Greifvögel: Rotmilan - Elegante Flugspiele

Die Balzflugspiele der Gabelweihe sind von hinreißender Eleganz
Wenn der Frühling ins Land gekommen ist, blühen am Waldrand golden die Kätzchen und die Bienen summen darin. Sie haben goldgelbe Pollenhöschen und  tummelten sich auch im gelb leuchtenden Huflattich. Ein Duft von Veilchen liegt in der lauen Vorfrühlingsluft. Doch noch ist der Buchenwald kahl. Über den Kronen der himmelhohen Bäume aber segelt ein großer Vogel, der sehr früh aus dem Winterquartier zurückkommt. Er ist rotbraun und schwarz mit weiß gezeichnet, mit grauem Kopf und tief gegabeltem Schwanz.
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Rotmilan
Dieser Gabelschwanz ist das unverwechselbare Markenzeichen der Gabelweihe, die mancherorts auch Königsweihe heißt, aber meist Rotmilan genannt wird. Weil sie ihren Horst bauen will, trägt sie einen Ast in den Fängen, doch hält sie ihn so, dass sie ihn hintereinander greift und längs trägt. Auf einmal versucht sie ihn mit dem Schnabel während des Gleitens zurechtzurücken, doch da entfällt er ihr. Noch ehe der große Vogel nachfassen kann, trudelt er dem Boden entgegen, aber  bevor er ihn erreichen kann, stürzt sich der Milan im Steilflug hinterher, greift ihn mit den Fängen geschickt aus der Luft, trägt ihn nun auf den begonnenen Horst und legt ihn ab. Doch sofort stürzt sich der Milan wieder herab und gleitet hinaus aus den Bäumen in die weite laue Luft. Über dem Kahlschlag bekommt er durch Thermik Aufwind und nun segelt er, ähnlich wie der plumpere Bussard, in Kreisen immer weiter nach oben und himmelwärts. Rotmilane sind weit eleganter und auch ein Stück größer als Bussarde, und sie beherrschen ebenfalls den Segelflug wie jene, nur sind sie wendiger und auch geschicktere Flugjäger. Ro.Milan.flug1.jpg (35688 Byte)

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Rotmilan im Flug

Der rote und graue Kontrast in  ihrem Gefieder  wird noch unterstrichen durch schwarze, braune und weiße Zeichnungen auf den Federn. Schnabel, Fänge und Auge leuchten gelb. Er segelt geschickt auf langen schmalen Schwingen, die er bald schlank zusammenlegt, aber auch an den Handschwingen spreizt wie der Bussard. Mit dem Gabelschwanz steuert er sichtlich, bald links oder rechts, denn er braucht ihn für seine Flugmanöver, so dass er sich ständig dreht und bewegt. Wir sehen ihm zu wie er geschickt alle Unebenheiten der Thermik und der Luftströmung  ausgleicht und korrigiert. Ro.Milan1.jpg (39979 Byte)
Rotmilan

Sein schönstes Flugspiel aber ist in der Balzzeit der Schleifensturzflug in Serpentinen. Unendlich hoch ist er zunächst ins endlose Blau des Himmels hinaufgesegelt, und dann stürzt er sich herab in gewundenen Schleifen bis auf die Kronen des Buchenwaldes. In den Kurven stemmt er sich auf die Seite und taucht schließlich in das Astgewirr des Waldes ein. Hier reißt er beide Schwingen steil nach oben, wohl auch, damit er zwischen dem Geäst besser hindurchfliegen kann. Wieder streicht er hinaus auf den Schlag, wo die Thermik über der erwärmten Fläche aufwärts geht. Und schon schraubt er sich segelnd wieder hinauf, bis er dem Blick entschwindet und mit den Sturzflügen erneut beginnen kann. 

An Tagen ohne Sonne und Thermik entfallen auch diese Balzflüge, denn die Thermik braucht er, um mit ihrer Hilfe zu steigen und hinaufzusegeln in die großen Höhen. Nur dann kann er Schönheit, Kraft und Größe so vollendet zur Geltung bringen. Doch auch die geraden Sturzflüge mit angewinkelten Schwingen im Düsenjägerprofil gehören zu den Höhepunkten seiner Balzflüge. Es faucht und zischt, wenn er sich herabstürzt, steil und gerade in Höchstgeschwindigkeit wie bei einem Angriff. Auch dann zischt er fauchend in die Baumkronen hinein, hebt die Fittiche erneut nach oben, um den gefährlichen Ästen auszuweichen und schon ist er wieder über dem Schlag.  Er segelt erneut hinauf in Spiralen, wie wir es vom Bussard kennen, aber auch von Adler und Weißstorch. Aus dem Gleitflug kommt er zuweilen auch steil herab, kippt über den Rücken nach unten und dreht sich zwei-, dreimal um die eigene Achse, fängt den Absturz aus der Höhe wieder auf, jongliert mit dem Gabelschwanz und beginnt schon wieder zu segeln. Manchmal wirft er sich übermütig im Sturzflug auch nach links und rechts abwechseln auf die Seite, ruckartig mal auf eine Seite und wieder auf die andere. Auch das endet mit dem Ausweichen in den Ästen der Baumkronen.
Schließlich hockt das Paar beisammen auf einem Ast, sie schnäbeln vertraut, dass wir es knacken hören, aber schon schraubt er sich wieder hinauf. Nicht gar so oft, aber in der Balz auch nicht selten, taumeln sie ineinander verkrallt herab, wie wir es auch vom Adler kennen. Sie halten sich an den Fängen und sind sonst ganz locker, geben sich hin in ihrer Glückseligkeit, wenn sie wie vom Wirbelwind entführt bis auf 3 m über den Boden heruntersinken. Im allerletzten Moment lösen sich ihre Fänge, und sie fliegen schon wieder und segeln mehr als sie fliegen erneut nach oben. Bei solch einem trudelnden Absturz können sie sich mehrfach in der Luft überschlagen.

Im anschließenden flachen Horizontalflug schlagen sie mächtig mit den Schwingen, schlagen sie tief und weich durch im typischen Weihen-Schlag bis sie wieder in den Bereich der Thermik kommen und segeln können, während sie im Wald, wie beim Girlandenflug die Flügel hochreißen müssen. Dabei lassen die Milane einige  Rufe hören, die an das lachende Wiehern des Grünspechts erinnern. In der Balzzeit sind sie überhaupt sehr ruffreudig, und auch ehe sie auf dem Horst treten, rufen sie. Das Weibchen legt sich mit nach unten gelegtem Kopf flach und mit gespreizten Schwingen auf den Horst, während das Männchen mit hochgestellten Schwingen balanciert. Danach schnäbeln sie wieder nach Art der Tauben, dass man das knabbernde Geräusch bis auf den Waldboden hört.

Noch ehe der Horst fertig ist, wird sie ihre 4-5 Eier legen und währenddessen sammeln sie die Polsterung ein, die im  menschlichen Wohlstandsmüll gefunden wird, denn Papier und Lappen sind fast immer dabei. Gegen andere Vögel ihrer Art oder auch andere Greifvogelarten sind sie friedlich und verteidigen nur unmittelbar den Horst. Doch kann es sein, dass zwei Milanpaare auch 500 m nebeneinander brüten, oder dass der etwas kleinere aber wehrhaftere Schwarzmilan in der Nähe horstet. Im Horstbereich hören wir auch oft die Kontaktlaute der Partner, ein warnendes und anhaltendes Trillern. Doch kann dem Horst kaum jemand gefährlich werden, weil er sehr hoch in den Buchen liegt. Wir haben einmal einen erstiegen der runde 35 m über dem Erdboden gelegen ist. Da kann unsereins sich schon fürchten.
Der früheste Legetermin liegt in der 2. Märzhälfte. Doch kann der Termin je 100 m Meereshöhe um 1 Woche abweichen, und über 600 m Meereshöhe brütet kein Milan mehr. Die höchsten Horste liegen in der Schwäbischen Alb. Damit ist sein Verbreitungsgebiet schon begrenzt, denn Rotmilane gibt es im wesentlichen nur in Mitteleuropa, wobei sich der Hauptbestand von 10. - 12.000 Paaren auf die drei Länder Deutschland, Spanien und Frankreich beschränkt. In anderen mitteleuropäischen Ländern gibt es nur maximal 50-300 Paare. Weltweit betrachtet sind die schmucken Rotmilane also recht seltene Vögel, die nur bei uns regional häufig sind, denn in  Deutschland leben 60 % des Weltbestandes!!!  Vor allem in den neuen Bundesländern und in Niedersachsen.


Bei unseren Vorfahren waren Rotmilane Schicksalsvögel, auch ihr zweiter Name Königsweihe deutet das an, und ein Rotmilan hält auf dem Tempel des Apollo die Wache. Erscheinen Rotmilane im Krieg auf dem Schlachtfeld, gilt das als ein böses Omen und kündet die Niederlage an. Stiehlt er den Schamanen beim Tieropfer die Eingeweide des Opfertieres, ist auch das ein böses Zeichen. Begegnet man der Gabelweihe schon früh morgens vor 5 Uhr, bedeutet das den Tod, aber um 5 Uhr nachmittags nur Verdruss. Unheimlich ist es schon wenn er am Himmel seine Kreise zieht, denn gutes bedeutet es nicht. Ernst wird es erst, wenn Milane eine Gegend frühzeitig verlassen, denn dann ist die Pest im Anmarsch. 
Galizische Rutenen meinen gar, dass die Gabelweihe von Gott verflucht sei, weil sie sich weigerte den Befehl Gottes auszuführen, zwischen den Teichen und Tümpeln Gräben und Bäche zu graben. Darum darf er nicht aus Bächen und Flüssen trinken, sondern nur aus Tümpeln und Teichen. Da die aber zeitweise austrocknen, leidet er dann Durst und muss sich Wasser von den Blättern und Bäumen ablecken, was recht mühsam ist. Darum jammert er auch und ruft kläglich "picj, piviej". So ist denn auch das Sprichwort entstanden: "Er lechzt nach Wasser wie eine Weihe". Hatte jemand in Frankreich einen langen Hals, sagte man, dass er den von der Weihe geerbt habe. Im Elsass aber ist der Name "Gabelweihe" eine Scheltrüge für ein unruhiges Kind.
So unruhig aber kann der Milan gar nicht sein, denn sein Weibchen brütet ganz alleine die Eier aus, und da muss sie schon 31-32 Tage recht still sitzen. Bis die Jungen dann ausfliegen, dauert es nochmals 48-60 Tage je nach dem Angebot an Nahrung. Ist die knapp, dauert es länger.  Nur 1,7 bis 2,2 Junge kommen von jeder Brut im Schnitt durch. Aber in Wales hat sich trotz dieser kleinen Zuwachsrate der Bestand in 30 Jahren verdreifacht.
Nicht überall ist die Lage so günstig, denn in den Ost- und Südosteuropäischen Ländern, wo Vogeljagd auf Greifvögel zur Volkstradition gehört, sind die illegalen Abschüsse recht erheblich. Noch schlimmer aber als diese Wilderei ist es, wenn man dem Vogel den Lebensraum entzieht, und da müssen wir uns an die eigene Nase fassen mit unserer Großflächenlandwirtschaft und Heckenrodungen. Nur wo es seinen Beutetieren gut geht, dort geht es auch dem Milan gut. Besonders  wo es Weideland gibt und Feldfutterbau mit Luzerne.

Rotmilane sind seit jeher Kulturfolger, die auch von Müllhalden profitiert haben. Am wohlsten fühlen sie sich in Biosphärenreservaten mit  traditioneller Landnutzung, gegliederten Feldfluren, extensiv genutzte Kulturlandschaften mit Randzonenstrukturen. Sie horsten zwar im Wald, aber der Wald liefert ihnen kaum Nahrung, sondern Bäche und Stillgewässer mit angetriebenen toten Fischen, kleine Wiesen zwischen Hecken, die oft weit vom Horst entfernt liegen. Landschaften mit Tümpeln und kleinen Feldgehölzen.

Wie könnte es anders sein, der Vogel des Jahres 2000 will genau jene Landschaft, die auch mit dem FFH-Konzept der EU, Natura 2000, für Mensch und Tier erhalten werden soll, Bauernland, das genauso bewirtschaftet wird wie es Groß- und Urgroßvater einst bewirtschaftet haben, jene bäuerliche Kulturlandschaft also, die man noch Heimat nennen kann. Unfug ist die überall zu lesende Verkündung, dass Rotmilane von Hamstern lebten und nun aussterben, weil es keine Feldhamster mehr gibt. Das wiederum tut ihm gar nichts, obwohl er sie örtlich totgefahren von Straßen sammelt. Wenn die Landschaft von Hasen wimmelt (auch das gibt es noch)fängt er sich den einen oder anderen Junghasen. Das wiederum spielt dort keine Rolle, wo es genügend davon gibt.

Rotmilane sind nicht wählerisch. Sie begnügen sich mit  gefundenem Aas oder nehmen anderen Beutegreifern die Beute weg. Sie sammeln am Ufer tote Fische auf und sie schlagen selbst alles was sie bewältigen können. Das sind alle Kleinsäuger und die meisten Vogelarten, vom Kleinvogel bis zur Größe von Enten. Sie fangen sich Siebenschläfer und Ratten, Mäuse und Wühlmäuse, aber auch Kröten und Frösche, und wenn gar nichts mehr zu finden ist, begnügen sie sich auch mit Käfern, also mit allem was Feld und Flur, Wald und Gewässer hervorbringen oder was tot herumliegt. Das kann sogar ein Fuchs sein oder ein verendetes Reh. Sie profitieren von allem.

Mit 65 cm Gesamtlänge ist der Rotmilan ein großer imponierender Vogel, deutlich größer als der bekannte Mäusebussard. Auch die Flügelspannweite von gut 1 m, ist größer als beim Bussard. Doch ist der  Milan eleganter und weit geschickter im Flug als der Bussard, vor allem bei seinen Balzflug- spielen. Im Winter bleibt der  Rotmilan nicht hier, sondern fliegt in alle wärmeren Länder rund um das Mittelmeer.  Ro.Milan.jpg (66629 Byte)
Rotmilan

Während der Bussard sich nie an Nutzwildarten vergreift, passiert das beim Milan schon einmal. Angesichts seiner Seltenheit fällt das aber nicht ins Gewicht, denn es verteilt sich auf enorme Flächen und der Verlust, in der Regel Jungtiere, liegt im Rahmen der natürlichen Mortalität und ist gar nicht messbar. Größere Beute kann er bei einem Gewicht von nur 1 bis 1,2 kg auch nicht tragen, denn das transportierte Tier muss immer leichter sein als er selbst.

Was dem Rotmilan ernsthaft zu schaffen macht, ist die industrialisierte Intensivlandwirtschaft. Nur eine flächendeckende ökologische Landnutzung kann die gewachsene Artenvielfalt wiederherstellen und damit den Lebensraum für den Rotmilan erhalten. Gefordert ist die Politik, denn der größte Feind der Bauern  ist in den eigenen Reihen, wer den bäuerlichen Familienbetrieb wegrationalisiert. Wo es keinen Rotmilan mehr gibt, ist auch die Arbeit des Bauern zu Ende.

Text und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr

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