Wald: Die schönste Balz

 Der Balz-Zauber der großen Auerhähne im Stillerwald oder im Eibenwald ist vorbei.
 Doch sind noch 40 Jahre lang immer wieder Hähne erschienen

In den Dreißiger Jahren verschwanden die Auerhähne im 5seenland endgültig. Sie waren ein Opfer der modernen Forstwirtschaft, denn nicht die Jäger haben ihn im 5seenland ausgerottet. Bis Ende der 60er und 70er Jahre sind bei Wessobrunn und am Peißenberg vom Hochgebirge aus immer wieder Auerhähne zugestrichen. Doch geblieben sind sie nicht, denn sie fanden keine Henne, und denen hat der Wald für die Jungenaufsicht nicht mehr gefallen.


Ist der Auerhahn noch zu retten?
In Deutschland, ja fast in ganz Mitteleuropa, ist der Auerhahn am Aussterben. Doch war das weder ein Werk der Jäger, noch eines seiner Fressfeinde. Denn mit all den Beutegreifern haben Birk- und Auerwild schon immer zusammen im gleichen Lebensraum gelebt, ohne auszusterben. Nie wurden seiner Art Habicht und Steinadler, Kolkrabe oder Eichelhäher, Luchs und Wolf, Marder und Fuchs jemals wirklich gefährlich. Sondern er ist ganz einfach Opfer einer zunehmend am Profit orientierten Forstwirtschaft, die oftmals Holzackerbau bedeutet und die auch anderen Vogelarten gefährlich wird.

Nur in Österreich geht es dem Auerhahn gut. Nach einer Untersuchung des Instituts für Wildbiologie und Bodenkultur an der Universität Wien, ist der Bestand von mehr als 10.000 Auerhähnen in den vergangenen 10 Jahren weitgehend konstant geblieben. Damit besitzt Österreich die weitaus größte und stabilste Auerhahnpopulation in Mitteleuropa.


Als attraktiver Vogel ist der Auerhahn bei Vogelschützern, Ornithologen und Jägern beliebt. Es hat sehr viel Auerhahnforschung in den Nachkriegsjahren gegeben, nur geholfen hat es ihm wenig, denn überall in Mitteleuropa ist der Bestand rückläufig. Die Experten sind sich einig, dass Auerhähne zahlenmäßig abnehmen, weil ihre Lebensräume sich verändern. Ursprünglich stammt das Auerwild aus der nördlichen Taiga in Skandinavien und Nordsibirien. Die großen Wälder dort sind lückig und locker mit Bäumen bewachsen, verzahnt mit Tausenden von Mooren, Seen und Flüssen. Überalterte Bäume brechen zusammen, neue verjüngen sich, und dazwischen wächst eine üppige Zwergstrauchschicht, die Deckung und Beeren bietet. Alte Auerhühner leben sonst überwiegend von Knospen und Nadeln. Aber ihrer Herkunft aus der Taiga verdanken sie ihre Vorliebe für lückiges Altholz im Nadelwald mit reicher Bodenvegetation.


 

In Mitteleuropa sind die natürlichen Urwälder wüchsiger und dichter als in Nordeuropa, und am Ende steht natürlicherweise "Klimaxwald" mit Hallenbestand, der wenig Bodenvegetation zulässt. Seit der Besiedlung in Rätien hat der Mensch die natürlichen Urwälder verändert, hat sie gerodet, Ackerland gewonnen und Vieh zur Weide hineingetrieben. Er hat intensiv Holz genutzt, um zu heizen, für Bau- und Brennholzbedarf. Bis Koks aus Kohle erfunden wurde, hat er seine Erze alleine mit Holzkohle geschmolzen. Er hat Pottasche für Glas gebraucht, Asche zum Bleichen von Leinen. So ist aus Keltisch-Germanischem Urwald ein "Plünderwald" geworden, mit großen Lücken. Diese lückigen, nährstoff- und vorratsarmen Wälder haben nicht nur für den Auerhahn, sondern für alle Waldlückenbewohner phantastische Lebensbedingungen geboten. Diese Waldlückenbewohner, und das sind die meisten heimischen Vogelarten, haben von der Waldplünderwirtschaft profitiert. Die Zerfallsphase der Urwälder und ihr neues ökologisches Gleichgewicht, war auch eine Voraussetzung für vermehrte Chancen der Auerhähne. Sie sind damit eigentlich Kulturfolger in einem vom Menschen veränderten Wald. Diese Zerfall- und Plünderwälder mit ihrem Waldlückensystem gibt es noch in Weide- und Kampfwäldern im Hochgebirge. Waldweide und Schalenwild drücken die Baumgrenze bei den Almen herab und halten den Wald offen. Beides mag dem Schutzwald schaden, aber es sorgt auch heute noch nahe der Baumgrenze für ein Waldlückensystem. Das ist aber gar nicht so neu, denn ursprünglich haben wohl Wisent und Elch, Auerochse, Rothirsch, Gams und Rehe dafür gesorgt, dass im Urwald nach Schneebruch und Sturm die Waldlücken nicht gar so schnell zugewachsen sind, wie es bei unserem Klima zu erwarten wäre.

So schafft im naturnahen Wald das Schalenwild durch Zusammenfressen eines Teiles der Naturverjüngung eben jene Waldlücken, von denen die Auerhähne und viele andere Vogelarten profitieren. Die rationelle Forstwirtschaft sieht das etwas anders. Sie hat zunächst einmal den Baumvorrat auf der gleichen Fläche wesentlich erhöht und die Umtriebszeit bis zur Holzernte verkürzt. Sie setzte dabei im Wirtschaftswald lange Zeit auf öde Fichten-Monokulturen in einer Altersklasse. Sie hat außerdem die Wälder mit einem Forststraßen- und Wegenetz überzogen. Damit wurde aus dem einstigen Taiga-ähnlichen Plünderwald finsterer Holzackerbau. Aber auch die neuartige naturähnlich, naturidentisch oder naturnahe genannte Forstwirtschaft ist nicht viel besser, denn sie ändert nur das Konzept von der Fichte weg, zum Laub- und Mischwald hin. Dem Auerhahn und den meisten Vogel- und Säugetierarten bietet der Wald damit noch längst keinen Lebensraum. "Ökowälder" sind für die Fauna keineswegs optimal, denn auch Plenternutzung lässt noch lange keinen Auerhahnwald entstehen. Diese stets bodendeckenden Wälder mit ihrem stufigen Aufbau und der bürstendichten Naturverjüngung, die dem Unterwuchs der Zwergsträucher am Waldboden keinen Platz lässt, sind für Auerhähne wenig geeignet.

In Österreich sieht es nur darum besser aus, weil man hier in Kampfzonen der Gebirge große zusammenhängende Wälder mit viel Nadelholzanteil hat, die den nordischen Taiga-Wäldern ähnlich sehen. Es gibt verbreitet Waldweide. Die damit durch Verbiss die halb offene "Lärchweide" schafft. Das schätzen die Auerhühner. Dort wird immer der stärkste Stamm geerntet und durch diese Gebirgsplenterung werden Bergwälder aufgelichtet. Das bleibt bei der dort geringeren Wüchsigkeit lange Zeit erhalten und bietet den notwendigen Auerhuhnlebensraum mit Beerkraut. Der ist klimatisch für die Kükenaufzucht zwar oft nicht besonders günstig. Doch Verbiss durch Weidevieh und Wild lichtet die Naturverjüngung aus, vernichtet sie aber keineswegs. Denn das Betriebsziel ist vielfach bewusst ein für den Auerhahn freundlicher Waldbau, weil für den Kleinwaldbesitzer der Verkauf von Auerhahnabschüssen an Jagdtouristen ein nicht unwesentliches Standbein für die Existenz der Bergbauern ist. So legt er Wert darauf, dass er in den Wäldern keinen Kronenschluss beim Starkholz hat, sondern eine gewisse Weiträumigkeit im Wald. Einen solchen Wald schildert mein folgendes Balzerlebnis. Das zeigt, dass auch ein Wirtschaftswald mit Kahlschlagstreifen freundlich für Auerhahn und Vögel, aber auch für Gams und Rotwild sein kann. Ein Nutz- und Schutz-Wald und Wild, ja selbst Waldweide müssen einander nicht ausschließen. In unserer Klimazone war der Auerhahn nicht naturgegeben, sondern das Werk der Bergbauern mit ihrer traditionellen Land- und Forstwirtschaft. Der heute so beliebte Slogan Wald vor Wild hilft dem Auerhahn und den Waldvögeln jedenfalls nicht.

 
 

Das Naturerlebnis Auerhahnbalz ist großartig
Denn sie balzen alle, die kleinen Vögel und die großen. Es balzt kullernd der Kleine Hahn, wie man den Birkhahn nennt, und auch der Große Hahn, der urige Auerhahn. Von der Balz der Auerhähne, will ich hier erzählen.
Ich pirsche mit der Kamera, denn ich suche mit dem Balzzauber nur das Erlebnis eines Bergfrühlingsmorgens, mit der Balz des Auerhahns und dem Frühlingskonzert vieler singender Vögel, an einem Platz, den ich 15 lange Jahre immer wieder im Frühling aufsuchen durfte.

Der Wildbach im Tal ist eiskalt vom Schmelzwasser, denn oben am Kamm liegt noch sehr viel  Schnee. Als der Bach aber sieht, dass sich die Haselbüsche mit gelben und die Erlen mit braunen Troddeln behängen, da freut er sich und hüpft gleich viele Male über die dicken grün bemoosten Steinmuggel, die er sonst nur umspült. Der Waldkauz sieht das und lacht "kuwitt, kuwitt", und lautlos rast er auf sammetweichen Schwingen durch die Täler und schreit dazu so laut er kann "huuh, huuuuh" , denn das ist sein Balzgesang. Sonst aber ist an diesem noch nächtlichen Morgen nur das Gluckern und Sprudeln des quirlenden Wassers zu vernehmen, wie es gurgelt und blinkend den silbrigen Mondschein vieltausendfach glitzernd zurückwirft.

Wir schreiten bergan, gestützt auf unsere langen Bergstöcke, und uns umfängt bald die finstere Nacht im dunklen Fichtenwald. Drunten ist die Luft noch warm und weich, dass wir bald ins Schwitzen kommen. Wie erfrischend ist es daher über den knirschenden kühlen Firnschnee voran zu eilen. In der Dickung, wo weder Sonne noch Wind richtig hinlangen können, liegt Firn metertief auf dem Pirschsteig. In der Finsternis helfen uns die elektrischen Laternen den Weg zu suchen, doch bald müssen auch die im Rucksack verschwinden, denn es ist nicht mehr weit zu unserem Ziel. Die Dickung aus Naturverjüngung, Bäume aller Altersstufen, lichtet sich. Der Steig führt quer zum Hang über einen langen vom Berg zum Tal herabreichenden Femelschlag. Große Felder mit schmutzigem Firn sind mit Flechten und Ästen übersät, die der Sturm dorthin geworfen hat. Wieder folgt ein Streifen Fichten-Altholz. Es ist so licht, dass darunter Gras gedeiht und den Hirschen Äsung bietet. Wo die Sonne den Waldboden wärmt, küsst sie vieltausendfach die Samen der Naturverjüngung wach, so dass die Saat hier aufgeht. Lichter Naturwald ist Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere.


Der erste Hahnenschlag
Am Himmel blinken noch die Sterne. Auf einmal reißt es uns. Haben wir uns getäuscht? Doch da! Ganz zaghaft und leise, fern wie ein Hauch. "Tropf", Pause, "Tropf", Pause. Der erste Hahn meldet sich. Er ist weiter oben am Hang im lichten Hochwald. Wir wollen hinauf in seine Nähe und ihn dann anspringen, müssen also näher heran, noch ehe die Balz all der andern Hähne einsetzt. Schon mehrere Tage machen wir das so, und jeder Morgen wird anders. Seit 15 Jahren bin ich hier zu dieser Zeit.


 

Es ist wieder still. Unser Hahn meldet noch nicht richtig. Hier in den Bergen ist der große Hahn jagdbar, doch hier in diesem 38.000 ha großen Privatwald verzichten die Jäger freiwillig darauf. Wir genießen die Balz jeden Morgen ohne dass ein Schuss fällt. So pirschen wir den Hang hinauf, immer näher an den zaghaft meldenden Hahn heran. Lange ist nichts zu sehen, aber dann erschrecke ich doch, denn auf einer Lärche über uns steigt ein großer Hahn auf einem Ast umher, und den hätten wir beinahe vergrämt. "Vertreten" nennt der Jäger das.

Ich hebe die Kamera mit dem großen Teleobjektiv und sehe durch den Sucher, wie der große Hahn sich gegen den nachthellen Himmel abhebt. Scharfstellen kann man nur auf die Kontur. Bei der Jagd würde es jetzt "Bumm" machen, und vorbei wäre das Erlebnis. Bei mir rasselt der Fotoverschluss und ein Blitz zuckt durch die Nacht. Einmal, zweimal, dreimal. Das waren damals meine ersten unzulänglichen Versuche, es mit dem Blitz zu probieren, noch ehe TTL und Teleblitz erfunden wurden. Aber fotografisch ist das schief gegangen. Doch hat der Blitz den Hahn nicht gestört, weil er ihn wohl für ein Donnerwetter gehalten hat, und auch die Verschlussgeräusche haben ihm nichts ausgemacht, denn er hat gar nicht reagiert. Er steigt nur auf dem Ast umher und beginnt mit dem Schnabel zu knappen. Wir springen vorsichtig weiter, an ihm vorbei, denn weiter oben melden noch zwei Hähne. Wir kommen gut voran, queren noch einen Kahlschlag und einen Fichtenwald. Auf dem Schlag kracht der Firnschnee verräterisch, ein Ast knackt, und dann sind wir schon gefährlich nahe.


 

Der Hahn knappt mit dem Schnabel, sein Ticken wird immer schneller, überschlägt sich hastig sprudelnd zum Hauptschlag. Danach beim "Schleifen" ist der sonst so wachsame Hahn einige Augenblicke taub und blind, und in dem Augenblick rennen wir los. Ein, zwei, drei, vier Schritte, wie gelernt. Verharren, um auf den Rest des knisternden Schleifens zu lauschen. Es hat geklappt. Dann warten wir bis zum nächsten Hauptschlag, rennen wieder los, verharren erneut, oft auf nur einem Bein balancierend. Dort in der Fichte muss es sein, ganz nahe vor uns, denn dort bewegen sich Zweige.

Und dann ist die Luft voll von Knappen, Hauptschlägen und Schleifen. Rechts, über uns in einer Fichte balzt noch ein Hahn und links unterhalb in der Lärche ein dritter. Jetzt ist es hoffnungslos noch anzuspringen, denn jeder Hahn balzt 15-20 m entfernt. Nie zuvor habe ich eine so massierte Balz des Großen Hahnes erlebt. Dann bemerken wir ein ganzes Stück oberhalb am Hang noch einen vierten balzenden Hahn. Man kann die Balz der einzelnen Vögel gar nicht mehr trennen, so sehr überschlägt sich das leise perlende Ticken, der Hauptschlag und das Schleifen, dass man nicht mehr weiß von welchem Hahn dieses oder jenes stammt. Werde ich beim Anspringen jetzt einem Hahn gerecht, vergräme ich vielleicht alle anderen? Nur an die Lärche wage ich mich mit unendlich langsamen Zeitlupenbewegungen heranzuschleichen. Mehrfach versuche ich zu blitzen und nie stört es den Hahn. Er dreht sich und tanzt im Geäst, steigt auf einen tieferen Ast und balzt unentwegt dabei. Er klettert auf dem Ast entlang, dreht sich immerdar, fächert den Stoß zu einem Rad und faltet ihn wieder zusammen, lässt die Schwingen hängen, schleift sie nach und nimmt sie wieder hoch. Er steigt hinüber auf eine Nebenlärche, klettert balzend darin höher, fächert und schließt immer wieder den Stoß, läst die Schwingen immer wieder hängen und legt sie gleich wieder schmal an. Er wird schlank wie eine Taube, reckt aber immer den Stingel (Hals) hoch und balzt, dass Kehlbart und Balzkragen vibrieren. Es ist noch zu dunkel, um selbst mit dem 7x50 Nachtglas die roten Rosen zu erkennen.

Ich lasse den Hahn weiterbalzen und pirsche leise zurück zum Berufsjäger Karl, der während der ganzen Balzarien mein Tonband hat mitlaufen lassen. Jetzt sitzen wir lange im Finsteren am Waldboden auf dem zusammengefalteten Lodenumhang. Mit geschlossenen Augen leicht zurückgelehnt, lauschen wir, lauschen und lauschen nur. Das sind wirklich Augenblicke eines besonderen Naturgenusses für den Vogelschützer und für den Jäger Waidmannsfreude genug. Ein Schuss würde die Ruhe der Balz nur stören. Es ist unvorstellbar, dass ein so großer Hahn ein so leises Balzlied hat. Eine halbe Stunde verrinnt, in der wir immer nur dem zauberhaften Minnelied zuhören. Die Augen versuchen sich in die Dunkelheit zu bohren, sie zu durchdringen, um auch die anderen beiden Hähne zu erkennen. Wo sind sie nur? Die dichten Zweige der Fichten verbergen sie vor unserem Blick.

Ich flüstere dem Karl in das Ohr: "Wo ist der denn?" Und ich starre dabei durch das Glas. "Da in dera Fichten meldt` er, aber ma sicht net eini." Die Luft ist voll von Knappen und Ticken, Tropfen, hastigen Hauptschlägen, mit Zischen und Schleifen. "Da, jetzt seh ich ihn, dort, dort, dort auf dem Ast." Stoße ich hervor. "Der wos da schwankt?" "Ja." "Jo richtig, iatz tanzt er umananda." "Ja, er dreht sich a bisserl." "Geh`n ma eam no a Stückerl an?" "Vorsicht, der Hauptschlag." "Jetzt." "Jetzt los." Das ist unser Flüsterdialog, den das Tonband bei diesem Hahn aufzeichnet, den wir bis auf wenige Meter anspringen. Direkt darunter stehen wir jetzt, unter dem dritten Hahn.


Unser Erlebnis eins zu sein mit der Urnatur, mit dem Urhahn, das ist unvergesslich. Die Auerhähne balzen unentwegt, und vom Tal, als leise Hintergrundmusik, klingt der Kuckucksruf herauf. Es wird heller. Auch die kleinen Vögel beginnen zu melden. Ein paar Singdrosseln versuchen "Philipp, Philipp, Philipp" den Gesang der großen Hähne zu übertönen. Sie singen ihr eigenes Minnelied. Das freut das Rotkehlchen, das irgendwo im Unterholz knickst und vor lauter Jubel über diesen einzigartigen Morgen ein silberhell perlendes Liedchen in die Dunkelheit hinaussprudelt, jäh erschrickt und die Stimme verhält, als habe es sich zu weit in den Bergfrühling vorgewagt.


 
  Auerhennen-Gelege

Um uns herum ticken unentwegt die Hähne, und wieder klingt ganz sanft der Kuckucksruf herauf. Eine bleiche Motte taumelt durch die Stämme. Unter uns kommt mit vorsichtigen langen Schritten am Waldboden noch ein Auerhahn herauf. Er rennt, als rolle er auf Rädern und wie aufgezogen dahin. "Das ist ein ganz alter Hahn“, meint der Karl. Dabei sieht dieser Vogel gar nicht so attraktiv aus. Man erkennt es an den abgeschnitten wirkenden Stoßfedern und den blutroten Rosen, die üppig über dem Auge leuchten. Der struppige Kehlbart vibriert, aber seine Balzarien werden von den Gesängen übertönt, die vom Baum herab klingen. Das ist also der Hahn Numero sechs, den wir an diesem Morgen belauschen. Auf einmal poltert es über uns in den Bäumen, hier und da und dort, und dann ist der Waldboden auf einmal voller Auerhähne. Fast zur gleichen Zeit sind alle "herabgeritten". Es ist ein unvorstellbarer Anblick in einer Zeit, in der man bei uns in Bayern vom Aussterben der Auerhähne spricht. Dabei ist in diesem Wald der den Küken gefährliche Luchs genauso zu Hause wie Baummarder und Steinadler.

Die Hähne balzen auf dem Boden eher noch eifriger als auf dem Baum, nur hört man es nicht so weit. Das ist auch jetzt ein Ticken und Tropfen und Knappen. Aber sie nehmen meist eine prachtvolle Balzstellung ein, mit weit gespreiztem Stoß, aufgeklappt wie ein Reifrock. Die Schwingen hängen herab, und nach manchem Hauptschlag machen sie flatternd einen Luftsprung, dass es poltert. Ich höre das dauernde Poltern der Hähne jetzt viel häufiger als das Balzen selbst. Kein Augenblick, in dem nicht wenigstens einer poltert. Sie kommen ganz nahe herangerollt auf 20 m, auf 15 m und noch näher und manchmal springen sie schwingenschlagend und polternd mit einem Riesensatz. Mal springt einer, dann der Nächste. Ja und dann passiert, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Auf einem Quadratmeter stehen sich am Rande des Schlages drei Hähne gegenüber, im Kleeblattverband Stängel (Hals) an Stingel erhoben und die Schnäbel nur Zentimeter voneinander entfernt. Balzkragen und Kehlbart sind struppig gesträubt, die roten Rosen und die weißen Spiegel leuchten. Und so knappen und balzen und schleifen sie und bringen schließlich nur noch ein heiseres Würgen heraus, das an einen knörend röhrenden Rothirsch erinnert. Und all das ist nah, ganz nahe vor uns. Unvorstellbar, drei Hähne auf einem Meter Boden. So erleben und genießen wir in vollen Zügen diese Krönung einer Auerhahnbalz und sind voller Glückseligkeit. Es wäre ein reizvolles Foto gewesen, aber ohne Blitz und Höchstempfindlichkeits-Superfilme ist es ein Augen- und ein Ohrenschmaus geblieben. Dann trennen sich die drei Hähne wieder und jeder rennt in eine andere Richtung am Waldboden davon, ohne eine Prügelei.


 
 Auerhenne

Allmählich wird das Balzen leiser. Nur das Schlagen der Flattersprünge tönt immer noch durch den Wald. Sie balzen überall, oberhalb und unterhalb und rund um uns herum. Sicher wird ihre Balz nicht leiser, aber der Frühling im Bergwald wird von Minute zu Minute lauter und übertönt die Balz. "Wietze, wietze" schreit die Tannenmeise und turnt von Ast zu Ast. Draußen auf dem Schlag sitzt ein Mittelspecht an einem aufragenden dürren Stamm. Er haut drauflos, dass "Purrrrr, purrrrr, purrrrrrrr" ganz heftig das Holz unter seinen Trommlern vibriert.

Derweile fragt der Buchfink seine Braut: "Liebe Frau, sag` mir doch bitte mal, was wünschste Dir?" Und dabei betont er das letzte Wort gar gewaltig. Das macht sie ganz narrisch, dass sie "Fink, Fink" zu ihm sagt, was ganz gewiss eine Liebeserklärung unter Buchfinken ist. Dazwischen ruft wieder "Wietze, wietze" die Tannenmeise und der Kleinspecht bekommt immer mehr Freude am "purrrrr, purrrrrr" und trommelt drauflos, derweil von der anderen Seite des Schlages der Große Buntspecht "Glück, glück" wünscht und seinerseits einen wilden Trommler loslässt, viel lauter, aber nicht ganz so schnell seinen Wirbel schlägt. Das lässt den gewaltig großen Schwarzspecht mit der roten Mütze nicht ruhen, als er mit hellem Triller durch den Wald fliegt. Er schreit laut "Kliäh, kliäh", und dann schlägt er einen wüsten Krach. Der Gelbspötter tut ganz verschmitzt und singt "Pastor Schmidt, ja Pastor Schmidt hat Töchter sieben, Töchter sieben, alle heiratsreif, alle heiratsreif." Die Tannenmeise ruft immer wieder "Wietze wietze", und "Tüid, tüid" lockt die Kohlmeise. Die Dompfaffen flöten in der Dickung und am Schlag krächzt heiser die Dorngrasmücke. "Tüitlalalalalalalalal" singt eintönig der Waldlaubsänger, und der Fitis tut es fast den Buchfinken gleich. Der Baumpieper steigt von der Spitze einer kleinen Fichte senkrecht in die Luft und schreit dazu kläglich "Zieher, zieher, zieher", so als wolle er die Fichte ausziehen, von der er aufsteigt. Aber nach einem Lerchen-Jubler sinkt er erschöpft, so scheint es, senkrecht herab und schreit dabei "zip, zip, zip, zieher, zieher", und sitzt wieder auf der Baumspitze.

Zwei Auerhähne sehen wir noch. Sie sitzen müde da und machen einen langen Stingel, wie man ihren Hals nennt. Aber die rechte Freude haben sie nicht mehr am Balzen, wohl weil am Waldrand "Gakgakgakgakgakgak" ein paar Hennen locken, denn sie kommen als Zuschauer zur Balzarena. Langsam schreitet hier der Eine, dort der Andere auf das Gocken zu und Hochzeit halten sie im Verborgenen. Dann baumt hier der Eine, dort der Andere auf einem der Randbäume auf. Keine Balz ist zu vernehmen. Lauter Balzgesang der Kleinvögel erfüllt den stillen Wald.

Bald wird sich irgendwo in der Naturverjüngung die Henne eine Mulde am Boden scharren und ihre 5-12 Eier fast einen Monat lang bebrüten. Sie sitzt so bombenfest dabei, dass sie sich oft von Waldarbeitern dabei zuschauen und sogar füttern lässt. Wir sind zu dritt an einer brütenden Henne auf einen halben Meter Entfernung vorbeigegangen, die direkt an einem Bergpfad brütete. Wir, das waren meine Frau und ich und unser Terrier, also ein Jagdhund. Ist der Wald warm, sonnig und trocken, reich an Insekten und Ameisen, dann geht es den Küken gut und die Henne wird sie bis zum Herbst führen. Wenn aber das Frühjahr nass, der Wald finster und kühl ist, finden sie nur wenig Insekten. Dann überleben oft nur 2 oder 3, manchmal auch gar kein Küken. Sie sind auf Gedeih und Verderb auf Waldlücken angewiesen, wo es von Nahrung wimmelt. Holzackerbau aber bedeutet für den Auerhahn das Ende.

Dem Auerhahn und den vielen Vogelarten im Wald ist es egal, ob es ein Naturwald oder ein vom Menschen nur extensiv genutzter Wirtschaftswald ist. Überlebenswald mit Waldlückensystemen für den Auerhahn ist meist eine Kulturlandschaft. Vielstufiger Mischwald, der Blumen, Kräutern, Zwergsträuchern wie Heidel- und Preiselbeere Platz lässt. Vom Auerhahnwald mit seinen Waldlückensystemen profitieren auch andere Waldlückenbewohner. Vögel, Schmetterlinge und Ameisen, Mäuse, Marder und Wiesel. So gehört zum Waldlückensystem auch der große Pflanzenfresser, der sich und anderen den Lebensraum frei frisst, weil er Schneebruch- und Sturmlöcher im Wald lange offen hält. Nehmen wir noch die großen Beutegreifer hinzu, könnten alle Tiere des Waldes miteinander und auch ohne den jagenden Menschen sehr gut zurechtkommen. Nur unsere Ansprüche an den Wald sind es, die Schalenwild zum Schädling degradieren. Es tut mir leid, dass ich es sagen muss, aber zu einem wirklich natürlichen Wald gehörte der Mensch, also auch der Jäger und Wild-Reduzierer eigentlich gar nicht, denn es ist nicht unsere Aufgabe als Jäger den „Pfusch Gottes” zu regulieren und die Natur nach unseren Vorstellungen neu zu formen. Unbewusst hat dennoch der Mensch, in dem Fall der Waldbauer mit seiner Waldweide im Plünderwald den Wald so verändert, dass er auch in unserer Klimalage ein Auerhahnwald wurde. Leider aber nur vorübergehend. Darum gibt es den Auerhahn im 5-seenland selbst am Peißenberg, im Eibenwald oder im Stiller Wald nicht mehr.

Wolfgang Alexander Bajohr