Kurzbiologie: Der Seeadler – Haliaetus albicilla

Unter den Vögeln Mitteleuropas ist der Seeadler der Größte. Beim weiblichen Vogel wurden Gewichte von 5 bis 7 kg, bei einem sogar 7,5 kg gewogen. Beim männlichen Vogel wurden Gewichte von 3 bis 4,5 kg ermittelt. Wenn der etwa 1 m große Vogel vor uns auf dem Boden sitzt, ist der Eindruck überwältigend, ebenso seine Flügelspannbreite von 2,5 m. Die rechteckige Form der auffallend breiten Flügel mit den gefransten Spitzen wird noch betont durch den kurzen weißen Schwanz, der keilförmig ist.

Dieser Vogel mit dem gewaltigen klobigen gelben Hakenschnabel ist unverwechselbar. Die typische hellgelbe Iris des Auges und den hellen Kopf bekommt der Vogel erst mit 8 bis 10 Jahren. Bis zum 4. Jahr ist das Gefieder noch mehr gescheckt, der Schnabel und die Iris im Auge sind dunkel. Fortpflanzungsfähig werden Seeadler erst im 5. Jahr. Doch finden sich die Paare schon früher. Dann zeigen sie  bei der Balz atemberaubende Flugspiele, bei denen sich die Partner an den Fängen halten, dann sinken sie zu zweit vom Himmel herab. Schließlich lösen sie die Fänge, um erneut hinauf zu segeln. Auf alten Bäumen bauen die Seeadler schließlich gewaltige Horste aus dicken Knüppeln. Brutbiologie  bei uns: Etwa ab Mitte Februar bis Mitte März bebrüten Seeadler ihre 2 bis 3 Eier 38 bis 42 lange Tage. Die Nestlinge werden 90 bis 100 Tage betreut.

Seeadler sind die vielseitigsten Wirbeltierjäger Europas. Sie jagen Vögel von der Größe eines Mövenküken bis zu ausgewachsenen Gänsen, Reihern und sogar Schwänen. Säugetiere fangen sie von der Größe von Mäusen und Lemmingen bis zu kleinen Hunden, Füchsen oder kleinen Rehen, aber auch Frösche. Beutetiere wiegen maximal soviel wie der Adler, also 6-8 kg, größere Beutetiere von 12-15 kg schleifen sie weg. Der Nahrungsbedarf  liegt bei etwa 700g/Tag. Er kann aber bis zu etwa 2 kg hintereinander vertilgen.

Beim Sturztauchen auf Fische stürzen sie sich aus Höhen von 200 bis 300 m in das Wasser, ziehen aber den flachen Jagdflug vor. Es kann aber auch sein, dass er sich bei der Größe der Beute überschätzt hat. Dann ruht er eine Weile im Wasser treibend, um schließlich mit mächtigen Schlägen der breiten großen Schwingen aus dem Wasser zu starten. Fisch spielt vor allem im Frühjahr bei der Ernährung eine besondere Rolle. Beim flachen Jagdflug senkt der Adler schon Meter vor dem Fisch seine Fänge wie Enterhaken in das Wasser und greift bei Berührung der Beute sofort zu.

Wer annimmt, dass ein so riesiger Vogel bei der Jagd plump ist, der wird seine Meinung schnell ändern müssen. Der Seeadler ist beim Jagdflug sogar außerordentlich wendig. Die gewaltigen und mächtigen Schwingen sind dann eine enorme Antriebskraft für den Vogel. Er jagt gewandt wie ein Falke, aber er hat die Kraft des großen Adlers. So weiß er sich auch gegen Feinde sehr erfolgreich zu wehren, wenn er ausweicht oder sich um die eigene Längsachse gleich mehrfach drehen kann und das noch im Flug und in Flugrichtung.

Der Seeadler hätte die allerbesten Voraussetzungen, um auf unserer Erde erfolgreich zu sein. Aber die Menschen haben dieser Art brutal zugesetzt. Über Jahrhunderte hat man ihn, ebenso wie auch den Steinadler und Bartgeier verfolgt und getötet. Es gab sogar Schießer, die gleich ein Dutzend Seeadler an einem einzigen Tag aus den Schlafbäumen geschossen haben. Als diese Art von Massaker verboten wurde, stieg die Zahl der heimlichen Vergiftungen. Von denen gab es gewollte und ungewollte. Die zersprühende Bleiwolke der Teilmantelgeschosse ist eine ungewollte. Sie aber führt zu schleichenden Bleivergiftungen. Der für Füchse ausgelegte Giftköder ist fahrlässig, denn das Luder frisst auch der Seeadler. So fand ein Ranger auf dem Eis eines Sees 4 junge tote Seeadler. Ein Institut versucht jetzt die genauen Ursachen zu ergründen.

Das erste durch Beringung zweifelsfrei nachgewiesene Alter eines Adlers war 11 Jahre und 5 Monate. Adler in Gefangenschaft wurden häufig sehr alt: Sicher belegt sind Alter von 30, 34, 36, 42 und 48 Jahren. Da die Adler nicht nur alt werden, sondern auch noch 2 bis 3 Junge bekommen, nimmt ihre Zahl wieder zu. Der lange von Vogelschützern erwartete Seeadler am Altmühlsee hat bereits einmal erfolgreich gebrütet, 2 Junge aufgezogen, und er brütet jetzt wieder.

In Schleswig-Holstein waren es zuerst nur 4 Paare, jetzt sind es 5. In Mecklenburg hatte man zur gleichen Zeit bereits 95 Paare, von denen nur 38 Paare erfolgreich waren und 53 Jungadler zum Ausfliegen brachten. In der Nossentiner Heide brüteten schon pro 100 Quadratkilometer  4,7 Brutpaare. Noch erfolgreicher ist man in Polen im Norden, in Masuren. Man schätzt 200 Brutpaare. Nicht alle sind bekannt, weil die Förster sie nicht alle melden, damit im Umkreis eines Horstes die Forstwirtschaft nicht blockiert wird.

Wolfgang Alexander Bajohr

siehe auch: Mit Gift und Blei gegen den Seeadler