Greifvögel: Mäusebussard - Himmelhoch kreisen sie
Als Gästen aus dem Norden überwintern sie bei uns in Eis und Schnee – und doch geht es ihnen recht gut.


Mäusebussard auf Pfahl


Mäusebussard im Flug

Wo die  Wolken sich treffen, hoch oben dahin treiben im azurblauen Himmel, kreist ein dunkler Vogel. Die breiten Schwingen hat er leicht nach oben angewinkelt. Ganz fern klingt sein heller Ruf herab. „hiääh, hiääh“ Mit diesem durchdringenden Ruf gleitet er ohne jeden Flügelschlag, scheinbar schwerelos getragen von den Aufwinden immer höher und höher hinauf, bis er den Augen in einer Wolke zu entschwinden scheint oder so klein auf unser Auge wirkt wie eine Lerche. Ausgenommen die beiden großen Adlerarten oder der

Schwarzmilan, lässt sich kaum ein anderer Vogel mit ihm vergleichen. Sie alle haben die Sehnsucht der Menschen nach dem endlosen Schweben im Himmel geweckt. So wie er seine Freude am Segeln hat, haben ihn beide Partner, wenn sie im Liebesspiel miteinander und umeinander hoch dort oben segeln. Man kann sie gut voneinander unterscheiden, denn das Weib ist größer als der Terzel.

Mäusebussarde leben, wie ihr Name schon sagt, vor allem von Mäusen und hier besonders von den Wühlmausarten, von der Feldmaus bis zur großen Wühlmaus, und die jagen sie hartnäckig. Doch kommt es vor, dass auch einmal ein Mäusebussard auf einem toten Hasen sitzend entdeckt wird, und da gibt es ewig gestrige, die nicht nachgedacht haben, sondern gleich den Finger krümmten und hinterher von einem regulierenden Eingriff in eine Überpopulation gesprochen haben. Dabei hielt der Bussard hier nur Nachlese als Gesundheitspolizei der Natur. Aber so kommt man halt in Verdacht und Verruf. Denn im Winter sind alle tot gefundenen oder totgefahrenen Tiere eine willkommene Nahrungsquelle, die das eigene Jagen erspart. Doch wenn schon einer Abschussanträge stellte und sie in die Tat umsetzen wollte, dann war es einfach, denn die Bussarde hockten wie die Katzen vor den Mauselöchern oder auf Maulwurfhaufen und wurden reihenweise zusammengeschossen oder gar mit den folternden Tellereisen gefangen.
In der Luft aber sind sie die Perfekten im Segeln und Gleiten. Sie winkeln die weit klafternden Flügel immer um einen Deut nach oben, und ihre Handschwingen flattern im Wind. Wollen sie auf eine Warte, dann stellen sie im Landeanflug die breiten Schwingen seitlich auf. Auch Körper und Schwingen werden steil vorgestellt und sie wirken als Bremsklappen wie bei einem Flugzeug. Die Fänge greifen weit voraus und dann blockt er schon zur Landung auf und sitzt einen Augenblick später das Gefieder schüttelnd auf dem
Pfahl, balanciert ein wenig und beginnt gleich nach Beute auszuspähen.


Mäusebussard mit Maus

Mäusebussarde sind robuste Greifvögel, die zwischen 600 Gramm und 1,5 kg wiegen. Damit steht eigentlich zweifelsfrei fest, was sie schlagen können und was nicht. Es ist mehr als deutlich, dass der Hase nicht dazugehört, denn der wiegt je nach Größe zwischen 2,5 kg und 12,5 kg.  Es ist also nicht zu verstehen, dass es noch immer Leute gibt, die an die Hasenjagd-Theorie glauben. Denn zu Recht trägt er jenen Namen Mäusebussard, der Mäuse will, nichts als Mäuse, wenn man einmal von jenen Opfern im Straßenverkehr absieht, die er aufräumt.

Wenn wir im Winter über das Land fahren und alles weiß verschneit ist, dann ist nicht zu übersehen, dass erfahrene Bussarde auch an Schnellstraßen schon warten, dass etwas anfällt, andere suchen die tiefgründigen Böden auf, also ehemalige Moore, die in Streu- oder Fettwiesen verwandelt wurden. Da kann es dann schon sein, dass an einer Weide auf jedem Pfahl ein Bussard sitzt und sich eine Gruppe von bis zu 30 dieser Vögel auf einer einzigen Wiese einfindet. Hier fällt es vor allem auf, wie unterschiedlich Bussarde gefärbt sein können. Fast alle aber haben den hellen Flecken auf der Brust, auch die dunklen, hellbraunen oder weißen Vögel.


Mäusebussard hell


Falkenbussard

 Manche von ihnen sind auffallend klein, dann oft dunkelbraun rundum und ohne den hellen Brustfleck. Das sind dann Vögel einer Unterart aus Skandinavien, es sind Falkenbussarde. Seit sie weniger verfolgt werden, sind sie etwas vertrauter geworden, aber Autos, die halten, mögen sie alle nicht. Sie lassen sich aus haltenden Autos nicht gerne fotografieren, denn sie streichen ab, ehe der Motor abgestellt ist.  Ob sie insgesamt häufiger geworden sind, lässt sich schwer sagen, denn sie sind immer so häufig oder selten in einem Gebiet wie die Mäuse. Dieses Mäuseangebot reguliert nicht nur die Brut, es reguliert auch im Winterquartier die Vögel. In Deutschland sollen zwischen 210.000 bis 250.000 Paare von ihnen brüten. Hinzu kommen die Überwinterer aus dem Norden.

Da Mäuse die schon genannten torfigen Böden schätzen, finden wir auch die Bussarde bevorzugt dort, also z.B. auf einer Anhöhe zwischen Oberpfaffenhofen und Hochstadt oder im Ammermoos zwischen Raisting und Pähl, bis hin nach Weilheim. Sie überwintern hier in einem klimatisch gar nicht so günstigen Gebiet alleine der Nahrung wegen. Sie sitzen auf den Weidepfählen und Maulwurfhaufen oder auf dem Giebel der Feldscheunen. Von oben aus haben sie eine bessere Übersicht und starten von dort oben mit einer höheren Geschwindigkeit, die aber gar nicht so wichtig ist. Mit lang herabhängenden Fängen streichen sie heran um zielsicher in den Schnee zu greifen und die angepeilte  Maus im Inneren ihrer Schneegänge zu greifen, also Mäuse zu fassen, die gar nicht zu sehen sind. Sie lauern aber auch im Schnee und sitzen bewegungslos, nur rundum spähend, ob es sich lohnt irgendwo hinzuspringen und zuzugreifen. Dann hüpfen sie plötzlich mit einem Flügelschlag  los, greifen in den Schnee und haben auch schon eine der großen Wühlmäuse im Schnabel. Die ist mit einem Bissen nicht  zu schlucken und wird dann zerteilt und in 2 oder 3 Happen hinuntergeschlungen. Dabei habe ich sie natürlich auch fotografiert. 


Mäusebussard im Tiefflug

Eine andere Methode ist die eines flachen Gleitfluges. Dass der gelingt, ist ein Wunder der Natur, denn nur etwa 15 cm über dem Boden gleitet er ohne einen Flügelschlag segelnd dahin. Ohne dabei Höhe zu verlieren und immer flach über dem Boden. Alleine die beiden weit ausgebreiteten Schwingen tragen ihn ohne zu schlagen eine Handbreit  über dem Feld. 

In seiner Haltung kippt er dabei leicht nach vorne ab, was verhindert, dass er auf die Nase fällt, aber auch das beschriebene flache Gleiten zu sichern. Bei höheren Geschwindigkeiten im Flügelschlagen würden an den Flügelspitzen Turbulenzen entstehen. Um das zu verhindern, sind die Handschwingen ausgefranst, bzw. gefingert. So kann die Luft hindurchströmen und die Wirbelbildung wird vermieden. 
Wer so niedrig über große Flächen gleitet, dem entgeht nichts unter dem Schnee, und obwohl er fliegt, ortet er die Maus, die sich in sicherer Deckung unter dem Schnee zu schützen meint. Kommt der Bussard dabei an den Hang eines Drumlins, hebt sich sein Flug und er gleitet hinaus in die freie Luft bis er ein Thermikkissen erwischt und gleich vom Aufwind erfasst nach oben gleitet. Schon schließt sich im Aufwind sein endloses Kreisen und ein rascher Aufstieg in höhere Lagen der Lüfte im Himmelsgewölbe an. In wenigen Minuten ist er dort nach oben verschwunden wo er eben noch jagte.
Manche von ihnen greifen auch rasant an und lassen sich beim Angriff aus der Höhe herabfallen, ja sie schießen auf ihre Beute zu. Das Auftreffen aber wäre auch für den Bussard selber nicht ungefährlich, und so bremst er kurz vor dem Ende seinen Schwung ab und breitet dazu die großen Flügel. Manchmal stehen auch Bussarde im kräftigen Westwind rüttelnd wie Turmfalken in der Luft. Von dort oben aus sausen sie dann, ihr Ziel die Maus im Auge, mit angelegten Flügeln herab. Dieser Angriffs-Sturz verläuft in der Regel in einem flacheren Winkel, aber doch so schnell, dass sich der Vogel beim Aufprall verletzen würde, wenn er seine beiden Lenkfallschirme nicht hätte. Das sind Jagdarten, die durch ihre weite Übersicht viel Erfolg verheißen, aber auch sehr viel Energieaufwand erfordern, und Energie im Überfluss ist im Winter nicht vorhanden. Es sind daher Jagdarten, die er bevorzugt anwendet, wenn Junge im Horst einen hohen Beuteerfolg erfordern.


Bussard auf Giebel

Im Winter sparen Bussarde mit dem Energieaufwand, und darum sehen wir sie überall herumsitzen, auf dem Scheunengiebel, auf Pfählen, Bäumen, Maulwurfhaufen oder ganz einfach auf dem Boden und im Schnee. Diese Jagdarten erfordern viel Zeit, aber die hat der Vogel ja jetzt, wenn er sich wenig bewegt. Nachteilig ist nur, dass er lediglich einen kleinen Teil des umgebenden Bodens im Blickfeld hat. Dennoch ist diese Jagdart todsicher, wenn die Wiese richtig gewählt ist, dann spielt es auch keine Rolle, wenn Schnee die Landschaft verhüllt, denn er weiß die Mäuse auch unter dem Schnee genau zu orten. Aber dort, wo es keine Mäuse mehr gibt, ist auch die Jagd des Bussards zu Ende.

Jeden Winter kommen sie zu uns in die Grünlandgebiete, und wenn der Schnee nicht zu tief liegt, bleiben sie auch den ganzen Winter hier. Im Gebiet zwischen Raisting, Pähl und Weilheim kann man an einem einzigen Tag auf den Wiesen manchmal bis zu 120 der überwinternden Bussarde in allen Größen und Farben beobachten. In anderen Gebieten sitzen sie gerne entlang der Autobahnen und Schnellstrassen. Ein vom Auto getöteter Hase, der steif gefroren ist und vielleicht auch von den Autoreifen zerfetzt wurde, wird durchaus nicht gleich gefressen, sondern erst einmal bewacht. Wer im Winter über das Land fährt, sieht sie zuweilen unbeweglich auf der gefundenen Beute sitzen. Es dauert nach meiner Beobachtung bis zu zwei Stunden, ehe sich der Bussard rührt, sein Misstrauen überwindet und langsam zu kröpfen beginnt. Dann aber verteidigt er diese Beute auch gegen andere Bussarde und lässt keinen anderen mehr an diese Beute.

Den Hasen im Bild verdankt der Bussard mir, denn er war ein Verkehrsopfer, das in der Regel untauglich für die Pfanne des Menschen ist, denn es ist zu grausam zerfetzt. Man sieht es auch dem Hasen an, dass er auf unnatürliche Weise starb, er ist zermalmt und verschmutzt, aber eine Überlebenschance für Bussarde ist er allemal. 
Wir wundern uns zuweilen, dass die Menschen Singvögel füttern, Rehe oder Hirsche, die es eigentlich gar nicht nötig haben, weil ja selbst in den Hochlagen des Gebirges Schalenwild ohne die Futtertüte des Menschen überlebt. Die aber finden es herzlos, wenn jemand die Enten und Schwäne nicht verführt, sich füttern zu lassen und sie verführt hier zu bleiben, anstatt südwärts zu ziehen. Wer füttern möchte, der sollte das bei den Bussarden probieren, da richtet er wenigstens keinen Schaden an, und wer Spaß daran hat, kann sein Versteckzelt daneben stellen. Wo auch immer ein Bussard auf Hasen sitzt, verdankt er sie dem Menschen. Nicht immer dem Auto, sondern er findet sie auch dort, wo man nach der Treibjagd nicht genügend oder wenigstens nicht gründlich genug nachgesucht hat.

Ich war von dem genannten Hasen 10 m entfernt, und obwohl ein Bussard um ein vielfaches besser sieht als ein Mensch, hat er mich in meinem kleinen Versteckzelt  nicht entdeckt. Er hat sogar erlaubt, dass ich Objektive wechsle. 
Wer abwägt, ob füttern natürlich ist oder nicht, moralisch ist oder nicht, könnte das ja einmal bei den Bussarden probieren, die diese Fütterung mindestens so nötig haben wie die Singvögel am Fensterbrett. Es gibt Vogelfreunde, die mit Schlachtabfällen um die 30 Bussarde durch den Winter bringen, denn sie rechnen damit, dass ihre Wiese auch im Sommer weniger Mäuse haben wird. Andere stellen Sitzstangen auf ihre Wiesen, damit die Bussarde dort sitzen und von da aus jagen können.

Bis sie aber zur Lockspeise kommen, erfordert es Geduld, denn meist hocken die großen Vögel irgendwo auf den Maulwurfhaufen herum und haben die Lockfütterung noch nicht entdeckt. Sie streichen von Erdhügel zu Erdhügel und kommen noch immer nicht. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Eindeutig hat das natürliche Mäusefutter den Vorzug, und der Nahrungsanteil der Maus ist wissenschaftlich  zweifelsfrei nachgewiesen. Bei Gewölle-Untersuchungen wurde ein Mäuse-Anteil von 70 – 98 % festgestellt. Das scheint denen nicht bewusst zu sein, die Abschussanträge beim Landratsamt stellen. Es macht aber wenig Sinn den aus Skandinavien und den baltischen Ländern oder aus Russland zu uns kommenden Bussarden nachzustellen, denn das sind Zugvögel, die im Frühling wieder heimziehen, um dort zu brüten. Selbst für Jungwild unserer Niederwildarten sind sie keine Gefahr.

Die heimischen Bussarde aber begrüßen den Frühling mit ihrem gemeinsamen Kreisen in den thermischen Luftströmungen. Beide Partner kreisen dabei laut rufend „hiäh, hiäh“ umeinander und stürzen  sich mit steilen Sturzflügen bis in Bodennähe herab, um nach diesen Girlandenflügen wieder gemeinsam hoch hinauf zu segeln. Sie zu beobachten, gehört zu den schönsten Erlebnissen im Frühling. Den Horst bauen sie in die Astgabeln hoher Bäume und schmücken ihn oder auch erneuerte alte Horste mit grünen Zweigen am Horstrand. Das Weibchen legt dann 4-5 Eier von grünliche Farbe mit braunen Sprenkeln in der 2. April-Hälfte und beide bebrüten sie vom ersten Ei an runde 33 Tage, so dass die Jungen nacheinander schlüpfen und unterschiedliche Größe haben. Sie füttern dann rund 50 Tage bis zum Ausfliegen und auch noch danach. Im Jahr darauf werden nur einzelne der Jungen geschlechtsreif, die Regel ist eine Geschlechtsreife im 2. Lebensjahr. Erst dann werden sie sich ein eigenes Revier suchen und am Balzflug im Frühling beteiligen, jenem himmelhohen Kreisen, das zu den schönsten Erlebnissen gehört, die wir im Frühling haben können..

Wolfgang Alexander Bajohr