Wald: Der Grauspecht macht sich unsichtbar

  Noch ist es halb Nacht. Nebel hängt zwischen den mächtigen Stämmen der uralten Eichen und dicken bemoosten Buchen. Mancher dieser alten Bäume steht schon am Ende seines Lebens oder modert stehend vor sich hin bis ihn der Sturm auf den Waldboden wirft. Mächtige Äste bricht zuweilen der Sturm ab, und an den Bruchstellen helfen die Pilze dabei Höhlen herauszumodern. In denen siedeln sich bald Waldkauz und Waldohreule oder auch die Hohltaube an. Wir lieben diesen wilden uralten Wald. Man nennt ihn das Seeholz, denn er liegt am Ufer des Ammersees. Für uns ist er in jedem Frühling ein gutes Stück Naturerlebnis. Wenn der Lenz einzieht, noch ehe die Blätter die Knospen sprengen, ist es hell und die Sonne scheint bis auf den Waldboden, um ihn zu erwärmen.


Darauf haben Millionen Märzenbecher nur gewartet und die Sonne küsst sie mit wärmenden Strahlen wach. Nur wenige Tage braucht sie, um erst die langen Blätter und schließlich auch Millionen weißer Blüten hervorzulocken, einen Blumenteppich, der weite Teile des Waldbodens schmückt. All dem verdankt das Seeholz, dass es Naturschutzgebiet wurde, doch man hatte es noch immer als Wald forstlich genutzt und bewirtschaftet. Das endete erst damit, als das Seeholz Naturwaldreservat geworden ist, und als solches ist es schon wegen seines ehrwürdigen Alters einzigartig, denn nur wenige alte Wälder hatten das Glück, der totalen Nutzung durch den Menschen zu entkommen. Dieser Wald ist weit älter als die ganze Forstwirtschaft, ja die Bäume sind gar zwei oder gar dreimal so alt wie sie. Kein Förster hat sie gepflanzt oder gepflegt.


 

 

Nur die Wildschweine und da er als Hutweide genutzt wurde, auch die Hausschweine, haben den Waldboden umgegraben. Sie waren es, die damit die Eicheln unter die Erde brachten, vielleicht war es auch ein Eichelhäher, der sie gepflanzt hat, denn er ist der wichtigste Vogel des Waldes, weil er den Wald pflanzt und damit zum Forstmeister im bunten Rock wurde. In unserer Klimazone wächst darum ohne Zutun des Menschen ein Naturwald heran, wie ihn die Tiere des Waldes lieben, denn Naturverjüngung der vorhandenen


Baumarten ist allemal besser als ein liebevoll gepflanzter Wald. Nach den Märzenbechern folgen bald weiße und gelbe Anemonen, gelbes Scharbockskraut  blaue Leberblümchen und Lungenkraut. Unter den Orchideen erscheinen neben dem Knabenkraut auch Helmorchis, Stendelwurz und das rote und weiße Waldvöglein. Sie alle wiederum locken Insekten an, und im Spätsommer, wenn der Dost blüht, auch eine Vielzahl von Arten der Schmetterlinge. Auf die Vielfalt im Walde sind


 


etliche der hier vorkommenden Vogelarten angewiesen, und  das  üppige Angebot von Totholz im Naturwald lockt die Spechte an. Fast alle Arten gibt es hier. Angeführt wird deren Schar von den drei Buntspechtarten, von Grün- und Grauspecht. Mit Geschrei verfolgen die Krähen die späte Heimkehr des Waldkauzes, der sich überstürzt in einer Baumhöhle verklüftet. Er braucht die großen Höhlen, doch Rauhfußkauz und Sperlingskauz sind auf das Erbe der Spechthöhlen angewiesen und mit denen streiten sich zahllose Stare, denn Wohnungen sind im Tierreich immer knapp und alle sind sie auf Wohnungssuche. Denn man neigt heute im Wirtschaftswald dazu, Bäume nicht mehr so alt werden zu lassen, und schwächeres Holz verlangen die Sägewerke. Die Zahl alter Bäume wird bald rar, weil gerade die Altholzbestände im Wirtschaftswald zunehmend  heruntergeklopft werden. Spechte aber brauchen für ihre Höhlen Bäume, die wenigstens 120 Jahre alt sind und außerdem noch an einer Waldlücke stehen, weil sie Waldlückenbewohner und Vögel des Waldrandes sind. Spechte sind zudem anspruchsvoll und erwarten vom Wald viel Totholz. Wo das fehlt, und der Wald ordentlich ist und aufgeräumt wird, da gibt es auch keine Spechte. Zum Glück für sie hilft der Borkenkäfer nach, was wiederum den Menschen nicht gefällt. Nur hier im Natur-Laubwald gibt es diese Sorgen nicht. 

Nicht ganz so anspruchsvoll sind die Erdspechte, weil sie auch mit Ameisenhaufen vorlieb nehmen und sie gründlich plündern. Dass es von ihnen zwei sehr ähnliche Arten sind, bemerkt kaum jemand, zumal sich der Grauspecht am liebsten gleich ganz unsichtbar macht, denn er ist ein Wald- und Nebelvogel, den man kaum sieht, wenn er an einer Buche herumklettert. Wer weiß schon, dass der größere Grünspecht wie ein Pferd wiehert und der Graue etwa so lacht, als wenn er beim wiehern einschläft. Der Grünspecht hat Eichelhähergröße und erreicht nicht ganz die Größe mächtiger Schwarzspechte. Er hat eine rote Kopfplatte mit schwarzer Augenmaske, wie ein Bandit, und ist verhältnismäßig zutraulich und trommelt fast nie.  


 
 
Grauspecht Männchen

Der Grauspecht hat nur einen schwarzen Strich über die Augen, ist ein gutes Stück kleiner, aber immer noch deutlich größer als der Große Buntspecht. Er liebt es, die Trommel zu schlagen und benutzt dabei auch die Trommeläste der Buntspechte. Er trommelt bis zu 500 m von der Höhle entfernt, aber die ganze Trommelei hat vor allem den Sinn, dem Weibchen die Höhle zu zeigen. Zum Revierabgrenzen braucht er das Trommeln nicht, denn er ist nicht so häufig, dass er sich gegen Seinesgleichen wehren müsste. Im Seeholz gibt es gerade je ein Paar Grauspecht und auch Grünspechte. Grob charakterisiert sind
Grauspechte im Laubwald der Mittelgebirge bis an den Alpenrand hin zu Hause und Grünspechte mehr im Unterland. Doch überschneiden sich beide Vorkommen, und wenn sie sich ins Gehege kommen, bei ähnlichen Lebensansprüchen, dann zieht der Graue gegenüber dem Grünen den Kürzeren.


Was beide noch unterscheidet ist, dass man den Grauen zwar deutlich hört und dass man dann rätselnd vor dem Baum steht und ihn auf der ebenso graugrünen Rinde einer Buche nicht findet, weil er ruhig da sitzt und ruft. Seine graugrüne Farbe ist die perfekte Tarnung, um sich unsichtbar zu machen. Gegenüber Habicht und Sperber ist das natürlich sehr nützlich, weil er sich zur Nahrungssuche auch auf das offene Feld begibt und dort die Ameisenhaufen aufhackt oder nach Erdraupen buddelt.
Ameisenhaufen plündern beide Arten regelmäßig. Wenn der Vogel die aufgehackt hat, streckt er seine lange klebrige Zunge in die Krabbeltiere, die sich daran festbeißen können und schlürft sie dann geradezu in sich  hinein. Er plündert aber auch die Lager der Ameiseneier und besonders die Kokons der Ameisenlarven. Daneben klopft er aus dem Totholz die Larven der Käfer, sammelt sie aber auch aus der Erde und unter dem am Boden liegendem Totholz auf und nimmt auch gerne die Grashüpfer. So läuft er in Waldlichtungen besonders gerne auf dem Boden herum, um alles Fressbare aufzusammeln, von den Larven bis zum ausgewachsenen Käfer. Dem eventuell angreifenden Habicht entfliehen sie mit dem rasanten ruckartigen Flug hinein in den Wald, wo er sich augenblicklich wieder unsichtbar macht.

Seine Höhlen zimmert er besonders gerne in der Zitterpappel, ist aber auch nicht zimperlich, wenn er verlassene Höhlen von Schwarz-, Grün- und Buntspecht übernimmt. Sein Schnabel ist nicht so stark, dass er die Höhle in gesundes Holz zimmern könnte wie ein Schwarzspecht. Wenn er sie schon selber bauen muss, dann vor allem in schon gut durchgefaultem Holz, das weich ist.
Hat er seine Braut von der Wohnung überzeugt, liegen bald schon Ende April 6 oder sogar 8 weiße spiegelblanke Eier darin. Nach 15 bis 17 Tagen Brut werden die Jungen schlüpfen und den ganzen Tag nach Futter schreien. Da haben beide Eltern viel zu tun, um die Schnäbel zu stopfen. Sobald es im Höhleneingang dunkel wird, ist es für die Kleinen klar, dass jetzt gleich gefüttert wird. Die Nestlings-Dauer ist mit 23 bis 27 Tagen relativ lang. Wenn sie ausfliegen, können sie sofort fliegen und klettern, doch werden sie auch nach dem Ausfliegen noch eine gute Woche gefüttert, bis sie selbständig sind.


 

Wenn der Winter naht, Harschschnee den Boden bedeckt und die Erde gefroren ist, haben es auch die Erdspechte schwer. In normalen Wintern bleiben sie hier oder sie streifen als Strichvögel umher und suchen  Gegenden auf, in denen sich leichter überwintern lässt. Dann nehmen sie auch alle Waldfrüchte wie die Mehlbeeren des Weißdorns, Schlehen und andere Waldfrüchte, die ihnen aber die Drosseln streitig machen. Da sie in dieser Zeit kaum noch trommeln, sieht man sie selbst dann nicht, wenn sie da sind. Die findigen Buntspechte kommen regelmäßig


zu den Menschen an das Futterhaus. So kann es sein, dass sie auch einen Grauspecht mitbringen. Das hatte auch uns einen Grauspecht eingetragen, der gute 4 Monate unser Gast an der speziellen Spechtfütterung war, bis ein extremer Kälteeinbruch ihn dennoch veranlasst hatte, mildere Lagen aufzusuchen und nach Westen zu ziehen. Grauspechte sind deutlich vorsichtiger, um nicht zu sagen scheu. Bei jedem Foto zuckte er zusammen, so dass alleine schon darum viele Bilder verwackelt sind. An die einmal erkannte Futterquelle kommen sie in der Frühe, wenn es noch dunkel ist, und sie kommen auch am Abend gerne, wenn es bereits dämmert. Den Buntspechten geht er möglichst aus dem Wege. Möglich ist es, dass wir diesen Vogel hätten überzeugen können, da zu bleiben. Aber wir halten es für wichtig, dass Wildtiere wild bleiben, und in seiner zurückhaltenden Art hatte der Grauspecht damit auch keine Probleme.

Im Vorfrühling haben wir ihn in dem großen Eichenwald Seeholz wieder trommeln und rufen hören. Dort ist er, wie viele andere Vögel auch, auf die Waldlücken angewiesen. Durchforstungen liebt er gar nicht. Jene Waldlücken sind auch Lebensraum vieler anderer Vogelarten, vor allem von jenen, die von Mäusen leben. Denn Mäuse gibt es immer dort, wo die Sonne den Boden wärmen kann. Alle die dort leben, haben ihre Überlebensgrundlage in einer anderen Etage des Waldes.
Wo einer der Riesenbäume umfällt, entsteht eine Lücke im Urwald, die Sonne scheint auf den Waldboden und es gibt auf seinem Torso bald eine Moderverjüngung. Das Nebeneinander von Werden und Vergehen ist es, was runde 4.000 Arten von Lebewesen anlockt. Der Naturwald ist Heimstatt für Bäume aller Altersstufen vom Sämling bis zum absterbenden Baumgreis. Darum ist dieser Wald ein Wald des Lebens, im Frühling erfüllt vom Gesang vieler Vogelarten und dem Rufen und Trommeln der Spechte. Einer von ihnen ist auch der Grauspecht, ein fast geheimnisvoller Vogel, der sich meist unsichtbar macht

Wolfgang Alexander Bajohr