Gratgams am Hohen Göll
Kamerapirsch im Nationalpark Berchtesgaden

„Gämsen dort oben!“ Wie dieser Ruf die Menschen auf der Terrasse des Stahlhauses elektrisiert, das muss man einfach erlebt haben. Hoch oben über der Alpenvereinshütte ziehen sie zwischen dem Jägerkreuz und dem Brett früh morgens am Grat über die schroffen Felsen. Ob hier an der Hütte oder bei der Bergbahn am Jenner, in den Gondeln oder weiter drunten das vornehme Volk in den Berghotels, an manchen Tagen, bei Regen oder Nebel, sind die Gams verschwunden, aber auch in

den heißen Sonnenstunden. Wenn sie dann plötzlich wieder auftauchen aus ihren Schlupflöchern in den riesigen Latschenfeldern, dann fragen die Leute gleich: „wo, wo?“ Und alle freuen sich, selbst die erfahrenen Bergsteiger, die Bergbauern und die Berufsjäger, wenn sie die flinken Kletterer entdecken, die man hier Gams nennt, obwohl sie im Duden Gämsen heißen. Gewiss, es waren schon einmal mehr, ehe sie, wohl aus einer Wahnvorstellung heraus, als Waldfresser reduziert wurden. Dabei haben die Gratgams auch nicht einen Baum aufgefressen. Weil sie rar wurden, gelten sie als scheu, aber scheu sind sie gar nicht, sondern eher vertraut und neugierig, wenn man ihr Verhalten kennt und sie richtig einschätzt. Dennoch haben die wenigsten Menschen sie ebenso wie wir in der freien Wildbahn erlebt. Seit das Volk mehr in die Berge kommt, weichen die Gams zunehmend in tiefere Lagen, also den Bergwald aus. Dort will man sie nicht haben, weil sie dann die Naturverjüngung verbeißen, aus der einmal Schutzwald werden soll. Wenn man die Gams hingegen in Ruhe lässt, dann geht es ihnen im Winter als Gratgams hoch oben recht gut. Hier in den Felsregionen, die wild zerklüftet sind und steil, sieht ihr Leben so aus, wie man sich Gams gewöhnlich auch vorstellt.

Am Brett und Hohen Göll aber ist es für uns mit der schwe-ren Kamera-Ausrüstung schwierig, an sie heran zu kommen. Denn ich muss ja nicht nur all das schleppen, was der Berg-steiger gewöhnlich braucht, sondern auch noch zusätzlich die schwere Kameraausrüstung und das Dreibein-stativ. In jungen Jahren ist mir das leicht gefallen, aber jetzt bin ich im 77. Jahr und habe ein Hüftgelenk aus Titan. Oft war ich im Lauf des Lebens alleine hier oben, habe Gams und Murmel-tiere belauscht

und schöne Fotos als Dias mitgebracht. Im Winter hatte das seine Schwierigkeiten, weil ich mit dem schweren Fotorucksack auf dem Buckel mit den Ski abfahren musste. Jetzt aber möchte ich das Fotografieren der Gams digital wiederholen. Damit ich das alles schaffe, begleitet mich bei dieser Pirsch Edgar Lorenz und nimmt mir einen Teil der schweren Gerätelast ab. Für die Menschen aus dem flachen Land, ja selbst für die Jäger aus dem Norden, hat Gamsjagd etwas Geheimnisvolles, ja Gefährliches. Denn sogar die Wilderer glaubten, dass es so ist wie es im Wilddiebroman beschrieben wurde. Im Volksglauben aber stilisiert man sie hoch und macht sie zu Helden, wie einst den Wildschütz Jennerwein. So bekommen selbst sie von der Verehrung der Bergtiere noch etwas ab. Was wir hier mit der Kamera machen, ist also allemal Jagd. Doch erjagen wir keinen Braten, weil der mir ohnehin nicht schmeckt. Wir erjagen auch keine Gamskrucke, wie man die Hörner nennt, auch keinen wackelnden Gamsbart für den Hut. Alles, was wir mitbringen werden, sind Bilder aus ihrem Leben. Rein zufällig brauchte auch die Berchtesgadener Nationalparkverwaltung gerade solche Bilder. Deshalb haben wir uns zusammengetan und sie hilft uns mit all dem schweren Gepäck auf die Hütte zu kommen. Da der Weg beschädigt war, ist das doch etwas zeitaufwendiger geworden, als alle gedacht hatten. Am ersten Tag kletterten wir gegen Mittag hinauf zum Brett. Dort aber ist an diesem Mittag für Gams kein Platz mehr. Im Gegensatz zu früheren Jahren sitzen überall in der Sonne Menschen und genießen die Alpendohlen.

Weil der markierte Steig herauf außerordentlich schlecht ist und nirgendwo hinführt als auf zwei langweilige Gipfel, war es in früheren Jahren hier oben meist still, weshalb die Gams alleine waren. Der Nationalpark hat kein Wegegebot, und manche Sportler sehen Berge als Turngerät an. Sie rennen ohne jedes Gepäck in leichter Sommerkleidung so schnell bergan, dass sie auf einem Gipfel jemand einfangen müsste, damit sie das Rennen aufhören. Alle Grasflächen sind beim letzten Frost bereits

braun geworden. Von der Artenvielfalt in der Vegetation des Nationalparks und der Blütenpracht des Sommers bekommen wir nicht mehr viel zu sehen. Doch der Fransenenzian blüht gerade jetzt im Herbst leuchtend blau. Zwischen den braunen Grashalmen ducken sich vielerlei Kräuter, die schon  Knospen tragen, aber erst im Frühling ihre Pracht entfalten werden. Jetzt hingegen sind sie den Winter über reichhaltige Äsung für die Gams. Die Zwergbeerensträucher tragen teilweise noch die bunten Blätter des herbstlichen Indianersommers. Bald deckt die weiße Decke des Winters alles zu und zurück bleiben 7 Monate Einsamkeit. Von ihr sind wir heute weit entfernt. Uns bleibt im Augenblick auch nur die Wahl, den Blick über all die Gipfel schweifen zu lassen, zu überlegen, wo der Königsee zwischen den Bergen eingebettet ist, den mächtigen Watzmann zu bestaunen, am gegenüberliegenden Schneibstein quer über das Tal ganz hoch oben ein Gamsrudel zu entdecken. Talwärts nach Norden zu liegt unter uns die Mitterkaseralm, und ganz weit unten am Bach stehen zwei Gams. Was von unten wie ein Grat scheint, geht hier oben in jene sanft geschwungenen Almflächen über. Wir steigen weiter bergan in die Richtung auf die gewaltigen steilen Wände am Göll. Das Stahlhaus scheint senkrecht unter uns zu liegen. Vor den Göllwänden stehen zerklüftete Riegel und kleine Felsenspitzen. Kurz vor dem Ende des Pfades hätte die Quelle sein müssen, aber es hat längere Zeit nicht geregnet und die Quelle ist daher

trocken. Hoch in den Steinwänden auf einem Lahner steht ein Gamsrudel. Doch das ist sehr weit oben. Dort steigen wir nicht in die Wand, denn es wäre zu gefährlich. Dort oben wären Gams auch mit der Waffe nicht bejagbar. Es wäre deshalb unmöglich, weil sie in der gewaltigen Wand nach einem Schuss abstürzen und zer-schellen. Gams stehen in der Regel im Steilhang sicherer als wir Zweibeiner, weil sie vier Beine und scharfe Ränder an den Schalen haben. Ich war vor Jahren zweimal im

Winter mit Ski auf Fellen hier oben, wenn Lawine um Lawine herabdonnert. Eine solche Lawine hat von diesen steilen Felswänden mit einem Schlag 35 Gams herabgerissen, von denen haben dann die Steinadler und deren Junge drei Monate lang gelebt. Solche Speise lockt Adler an. Weil diese Nahrung fehlt, warten wir heute und auch in den folgenden Tagen vergebens auf die Adler. Erst als schon alles vorbei ist und wir ins Tal gebracht werden, sehen wir in der Waldzone über einem Schlag einen Steinadler kreisen. Dort, wo der Grat vom Brett den Göll berührt, haben wir uns niedergelassen. Man könnte hinüberklettern. Nach Norden hin ist es weniger Steil, aber nach rechts hin fällt eine Rinne fast senkrecht in grausige Tiefen hinab. Es ist eine wahre Teufelsrinne, so wild und bizarr zerklüftet sind hier die Felsen. Gar nicht so weit weg auf einem Felsriegel sitzt eine Gamsgeiß. Einen Augenblick lang bin ich in Versuchung näher heran zu wollen. Dann aber ist sehr schnell klar, dass man sich dafür abseilen müsste. Es ist eine sehr alte Geiß mit hohen, weit gestellten Krucken. Sie sitzt auf dem Riegel und käut wieder. Für uns bedeutet das warten, warten und nochmals warten, bis sie endlich doch aufsteht. Da bemerke ich erst, dass sie nicht alleine dort saß. Ganz plötzlich steht ein Kitz neben ihr, und kaum steht sie, da beginnt es zu säugen. Es stößt mit dem Kopf, um den Milchfluss anzuregen. Doch nur ein paar Schritte machen beide und sind schon hinter dem Riegel verschwunden. Wir aber sind hoch zufrieden, denn es ist höchste Zeit zum Stahlhaus zu gehen. Alle Bergtouristen haben das Brett schon geräumt. Oben auf den Lahnern in der himmelhohen Felswand sind jetzt auch die Gams roglig geworden. Die Tageshitze ist vorbei und überall beginnen gegen Abend Gams zu äsen, Jetzt ist es aber Zeit hinunter zu steigen, damit wir vor der Dämmerung das Stahlhaus erreichen.

Jetzt renne ich mehr als 50 Jahre in den Bergen umher. Ich hatte dort gejagt, gewandert und fotografiert. Es gab zu-weilen schwierige Situationen, aber stets kam ich heil nach Hause. Was nun geschah, ist einmalig. Es war schon fast am Ende unseres heutigen Weges, eines markierten Wanderweges. Der war allerdings sehr schlecht. Darum hatte man mit Balken Stufen gebaut und die mit Eisen an den Berg geheftet. Ausgerechnet über solch ein Eisen stolpere ich, obwohl ich mich auf Jägerart

immer mit dem langen Bergstock absichere. Ganz simpel stolpere ich und falle mit dem Kopf voraus talabwärts. Ich reiße mir die Hände an den Eisen auf und knalle mit dem Kopf gegen einen Stein. Da habe ich vielleicht Sterne gesehen. Der Schädel brummt, aber er bleibt heil, wie später die Röntgenaufnahme zeigt. Nur die Brille geht in Trümmer und schlitzt mir die Stirn auf. Es blutet erheblich. Gut dass ich in der Brusttasche gleich das Verbandpäckchen finde, dass Edgar mich notdürftig verbinden kann. Ja und dann haben wir uns durchgekämpft zum nahen Stahlhaus. Jetzt weiß ich endlich, wie gefährlich es werden kann Tiere zu fotografieren. Die Bergwacht hat mich dann ins Tal und der Sanka in die Klinik nach Bad Reichenhall gefahren. Am nächsten Mittag schon starte ich wieder. Mit Bus, Eisenbahn, Taxi, Bergbahn und Anmarsch war ich am Abend wieder auf dem Stahlhaus, denn am folgenden Tag pirschten wir schon früh morgens auf Gams. Nach dem ausgefallenen zweiten, ist der dritte Fototag unser erfolgreichster Tag geworden. Obwohl ich durch Verbände eingewickelt war und statt der Brille mit Sonnenbrille improvisiere. Wir müssen dennoch über dieses Abenteuer reden, denn alle Welt glaubt, dass man Tiere nur mal eben so fotografiert. Dieser Sturz bergab mit dem Kopf voraus, hätte für jedermann, nicht nur für einen Grufti leicht tödlich enden oder das Titanhüftgelenk zerstören können. Die Jagd mit der Kamera ist allemal ein hartes Abenteuer, besonders im Hochgebirge. Die Gams leben das

ganze Jahr Sommer wie Winter in den Bergen. Sie kämpfen stets um ihr Überleben. Wenn ich sie überlisten will, muss ich mich darauf einstel-len. Wir wandern ein Stück bis auf die Höhe des Schneib-steinhauses und folgen dann steil bergan dem ausge-trockneten Bachbett in der Fall-Linie bis zum Jägerkreuz. In dieser noch immer recht feuchten Hangmulde blüht überall der Fransenenzian. Er leuchtet blau als sei es Frühling, doch ist er eine Herbstblume. Wir zwängen uns zuweilen durch

einen Augenblick als an der Felskanzel über uns ein Gams erscheint und sich gegen den das Latschengewirr, verhalten Himmel abhebt. Wenig später zieht oberhalb durch den Graben ein ganzes Rudel Gams. Doch sie bleiben nicht und ziehen nur durch in Richtung Jägerkreuz. Wir sind allmählich stolz auf unsere Kondition, dass wir den steilen Anstieg schaffen. Das ist für mich zugleich Bestätigung, dass auch meiner operierten Hüfte bei dem gestrigen Sturz nichts passiert ist. Wir erreichen den Brett-Sattel und sehen sehr weit hinten, fast vor dem Göll, dass sich jenes Rudel mit einem anderen vereint, das über das Tal hinaufgekommen ist. Wir gehen die Gams nicht gleich an, sondern hinterlassen an einem Felsköpfl unsere Rucksäcke und ich versuche, jede Deckung wahrnehmend, das Rudel von der Bergseite her anzugehen. Auf dem letzten Kogel vor der großen Wand klettern auch einige junge Gams umher. Sie verschwinden aber, als wir näher heran sind: Auch das unter mir stehende Rudel nimmt übel, dass ich näher komme. Beim Gamspirschen gibt es eine einfache Regel. Steht der Gams in der Sonne und ich bin im Schatten, dann eräugen sie mich nicht. Edgar bleibt bei den Rucksäcken. Die unten im Hang stehenden Gams sind unschlüssig. Ich versuche unsichtbar  zu bleiben. Aber der Wind hat mich wohl verraten, denn sie werden unruhig und treten von einer Seite auf die andere: In Deckung zu bleiben ist schwierig, und ich will ja nicht nur die Köpfe der Gämsen aufnehmen. Die aber sind misstrauisch, ziehen schnell nach links. Dazwischen prasselt ein heftiger Regenschauer herab. So schnell wie es nötig wäre, kann ich das Stativ auch nicht aufstellen. Schon kommen sie über den ausgetretenen Weg. Erst ein Jährling, dann ein guter Bock, der schon ganz dunkel verfärbt ist. Der lässt sich Zeit. Er verharrt, und er zieht weiter. Dann kommt eine Geiß mit zwei Kitzen. Dann noch einige Gams, meist Jungwild, und sie alle ziehen in die senkrechte Wand, die über dem Stahlhaus steht. So wechsle ich den Standort erneut wieder am Grat, wo der Teufelsgraben beginnt. Da sollten sie vorbeikommen, denn ich vermute, dass sie alle in die Göllwände wollen. Auf der Rückseite des Kogels rechts von mir könnten sie über die Lahner kommen. Da stehe ich bereit, und tatsächlich, ich habe es richtig erraten. Ein, zwei, drei Gams kommen blitzschnell und genau auf mich zu. Das geht so schnell, dass ich nicht einmal Zeit habe den Konverter abzunehmen. Ich kann auch nicht jede Gams anvisieren. Ich fahre mit und fotografiere was das

Zeug hält. Sie sind formatfüllend. Die Läufe sind fast angeschnitten und schließlich haben sie auch ein Höllen-tempo. Rattattatt! Vorbei ist der Spuk! Aber ich habe sie ganz nahe an mir vorbeiziehen sehen. Als sie den Teufels-graben queren, foto-grafiere ich nicht mehr, denn Gams steil von oben, gefallen niemand. Eine Weile lang rührt sich gar nichts. Selbst in den riesigen Steinwänden des Göll nicht. Ich mustere alle Lahner bis hoch hinauf und sehe nichts. Dann rechts wieder eine Bewegung, und es kommen noch zwei jüngere Geißen, die weiter unten

vorsichtig und sehr verhalten durch den Teufelsgraben klettern, um auf der Gegenseite gleich weiterzuziehen. In den lotrechten Wänden bewegen auch diese Tiere, die doch den Berg und seine Tücken gewohnt sind, sich langsam. Wieder treibt der Wind von unten eine Wolke über den Berg, hüllt die Gams und auch mich ein, wird wieder dünner, dass es lichter wird und ein Stück weit abwärts steht ein Gamskitz. Es ist halb vom Hang verborgen und noch im Nebel verschleiert. Einen Moment nur steht es da, um mit ein zwei Schritten wieder hinter dem Hang zu verschwinden. Dann aber sehe ich die Geiß, die dazu gehört. Auf einem der Felsriegel direkt an der Kante der Teufelsrinne steht sie keine 20 Meter schräg unter mir. Einem Denkmal gleich äugt sie ins Tal. Unbeweglich starrt sie hinunter in die Wand der wogenden Nebel, oder schaut sie hinüber zum Schneibstein. Diese Bilder habe ich jetzt von ihr, auf denen man die Jahresringe in der Krucke zählen kann. Eine recht alte Geiß also, die noch ein Kitz führt. Sie ist gut im Haar, fast schon auf den Winterpelz umgefärbt. Ich pfeife verhalten. Ich pfeife nicht so wie Menschen pfeifen, sondern in dem zischenden Ton der Gams, wenn sie verunsichert sind. Die Geiß wendet das Haupt, äugt her und stellt sich ein wenig anders. Aber sie steht noch immer wie ein Denkmal.

Die Wolken bremsen das Licht, sie verschleiern die Sonne, aber es ist hell. Diffus ist die allerbeste Beleuchtung, die man sich vorstellen kann, bei der man jedes Haar sieht und die Pixel der Kamera ausreizt. Über uns streicht rufend ein Rabe vorbei. Er verschwindet in den gewaltigen Stein-wänden, die hinter dem Riegel aufsteigen, auf dem die Geiß steht. Auch ohne Konverter habe ich sie voll im Bild. Eine Bewegung darf ich nicht wagen, und ich staune, dass sie nicht misstrauisch wird.

Doch der Wind kommt von unten, dass sie mich nicht wittern kann, denn für sie hebe ich mich deutlich gegen den Himmel ab. Darum wage ich keine andere Bewegung als die mit meinem Auslösefinger. Kamerajagd unterscheidet sich von der Jagd, die mit einem Schuss endet. Denn das Naturerlebnis geht ja immer weiter. Man muss als Kamerajäger so sein wie ein anschleichender Fuchs, Luchs oder das Hermelin. Und ein wenig Verrücktheit gehört schon auch mit dazu. Sollen die Anderen nur reden: „ach ja, natürlich mit Teleobjektiv.“ Man muss noch immer verflucht nahe an sein Wild heran, muss wissen wie es reagiert und das rechte Gespür dafür haben. Es ist unvergleichlich schön, diese Zwiesprache mit dem geliebten Wild, das ich zwar überlistet habe, aber nicht töte. Zwar kann ich diese Beute nicht anfassen, was Ortega vielleicht als Manieriertheit bezeichnen würde. Doch immerhin trage ich diese Beute als ein Bild heim. Dieses lebendige Bild hält die Erinnerung allemal besser wach als eine tote Trophäe an der Wand.

Diese einzigartige Bergwelt mit den Latschenregionen unten, den Graslahnern in der steilen Wand oben, zusammen mit ihren gewaltigen Felsen, das gehört mit zum erlebten Bild. Man sollte gar nicht soviel herumrennen, sondern man kann es auch abwarten. Auch die Geiß, die so erhaben wie ein Denkmal an der Teufelsrinne steht und selbst mit ihren Hörnern wie ein Teufelchen wirkt, wendet sich schließlich ab, klettert über einige Unebenheiten im Felsriegel, macht einen Sprung dort, wo es eigentlich nicht mehr weitergeht. Schon ist sie im Lahnergras jenseits der Teufelsrinne, verschwindet Sekunden später und wird vom Hang verdeckt.

Edgar ist zurückgeblieben. Ohne ihn hätte ich die ganze Schlepperei hier herauf nicht geschafft. Ich aber bleibe noch eine Weile, weil sich immer etwas rührt. Weiter unten an einem steilen Grashang äsen zwei Gams. Dann beginnt eine Geiß über ein Geröllfeld näher zu kommen. Ein Jährling steht äsend in der Wand, die an vielen vielen Stellen kleinere und größere grünbraune Flecken zeigt. Selbst dort wo wir glauben nur nackten Fels zu sehen, blüht es im Lenz aus allen Ritzen. Nur im Winter wird es

gefährlich dort oben, denn immer wieder finden die Lawinen auch beim Bergwild ihre Opfer. Bejagen kann man sie nur dort, wo sie aus den so extrem steilen Zonen heraus kommen. Denn schon das Zeichnen im Schuss wäre das Ende, weil sie mit den Läufen keinen Halt mehr finden und bis ins Tal hinabstürzen würden. Trotz aller Gefahren durch die Lawinen geht es den Gratgams hier oben im Winter recht gut, weit besser als jenen drunten im Bergwald. Sie existieren nur darum, weil die Lawinen immer wieder Äsung frei machen oder wenn der Wind den Schnee hier oben wegbläst und zwischen dem Windharsch Äsung über Äsung zu finden ist. Um hier zu leben brauchen die Gams weder den Jäger, noch seinen Futtersack. Ich liebe diese vom Menschen so unabhängigen Tiere, die wirklich noch Wildtiere sind ohne im Sinne des Wortes sehr wild zu sein. Ich liebe diesen zerklüfteten Lebensraum mit seinen steilen Teufelsrinnen, steilen Lahnern, unerreichbaren Wänden, in denen die Gams als Gratgams leben und überleben. Zeitweise gibt es für sie Probleme Trinkwasser zu finden, wenn die Quelle austrocknet. Dann müssen sie weiter nach unten ziehen, wo noch Wasser austritt. Wenn noch Schnee liegt, haben sie es einfacher. Hier am Grat ist die Wasserscheide. Der Bach, der südwärts fließt, sucht seinen Weg über die Teufelsrinne, nordwärts läuft ein Rinnsal zur Mitterkaseralm.

Endlos schier kann der Blick bei klarem Herbstwetter von hier oben über die Wipfel schweifen. Da hinten im Salzkammergut, da lebt zwischen den Bergen im Wald der Bär Moritz. Schade, dass wir hier keinen Bären erwarten können.

Einen Tag hatten wir durch den Unfall zwar eingebüßt, dass ich aber zurückgekehrt bin hat an diesem Tag seine volle Würdigung gefunden. Denn den folgenden Tag stecken wir im Wattenebel und erleben prasselnden Regen. Die Gams sitzen irgendwo in den Latschen. Aber zweimal begegnen wir einer Auerhenne. Eine davon spaziert wacker hundert Meter auf dem Weg vor uns. Die Berge sind voller Überraschungen, und kein Tag ist wie der andere. Neu am Bergabenteuer ist die Verständigung mit den Menschen außerhalb. So habe ich von oben am Berg mit meiner Frau daheim telefoniert und ihr das Wetter hier geschildert. Und wir bekommen auch von der Nationalpark-Verwaltung Nachricht, wann und um wie viel Uhr uns der Jeep mit unserer Fotobeute wieder abholen wird. Die ganze Nacht hindurch tobt dann der Sturm und alles ist am Morgen weiß und gefroren. Der Schnee aber treibt die Gams wieder aus allen Löchern. Es hätte noch ein guter Tag werden können. Wir machen noch einige Bilder von der Hütte aus, welche mehr von der Landschaft zeigen, in der die Gams ganz winzig darin erscheinen. So, wie die meisten Menschen sie zu sehen bekommen. Weit oben am Grat stehen sie vor blauem Himmel, und das ist der Abschied für uns von den Gratgams im Nationalpark.
 

Wolfgang Alexander Bajohr