Wald: Der Grünspecht macht sich im Süden rar
 Grünspecht – Picus veridis 

Um seine hellen Augen trägt er eine kohlschwarze Maske, wie man sie gerne bei Banditen darstellt. Über den ganzen Kopf bis zum Nacken schmückt ihn eine feuerroter Federhelm, der sich auch sträuben lässt. Den Helm tragen beide Geschlechter, nur das Männchen hat in der gleichen roten Farbe noch einen Backenstrich. Rücken und Flügeldecken leuchten grün wie frisch im Frühling ausgeschlagene Blätter und an der Vorderkante der Flügel hat er eine Art Warnbalken im schwarzweißen Mosaikmuster. Er wiehert wie ein rossiger Hengst und kann ein Höllengelächter loslassen, mit dem er den etwas traurigen Ruf der

 

Grauspechte übertönt. Der Grünspecht ist so groß wie ein Eichelhäher und damit ein Stück größer als der sehr ähnliche Grauspecht, dessen Ruf immer traurig klingt. Grünspechte rufen so vital, als wollten sie die Sache sofort klären. Sonst ist die Lebensart der beiden Erdspechte ähnlich, nicht nur in der Grundfarbe, sondern auch bei den Ameisen. Selten sind sie beide, denn vom Grünspecht gibt es in ganz Bayern gerade 3870 Paare, vorwiegend in Nordbayern, und vom Grauspecht gibt es nicht einmal die Hälfte, also weniger als 2.000. Im Schnitt sind sie im 5seenland sehr selten. Ihre Anzahl geht noch immer weiter zurück, da ihre Umwelt immer mehr zerstört wird. Vor allem, wenn sich auch die Forstleute nicht mehr auf die Spechte besinnen. In unserem Landkreis kenne ich nur noch ganze 2 Paare der Grünspechte. Eines lebt im Naturwaldreservat Seeholz am Ammersee, und eines lebt seit Jahren in unseren Gärten und im nahen Waldrand. Seine Höhlen hat er hier in großer Höhe in einer alten Buche. Er gehört zu den stark gefährdeten Waldvogelarten, die zu den Opfern intensiver Forstwirtschaft gehören. Das aber ist kein Zufall. Er mag den Holzackerbau gar nicht, sondern den lichten Wald, nicht die Fichte, sondern den Laubwald zwischen Wald und Feldflur. Offenland ist also angesagt, mit hohem Anteil von Laubholzarten, die alt sein sollten. Er liebt die Magerrasen in der Sonne, wo sich viele Insekten und  Ameisen tummeln, lockere Parklandschaften in der Ortschaft, im Villenviertel, Streuobstbestände und Feldgehölze. 

Weil er keinen so starken Meißelschnabel hat wie der Schwarzspecht oder der Grosse Buntspecht, ist er weit stärker als jene auf Totholz angewiesen. Er baut seine Höhle lieber in das weich gewordene Dürrholz alter Bäume - und noch viel lieber, wenn dort die Pilze im Holz schon Vorarbeit geleistet haben. Im Norden brütet er weit günstiger für den Beobachter, wenn er in Streuobstanlagen einzieht. Hierzulande aber geht er hoch hinauf. Je weniger Totholz es aber in einem reinen Wirtschaftswald gibt, desto häufiger bleibt der Grünspecht ganz aus und der Grauspecht ebenfalls. Im Bauerngarten wühlen beide in den Beeten nach Ameisen. Kurzrasige Gebiete liebt er darum besonders, und wenn es dort einen Verhau gibt, dann gibt es auch viel mehr Ameisen.


Bevorzugt im Laubwald siedelt er stets in der Nähe des Waldrandes, oder er in Grünanlagen der Städte. Seine zunehmende Liebe für die Stadt ist kaum zu übersehen, so hat er sich aus der Fläche des weiten Landes schon weitgehend zurückgezogen, denn jeder Garten in den Vorortsiedlungen bietet ihm mehr. Schutzmaßnahmen scheitern oft an der Rücksichtslosigkeit der Menschen, vor allem aber am Ordnungssinn. Man muss den Altholzanteil sichern und darf nicht unter dem Vorwand der Verkehrssicherung wertvolle Altbäume zum Brennholz degradieren. Wichtig sind Kleinstrukturen wie Raine, Böschungen, Waldränder, Magerwiesen und Acker-Randstreifen, die heute gar zu oft gleich mit dem halben Weg umgeackert werden. Wo man wertvolle Altholzbestände ohne Sinn und Verstand herunterklopft, hat der Grünspecht ausgedient. 


Sein Feind ist leider jemand, der oft als naturverbunden gilt, obwohl auch so mancher Forstmann bei seiner Ausbildung in Wildbiologie nicht gut genug aufgepasst hat. Da ist der Grünspecht im naturnahen Garten von Privatleuten mit Mut zur Unordnung zuweilen besser aufgehoben. Zu sehen bekommen wir ihn selten, wir hören im Garten nur sein Wiehern. Wenn er im Bogen-Wipp-Flug große Freiflächen überfliegt, erkennen wir ihn leichter an der leuchtenden sattgrünen Farbe.
Am Waldrand von Geisenbrunn - leider auch nur noch in den Partien, die zum Bauernwald gehören - haben Stürme zuweilen starke Äste von den Eichen und Buchen gerissen. Das werden nach einiger Zeit beliebte Spechtbäume. An den Bruchstellen modert es und dort wo die halbe Baumkrone heruntergefallen ist, da steht ein besonders dicker Baum. Den hat der Grünspecht in 12 – 15 Meter Höhe mit seinem Schnabel ausgehöhlt und damit für eine dauerhafte Höhle gesorgt. Unter diesem Baum wandeln alle Spaziergänger der nahen Siedlung vorbei, aber daran hat der Grünspecht sich längst gewöhnt, denn es stört ihn kaum.


Jahrelang habe ich ihn in diesem Waldteil wohl rufen hören, aber seine Wohnung lange nicht gefunden. Ende April, noch ehe die Blätter aus den Knospen drängen, war es endlich soweit, dass ich die Höhle der balzenden Spechte entdecke. Als dann die Blätter herauskommen, war es schnell vorbei mit der freien Sicht. Wenn einer der beiden Altvögel zur Höhle kommt, sitzt er irgendwo in den Baumkronen. Die Spechte aber sind grün, und hellgrün ist das neue Laub der Bäume und grau ist deren Rinde wie Teile des Gefieders. Ein Huscher nur, dann fliegt er ein paar Meter, aber wenn er irgendwo in den Kronen sitzt, ist es fast hoffnungslos nach ihm zu spähen. Ich komme jeden Tag mit den Hunden daran vorbei und schaue natürlich nach oben. So fällt mir an einem schönen Mai-Morgen die Brutablösung auf. Dafür sorgt schon der zurückkehrende Grünspecht, der mit einem Triller ankündigt, dass er sich nähert. Er hakt an dem Stamm an und klopft mit dem Schnabel leise auf der Gegenseite an den Stamm. Nach wenigen Augenblicken erscheint im Loch erst ein Schnabel, dann der Kopf und, der abgelöste Specht lässt sich in den Abgrund fallen, um davonzufliegen. Der Rückkehrer hingegen schlüpf augenblicklich hinein. Man kennt sich. 



Grünspecht wartet auf Futter


Doch versuchen andere Vögel gelegentlich in die Höhle zu schlüpfen. Einmal ist es ein Buntspecht, der für die Eier oder Jungen durchaus gefährlich werden könnte. Dann ist es ein Star, der gerne in der Höhle brüten würde. Man spricht auf Vogelart miteinender und das löst schon alle Probleme. Die gefährlichsten Besucher sind andere Grünspechte, die eine solche Höhle suchen. Da kann es durchaus aggressiv hergehen. Grünspechte fliegen im Winter nicht südwärts, sondern bleiben hier. Sie verstehen sich darauf, noch unter der Schneedecke Ameisen und anderes zu finden. Jetzt durchwühlen sie das Moos wie die Wildschweine oder Rehe, die Eicheln suchen. Die gut 10 cm lange Zunge schlängelt sich durch die Ameisengänge, und die Ameisen bleiben daran haften.



Grünspecht-Männchen füttert


Ihr Gelege umfasst 5 – 8  Eier, die sie 14 bis 17 Tage bebrüten. Die Fütterungszeit wird in der Fachliteratur mit 23 bis 27 Tage angegeben. Beide Eltern füttern unabhängig voneinander. Die Jungen wachsen heran, und Anfang Juni werden sie alle ausfliegen. Danach werden sie weitere 1 bis 2 Wochen von den Eltern geführt und als Ästlinge noch gefüttert. Grünspechte sind an der Höhle relativ menschenfreundlich. Wir fotografieren ja normaler Weise nicht am Nest. Hier gibt es keine Bedenken, denn Kamera und Fotograf stehen auf einem Öffentlichen Weg und die Höhle liegt 12-15 m hoch im Baum. Von einer Störung kann also keine Rede sein. Schwierig wird es nur durch die belaubten Baumkronen, denn ich muss eine Lücke suchen, und der Autofocus reagiert lästig auf irgendwelche dünnen Zweiglein. Etwa 15-mal füttern die Eltern und stets kündigen sie sich beim Nähern mit einem kurzen „Wiehern“ an. Störend ist auch das diffuse Licht des Himmels, das immer die Belichtung beeinflusst und das sich auch durch den Teleblitz nicht zufrieden stellend überspielen lässt.



Guten Appetit!


Irgendwo sieht man plötzlich ein Huschen in den Baumkronen, und mit längerem oder kürzerem Anflug sitzt auf einmal der Altvogel neben dem Loch oder dicht daneben. Sie würgen dann etwas von dem Ameisenbrei hoch und irgendein Junges steckt den Schnabel aus dem Loch und es wird Futter übergeben. Nur nachmittags zwischen 16 und 17 Uhr ist halbwegs Licht. Hat der Altvogel gefüttert, schlüpft er entweder hinein zu den Jungen oder er hockt sich irgendwo hin, um das Gefieder zu pflegen. Es ist aber unmöglich, ihn dabei zu entdecken, denn seine Camouflage ist perfekt. Dabei ist der Vogel ja ziemlich groß, etwa wie ein Eichelhäher. Durch seine bunte Färbung ist er einer unserer schönsten Vögel. Übung erfordert es allerdings die Geschlechter auseinander zu halten, denn das Männchen hat ja im Unterschied zum Weibchen nur einen roten Strich an der Wange, der schwarz umrahmt ist. Während der Grauspecht nur verhalten ruft und sich relativ unscheinbar verhält, ist der Grünspecht aggressiv, vital, bunt, er kann laut lachen und tritt souverän auf. Eine Verwechslung beider Arten ist daher nicht möglich.

Wolfgang Alexander Bajohr



Grünspecht fliegt aus