Greifvögel: Der Habicht - ein vitaler Krähen-Jäger
von Wolfgang Alexander Bajohr

Es ist noch gar nicht so lange her – jedenfalls habe ich es noch mit erlebt: Damals wurden endlich die „Raubvögel“ in Greifvögel verwandelt. Es war schon arrogant, dass man bis dahin jene jagenden Vögel, die eigentlich Kollegen von uns Jägern waren, überheblich zu den Räubern rechnete. Sie waren seit Erschaffen der Welt darauf angewiesen das zu fressen, was die Natur ihnen zugedacht hatte. Wir Menschen freilich hätten auch mit anderen Dingen satt werden können, aber wir beanspruchten das Futter

dieser Vögel als unser Eigentum. Eines Tages was es dennoch so weit, dass man die Feindbilder beseitigen wollte. So wurden eben „Greifvögel“ aus den ehemaligen „Räubern“. Schon mit dem Namen Greifvogel wollte man Emotionen und Feindbilder abbauen. Auf diese Weise wurde auch aus dem Vogel, der mit dem Namen „Hühnerhabicht“ gescholten wurde, endlich ein Habicht. Zugegeben, ein Habicht hat einen recht strengen Gesichtsausdruck. Dazu verhelfen ihm schon die hellgelb

leuchtenden Augen. Die deutliche Augenbraue darüber verleiht ihm ein Gesicht, das besonders blutrünstig wirkt. Wenn ein solcher Vogel nun wie ein Donnerwetter blitzartig auf dem Hühnerhof eingefallen ist und die beste Legehenne gepackt und davongetragen hat, dann war keiner so recht begeistert. Das hat dem großen und schnellen Greifvogel schließlich auch den bürgerlichen Namen Hühnerhabicht eingetragen. Heute freilich weiß jedermann seine Hühner unter der Drahtvoliere zu schützen und damit wird er wieder zu einem Habicht. Es klingt wie ein Scherz, aber einen Habicht erkennt man in der Regel daran,


Habicht auf Warte,
Habicht-Sturzflug


dass man ihn nicht sieht. Fast immer hockt er gut getarnt im Gewirr der Blätter und Äste auf einem Zweig, eng an den Stamm des Baumes geschmiegt. Er hockt auf dem Ansitz wie ein Jäger und wartet nur auf den Moment, in dem er angreifen kann.Es ist gar nicht so selten, dass auf dem gleichen Ast, nur ein kleines Stück weiter, das angestrebte Beutetier hockt. Da er nur aus dem Flug heraus schlägt, sitzen hier Freund und Feind nebeneinander. Ringeltauben und Krähen schlägt er besonders gerne, aber auch die Elster wird im Bestand durch den Habicht reguliert. Die ganze oft sehr hitzige Krähendiskussion ist überflüssig, wenn es wieder genügend Habichte gibt.
Der Eichelhäher ist in der Verteidigung am geschicktesten, denn er beherrscht im Geäst den perfekten Fallflug und ist dadurch dem Habicht gewachsen. Der wiederum beherrscht mit seinem langen Schwanz und den kurzen Flügeln eine ganze Palette von Flug-manövern. Bei Säugetieren am Boden rüttelt er wie ein Turmfalke. Auf die fliegende Beute stürzt er sich hingegen so blitzartig, wenn sie abfliegt, dass unser Blick ihm kaum folgen kann. Dennoch gelingt es den vor Angst kreischenden Krähen ihren Verfolger abzuschütteln und ihm auszuweichen. Sie werfe sich dabei blitzschnell auf die Seite, lassen sich fallen oder steigen nach oben.
Da der verfolgende Habicht seine ganze Kraft einsetzt, kann er das Angriffstempo allenfalls 200 Meter durchhalten. Steigt aber das Beutetier in der Luft nach oben, fehlt dem Angreifer die Kraftreserve jetzt auch noch zusätzlich zu steigen. Daher verwundert es nicht, dass es bis zum Erfolg doch eine ganze Reihe von Fehlstößen gibt. So sitzt denn der schneidige Kämpe eine ganze Weile hechelnd auf dem Ast seiner Warte, bis er wieder neue  Kräfte gesammelt hat, um einen neuen Angriff zu wagen. 



Gegenüber sitzt er jetzt auf der Spitze einer dürr gewordenen Kiefer. Die goldene Abendsonne überzieht alles mit ihrem leuchtenden Schein. Jetzt ruht der Habicht nach misslungener Verfolgungsjagd hinter einer der grauen Krähen. Ich habe ihn konstant im Visier der Kamera und lauere auf den Augenblick, wenn er wieder jagend losfliegt. Er fliegt nicht los, sondern stürzt sich blitzartig fast senkrecht nach unten. In dem Moment als er sich abstößt, drücke auch ich ab und ich habe

Glück, dass ich schnell genug bin. Zwei Bilder dieser Angriffsphase, bei der die Flügel nur so herumwirbeln, bekomme ich mit. Bei Blende 2,8 im 40 cm Objektiv ergibt sich automatisch 1/4ooo Sek. Genug, damit es ausreichend scharf wird. Dann ist der Habicht verschwunden.Senkrecht unterhalb am Fuß des Baumes taucht er wieder auf, schlägt und flattert mit den Schwingen, um sein Gleichgewicht zu halten. Er hat eine der grauen Krähen überrannt und gefasst. Habichte lieben es ja, ihre Beute in der Deckung zu schlagen und nicht wie


Habicht fängt eine Krähe

andere Greife auf offener Fläche. Mit ihrem langen Schwanz und kurzen Flügeln sind sie auch in der Vegetation unheimlich wendig. Die Krähe kreischt und will weg. Sie kämpft um ihr Leben. Der Habicht hat die Schwingen auch weiterhin schlagend oben. Die Fänge mit den nadelspitzen Krallen haben sich tief in die Krähe gebohrt und sie zappelt, zappelt, zappelt, um frei zu kommen. Alles zappeln hilft aber nicht, denn der Habicht hält fest und beginnt die noch immer lebende Krähe zu rupfen. Sie macht immer wieder Befreiungsversuche, wird aber

eisern festgehalten und immer mehr gerupft, aber nicht getötet. Die Natur kann sehr grausam sein. Wird er sie noch lebend fressen? Doch nein, er fliegt auf einmal in  Richtung Hochwald davon. Die gerupfte und noch immer lebende Krähe hält er dabei in den Fängen. Vielleicht war der Habicht auch noch zu jung und unerfahren wie man tötet. Hinter dem Moor im Hochwald ist sicher auch der Horst ganz hoch oben auf einer der mächtigen Kiefern zu finden. Niemand wird den Habicht dort stören, denn es ist ein Bannwald, den niemand betreten darf.


Kurzbiologie:  Habicht, Accipiter gentilis
   
Der Habicht, bei dem der weibliche Vogel größer als der männliche ist, erreicht etwa Bussardgröße. Seine Horste legt er in sehr alten hohen Bäumen an. Ab März/April liegen 3-5 Eier darin. Er brütet vom ersten Ei an 35-42 Tage. Nestlingszeit 35-40 Tage.

Keine andere Tierart bei uns wurde so  massiv der Verfolgung ausgesetzt wie der Habicht. Überlebt hat die Art daher nur in Nordeuropa. Hierzulande wurde eine gezielte Massenvernichtung bis in die 60er Jahre betrieben. Gleich anschließend kam bis 1979 der gnadenlose Tod durch Umweltgifte. Erst als diese verboten wurden, ging es langsam wieder aufwärts.
Auch heute hat Finnland zehnmal so viele Habichte wie Deutschland. Ein Habichtsrevier ist mit rund 5.000 bis 7.000 ha sehr groß, also etwa so groß wie 7 Jagd-Pacht-Reviere. Aber 7 Jäger zählen alle ihren Habicht. Dadurch wird der Bestand maßlos überschätzt.

Die totale Bekämpfung aller Beutegreifer traf aber auch andere Arten. Wenn man die Frage stellt, ob das für die Nutzwildarten etwas gebracht hat, dann enttäuscht das Ergebnis: Deren weiterer Rückgang wurde nicht aufgehalten, weil er andere Ursachen hatte. Diese Erkenntnis ist schmerzlich, denn der faszinierende Greifvogel Habicht wäre beinahe ausgerottet worden.