Greifvögel/ Ammersee: Schwarzmilan - Segler im Aufwind
Der Schwarzmilan brütet erfolgreich an der Ammer

Der Flug des Milans ist unbeschreiblich schön. Und es bedarf kaum eines anderen Beweises seiner Harmlosigkeit, als dass die Vögel alle mit ihm in einem guten Verhältnis leben.“ – So schrieb schon Kronprinz Rudolf von Österreich, der seiner Zeit als hervorragender Vogelkenner weit voraus war. Haben sich doch Rot- und Schwarzmilan bevorzugt an Abfall gehalten, was positiv oder bei anderen negativ ausgelegt werden kann. Sieht man einmal davon ab, dass die Bundeswehr eine Rakete nach dem Milan benannt hat, bekam er eigentlich nie die Chance für irgend jemand als Wappentier zu Ehren zu kommen. Da der Mensch seinerzeit das Flugzeug noch nicht erfunden hatte, haben ihn die Flugkünste des eleganten Vogels kaum beeindruckt, denn ähnlich erging es ja auch der verwandten Konkurrenz, den Geiern.

 
  Schwarzmilan

Als lebendige Abfallverwerter sind sie die Aas-Vertilger. Vor allem in den warmen Regionen der Erde hat schon mancher sie als die Spezialisten für ökologisches Recycling erkannt. Ja selbst die Jäger haben bekundet, dass die beiden Milan-Arten in Ruhe gelassen werden sollten. Immerhin in Zeiten, als man es noch als Hege ansah, auf fast alle übrigen Greifvögel anzulegen, die scharfe Fänge und einen krummen Schnabel hatten.

Schwarzmilane haben ihr Revier bei uns fast immer in der Nähe großer Flüsse, Seen oder Fischteichanlagen, also dort, wo auch der Auwald für den Horst die optimale Tarnung bietet. Hier gleiten Sie ohne einen Flügelschlag dem Uferlauf folgend, um nach toten oder verletzten Fischen Ausschau zu halten, ihrer Haupt- oder auch Lieblingsnahrung.
Der nahe verwandte Rotmilan hält sich hingegen mehr an die Feldflur. Doch begrenzt sich sein Vorkommen weitgehend auf Deutschland, während der Schwarzmilan weltweit verbreitet ist. Beide Milanarten sind glänzende Segler bei ihrem Suchflug. Beim Rotmilan ist der Schwanz stark gegabelt, beim Schwarzmilan nur schwach. Doch der Schwarzmilan ist der mit den wirkungsvolleren und breiteren Flügeln, die er kräftig durchschlägt, wenn er nicht segelt.

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Schwarzmilan

Spielerisch kreist er auf der Thermik über seinem Jagdrevier und lässt sich dabei in wenigen Augenblicken kreisend ohne einen Flügelschlag hinauftragen in so große Höhen, dass er den Blicken fast entschwindet, wenn kaum noch die Silhouette in der Höhe beim Kreisen zu sehen ist. Das gehört auch zu ihrem Balzspiel, bei dem sie den Angriff vortäuschen. Dabei wirft sich der angegriffene Vogel rasch auf den Rücken, Ihre Fänge verkrallen sich ineinander und sie trudeln herab. Dicht über dem Boden lösen sie sich voneinander um wieder segelnd zu kreisen und Höhe zu gewinnen. Sie segeln beim Aufwind, aber wenn der fehlt, dann schlagen sie kraftvoll mit den breiten Schwingen rudernd durch und sie holen dabei weit aus und steuern  mit dem Gabelschwanz, den sie dabei drehen und spreizen, so dass von der Gabelung nichts mehr zu sehen ist und er gerade abgeschnitten erscheint. Die Perfektion beim Flug in der Luft und sein Umgang mit der Thermik bringt den gerade zwischen 600 und 900 Gramm wiegenden Vogel bald wieder in die Phase, in der er auf breiten Schwingen segelt und ohne einen Flügelschlag gleitet. Nur wenn diese Thermik abreißt, schlägt er sofort wieder mit den Flügeln kräftig durch wie ein Bussard, und mit den breiteren und längeren Schwingen schaufelt er regelrecht die Luft unter sich durch. Hat er hingegen eine Beute erspäht, dann stürzt er sich augenblicklich hinab auf das Wasser. Dabei winkelt er die Flügel an wie ein Falke, doch gleitet er schräger und langsamer herab als jener.


 

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Beim Jagen oder Suchen nach Nahrung flach über dem Boden gleitend, kostet das ständige kraftvolle Schlagen mit den Flügeln viel Energie. Doch sobald er auch nur die geringste Luftströmung nach oben erwischt, trägt es das Leichtgewicht  augenblicklich und wie einen startenden Drachen mühelos nach oben. Suchend aber fliegen Milane in der Regel etwas höher als die übrigen Weihen-Arten.
Alle miteinander sind noch immer selten in Bayern, besonders der Schwarzmilan. Das hängt sicherlich noch immer mit der schon etliche Jahre zurückliegenden Verfolgung aller Greife zusammen, als Habicht und Bussard erlegt, aber die vertrauteren Weihen gleich mit abgeschossen wurden, weil es so einfach war.

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Schwarzmilane im Flug

Erst in den letzten Jahren hat sich da viel geändert. Überholtes Räuber-Beute-Denken war damals ihr Verhängnis. Doch dem Milan drohte als Aasfresser noch eine größere Gefahr: die Rückstände von DDT im Futter. Mehr noch als andere Gefiederte erreichten ihn die Rückstände der Gifte im überwiegend gefundenen  verendeten Futter. Ihre Eier zerbarsten bei der Brut. Die ihm heute noch immer drohende Gefahr ist Beunruhigung und schwindender Lebensraum. Dabei könnte er als Nachlese haltender Hygienepolizist von den Fischteichanlagen profitieren. Natürlicher Weise jagt er an Flüssen und Seeufern. So gesehen müsste er in unserem 5-Seen-Land weit häufiger sein als er es ist. In ganz Bayern, eingeschlossen also die Nordbayerischen Fischteichanlagen, gibt es gerade 175 Paare. Im Süden sind nur Bruten nahe dem Kochelsee und Staffelsee bekannt. Am besonders gut observierten Ammerdelta wird er immer wieder gesehen, so dass nahe lag, dass er in der Nähe brütet.

Den Brutnachweis im naheliegenden Bereich aber verdanken wir Werner Borok, einem brillanten Beobachter, der Greifvögel und ihre Horste auf große Entfernungen mit seinem starken Spektiv ausspäht. Viele Horste sind aus der Nähe, wenn man unter dem Baum steht nicht zu sehen. Brutvogel und Junge ducken sich und verschwunden sind sie unter diesem Blickwinkel. Doch mit dem Spektiv und flachem Blickwinkel lässt sich auch durch belaubte Baumkronen hindurch eine Lücke finden. Dort wo sonst Laub und Äste alles verdecken, hat. auf gut 200 m in einem freistehenden Ahorn inmitten eines Feldes auch unser Schwarzmilan-Horst sein Geheimnis preisgegeben. Aus dieser Perspektive sahen wir deutlich im Horst zwei weiße Dunenjunge, und einer der Altvögel saß daneben. Eine Perspektive zu finden, aus der sich vom Boden aus Junge und Horst fotografieren ließen, wurde zum Alptraum.

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Flugübungen

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Schwarzmilane im Nest

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Warten auf Futter

Auf die große Spektiv-Entfernung konnte man nicht fotografieren, wir mussten näher heran. In der Ehgartenlandschaft waren die nächsten Bäume am Waldsaum nicht weit entfernt, und von dort aus fand sich der einzige mögliche Einblick. Zum Glück auch ist es eine Angewohnheit der Schwarzmilane auf abgestorbenen Ästen dürrer Bäume zu ruhen oder sie als Warte zu nutzen. Die gängige Methode, ein Versteck nahe am Horst zu bauen, schied grundsätzlich aus. Die Vögel sollten von uns möglichst wenig bemerken. Das Fotografieren auf der Warte war aus einem Versteck heraus schließlich möglich. Doch flogen die Vögel, wenn sie von der Jagd heimkehrten, nicht unbedingt diese Warten an, sondern sie hockten auch auf den belaubten Randbäumen auf irgendwelchen Ästen herum und bewachten erst einmal ihren mitgebrachten Fisch. Die Altvögel akzeptierten zwar das vorhandene Versteck am Boden, aber sie waren empfindlich, denn auf ein zu auffälliges  Schwenken der Kamera reagierten sie mit Abflug und erneutem Segeln.

Junge Schwarz-
milane 

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So erreichte ich nur wenige Bilder auf dem freien Ausguck im dürren Baum. Weit häufiger saßen sie im Blätterwerk, meist verborgen, aber doch auch einmal wieder sichtbar mit ihrem Fisch auf einem Ast. Den haben sie eine Weile festgehalten um dann zum Horst hinüber zu streichen und zu füttern. Dieses Füttern war wohl zu hören, aber solange der einzige Einblick nicht gefunden war, konnte man dieses Füttern leider nicht fotografieren. Als ich diese Lücke in den letzten April-Tagen fand, waren die Jungen fast ausgewachsen und machten kräftig mit den Flügeln schlagend im Horst Flugübungen. 

Das Wetter erschwerte die Sache sehr, denn ein Gewitter jagte das nächste und ich stand vor einer Abreise. So habe ich trotz Regen und Gegenlicht in die finstere Baumkrone hineinfotografiert mit einem 4/600 mm Objektiv, dem 1,4 Konverter  und auch mit 2,0 Konverter. Denn irgendwie wollte ich doch festhalten, was Werner Borok hier Einmaliges entdeckt hatte. Die beiden Jungen waren manchmal ganz verdeckt, aber sie saßen auch nebeneinander Kopf an Kopf im Horst. In der Woche danach sind sie dann auch ausgeflogen. Ein Jahr später werden sie hoffentlich aus dem Süden lebend zurückkehren, und vielleicht gibt es dann drei Jahre später nach ihrer Geschlechtsreife noch einen zweiten Horst Schwarzmilane im 5-Seen-Land?

Der Ruf der Schwarzmilane ist unverwechselbar ein wieherndes Trillern, das klingt wie „hiewhuhühuhühuhühuhühuhü“. Auf den Ruf des zum Horst zurückgekehrten Vogels antwortet der Partner mit dem gleichen Ruf, der sich bis zum Duettgesang steigern kann. Als Zugvögel fliegen sie südwärts nach Afrika, aber Mitte bis Ende März werden sie zurück kehren. Sie beginnen dann mit einer auffälligen Balz. Meist legen sie danach nur 2 Eier, selten 3, weiß bis leicht grünlich gefärbt. Die bebrütet vorzugsweise das Weibchen 28-32 Tage, eine Brutdauer, die auch anderen Greifvögeln gleichkommt. Doch die Nestlingszeit ist auffällig länger mit 42-45 Tagen. Bei ungestörtem Verlauf kann sie auch 50-52 Tage betragen. Das hängst natürlich auch sehr vom Nahrungsangebot ab. Dabei überwiegen aufgesammelte tote oder kranke Fische. Aber sie nehmen auch anderes Aas. Ich habe ihnen einen totgefahrenen Jungfuchs mitgebracht und an auffallender Stelle nahe beim Horst ausgelegt. Den haben sie relativ lange liegen lassen, aber dann sah ich beim Horsteinblick, dass ihn die Jungmilane kröpften. Nach russischen Untersuchungen entfallen auf Säugetiere 40 % der Nahrung, davon sind drei Viertel Wühlmäuse. Für den Bestand von jagdbaren interessanten Tieren ist die Anwesenheit eines Schwarzmilans völlig bedeutungslos. Ihrem Segeln zuzuschauen aber gehört zu den schönsten Beobachtungen, die auch ein Jäger bei einem oft so langweiligen Ansitz machen kann.

Text und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr