Jahr überstanden, können sie auch in Freier Wildbahn alt und weise werden. Eine beringte Waldohreule wurde nach 28 Jahren wieder gefunden.
Als Jungvögel neigen sie bereits zu Wanderungen. Sie wandern oft weit aus dem Brutgebiet ab, oft hunderte von Kilometern. So kann es sein, dass bei uns Jungeulen aus Russland erscheinen, während unsere Jungvögel in Spanien oder Portugal auftauchen. Wenn ein Paar sich als Altvögel einmal angesiedelt hat, bleibt es offenbar der Gegend treu. Ein Revier ist das allerdings nicht, denn sie teilen es bereitwillig mit anderen Waldohreulen. Alle miteinander suchen ihr Jagdgebiet immer dort, wo es möglichst viele Mäuse gibt.


Ein großes Problem hat die relativ zierliche Waldohreule bei aller Vitalität allerdings noch: denn groß frisst klein. Ihrem größeren Abbild, dem Uhu, darf sie in der Dämmerung und auf der Jagd also nicht begegnen, und auch dem stämmigen pummeligeren Waldkauz ist sie nicht gewachsen. Doch profitiert sie von der bäuerlichen Kulturlandschaft mit dem besseren Mäuseangebot als im Urwald. Abhängig ist sie aber auch von den sonst so geschmähten Rabenvögeln. Gäbe es die nicht, dann wäre sie in Not, weil sie deren abgelegte Nester braucht.

Waldohreulen sind wendig und zielsicher als Mäuseschreck der Nacht
Es geht einem wahrlich durch und durch, wenn sie einen mit ihren goldorangen riesigen Kulleraugen anblickt. Unstet gaukelt die schöne Eule über die Fluren und an den Feldhecken entlang. In der Dämmerung vor allem streicht sie niedrig über die Wiesen und Kleeäcker, entlang an Koppelwegen und Feldrainen. Sie rüttelt über den Stoppeln. Ungezählte Mäuse enden in den messerscharfen Fängen und werden unzerteilt verschlungen. Die Bauern nennen sie nützlich, darum hat sie heute von den  Menschen kaum noch etwas zu befürchten, wohl aber von den Veränderungen der Landschaft in ihrem Lebensraum.