Bäume: Die Eichen-Allee von Seefeld-Wessling

Graf Anton Clemens zu Toerring-Seefeld hat im Jahr 1770 die 765 Eichen setzen lassen. Damit war die einzige Allee in Bayern entstanden. Ein bemerkenswertes Biotop und Naturdenkmal!

 

Die Eichenallee läuft von oben rechts nach unten links im Bild (Foto: Google maps)


Graf Anton Clemens hatte als Zweitgeborener 1725 das Familienerbe angetreten und blieb bis zum Jahre 1812 der Chef des Hauses. Er war in jeder Hinsicht ein bemerkenswerter Schlossherr und als weit gereister Landwirtschaftsexperte Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ihm verdanken unsere Fischer die Renke, die er aus Ostpreußen vom Peipussee mitgebracht hatte. Im eigenen Theater führte er selbst verfasste Stücke auch vor dem Kurfürsten auf. Er modernisierte seine Güter nach dem technischen Stand der Zeit, und die Bauern in unserem Landkreis verdanken ihm die Aufhebung der Leibeigenschaft. Seine Regentschaft fiel mit der von Friedrich dem Grossen zusammen, Polen wurde zum 2. Mal in neuen Grenzen bestätigt und die Flüchtlinge aus ganz Europa drängten sich, das durch die Pest entvölkerte Ost-

preußen neu zu besiedeln. Graf Anton Clemens holte sich als Braut eine Prinzessin aus Mähren. Er war aber wohl auch oft bei den Nachbarn in Brandenburg, Mecklenburg und Ostpreußen, wo er den Zauber der Alleen kennen und lieben lernte.Nach dem 30-jährigen Krieg hatte Kurfürst Friedrich 1640 ein verwüstetes Land übernommen. Um es zu entwickeln, holte er viele Religionsflüchtlinge in sein Land, wie z.B. die Hugenotten. Nachfolger Kurfürst Friedrich III. setzte sich in Königsberg die Königskrone selbst auf das Haupt. Brandenburg war damit ein Teil von Preußen und er König Friedrich I. Für das Militär bedeuteten die weiten Entfernungen der Heerstrassen in dem groß gewordenen Land eine Belastung. So begann man damit, die Heerstrassen zu pflastern und Schatten spendende Bäume zu pflanzen. Friedrich Wilhelm der I., der Soldatenkönig (1717-1740), hat diesen militärisch strategischen Ausbau der alten Heerstraßen massiv fortgesetzt. Er bevorzugte für diese meist großzügig angelegten Alleen die Eichen.

Als Graf Toerring durch Brandenburg und weiter gen Osten gefahren ist, sah er, dass König Friedrich II. (Friedrich der Grosse) das Straßennetz weiter ausbaute. Denn alle Straßen über die weiten Entfernungen von Brandenburg bis Ost-preußen, quer durch die weite Kornkammer in Mecklenburg-Vorpommern und Westpreußen, bedeuteten für die Reise mit der Kutsche Ausdauer und Kondition. Reisende und auch die marschierenden Truppen waren glücklich über jeden Schatten, den die Alleen ihnen spendeten. Alleen aber sind dort nicht nur Zeugen der Kriegs-Vergangenheit, sondern gehörten

bald selbstverständlich zum technischen Standard neuer Strassen. So gibt es in Brandenburg 8.200 km Alleen. Davon stehen an Bundes- und Landstrassen 2.500 km und runde 5.000 km an Kreis- und Kommunalstrassen. Die Deutsche Alleenstrasse von Rügen bis zum Bodensee hat eine Gesamtlänge von 2.500 km. Etliche dieser Alleen entstanden nach den älteren Vorbildern noch im 18.Jahrhundert, also in der gleichen Zeit wie die private Toerringallee in Bayern. Doch hier ist diese Eichenallee von Seefeld nach Gut Delling bei Wessling mit 4,7 km Länge in Bayern die einzige ihrer Art geblieben.

Weitsichtig geplant mit 15 m Breite, ist sie auch der heutigen Zeit noch gewachsen. In der Hauptallee sind es 556 Stieleichen und zusammen mit den kleinen Seitenalleen bei Delling insgesamt 765 Bäume. Die wahre Pracht dieser Allee hat ihr Schöpfer Graf Toerring wohl vorausgesehen, aber nicht mehr erlebt. Doch ist anzunehmen, dass gleich mehrjährige Bäume gepflanzt wurden und nicht einzelne Eicheln in den Boden gesteckt wurden. Denn nur die mehrjährigen Heister waren den Rehen und Hirschen schon aus dem Äser hinausgewachsen. Gemessen an den 19.000 km Strassen und Wegen, die von Bäumen in ganz Deutschland gesäumt sind, nimmt sich die kurze Strecke zwischen Seefeld und dem einstigen Vorwerk-Gut Delling bescheiden aus. Doch ist diese Allee im Einzugsbereich von München ein bemerkenswertes Naturdenkmal, Nistplatz, Rastplatz und Nahrungsspender für viele Tiere.

Ich erinnere mich noch der Alleen im nördlichen Brandenburg vor fast 70 Jahren. Wenn der Großvater uns mit der Kutsche abholte, trabten die Braunen auf dem unbefestigten Sommerweg, der die Hufe schonte. Der Streifen daneben aber war mit Feldsteinen gepflastert, stark gewölbt und auch großer Belastung wie dem Transport der Artillerie, gewachsen. Nach der Wende sind mir solche Alleen noch in Mecklenburg-Vorpommern aufgefallen, denn selbst ein doch gut gefederter Geländewagen holperte gewaltig auf dem rauen Pflaster. Doch hatte das auch seine Vorzüge, denn niemand ist zu schnell

gefahren, wie das auf dem einzigen Asphaltband heute die Regel ist, wenn die Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit durch die Alleen brausen, ohne ihre Schönheit recht wahrzunehmen.
Wir alle tragen im Herzen den Begriff Heimat. Der besondere Reiz dieser Heimat liegt immer in der Landschaft. Es ist das lebendige Wechselspiel von Alleen, den in Auwald gebetteten Flüssen, die von den Bergen herab gischtend über Steine hüpfend ihren Weg suchen, oder die sich als Bäche in grünen Wiesen, neben den Alleen ihren Weg still schlängelnd finden. Heimat sind auch die Seen mit klarem grün schimmerndem Wasser unter dem weißblauen Himmel. Heimat sind die stillen Moore mit wehendem Wollgras, Almen und Streuwiesen voller Blütenwunder und bunten Schmetterlingen bis hinauf in die Wald- und Felsregionen. Heimat sind auch die unordentlichen Hecken, der Dschungel, zuweilen zwischen Alleebäumen oder anschließend in bunt Baum und Strauch wechselnder Ehgartenlandschaft. Die Vielfalt finden wir noch eher dort, wohin wir zu Zeiten des Eisernen Vorhangs mit dem Finger gezeigt haben, jenseits von Mauer und Stacheldraht. Erstaunlich, dass in den Preußischen Landen so viel davon erhalten blieb und hierzulande nur ein Graf ganz privat diese Allee begründet hat. Denn auch dort im Nord-Osten hat die herrschende Obrigkeit oder der Grundherr zuweilen die Hecke dem Volk verordnet oder hat auch die Allee bewusst nicht nur wegen des Schattens für die Soldaten, sondern auch als Windbrecher wachsen lassen.  

Irgendwann ist auch in der Eichen-Allee zwischen Seefeld und Wessling die Straße ausgebaut worden. Das Kopfsteinpflaster wurde entfernt und der  Sommerweg ebenfalls. Heute verläuft die Rennpiste aus Asphalt in der Mitte. Dennoch wirkt sie fast bescheiden zwischen den einstmals großzügig gepflanzten Baumreihen. Was noch fehlt, der Fahrradweg daneben, entsteht gerade. Doch droht der Allee das wachsende Alter, und ein Gespenst war stets die Verkehrssicherungspflicht. Darum hat man wohl seit ihrem Bestehen an den mächtigen Eichen beständig herumgesägt und neben jedem dürren Ast

auch bedrohlich scheinende herausgenommen. Man versäumte aber anschließend Balsam auf die Wunden der Bäume zu streichen. So haben denn Pilze und die Larven der großen Käfer, wie auch jene des Hirschkäfers zu nagen begonnen und viele der mächtig gewordenen Eichen wurden hohl gefressen und waren mit Mull gefüllt anstatt mit Kernholz. Eine Daueraufgabe für Baum-Restauratoren und Baum-Doktoren ist daraus geworden. Die haben schließlich den Mull herausgekratzt. Das wiederum ist trotz Stahlbändern auf Kosten der Stabilität gegangen. Denn bei jedem größeren Sturm brechen trotz Verkehrssicherung Äste, ja es brechen ganze Stämme von oben bis zur Wurzel auseinander. Es stimmt traurig, die mächtigen Stämme dahinsiechen zu sehen. Aber auch dieses Denkmal, diese wunderschöne Eichenallee ist vergänglich. Um sie lebendig zu erhalten, werden immer wieder starke junge Ersatzbäume dazwischen gepflanzt. Für unser Straßenbauamt eine Daueraufgabe, die kostspielig ist, aber die Allee am Leben bleiben lässt.

Früher füllte man die Aushöhlungen mit Plomben aus Beton. Heute bleiben sie ohne, denn mit Ausfüllungen geht der Zerfall noch schneller. In mancher dieser Höhlungen hausen den Sommer über die Fledermäuse. Weiter oben hören wir am Abend den Waldkauz aus den mächtigen Baumkronen rufen. In manchem Baum horstet auch ein Bussard, oder die Rabenkrähe und auch Elstern. Da zwitschern Heckenbraunelle, Rotkehlchen, Dorngrasmücke und Neuntöter. Mindestens so wichtig wie die Bäume selbst sind auch die breiten grün bewachsenen Randstreifen, auf denen niemand fährt. Am Fuße manches Stammes hat wohl auch die Straßenbauverwaltung einen Steinhaufen aufgeschüttet, in dem die Mäuse und auch deren Fressfeind, das Hermelin leben. Der Igel ist wohl dort auch zuweilen, obwohl er am Rande der Strasse sehr gefährdet lebt.

An der Küste in Schleswig-Holstein hat der König den Bauern die Hecken am Feldrand befohlen, die sie auf den Aushub der Gräben setzen mussten, und so ist daraus die so genannte Wallheck geworden. Um die gleiche Zeit, vor 250 Jahren etwa, hat in Hessen eine königliche Verordnung das Roden von Hecken unter schwere Strafe gestellt. Wie sieht es nun mit dem Naturerbe Bayerische Kulturlandschaft aus? Will man die Bodenfruchtbarkeit für kommende Gene-rationen bewahren, die Reinheit des Wassers sichern und

auch die einstige Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren in der Kulturlandschaft flächendeckend erhalten, kommt man um Windschutz nicht herum, also auch nicht um Hecke und Baumallee. Auf den Flächen der Straßenverwaltung könnten im ganzen Land weitere Baumalleen entstehen. Da braucht man nicht einmal mehr die ehedem leibeigenen Bauern zu malträtieren.

Die Baumallee soll mehr sein als nur Schattenspender oder ein Naturdenkmal, obwohl jeder Einzelne dieser ehrwürdigen Bäume als klassischer Solitärbaum gelten kann. Erst in der Summe vieler Bäume wird eine Allee daraus. Es müssen ja nicht gleich überall Eichen sein. Die lange Umtriebszeit macht es nötig, auch über andere Baumarten nachzudenken. Denn es gibt noch viele Gehölze die geeignet wären. Als man die 274 Baumarten auf Eignung prüfte, zeigte sich dass ¾ der von Vögeln bevorzugten Arten aus Europa stammen, und bei den Exoten von ihnen über die Hälfte abgelehnt wird. An den Eichen-, Weiden- und Birkengehölzen leben über 200 Insektenarten, von denen viele gefährdet sind. Von den 28 Käferarten sind 7 zwingend, 6 schwerpunktmäßig auf Eichen angewiesen. Alleen sollen also auch Heimat sein für heimische Tiere, Raststätte oder Wirtshaus zugleich. Sie sollen helfen, das Klima auszugleichen, Wind und Stürme zu bremsen, auch wenn sie im Einzelfall zu Bruch dabei gehen.

Alleen filtern Staub und Abgase aus der Luft und reinigen sie von Schadstoffen. Jeder einzelne Baum wandelt als Klimaschutz soviel Kohlenmonoxyd an jedem einzelnen Tag um, dass das den Sauerstoffbedarf von 10 Menschen für ein ganzes Jahr bedeutet. Alleen können bis zu 70 % der so sehr kritisierten Feinstäube aus der Luft herausfiltern. Jeder einzelne Baum beseitigt pro Jahr eine volle Tonne Feinstaub. Alleen liefern mehr als nur Schatten, sie bilden mit ihrer schattigen Kühle ein eigenes kleines Biotop und damit ein eigenes Kleinklima. Bis zu 60 Vogelarten können von der Allee profitieren.

Alleen sind unersetzbarer Lebensraum und die grünen Adern jeder Landschaft. Der Gedanke noch mehr Alleen zu pflanzen, die Idee von Graf Clemens Anton  von Toerring-Seefeld  lohnt  weitergetragen zu werden, als Kulturerbe. Platz gibt es genug und finanzieren könnte man es aus der Mineralölsteuer, wo Geld genug vorhanden ist. Alleen sind Landschaftsbrücken der Natur in unserer durch Strassen viel zu stark vernetzte Landschaft.

Wolfgang Alexander Bajohr