Das Haselhuhn, ein heimlicher Gebüschbewohner –
zur Naturgeschichte des kleinsten Vertreters unserer Waldhühner
von W. Scherzinger


 

Das Haselhuhn ist nach dem Haselstrauch benannt, den es früher an vielen Waldrändern und in Feldgehölzen zur Nahrungsaufnahme nutzen konnte. Dieser etwa Rebhuhn-große Hühnervogel wurde in z. T. großer Stückzahl erlegt, denn er galt als begehrtes Wildbret in Fürstenhäusern und Klöstern, was auch den wissenschaftlichen Namen prägte: Bonasa bonasia heißt (frei übersetzt) „schmeckt sehr gut“! Mit roten Beeren in Fallen und Schlingen gelockt oder mit einem Haselhuhn-„Pfeiferl“ in Schussweite geholt, entwickelten sich

regional sehr verschiedene Fang- und Jagdtechniken. Heute jedoch ist das kleinste heimische Waldhuhn den wenigsten bekannt, es fehlen gründliche Bestandserfassungen für den Großteil seines Verbreitungsgebietes – und von hohen Siedlungsdichten kann keine Rede mehr sein. Dabei eignete sich dieses kleine und (vergleichsweise) intelligente Waldhuhn ganz besonders für die Gestaltung eines artspezifischen Lebensraumangebots, selbst in regulär bewirtschafteten Wäldern, zumal es ja gerade die sonnigen Wegränder und bunten Bestandsgrenzen, die kleinen Hiebsflächen und jungen Stangenhölzer benötigt.

Nach geltender Systematik zählt das Haselhuhn zur Gattung Bonasa, zu der auch das extrem seltene China-Haselhuhn (auch Schwarzbrust-Haselhuhn genannt, Bonasa sewerzowi) und das amerikanische Kragenhuhn (Bonasa umbellus) gerechnet werden. Die Gattung dürfte ihren Ursprung in den Wäldern Nordamerikas haben und bildet die Basis am Stammbaum aller Raufußhühner. In ihr haben sich einige sehr ursprüngliche Merkmale erhalten, wie z. B. die Monogamie bei Haselhuhn und China-Haselhuhn, beides Arten mit wenig ausgeprägtem Geschlechtsdimorphismus.

Haselhahn und Haselhenne unterscheiden sich nur wenig in Körpergröße, Schwanzlänge und Kehlfärbung. Wichtigste Feldkennzeichen sind neben der Körpergröße (Verwechslung mit Waldschnepfe möglich) die schwarze Endbinde im Schwanz und das meist deutlich purrende Fluggeräusch. Für Artnachweise im Gelände eignen sich im Sommer besonders die Sandbadeplätze, im Winter die Spuren im Schnee. Daneben sind vor allem Losungsfunde, ausgeaperte Schneehöhlen sowie Risse und Rupfungen durch Predatoren - vor allem Greifvögel – gut verwertbare Merkmale. Systematische Bestandserhebungen lassen sich auch mit Hilfe des Gesangs des Hahnes („Spießen“) durchführen, doch sind die extrem hohen Frequenzen nur für geübte Ohren zu erfassen.
 

Die Lebensraumansprüche der heimischen Waldhühner lassen sich grob verschiedenen Stadien der Waldentwicklung zuordnen, wobei das Haselhuhn zwei unterschiedliche Habitat-Typen nutzt: 1. den Jungwald aus Pionierbäumen, wie er z. B. Sturm- oder Waldbrandflächen besiedelt, 2. die Lücken im Bestand, wie sie z. B. durch Sturz überalterter Bäume, durch Blitzschlag oder „Käfernester“ entstehen. Die Bedeutung von „Katastrophen-flächen“ im Wald als spezielles Lebensraum-angebot für eine Vielzahl von licht- und sonnenliebenden Pflanzen und Tierarten wird häufig verkannt - selbst vom


Haselhenne

Naturschutz. Dabei sind die raschwüchsigen und kurzlebigen Pionierstadien mit ihrem reichen Angebot an Kräutern und Weichlaubholz, an Blüten, Beeren- und Insekten ausschlaggebend für die Gesamt-Biodiversität von Wald-Lebensgemeinschaften. Nach Aufwachsen von Farnen, Gräsern und einer artenreichen Krautschicht auf der Störungsfläche, etablieren sich Beerensträucher und Pionierbäume, darunter die schnellwüchsigen Weichlaubhölzer. Sie alle stellen das arttypische Nahrungsangebot für Haselhühner, wobei die Kätzchen-tragenden Arten, speziell Erle, Birke und Espe bevorzugt werden, gefolgt von Vogelbeere (Knospen und Früchte) und Salweide. Die Namen-gebende Haselnuss ist vor allem für die tiefere Lagen, für ortsnahe Gehölze und Waldränder typisch. Haselhühner sind aber ziemlich anpassungsfähig und können auch noch mit Knospen von Buche, Weißdorn oder Heckenrose auskommen.

Die Biologie dieses Gebüschbewohners ist deutlich geprägt durch einen steten Bedarf nach Deckung zur Feindvermeidung, weshalb Nadelbäume für die Qualität des Lebensraumes von Bedeutung sein können, wiewohl sie i. R. nicht als Nahrung dienen. Nicht minder wichtig sind bodennahe Strukturen, wie Lagerholz, gestürzte Wurzelteller oder Verjüngungshorste, die auf kurzem Weg erreicht werden können. Da Haselhühner auch in kraftvollem Senkrechtstart in die Baumkronen flüchten, werden tief beastete Bestände bevorzugt – bzw. Hallenbestände mit hoch ansetzender Krone gemieden.
 

Das hohe Potenzial an Fressfeinden prägt auch das Verhaltens-repertoire des Haselhuhns: Es meidet i. R. deckungsarme Freiflächen, unterbricht seine Bewegungen durch häufiges Sichern, das Umfeld dabei mit seinem feinen Gehör genau überwachend, und in steter Bereitschaft zu reglosem Erstarren oder zu rascher Flucht. Selbst die nahezu ganzjährige Paarbindung wird als Feindvermeidungs-Strategie interpretiert, da einzelne Hühner ihr Umfeld z. B. während der Nahrungs-aufnahme im exponierten Geäst weniger gut

überwachen können als ein Paar. Entsprechend verfügen Haselhühner über ein ungewöhnlich reiches Repertoire an Alarm- und Stimmfühlungslauten, mit denen Hahn und Henne sowie die Henne mit ihren Küken kommunizieren. Letztlich bleibt auch die Balz um vieles unauffälliger, als wir es vom imposanten Auerhahn oder dem lautstarken Birkhahn kennen: Haselhähne sind streng territorial und markieren ihr Revier mit dumpf-trommelndem Flügelpurren (Flattersprung) und einem quietschend-hohen Gesang („Spießen“). Gegen Rivalen gehen sie mit Schnabelhieben, Fußtritten und Flügelschlägen vor. Im Gegensatz zu Auer- oder Birkhahn kennt der Haselhahn keine Balz-Arena, auf der sich mehrere Rivalen imponierend zur Schau stellen; er begleitet seine Henne in verhaltener Imponierstellung durchs Unterholz. Nur für wenige Sekunden zeigt er seine ganze Pracht, wenn er in raschem Trippellauf mit voll gefächertem Stoß, tief schleifenden Schwingen und auffällig gesträubtem Kehlbart um die Henne „zirkelt“. Ungewöhnlich für die Waldhühner ist auch die Beteiligung des Hahnes am Brutgeschehen. Er lockt nicht nur die Henne mit zickenden Quietschlauten zu einem geeigneten Nistplatz, er wacht auch während der Bebrütung in Nestnähe; in seltenen Fällen kümmert er sich sogar um die Betreuung der Küken.

Das Nest der Haselhühner besteht aus einer flachen Bodenmulde, die mit etwas Waldstreu ausgelegt wird. Als Neststandort werden markante Strukturen, wie der Wurzelanlauf von Bäumen, die Basis von Reisighaufen oder Felsbrocken, auch hohe Wurzelteller bevorzugt. Typischerweise schmiegt sich die brütende Henne so an die Umgebung, dass Körper und Gefieder mit dem Hintergrund völlig verschmelzen.
 

Gelege von Haselhühnern umfassen 8 - 10 Eier, die tarnfarbig-sandbraun sind und leicht gesprenkelt. Je nach Region und Brutkonstanz dauert die Bebrütung 3 ½ - 4 Wochen. Frischgeschlüpfte Küken wirken zierlich und zerbrechlich; tatsächlich sind sie in den ersten Lebenstagen extrem empfindlich gegenüber Kälte und Nässe. Ihre geringe Körpermasse erlaubt zunächst auch nur kurze Zeiträume zur Nahrungssuche, dann müssen sie gleich wieder unter die wärmende Mutter. Entsprechend hoch kann die Mortalität im

Kükenalter sein, die in einem Frühjahr mit besonders ungünstiger Witterung an die 100% ausmachen kann. Eine zweite Hürde müssen die Junghühner nach Familienauflösung Ende August/Anfang September nehmen, da Verluste durch Predatoren zu dieser Zeit besonders hoch sind. Letztlich zehntet der Winter die Hühnerzahl, speziell bei regnerisch-mildem Wetter oder anhaltender Harschbildung. Ein Freihalten der Überwinterungsgebiete von Störungen (z. B. Tourismus) verhindert zusätzliche Belastungen der Wildtiere.

Für Naturschutz und Waldbesitz ist die Feststellung wichtig, dass Haselhühner sehr positiv auf Lebensraumgestaltung und Bewirtschaftung von Wäldern reagieren, so ferne dabei die wesentlichen Lebensraumstrukturen und Nahrungspflanzen gefördert werden sowie sonnige Lichtungen, krautreiche Wegränder und üppige Pioniergehölze entstehen. Besonderen Stellenwert haben Feuchtgebiete, wie Bachauen, Bach-Begleitende Erlensäume und Weidengebüsch, natürlich auch die Haselsträucher am Waldrand. Das Lebensraum-Management wird weiters durch die Tatsache begünstigt, dass Haselhühner keine großflächigen Habitate benötigen, vielmehr mit einer Vielzahl verstreuter Mosaik-Flächen auskommen, soweit diese untereinander räumlich vernetzt sind. Es gilt jedenfalls zu berücksichtigen, dass Haselhühner sehr standortstreu sind und wenig ausbreitungsfreudig. Damit werden große Kahlschläge, finstere Stangenhölzer oder strukturarme Hallenbestände zu Ausbreitungsbarrieren, genau so wie Nadelholz-Reinbestände ohne ausreichendes Angebot an Weichlaubholz, an Lichtungen mit Beeren und Kräutern oder an nutzbarem Unterwuchs.

Das Haselhuhn könnte jedenfalls ein „Försterhuhn“ sein, denn die Entwicklung artenreicher Jungbestände wäre – zumindest theoretisch – ohne großen Mehraufwand oder gravierenden Nutzungsverzicht innerhalb des regulären Forstbetriebs möglich. Wir müssten nur die Wälder etwas bunter gestalten, unsere Ordnungsliebe etwas zurücknehmen und ein bisschen „Wildwuchs“ zulassen! - Es liegt jedenfalls in unserer Hand, ob wir reine Gewinnmaximierung im Forst wichtiger einstufen als eine bestmögliche Integration unserer heimischen Artenvielfalt - auch im Wirtschaftswald.