Mit Gift und Blei gegen den Seeadler.
Wie der Seeadler gnadenlos bekämpft wurde und wie er wieder zurück kommt in eine hoffentlich neue Zukunft.

Jene Nachricht, dass 4 junge Seeadler vergiftet auf dem Eis gefunden wurden, ist relativ neu. Zwar sollten mit diesem Gift nicht die Adler, sondern Füchse vergiftet werden, aber die Adler hat es erwischt. Zur gleichen Zeit kommt eine ähnliche Nachricht aus Kärnten: „Leider haben wir in Österreich, Burgenland und Niederösterreich, nur etwa 40 überwinternde Seeadler. Das letzte Brutpaar wurde 1946 festgestellt. Bedauerlicher

Weise fallen die meisten der Seeadler dem bewusst in Köder eingebrachten Pestizid Carbofuran zum Opfer, dem Blei ein Vielfaches weniger.“ Das zeigt, dass Gift in Freier Natur, allein schon weil es nicht selektieren kann, absolut nichts zu suchen hat. Wiederholt hat die Presse und das Fernsehen berichtet, dass Adler an Bleivergiftung sterben. Die Ursache ist weniger die Verwendung von Bleischrot, als die Bleiwolke, die bei einem Teilmantelgeschoss Teile des Wildbrets vergiftet. Auch wenn nur geringe Mengen Blei aufgenommen werden, tötet Blei latent, langsam aber grausam, weil die Belastung im Körper ansteigt.

Auch Tierfotografen können dem Adler gefährlich werden, besonders die Horst-Fotografie, die früher die Regel war. Wird sie nicht sorgsam vorbereitet, z.B. durch Versteckbau schon im Winter vorher, wird der Adler zu Beginn der Brutperiode gestört. Er kann dann möglicherweise die Brut aufgeben. Dagegen hat man sich durch Bewachung und absichern der Horste frühzeitig gewehrt, vor allem in Schleswig-Holstein.

In ganz Europa sind nicht nur den Adlern, sondern auch anderen Vogelarten, wie z.B. dem Singschwan die Eiersammler sehr gefährlich geworden. Nicht minder gefährlich waren Schlagfallen, die gar nicht dem Adler gegolten haben, sondern Wolf und Fuchs. Es gab aber auch jene Fälle, in denen Jäger den Seeadler als unliebsame Konkurrenz gesehen und darum verfolgt haben.

Sie führten einen totalen Krieg gegen den großen Adler, und der war gnadenlos. Als die Menschen im Kurfürstentum Brandenburg ihren Adler noch besungen haben mit dem Lied „Steige hoch du großer Adler“, war das um 1877. Aber da steigt der große Adler schon längst nicht mehr über die Heimat und die dunklen Kiefern-Wälder, denn mit Schrot und Kugel hatte man sie gezielt ausge-rottet. In Mecklenburg hielt er sich noch etwas

länger, bis Anfang 1865, in Vorpommern bis 1871. Es war die Mode jener Zeit, in der alles was scharfe Fänge und einen krummen Schnabel hatte, sterben musste. Die Statistik des Landes Preußen wies neben 34 Seeadlern auch 160 Stein- und Schreiadler aus und 504 Fischadler. Das war nur scheinbar in ferner Vergangenheit, denn noch im Kältewinter 1962/63 wurden in der Bundesrepublik 50.000 Mäusebussarde erschossen, obwohl man ja schon an deren Namen hätte erkennen können, dass sie Mäuse, nichts als Mäuse gefressen haben. Die Statistik der damit „geretteten“ Rebhühner, Hasen und Fasanen hat sich durch den genannten Wahnsinn nicht zum Positiven hin verändert. Die Jagdstrecken sind nicht gewachsen, also war die Aktion völlig nutzlos. Auf Sylt hat ein einzelner Mann 30 Seeadler erschossen. 7 Seeadler davon an einem einzigen Abend unter dem Schlafbaum der Vögel. Im Jahr 1871 brachte er es auf 20 Seeadler. In Mecklenburgs Revieren wurden zwischen 1841 und 1853 nicht weniger als 412 Seeadler erschossen. Zwischen 1738 und 1848 wurden auch in Schleswig-Holstein allein 4393 Seeadler entweder erschossen oder tot aufgefunden.

Um der Gerechtigkeit willen muss man eingestehen, dass für diesen Massenabschuss von staatlicher Seite jeweils Prämien bezahlt wurden. Das endete erst nach Intervention aufgeklärter Wild-Biologen. Ab 1906 gab es in Mecklenburg und in Pommern von 1908 an für die abgelieferten Fänge der Vögel keine Schuss-prämien mehr. Aber auch in Österreich wurden zwischen 1959 und 1965 noch mindestens 100 Adler gefangen, erschossen oder ausgehorstet.

Erinnern wir auch an den königlichen Berufsjäger Adlerkönig Dorn in Bayern, der sich für seinen 100. Steinadler hat feiern lassen. Es war aber eine alte Sache: wenn die Zahl der Abschüsse zurückging, stieg die Zahl der vergifteten Vögel wieder an. Der Seeadler war eine Art, die einst in ganz Europa heimisch war, bis sie systematisch ausgerottet wurde. Den Adlern wurde aber auch durch intensiveren Holzeinschlag durch die neu entstandene staatliche Forstwirtschaft systematisch der Lebensraum genommen. Auch die derzeit massiven Eingriffe in die Altholzbestände sind für die Rückkehr der Adler Gift. Wir werden uns zu entscheiden haben zwischen Gewinn und Brennholz oder Naturnahem Wald mit Adlern.

Mitte des Jahrhunderts, kamen dann noch die Umweltgifte hinzu. Besonders der hohe Gehalt der Ostsee an Schwermetallen, DDT und PCB, ließen die Eier unter den brütenden Adlern so dünnschalig werden, dass sie zerbrachen. So kam selbst im Frühling 1966 nicht ein einziges Junges so weit durch, um wenigstens ein Ästling zu werden. Nur in Polen, Norwegen und Island verlief die Entwicklung positiv. Der Schwedische Tierfotograf Bengt Berg fütterte massiv giftfreies Fleisch an die Adler, Schweine aus der Tierhaltung eines Verwandten.

Die Kritik an der Forstwirtschaft betrifft nicht die Förster pauschal, denn es waren gerade Forstleute, welche sich als erste für die Rettung der Art eingesetzt haben. Das war vor allem in Staatsrevieren. Solange man aber in den Gütern, Domänen usw. Seeadler als Freiwild betrachtete, kämpften überzeugte Vogelschützer unter den Forstleuten, wie der Forstmann von Arnswald, Carl Wüstener aus Schwerin und G. Claudius um den 

deutschen Wappenvogel alleine auf weiter Flur. So konnte eine Wiederbelebung verlassener Horste eingeleitet werden. Flügellahm blieben die Seeadler dennoch auch in der neuen Zeit im Westen. Zwar durfte in einem Radius von 100 m um den Horst ganzjährig kein Holz geschlagen werden und die umgebende Zone wurde vom 1.1.-31.7. Sperrgebiet. Doch trotz aller Bemühungen Mitte der 70er Jahre, kam eine neue Gefahr hinzu: die Beizung des Saatgutes mit Quecksilber. Während Schweden ein Verbot schon 1966 realisierte, vergifteten sich zwischen Dez. 1967 und Jan.1978 in Mecklenburg-Vorpommern noch mindestens 7 Seeadler.

Nach der Beseitigung all dieser Probleme nahmen endlich die Seeadler wieder zu, nicht zuletzt deshalb, weil meist in jedem Nest 2 – 3 Junge groß wurden. In diesem Jahrhundert hat aber kein Land sonst so irreparable Schäden in der Natur in ihren Lebensräumen hinterlassen, wie die Bundesrepublik Deutschland. Seeadler bleiben durchwegs das ganze Jahr über im Brutgebiet. Sie sind also Standvögel. Die mit reichlich Geld versorgten Schleswig-Holsteiner brachten es gerade auf 4 Seeadler-Brutpaare. Und man war stolz, auf diese erzielten 4 Paare, die sich ansiedeln konnten. Zweifellos ein Ergebnis von hohem persönlichen Einsatz durch Bewachen und Absichern der Horste, auch gegen Tierfotografen.

Demgegenüber profilierte sich Mecklenburg geradezu als ein Paradies für die Seeadler. Denn innerhalb der gleichen Zeit konnte Mecklenburg-Vorpommern wesentlich mehr bieten:  95 Seeadler-Paare. Von denen waren zwar nur 38 Paare erfolgreich, aber sie brachten immerhin 53 Jungadler zum Ausfliegen. In der Nossentiner Heide brüteten schon auf 100 Quadratkilometer 4,7 Brutpaare. Nur in Ostpreußen, im heutigen Nordpolen, war man noch erfolgreicher. Heute schätzt man in Masuren den Bestand bereits wieder auf 200 Seeadler-Brutpaare.

Wir reden gerne vom sanften Tourismus. Der aber hat in diesem Jahrhundert der gigantischen Naturzerstörungen auch nicht annähernd das gebracht, was den Mecklenburgern oder den Polen und Masuren in den Schoß gefallen zu sein scheint. Man kann die Natur auch nicht in einigen unserer wenigen Nationalparks erhalten, sondern die Natur gehört uns, dem Volk - und das will, dass alle gefährdeten Tierarten überall erhalten werden.

Der Seeadler muss auch nicht darum erhalten werden, weil man aus dem Vogel einen irgendwie stilisierten und verbogenen Wappenvogel gemacht hat, sondern er ist ein faszinierender Vogel. Darum sollte er wieder allgegenwärtig sein, vor allem aber ist er ein Geschöpf Gottes wie alle anderen auch. Und es ist nicht unsere Sache, die Schöpfung Gottes nach unseren Vorstellungen zu korrigieren. Natürlich ist er auch ein Aasfresser genauso wie die Geier. Ich habe sie beide in der Natur erlebt, den Geier wie den Adler. Ich habe den Seeadler als den König der Lüfte kennen gelernt mit seiner unnachahmlichen Geschicklichkeit und als den, der alles zu beherrschen scheint mit dem hervorragenden und kraftvollen Schlag seiner gewaltigen breiten 2,5 m messenden Flügel. Er, der damit aus dem Stand abhebt, das zu erleben, war mehr als nur Vogelbeobachtung. Es ist das satte Erleben des Beherrschers der Lüfte. Ich sah, wie er über hundert Meter plötzlich herab gleitet, dann wieder segelnd mit seinen breiten Schwingen sich in die ewigen Höhen hinaufschraubt und im Himmel zu verschwinden scheint.

Der Seeadler ist mittlerweile auch nach Bayern zurückgekehrt. Jahrelang haben wir nur einzelne Vögel gelegentlich erleben können. Solange allerdings nur ein einziges Paar hier brütet, ist er noch nicht über den Berg. Halten wir Störungen fern von ihm, wenn er brütet, dann haben wir auch die Chance ihn den Rest des Jahres zu erleben. Wer diesen Vogel ehrlich erhalten will, der muss auch etwas für den Wald tun in dem er brütet und auch für andere Wälder. Dieser Natur-Wald aber, den wir dafür brauchen, der gehört uns, dem Volk. Ohne diesen Wald kein Wild, und zu diesen Wildtieren gehört allemal auch der Seeadler.

Wolfgang Alexander Bajohr