Greifvögel: Rüttelfalken als Gast, Turmfalke brütet auf der Terrasse

Mit rasantem Wirbel seiner flach schlagenden schmalen Schwingen steht ein Turmfalke rüttelnd in der Luft. Er späht hinab, verändert seine Position um einige Meter und mustert erneut ein anderes Stück des unter ihm liegenden Ackers. Kurz vor dem Sturzflug und Zugriff nach der Maus fächert er die Schwanzfedern und stellt die Flügel steil, um den rasanten Sturz auf den Boden rechtzeitig abzubremsen.
Weil dieser Greifvogel so überwiegend von Mäusen lebt und nur gelegentlich ein wenig auch von Vögeln, hat oftmals der Mensch ihnen das Haus geöffnet. Sei es in Türmen, in der Feldscheune oder wie in meiner Nähe bei Freunden in Geisenbrunn, auf der Terrasse eines Doppelhauses. Da er dort den ganzen Winter über unter dem Vordach geschlafen hatte, haben gleich beide Familien mit Hilfe des Landesbundes für Vogelschutz, Ortsgruppe Gilching einen großen Brutkasten auf der Terrasse montieren lassen. Eine Familie hat dann das große Los gezogen, und der Turmfalke zog bei ihnen als Gast in den Kasten ein. Von dort hatte er einen unmittelbaren Blick auf die angrenzenden weiten Felder, Hecken und Feldholzinseln.
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Turmfalken im Brutkasten


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Rüttelflug der Turmfalken


Günstig war, dass in der Familie des Nachbarn oft beide Familienmit-
glieder  nicht zu Hause waren und die Vögel den ganzen Tag über nicht gestört wurden. So konnte man hier auch vom Sessel aus der Mäusejagd der beiden Turmfalken stundenlang zusehen. Jener eigenwillige Suchflug, bei dem der Vogel rüttelnd nur durch Hin- und Herdrehen des Kopfes den Boden mustern und, immer noch rüttelnd die Position wechseln, wenn es an der Zeit ist. Entdeckt er eine Maus, stürzt er nicht gleich herab, sondern fliegt erst einmal eine Etage tiefer, um die Situation einzukreisen und erst dann den todsicheren Sturzflug durchzuführen, der fast immer mit dem Fangen der Maus endet.
Ein Rüttelflug kostet natürlich viel Kraft und Energie, und die muss der Vogel durch Nahrung wieder ergänzen. So lohnt der Rüttelflug sich nur dann, wenn genügend Mäuse da sind und dauernd Erfolg zu erwarten ist. Rütteln ist 10 x erfolgreicher als der Ansitz. Aber Ansitzjagd ist sparsamer. Darum entscheiden sich beispielsweise die viel schwereren Mäusebussarde weit häufiger  für den Ansitz, da für sie eine kleine Maus nur ein Happen ist, der mehr Energieaufwand nicht rechtfertigt. Aber auch für den Turmfalken mit 140 bis 200 g Gewicht beim Terzel und 160 bis 250 g beim Weibchen, kann es bedeutsam sein, Energie zu sparen, wenn Mäuse rar sind. Darum sitzen sie im Winter meist auf Pfählen und warten auf die Maus.


Wenn später im Frühling die Jungen versorgt werden müssen, sieht die Sache wieder anders aus, denn der Turmfalke braucht für jedes seiner 5 bis 7 Jungen je drei Mäuse pro Tag. Das ist viel Arbeit für sie.  Da entscheidet er sich für den effektiveren Rüttelflug, koste es was es wolle. Meist jagt das kleinere, auffälliger gefärbte Männchen und bringt die Beute zum Nest. Er übergibt sie dem Weibchen, das sie zerlegt und in kleinen Portionen verfüttert. Von der zweiten Woche an verschlingen dann die Jungen Mäuse alleine in einem Stück. Die Arbeitsteilung zwischen Terzel und Weibchen hat Vorteile. Wenn das Weibchen die Eier noch nicht gelegt hat, ist es bei der Jagd behindert, obwohl es dazu durchaus in der Lage wäre. Später brütet sie und er jagt, danach füttert sie und er jagt, sobald die Jungen alleine fressen, jagt sie ebenfalls mit.
So war es auch bei dem Turmfalkenpaar im Kasten. Sie haben sich auch sonst von uns kaum stören lassen. Durch die große Öffnung sah man sie sitzen. Sie schaute mit Kulleraugen herab, wenn wir darunter im Sessel saßen. Als die Jungen geschlüpft waren, blieb sie zum Hudern und Füttern, das Männchen brachte die Beute und flog hastig in den Kasten. Er blieb immer etwas vorsichtiger, aber er kam auch wenn wir dort saßen.

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Beuteflug


Wenn Beobachter im Frühsommer über den Feldern nur Turmfalkenmänn-
chen beobachten, ist das kein Zufall. „Kikikikikikikikiki“ fliegt er an und bringt Beute. Während sie noch brütet, bedeckt er wohl einmal für einige Minuten die Eier, aber sobald sie mit dem Essen fertig ist, brütet wieder nur sie.
An manchen Tagen schleppte der Terzel mehr Beute an als sie verfüttern konnte. Dann sammelte sich ein kleiner Vorrat im Nistkasten an, für schlechte Tage. Aber das ändert sich schnell. Ein Nestling braucht am Tag 3 Mäuse, die nicht immer zu fangen sind, wenn das Wetter schlecht ist. Dann hat der Terzel Schwerarbeit zu leisten, und jetzt jagt auch das Weibchen mit. Denn bei 5 Nestlingen brauchen sie am Tag 15 Mäuse für die Jungen und 6 für beide Eltern, also 21 Mäuse insgesamt. Würde jetzt ein Altvogel verunglücken, wäre das eine Katastrophe, die den Tod einiger Junger zur Folge hätte.


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Turmfalke Terzel


Kleine Katastrophen gibt es immer einmal. So fiel ein noch nicht flügger Jungvogel im Ästlingsalter aus dem Kasten und musste sich mit einer Nacht auf dem Klavier zufrieden geben. Wir stellten eine lange Leiter an und schubsten ihn wieder in den Brutkasten. Doch die nächste Katastrophe nahte, Dauerregenwetter. Die Alten bekamen keine Mäuse mehr und die Jungen greinten nach Futter, und da haben sie das Schwache, das aus dem Nest gefallen war, einfach aufgefressen. Aber sie hatten Glück bei der Wahl ihrer Adresse, wir fütterten mit Küken zu. 


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Turmfalke Terzel
Gelegentlich brachte die Hausfrau auch eine Ration tote weiße Labormäuse mit, die ohnehin entsorgt werden sollten. Das alles war vielleicht nicht ganz natürlich, beugte aber der natürlichen Auslese vor, denn alle vier übrig gebliebenen jungen Turmfalken wurden flügge.
Sie flogen aus und saßen rundum auf den Eichen und bettelten um Futter. Da im Augenblick draußen nichts zu finden war, flogen die Eltern in den Kasten, schnappten ein Küken und flogen hinaus um in den Bäumen die Jungen zu füttern. Das hat mit Artenschutz wenig zu tun, aber es  ist Tierschutz, wenn man sich verantwortlich fühlt für die eingeladenen Gäste aus der Vogelwelt.
Turmfalken sind zwar unsere häufigsten Falken
, aber aus ganz Europa wird ein schleichender Rückgang gemeldet. Ganz sicher ist das eine Folge der Intensivlandwirtschaft, aber auch eine Folge von mehreren kalten Wintern, denn aus Nordeuropa kommen im Winter weitere Turmfalken aus ihren Brutgebieten zu uns, die hier überwintern.

In der Wahl von Nistplätzen sind sie sehr flexibel Sie wählen Nischen in Gebäuden, Kirchtürme, Nistkästen und draußen im Wald alte Krähen- und Elsternester. Schon Ende März beginnt das Weibchen zu legen. Das sind dann 3 – 5 schmutzigweiße rotbraun gefleckte Eier. Die
Brut beginnt mit dem letzten Ei und dauert 27-32 Tage. Eigenartig ist, dass Höhlenbrüter länger brüten als Baumbrüter, bei denen es schneller geht. Auch eine hohe Feldmausdichte beschleunigt die Brut. Die Nestlingsdauer liegt zwischen 27 und 38 Tagen.

Welchen Anteil Käfer und Heuschrecken, Libellen, etc. in der Nahrung haben, ist unbekannt. Beim Füttern der Jungen fangen sie ausschließlich Mäuse, bevorzugt Wühlmausarten, einmal ein Mauswiesel. Immer wenn die Falken zum Nest flogen, kamen sie dicht an meinem Versteck vorbei. Manchmal machten sie eine Zwischenlandung auf dem Schornstein.
Das Weibchen hat sich dabei nicht stören lassen, doch das Männchen war etwas vorsichtiger und mied den Kontakt mit mir. Fast immer kündigten sie den Anflug mit einem Ruf an “Kikikikikikikikiki“. War das Weibchen im Kasten, antwortete sie mit dem gleichen Ruf, und manchmal eilte sie ihm entgegen. Als die ganze Familie schließlich ausgeflogen war, erfüllte es die Vogelfreunde mit ein wenig Trauer, denn alle hatten sich doch sehr an die aktiven Turmfalken gewöhnt.

Text und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr