Ammersee/ Wald: Bergfinken, einst gehörten sie zu den Pest- und Sterbevögeln

In manchen Ländern hat man die Bergfinken Böhmer genannt, wohl weil sie über die Böhmische Grenze nach hier kamen. Wieder andere nannten sie nach ihrer Stimme „Quäker. An meinem Vogelhaus sind einzelne in jedem Winter, und oft bleiben sie bis ins Frühjahr hier. Von einer großen Invasion erfahren wir am ehesten aus dem Radiolautsprecher, wenn die Autofahrer ermahnt werden, auf bestimmten Strecken vorsichtig und langsam zu fahren, weil sich Tausende Bergfinken auf der Straße niedergelassen haben. Die Vögel haben zielsicher unsere gesalzenen Straßen als Ruheplatz

 
  Bergfink Männchen


ausgesucht, weil sie schneefrei sind, und weil sie daraus schließen, dass dort Futter zu finden ist. So abwegig ist das auch nicht, denn fast alle diese Straßen durchqueren irgendwo Buchenwälder, in denen selbst im Winter noch die Bucheckern lange aus den Baumkronen rieseln. Die Mahnung, Vogelschlag zu meiden, ist aber auch berechtigt, wie ich erst vor wenigen Tagen erfahren habe, denn ein Bergfink hat eine Windschutzscheibe beim schnell fahrenden Wagen platzen lassen.

Bergfinken sind etwa so groß wie Buchfinken und gehen in deren Gesellschaft gerne auf Westkurs. Es sind zutrauliche Vögel. Sie folgen den Buchfinken auch an seine altbekannten Futterplätze. So vergeht eben kein einziger Winter, in dem nicht wenigstens ein Bergfink auch an meinem Futterplatz erscheint. Da richtet er sich dann häuslich ein, und zuweilen blühen im Garten schon die ersten Frühlingsblumen, ehe er sich entschließt, doch heimwärts zu fliegen. Nur in wenigen Jahren kommt der große Ansturm, immer dann, wenn einen Tag zuvor der Wetterbericht Regen, Schnee und Kälte voraussagte, vor allem aber, wenn er von den Tiefstwerten in den Ländern Schweden oder Finnland spricht, von Litauen oder gar Sibirien redet und damit die sibirische Kälte meint.

Früher hat man die Bergfinken in einem Atemzug zusammen mit Seidenschwanz, Schneeammer und Unglückshäher genannt. Der Italienische Gelehrte Ulysses Adrovandi erwähnt 1571 in seiner „Ornithologie“ mehrere Fälle, in denen er sie als Verkünder sicherer Pest-Epidemien verantwortlich macht. Er behauptet darin sogar, sein eigener Verkünder schwerer Pestepidemien sei ihm erschienen. Die Vögel hätten unter Zurücklassung von Eiern und Jungen das Weite gesucht. Er schließt daraus, dass die Pest ihnen folgt, wohin die Vögel auch immer ziehen. 1631 berichtet Aitinger: „Es seyen viele Leute der sonderlichen Meinung, dass wenn diese Vögel bey uns gesehen werden, es jederzeit ein besonderes Omen und Bedeutung habe, ja der drey Principal Hauptstraffen Krieg, Pest, Teuerung oder Hunger mit sich bringt“. Im Jahr 1628 werden sie für schädliche Wassergüsse verantwortlich gemacht, für zorniges Strahlwetter, einen flammenden Kometen und den drohenden Untergang der Menschheit.


Bergfinken sind Vögel der Kälte. Mir sind sie auch in Nordschweden Mitte Mai bei dichtem Schneetreiben aufgefallen. Es hatte in den Bergen weit herabgeschneit und die Vögel auf dem Zug hatten große Not Futter zu finden, denn sie waren ja auf dem Zuge. Also haben sie auch hier die schneefreien Stellen aufgesucht, und das waren wieder einmal die Straßen, auf die der Wind Samen aus den Zapfen der Fichten und Birken wehte. Die Bergfinken kennen das wohl schon lange, denn auf dem Weiterzug hinter den Polarkreis, werden sie häufig noch vom Schnee überrascht. Ein Teil der Vögel brütet aber


 
 Bergfink Weibchen

auch in den nördlichen Waldgebieten in Schweden. Doch die Mehrzahl zieht weiter in die borealen Wälder des Nordens in Europa und nach Sibirien. In dieser Zeit sind die Bergfinken mitten in der Mauser. Kopf und Rücken, die im Winter braun und grau sind, zeigen sich schwarze Flecken. Bald werden ihre Köpfe lackschwarz sein. Das ist ein hübscher Kontrast zur orange gefärbten Brust und zur Schulter-Partie, die bei den Männchen kräftiger gefärbt sind als beim Vogelweibchen. An der Schulter sind beide gelblich und beide haben über den braunschwarzen Flügel laufend ein deutlich elfenbeingelbliches Band. Es gibt zutrauliche Gruppen, die auch in das Vogelhaus schlüpfen, aber auch andere, denen es suspekt ist. Vor allem die Neulinge profitieren von dem Futter, das andere Vögel scharrend herauswerfen. In der Größe ähneln sie den Buchfinken.

Der frühe und vor allem auch bei uns kalte Wintereinbruch in diesem Jahr hat es in Osteuropa sehr früh schon sehr kalt werden lassen. Bereits im November gab es im Nordosten Temperaturen von -25 bis -30 Grad. Da flogen die Bergfinken rasch südwärts, denn sie erwarteten einen langen und kalten Winter. Der aber schickt sie auf die Reise. Wenn es aus einem Vogelschwarm „Quäk, quäk, quäk,“ tönt,  sind das immer die Bergfinken.

Ihr Nest ähnelt dem des Buchfinken. Sie verkleiden es mit Flechten, nur bauen sie die Wärmeflasche mit ein. Die Wände sind dicker und damit wärmt es mehr. 6 – 8 Eier legen sie und füttern die Jungen mit Raupen und anderem Weichfutter. Sie selber halten sich mehr an die Sämereien. Nüsse aller zu bewältigenden Arten, Bucheckern usw. Daran fressen sie sich im Herbst dick und rund. Wenn sie genügend Kräfte gesammelt  haben, rufen sie sich untereinander und auch ihre Jungen zusammen und dann gehen sie gemeinsam auf ihre weite Reise zu uns.

Wolfgang Alexander Bajohr