Wald: Kulturerbe heimische Heckenlandschaft, der Dschungel am Rande des Feldes
 Lebensräume aus Menschenhand,
 Bilder: Landschafts-Schutzgebiet Angerfeld Geisenbrunn
 von Wolfgang Alexander Bajohr

Es ist noch gar nicht solange her, da hatte jede Böschung von einem Acker zum nächsten, aber auch jeder Feldrand einen Rain. Meist aber auch sein Dorngestrüpp. Jeder landwirtschaftliche Grund, jeder Tümpel, jedes Rinnsal, jeder Bach und Fluss war von einer Hecke grün eingefasst oder hatte wenigstens einen blühenden Rain voller Kräuter.

 

Die Luft war erfüllt von Vogelgesang und Zwitschern überall im Gezweig, und am Boden darunter wimmelte es von vielerlei Getier. Das Vogelvolk das auf dem Zug aus der Wildnis des Nordens vorüber zog, konnte ebenfalls überall einkehren und rasten. Sie konnten sich bei der Rast für die lange Reise an Beeren und Kerfen neue Kräfte anfressen. So sind damals alle noch satt geworden. Hase, Reh und Rebhuhn wären vielleicht noch mit der offenen Feldflur zurechtgekommen, aber in der Hecke haben auch sie Deckung und Schutz gefunden. Hermelin und Mauswiesel hatten dort ihre Kinderstube. Greifvögel, Eulen und alle Beutegreifer konnten jagen ohne zu schaden. Schneefangzäune entlang der Straßen waren noch überflüssig, weil die Hecke den Windschutz viel besser beherrscht.

Wir alle tragen im Herzen den Begriff Heimat. Ihr besonderer Reiz liegt immer in der Landschaft. Es ist das lebendige Wechselspiel ihrer in Auwald gebetteten Flüsse, die von den Bergen her gischtend über die Steine herabhüpfen oder sich als Bäche im Wiesengrund still dahinschlängeln. Das sind auch die klaren Seen und grünen Wasser unter dem Weißblauen Himmel. Es sind stille Moore mit wehendem Wollgras, lichte Almen voller Blüten bis hinauf in die Wald- und Felsregionen. Es sind aber vor allem auch die lebendigen Hecken und Feldholzinseln in der Feldflur. Nur noch an wenigen Orten ist erhalten geblieben, wie diese Heimat einmal ausgesehen hat. So kraus, unordentlich und bunt wie auf einem Dürerbild. Wer das noch erleben will, der muss schon in die Nachbarländer im Südosten und Osten reisen, wo, meist im Hügelland, die bäuerliche Kulturlandschaft noch lebendig geblieben ist, weil keiner sich Zeit nahm sie abzuholzen.


 

Für die Einen sind Hecken ein hässliches und unordentliches Gestrüpp, das auch noch Grundfläche beansprucht, die man beackern könnte, wenn sie nicht den großen Maschinen im Wege wäre. Für andere ist sie das beherrschende Kleinod der bäuerlichen Kulturlandschaft schlechthin. Hecken sind Lebensraum für rund 20.000 Mitgeschöpfe aus allen Bereichen der Schöpfung. Allein rund 1.500 Tierarten aller Gattungen sind in allen Etagen mit dabei. Welche für den Jäger und welche für uns alle. Jahrhunderte hindurch hat die Hecke alle Lebensräume der Kulturlandschaft miteinander verbunden, nur war das noch wenigen bewusst.

Es hat Zeiten gegeben, da wäre niemand auf die Idee gekommen, um Hecken zu kämpfen, denn sie waren allgegenwärtig und gewünscht. Die herrschende Obrigkeit oder der Grundherr hat zuweilen gar die Hecke dem Volk verordnet und hat sie bewusst als Windbrecher anpflanzen lassen. Kein Bauer wäre auf die Idee gekommen sich zu widersetzen. Vielfach war sie aber auch nahtlos oder als Zaun von selber entstanden.

Im großen vaterländischen Krieg war jeder Quadratmeter Boden gefordert, um die Erzeugungsschlacht zu gewinnen und ein Volk ohne Raum zu ernähren. Als der Krieg vorbei war, wurden die bäuerlichen Familienbetriebe von politischen Entscheidungen sozial überrollt. Jetzt wandte sich der Krieg gegen die Hecke, denn der Schornstein sollte rauchen, und das war der Auspuff-Schornstein von immer größeren landwirtschaftlichen Maschinen, die Aktionsraum brauchten. Im Westen sorgten die Flurbereiniger für pflegeleicht aufgeräumte Äcker und Intensivbewirtschaftung. Im Osten schuf die LPG zwar oft Voraussetzungen, aber ihr fehlte die technische Schlagkraft. So tummelten sich dort viele Minimaschinen auf endlosen oft 1000 ha großen Maisäckern, verloren in einsamen Agrarwüsten.


Sehenden Auges haben das die Jäger miterlebt, und vielleicht hat auch einer leise geklagt, sofern es überhaupt einer begriffen hat, welche Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren da in der Feldflur verloren ging. Sie ließen sich motivieren mit Unterschriftenlisten gegen den Jagdstopp auf Rabenvögel zu kämpfen, aber sie blieben stumm, als Hunderttausende von Kilometern Hecken im ganzen Land niedergemetzelt wurden. Man dachte an die nächste Jagdvergabe. Wer hätte da schon gewagt gegen die Verpächter aufzubegehren? Friedlich zahlte man immer mehr für immer


 

schlechtere Jagdreviere und suchte sich als Feindbild leider nicht den Heckenkiller, sondern Greifvögel und Fuchs. Doch denen ging es genauso erbärmlich wie ihren Beutetieren, und erst als die Strecken der Hasen auf 1/4, örtlich gar auf nur 2 % der Vorkriegsergebnisse sackten, als Rebhühner nicht mehr bejagbar waren, da stimmte man ins Klagelied ein. Denn wo es keine Beutegreifer mehr gibt, da ist auch die Jagd des Jägers zu Ende. Wo ist denn ihre einflussreiche Lobby geblieben, als man das Unheil von der Kulturlandschaft noch hätte abwenden können?

Doch auch wer dem „Schachbrett” Schach geboten hat, der muss sich nicht wundern, dass dieser Schmetterling ausstirbt und mit ihm viele andere. Von den Raupen aber lebten viele Vogelarten. Wo es die bunten Flatterer nicht mehr gibt, da verschwinden still und stumm Heckenbraunelle, Dorngrasmücke und Neuntöter. Da gibt es keine Braunkehlchen mehr, keine Grauschnäpper und auch das Lied der Nachtigall verstummt. Am Beispiel der lebendigen Hecke hätten viele ihre so oft beschworene Liebe zu allem Lebendigen beweisen können.


 

Winderosion trägt die Krume fort

Wo Hecken fehlen, trägt Winderosion die Fruchtbarkeit der Böden davon. Unter dem Modebegriff "Integrierter Pflanzenbau" beginnen auch moderne landwirtschaftliche Unternehmer zu begreifen, dass die bäuerlichen Ahnen gar nicht so dumm waren, als sie das tausendjährige Kulturgut Hecke bewahrten. Als deren Ahnen ins Land gekommen sind und mit Brandrodung den Wald vernichtet haben, war das vielleicht auch Umweltfrevel, denn nur 1/3 des Waldes blieb übrig und auch der nur noch angeschlagen. Schon in keltischer und rätisch-römischer Zeit wurde der Wald örtlich aufgelichtet. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war die heutige Wald-Feld-Verteilung im Wesentlichen erreicht.

Aber dann hat sich in der neu entstandenen Kulturlandschaft auf 2/3 der Fläche wieder ein ökologisches Gleichgewicht eingespielt. Denn für viele Arten hat erst der Mensch damit den Lebensraum geschaffen. Hase und Rebhuhn sind ihm gefolgt, und der Igel konnte häufiger werden. Auf dem Weideland folgten ihm Brachvogel und Kiebitz, und der Storch ist gar ein freiwilliges Haustier geworden. Solange nur, bis man in weniger als 45 Jahren die Heckenlandschaft fast total vernichtet hat. Ein ganz neues Phänomen ist heute, dass man die ganze Massen-Produktion auf Äckern nicht mehr braucht, weil Verbrauchergewohnheiten sich ändern und weil die Bevölkerung zurückgeht. Die Ernten sind nicht mehr abzusetzen und damit auch nicht mehr finanzierbar.

 
Wohlfahrtswirkung der Hecken

Dass jene 4 bis 10 m breiten Hecken den Ertrag nicht mindern, sondern steigen lassen, hat man auch erst wieder lernen müssen, obwohl die Erkenntnis nicht neu ist. Denn Hecken sind keineswegs aus malerischen und ästhetischen Gründen entstanden. Zuweilen blieben sie stehen als Relikt des Waldes rund um die Rodungsinseln, als Hag für das Vieh, aber viele wurden auch künstlich aus schlicht ökonomischen Zwängen heraus geschaffen. In der „Egartenlandschaft“ des Voralpenlandes war sie lebender Zaun, als der Stacheldraht noch nicht erfunden war. In allen Hirtenkulturen südlich der Alpen weiß man das noch heute. Der Name "Hag" für Hecke taucht in der Literatur erstmals im Jahre 795 n. Chr. auf.


 

"Terhage" im Althochdeutschen, bedeutet Tierhag, also Tiergehege. Unter "hegen" verstand man auch nicht "füttern", sondern Weideland mit baumreichen Hecken zu umfassen. Daraus entstand der Jagdbegriff "hegen" = Hecken pflanzen. Wo die Klöster das Land besiedelten und an Lehnsträger vergeben haben, verpflichteten sie jeden, seinen Grund gegen den Nachbarn einzuzäunen. Das geschah mit der Hecke. Hage sind damit Zeugen einer mehr als Tausendjährigen Kulturgeschichte. In einer Sonderform der Dreifelderwirtschaft wurde der Acker 3 Jahre angebaut und dann folgten 6 Jahre der Brache = der Egart. Das Vieh stand inzwischen darauf, behütet von den Hecken und es weidete die aufkommenden Wildkräuter und Gräser ab. Die Hecken haben es gehindert, zu entweichen oder auf das Ackerland zu gehen, denn sie hielten es auf den zugewiesenen Flächen beisammen.

In der Mittelgebirgslandschaft und in den Eiszeitmoränenlandschaften war die Sache anders. Man las die Feldsteine mühsam mit der Hand heraus und hat die Klaubsteine an den Rand geschüttet. Zwischen diesen Steinen ist dann aus Vogelsaat, ähnlich wie bei der Benjeshecke geplant, die Hecke ganz von selber gewachsen. Auch dort hat man sie gerne geduldet, denn als nachwachsende Energie hat sie auch dem Brennholz geliefert, der keinen Wald besaß, aber auch Holz für Wagnerarbeit und Geräte, Holzschuhe und Möbel.

Ganz anders war das an der Küste. Dort hat erst vor 250 Jahren der König der Dänen den Bauern in Schleswig-Holstein die Hecke aufgezwungen. Sie mussten Felder und Weiden mit aufgeschütteten Wällen gegen die austrocknenden Winde schützen und auf diese Wälle dann die Hecken pflanzen. Die dafür erforderlichen Heister durften sie dem königlichen Wald kostenlos entnehmen. Damit war der Knick geboren. Er ist eine Barriere für die Äcker gegen den ständigen Wind und Sturm, gegen peitschende Regen-, Schnee- und Hagelschauer. Vor allem auf den leichten Böden waren Hecken überlebenswichtig, damit der Sand nicht zusammen mit dem Saatgut einfach davonflog.


 


Um die gleiche Zeit, vor 250 Jahren, hat man in Hessen das Roden von Hecken durch eine königliche Verordnung unter schwerster Strafe verboten. Da man noch keine Agrarflugzeuge hatte, die auf 1000 ha großen Flächen Gift sprühen können, wollte man durch kleine begrenzte Flächen und Barrieren die Ausbreitung von Schädlingen verhindern und löste das Problem anstatt mit Gift auf biologische Art, mit Hecken. Zudem sind die in den Hecken nistenden und Insekten fressenden Vögel die freiwilligen Helfer der Bauern und der lebendige

Beweis dafür, dass Ökonomie und Ökologie sich nicht ausschließen müssen, sondern sich ergänzen können. Auch das Problemtier Reh hatte es gar nicht nötig den Wald aufzufressen, weil es in der Hecke alles fand, was es brauchte, Deckung, Ruhe und Äsung.

Naturerbe Bayerische Kultur-Landschaft?
Will man die Bodenfruchtbarkeit für kommende Generationen erhalten, die Reinheit des Wassers sichern und die einstige Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren wiederherstellen, kommt man in der Kulturlandschaft um den flächendeckenden integrierten Pflanzenschutz nicht herum. Es geht dabei nicht nur um Naturschutz, sondern darum, in der bäuerlichen Kulturlandschaft die noch vorhandenen Hecken und andere Lebensräume zu erhalten, aber auch Hecken und Feldholzinseln neu zu schaffen. Unsere Politiker wissen sehr wohl, dass auch unser Lebensraum bedroht ist.

Schon im Jahr 1972 sollte eine Idee der Vogelschützer durch Zusammenarbeit mit den Jägern realisiert werden. Es wurde die Wildland GmbH als Gesellschaft zum Schutz der wildlebenden Tiere in natürlicher Landschaft geschaffen, doch sie scheiterte an Unzulänglichkeiten der mit der Ausführung betrauten Personen und an fehlenden Voraussetzungen. An den gleichen Voraussetzungen muss zwangsläufig das neue Kind des Umweltministeriums scheitern, weil das Naturerbe Bayerische Landschaft aus den Erfahrungen nichts gelernt hat und weil keiner begreifen will, dass die klassische Hege auch auf klassischen Irrtümern beruhte, die heute nicht mehr zeitgemäß sind.


In Gilching hat Ernst Zach vom Landesbund für Vogelschutz von den gut gemeinten Ideen mehr verwirklicht als sonst irgendwo möglich war. Doch auch hier war es nur auf Restflächen im Gemeindebesitz möglich, Steinhaufen, Tümpel und Feldgehölze anzulegen. Nur bei Bürgermeister Ostermeier entstand auch auf Privatgrund ein Biotop. Gegen den Willen derjenigen, die das Verfügungsrecht über Grund und Boden haben, ist Naturschutz in der bäuerlichen Kulturlandschaft nicht möglich.


Wir haben noch zu Zeiten des Butterbergs errechnet, dass man nur einen Bruchteil seiner Lagerhaltungskosten brauchte, wenn man 1 bis 2 % sämtlicher deutschen Agrarflächen bundesweit anpachten würde, um sie stillzulegen und „jedem Acker” und „jeder Wiese” wieder zu einer Hecke zu verhelfen. Wir wissen heute, dass in der EU mindestens 10 % bis 20 % der Agrarflächen stillgelegt werden müssen, um die Produktion zu senken. Nur ist die Flächenstilllegung eine Fehlkonstruktion, denn sie erfolgt bevorzugt in den neuen Bundesländern oder in einer Form, die der Kulturlandschaft nicht hilft. Einige wenige geschäftstüchtige Agrarier profitieren davon und sie kassieren zuweilen zweimal, einmal für die Stilllegung und einmal für die Produktion nachwachsender Rohstoffe oder als Neueinrichter. Flächenstilllegungen von Grenzertragsböden, von Torfböden, wo Brachvögel und Kiebitze brüten können, sind durchaus sinnvoll, doch das ist ein anderes Thema.

Soll eine Flächenstilllegung ökologisch sinnvoll sein, muss sie bundesweit und zwangsweise bei jedem Acker und jeder Wiese auf Randstreifen erfolgen, auch auf den allerbesten Böden. Sie ist nur dann für den Steuerzahler zumutbar, wenn sie das gesamte Land vernetzt und jede Fläche wieder ihre Hecke erhält. Die freiwillige Basis mag ehrenwert sein, doch bleibt sie eine Augenauswischerei mit vielen Unbekannten. Die ideale Hecke ist mindestens 4 m breit, aber nicht breiter als 10 m. Wenn zwei Nachbarn sich in zwei Hälften eine Hecke teilen, trifft jeden die Hälfte. Es kann auch sinnvoll sein, Großflächen in einem Besitz durch Hecken zu unterteilen, wie es im Osten üblich war. Die ideale Hecke besteht immer überwiegend aus Laubhölzern. Wo man Baumschatten vermeiden muss, kann man sich auf heimische Straucharten beschränken.

Wir sind nicht überzeugt, dass mit einer solchen Flächenstilllegung trotz der verminderten Anbaufläche die Produktion zurückgeht. Denn der Europarat hat schon vor Jahren untersucht, dass Hecken die Osmose der neben ihnen wachsenden Kulturpflanzen so sehr begünstigen, dass die Erträge in Abhängigkeit der Entfernung von 100-200 m neben der Hecke, je nach Pflanzenart um 10-20 % steigen. Denn die Hecke finanziert mehr als nur ihre Standfläche selber. Da die Landwirtschaft heute schon mehr als jede 3. Mark, die sie verdient aus dem Topf von uns Steuerzahlern erhält, kann man es kaum als Bevormundung sehen, wenn man jegliche Agrarförderung dann verweigert, wenn die Bereitschaft zur Hecke fehlt. Denkbar ist aber auch, dass man flächendeckend den Bauern die Grundfläche für die Hecke abpachtet und dass der Steuerzahler ihn für seine Pflanz- und Pflegearbeiten honoriert.


 

Urwald nach Maß in der Feldflur

Hecken sollen mehr sein als nur ein Schmuck der bäuerlichen Kulturlandschaft. Sie müssen vielen etwas bieten. Spitzmaus und Igel müssen dort überleben können, Mümmelmann der Feldhase, Grimmbart der Dachs, Reineke der Fuchs, Schlohwittchen das Hermelin, aber auch Mauswiesel und Iltis. Weißkehlchen der Steinmarder soll dort Höhlen finden, Rebhühner Ameisenhaufen und Brutplätze.

Rotkehlchen, Zaunkönig und die Heckenbraunelle sollen in der unteren Etage nisten, Neuntöter und Dorngrasmücke, Goldammer und Nachtigall einen Stock höher in der Strauchschicht, wo auch Siebenschläfer turnen und Haselmäuse Nüsse knacken. In den Bäumen ist Platz für Amsel und Singdrossel, Elster und Eichelhäher. In deren alten Horsten können dann Turmfalk und Waldohreule brüten. Bussard und Sperber, Turmfalke und auch der Habicht sollen dort jagen dürfen. Alle müssen ihre Nahrung dort finden. Wenn das einmal Eier oder Jungvögel sind, ist das natürlich, denn auch deren Eltern profitieren von den Beerensträuchern oder vom Angebot der Insekten. Wenn der Dschungel perfekt ist, dann muss er für alle anziehend sein.

Vielleicht freuen wir uns nach 3 Jahren schon, dass die Hecke wächst. Aber auch nach 10 Jahren sieht sie noch nicht nach sehr viel aus. Mit 20 Jahren wird es schon eine Wildnis sein und mit 30 Jahren ein Dschungel. Aber erst mit 100 Jahren und später, wenn auch dicke Eichen, Weißbuchen und Buchen hier wachsen, werden die ersten hohlen Bäume wieder dort stehen, in denen Marder und Kauz ihre Kinderstube aufschlagen können. Und jeder Waldrand sollte in eine solche Hecke übergehen, an der sich niemals wieder Säge und Axt vergreifen dürfen. Hier bei uns in Geisenbrunn sind einige wirklich alte Hecken erhalten geblieben, und auch die Waldränder überzeugen mit ihren uralten Wildkirschen, die schon 10 Menschengenerationen erlebt haben. Wenn man eine solche alte Hecke auch heute noch täglich erleben darf, ist es eine Gnade, und dann versteht man viel eher was wir verloren haben und wie lange es dauern wird, bis die vollendete Biotopvernetzung wieder Wirklichkeit ist.

Die lange Umtriebszeit macht es erforderlich mit nötiger Umsicht zu planen. Der Forstmann hat seine eigenen Gesichtspunkte nach der Bodenart oder nach südlich oder nördlich ausgerichteten Expositionen, nassen oder trockenen Standorten. Aber nicht alles was er wünscht, nutzt auch der Vogelwelt und damit wiederum anderen Tieren. Turcek hat schon 1961 die ökologischen Beziehungen von Vögeln und Gehölzen untersucht. Dabei wurden 150 Vogelarten und deren Ablehnung oder

 

Bevorzugung von 274 Gehölzarten geprüft. Dreiviertel der von Vögeln bevorzugt befressenen Gehölzarten stammen aus Europa und über die Hälfte der von den meisten Vögeln verschmähten Arten sind Exoten.

Die stehen heute zuweilen in unseren Gärten und gleichen grün angestrichenen Fernsehantennen. Selbst die besten dieser Exoten sind noch immer schlechter als die schlechtesten heimischen Straucharten. Wert und Unwert der einzelnen Arten sind in Tabellen zusammengetragen, die hilfreich bei der Planung sind. Sie beziehen sich aber nur auf das Befressen der Früchte und die Zahl der Vogelarten. Mancher Wert aber ergibt sich durch die Zahl der angelockten Insektenarten. An beiden Eichenarten, an Birken- und Weidenarten leben über 200, an Schlehe und beiden Weißdornarten 100 Insektenarten, die es alle zu retten gilt, denn viele sind gefährdet, ohne dass es uns auffällt. Von 28 Käferarten sind 7 zwingend und 6 schwerpunktmäßig auf Eichen angewiesen. Weitere 9 Arten akzeptieren sie. Die Zusammenhänge sind so kompliziert, dass die Artenzahl in der neuen Hecke gar nicht groß genug sein kann.

Die wichtigsten Arten will ich hier einfach aufzählen, wobei die Reihenfolge ihren Wert angibt: Eberesche, roter und schwarzer Holunder, Wildkirsche, Wacholder, Zwetschge, Himbeere, Faulbaum, rote und schwarze Johannisbeere, Birkenarten, beide Weißdornarten, Brombeere, Eiche und Buche, Hartriegel, Pfaffenhütchen, Traubenkirsche, Eibe, Liguster, Bergahorn, Schlehe und Heckenrose, Berberitze und Kreuzdorn, Sanddorn, Feldahorn, Kornelkirsche, Wolliger Schneeball, Stachelbeere, Lindenarten, Mehlbeere, Spitzahorn, Hainbuche, Haselnuss, Eschen, Heckenkirschen, Pappeln und Weiden. Unter den Exoten haben nur eingeschränkte Bedeutung Felsenbirne, Zürgelbaum, Ölweide, Schneebeere, Bocksdorn, Robinie. Alle übrigen Arten fallen ab.

Hecken sollen Heimat sein für hiesige Arten, Raststätte und Wirtshaus für ziehende Arten. Sie sollen das Klima ausgleichen, Wind und Stürme bremsen, aber auch den Wasserhaushalt regeln. Sie sollen Nahrung und Zuflucht sein für alle Tiere, die draußen leben. Jenen Mitgeschöpfen, die man 45 Jahre lang einfach mit wegsaniert hat, ohne dass es besonders aufgefallen ist. Die Wiederherstellung einer bäuerlichen Kulturlandschaft ist nur in Teamarbeit möglich. Es ist eine mehr als unglückliche Lösung, wenn das Umweltministerium dieses Geschäft Einzelnen anvertraut, die wenig davon verstehen und mit ihren Hegemaßnahmen wiederholt negativ in die Schlagzeilen geraten sind. Wirklich erfolgreich realisieren lässt sich das Konzept auch nur mit denjenigen, die das Verfügungsrecht über Grund und Boden haben. Doch geht auf freiwilliger Basis gar nichts. Man kommt um eine gesetzliche Regelung, die Voraussetzungen schafft, nicht herum. Denn es muss die Flächen-Stilllegung bezahlt werden, Pflanzen sind zu finanzieren und Landschaftspflegeprogramme zu honorieren. Die Hilfstruppen, die der Staat dabei braucht, sind gleichberechtigt Naturschützer, Vogelschutz als Artenschutzverband, Bauern und Jäger. Dass alle im Naturschutz konstruktiv zusammenarbeiten, funktioniert bis jetzt nur an der Basis. Die Erfahrung mit dem Hag-Programm in Landkreis Miesbach hat hingegen gezeigt, dass die Bauern sehr gerne bei der Pflege und Erhaltung der Natur und der Landschaft mitmachen, wenn ihre Leistungen für die Allgemeinheit honoriert werden. Denn der Gedanke Natur und Umwelt zu pflegen ist noch tief im Herzen mancher Bauern verwurzelt. Man muss ihnen nur helfen zu überleben.