Wald: Haubenmeisen - Bei den Heinzelmännchen im Tannenwald
von Wolfgang Alexander Bajohr

  Eigentlich ist die Haubenmeise noch weit mehr als alle anderen Meisen ein ganz typischer Vogel dichter Wälder, aber sie ist auch ein Vogel meines Gartens. Da nur wenige Schritte entfernt eine große Fichtenmonokultur beginnt, muss ich mich nicht wundern, dass sie gelegentlich bei mir erscheint. Aber am Futterplatz zeigt sie sich so gut wie nie mit den übrigen Meisenarten. Wenn sie kommt, dann mitten im Sommer oder wenn ich sie mit ihren Rufen herbeilocke. Sie ist dann sehr vertraut, wie es die Art von Vögeln ist, die meist hoch in den Baumkronen leben, und dort immer sicher

sind. Unsere Besucher sind oft die eben ausgeflogenen Jungen, die weit umherstreunen. Denn dann trifft man sie nicht nur bei mir, sondern auch in den Laubwäldern der Umgebung. Obwohl sie ja sonst ein reiner Spezialist ist, der nur im Nadelwald brütet und hier bevorzugt im Tannenwald, bis an die Baumgrenze der Zirben oder Lärchen, die zuweilen noch oberhalb von 2500 m in geschützter Lage dichte Bestände bilden können. Auch dort im stillen Bergwald ist ihr Reich. Von den in Mitteleuropa lebenden Meisenarten ist sie bei weitem die seltenste, und es gibt viele Vogelfreunde und gute Vogelkenner, die sie noch nie im Leben gesehen haben. Am ehesten begegnet ihr noch der Hochwildjäger, der im Hochgebirge jagt oder auf endlos hohen Kanzeln sitzt, Hochsitzen also, die in die Region der in Baumwipfeln lebenden Vögel hinaufreichen, so dass man den kleinen behänden Vögeln in einer himmelhohen Jagdkanzel sehr nahe ist. „Zigürrr, zigürrr", ruft es in den flechtenverhangenen Tannenwipfeln.
„Zit, zit” lockt es nach Meisenart. „Zigürrr, zigürrr”, und da habe ich die beiden kleinen Haubenmeisen entdeckt. Denn dass ein Paar stets gemeinsam nach Futter sucht, das ist ihre Art. Fast immer treten sie paarweise auf, fast niemals alleine und sehr selten mit den großen Wintergemeinschaften und Schwärmen der übrigen Meisenarten. Da sie auch kaum den gängigen Futterplatz aufsuchen, kennt sie auch kaum einer, obwohl sie bei artgerechtem Vorgehen durchaus Futter annehmen.

Meine beiden Meisen sind schon gleich wieder zwischen den Flechten und  Zweigen verschwunden, um Sekunden später an einem anderen Baum, an einem anderen Zweig, in einer anderen Spalte aufzutauchen, herumzusuchen und gleich wieder zu verschwinden. Irgendwo wispert und lockt es, und überall und nirgends sieht man sie oft nur für kurze Augenblicke auftauchen und auch schon wieder fort sein. Sie schauen zwischen jede Tannennadel, in jeden Flechtenbart, hinter  jeden Rindenschuppen, und allerorts lesen sie etwas Winziges ab. Die zarten Vogelzwerge suchen Spinneneier, Larven und Puppen aller Art. Kleine Asseln, Blattläuse, Springschwänze, Räupchen und Käferchen, oder deren Eier und Larven, mit denen die Natur ihnen den Tisch so reichlich gedeckt hat. Die Forstleute müssen begeistert von diesen „Arbeitsvögeln" sein,  wie Henze sie einst nannte, denn so gründlich wie sie alles absuchen, sind sie eine Art Gesundheitspolizei der großen Bäume.

Die Haubenmeise ist in der sechs Arten umfassenden Meisenfamilie die putzigste. Wenn sie erregt ist, und erregt ist sie eigentlich dauernd, das Häubchen auf- und niederklappt, schaut sie wahrhaftig wie ein kleines Heinzelmännchen aus. Wer im Winter oder Spätherbst auf einem Hochsitz warten muss, für den wird es oft langweilig, denn die große Schar der vielen Vogelarten ist fortgezogen. Da ist es oft ein Greifvogel, der Eichelhäher oder die putzige Haubenmeise, die für Kurzweil sorgen. Was wäre die Jagd, wenn es die Vögel nicht gäbe. Wäre es nicht die Natur mit all den Vögeln rundum, die Trophäe wäre wahrhaftig kein Anreiz, um sich die Mühe zu machen. Das Federmützchen der  Haubenmeise ist weiß und schwarz gefärbt. Kehle und Hals tragen einen schwarzen Ring. Die Unterseite ist schmutzig weiß, die Oberseite braungrau wie eine Maus, und um die Ohrgegend hat sie einen schwarzen Halbkreis.

 

Eigentlich ist es schade, dass sie meist so verborgen leben, dass nur wenige sie kennen und sie beobachten können. Auch in den großen Nadelwäldern meiner Nachbarschaft, und selbst in den Bergen muss man schon mit offenen Augen umherstreifen, um sie überhaupt zu sehen. Häufig ist sie nirgends, aber im Herbst und Winter ist sie im Hochgebirgswald dennoch eine der häufigsten Vogelarten. Wer ihren Ruf zu deuten weiß, für den kann es bei jeder Bergwanderung eine Begegnung geben. In den kleinen Latschenmooren im Alpenvorland, wo sie ebenfalls Standvogel ist, tut man sich da schon härter. Richtig schwierig wurde es für mich aber schon Anfang der 50er Jahre, als ich sie erstmals fotografieren wollte. So bin ich zu meinem Freund, dem Breu-Sepp gegangen, einem Berufsjäger an der oberen Isar und habe ihn um Rat gefragt. Eine Weile habe ich auf ihn warten müssen, denn er war zum Füttern ausgezogen. Recht gemütlich war es in dem kleinen Jägerhaus unter dem Hochkopf bei Vorderriss, direkt am Isarufer. Im Ofen prasselten die groben Scheite, und roter Schein huschte über die vielen Trophäen. Auf einer Dachsschwarte in der Ecke liegt zusammengerollt Bergi, die hirschrote Schweißhündin. Sie träumt wohl von Nachsuche, Jagd und Hatz, denn im Traum mieft, jafft und knurrt sie. Die Branten laufen im Traum und die Rute zuckt.

Dann werden draußen schwere Schritte laut, Schnee wird von den Stiefeln geklopft, und herein tritt der Sepp mit einer ganzen Ladung Kälte. Ein kräftiges Waidmannsheil, ein Händeschütteln, und dann sitzen wir bald beim Tee, den der Rum erst so richtig schön macht, dass er wärmt. „Haubenmeisen willst Du fotografieren?" Beginnt der Sepp: ,,Ja, da kann ich Dir schon helfen. Weißt Du, bei der Schröfelhütte, habe ich neulich einen Fuchs geschossen und den Kern an eine Fichte gehängt. Da solltest Du nur sehen, wie es da von Meisen wimmelt. Und ein paar Haubenmeisen sind auch mit dabei. Du kannst ja morgen hinauskommen, wenn ich zum Füttern gehe.”


 

Nun, ich habe mir die Einladung nicht lange überlegt und bin mitgegangen. Zu Fuß, denn damals fuhr man noch nicht eben mal schnell zum Füttern. Das war immer ein Tagewerk. Sepp hatte nicht zuviel versprochen, denn am Fuchskern versammelte sich alles, was Meise heißt, und scheu waren sie alle miteinander nicht. Sicherheitshalber habe ich noch das weiße Schneehemd übergestreift.

Meine Kamera war damals noch die alte rasselnde Exakta-Varex und ein Fernobjektiv hatte mir Heinz Schimanski aus dem Arsenal von Heinz Sielmann geliehen. Damit stand ich nun ohne jedes Fotoversteck ganz offen neben dem Fuchskern und habe der Dinge geharrt, die da kamen oder nicht kommen sollten. Es hat gar nicht lange gedauert, da turnten schon die ersten Haubenmeisen aus den Zweigen herab. Eine setzte sich auf einen Aststummel und begann zu picken. „Klack" plautzten Spiegelschlag und Schlitzverschluss peinlich laut durch den Winterwald. Aber die Haubenmeise hat es nicht gestört. Nie wieder in späteren Jahren habe ich noch einmal  eine Haubenmeise so beharrlich so lange an einer Stelle sitzen sehen  wie diese, die da Fetzen für Fetzen das Fleisch vom Fuchs zerrte. Fast bin ich enttäuscht, wie mühelos ich zu meinen Bildern komme. Ja mein guter lieber Reinecke, Du frisst jetzt niemand mehr, sondern die Meisen fressen Dich. Angeblich soll man Männchen und Weibchen an der Haube unterscheiden können. Aber das ist wohl reine Theorie. Ich kann es bis heute noch nicht. Die hier sehen beide völlig gleich aus. Wieder sind es nur zwei  Vögel. Nie sieht man sie in einem größeren Schwarm, wie die übrigen fünf Meisenarten. Sie sollen auch im Sommer und Winter sehr reviertreue Standvögel sein, die Ihresgleichen nicht im Revier dulden.

Im Hochgebirge sehen diese Vögel in ihrer Bergeinsamkeit so gut wie nie einen Menschen. Sie kennen und fürchten ihn nicht und sind daher für den Tierfotografen und Naturbeobachter außerordentlich kooperativ. Leider habe ich diese Bilder damals noch in Schwarzweiß aufgenommen. Wie es damals noch die Art von uns Tierfotografen war, habe ich auch nur wenige Aufnahmen gemacht und ich war damit zufrieden, denn wir haben seinerzeit noch beim Film-Material gespart. Jede Aufnahme kostete uns Geld und man konnte noch nicht einfach so drauflos schießen wie heute mit der Digitalkamera. So war ich denn bald auch satt vom Fotografieren und schaute den Vögeln nur noch der Kurzweil zuliebe zu. Aber ich lernte auch begreifen, wie groß das Vertrauen der Vögel zu dem ihnen unbekannten Menschen ist.

So sticht mich auch der Hafer zu erproben, wie weit dieses Vertrauen geht. Langsam, Schritt für Schritt gehe ich auf sie zu. Ich wage kaum zu atmen,  hebe im Zeitlupentempo die Hand und strecke sie nach der Haubenmeise aus. Ganz langsam und vorsichtig lege ich sie an den Fuchskern. Und siehe da, der Versuch gelingt. Sogar zwischen meinen Fingern picken die Vögel noch nach Futter. Das tun sie aber nicht deshalb, weil ich für die Vögel besonders vertrauenserweckend aussehe, sondern weil diese Tiere den Menschen gar nicht kennen, ihn noch nie von einer schlechten Seite kennen gelernt haben. Ähnlich vertrauensselig sind auch die Winter- und Sommergoldhähnchen, die ja ebenso  wie Haubenmeisen ebenfalls hoch oben in den Baumwipfeln der Nadelhölzer leben. Der Fuchskern hat sich in der Vogelwelt rasch herumgesprochen, und innerhalb weniger Tage picken ihn die Meisen bis zum Skelett ab. So hat ihnen der Jäger ein wenig über den Winter geholfen, obwohl es für sie auch unter dem Mantel der weißen Pracht sicher genug Nahrung zu finden gibt.


Fast 40 Jahre später habe ich wieder den Wunsch Haubenmeisen zu fotografieren. Gegenüber der ersten Begegnung hat die Fototechnik gewaltige Fortschritte gemacht, und so gefallen mir die Bilder von einst nicht mehr. Nur die Erinnerung ist immer noch lebendig geblieben. Inzwischen fotografieren wir nur noch in Farbe, haben bessere Objektive und technisch weitgehend elektronisch gesteuerte Kameras mit Motordrive, die viel leiser sind, und wir blitzen.


 

Der Blitz wird gleich als ein Bündel mehrerer Blitzlampen eingesetzt, seine Helligkeit wird TTL-gesteuert, und er hat sehr kurze Leuchtzeiten. Die Filme sind nahezu perfekt in der natürlichen Wiedergabe der Farben. Ich muss auch nicht bis ins Hochgebirge fahren, denn Hans Werner vom LBV führt mich, bei uns im Landkreis Starnberg an seinen geheimen Futterplatz mitten in einem kleinen Latschen-Hochmoor. An diesem heimlichen Ort, ungestört von jedermann, hat er die Vögel herbei gelockt. Sicher würden sie auch ohne diese Fütterung genug finden, um den Winter zu überleben und notfalls würden sie abwandern. Aber er hat Spaß daran, die Heimlichen herbeizulocken. Dafür hat er seine eigene Futtermethode entwickelt. Weizenkleie in geschmolzenen Talg gerührt und zu Knödeln geformt, also das reine Fett füttert er. Und weil beim Picken immer etwas herab auf die Zweige darunter rieselt, wird auf diese sekundäre Art und Weise auch den Vögeln der Tisch gedeckt, die normaler Weise keine Futterstellen aufsuchen. Da sind hier neben dem Wintergoldhähnchen auch der Waldbaumläufer und die Haubenmeise. In den nahe gelegenen Ortschaften füttern natürlich die Menschen am Fensterbrett, aber dort kommen diese Arten nicht zum Futter. Hier im Hochmoor erscheinen sie laufend, und sie benehmen sich dabei so, als würden Sie in der einsamen Höhe der Bäume zwischen den Nadeln ihr Futter suchen.

Weil ich weiß, dass Haubenmeisen in guten Samenjahren der Bäume Fichtensamen hinter  lockeren Rindenschuppen und Flechten verstecken, verfahre ich ähnlich und verberge zusätzlich zur ohnehin angebotenen Lockspeise Sonnenblumenkerne hinter lockerer Rinde und in Ritzen und mache es ebenso mit fein gemahlenen Erdnüssen, die eine ganz vorzügliche Lockspeise sind. Dünn werden die winzigen Körnchen auch über alles gepudert. Sie bleiben zwischen den Nadeln hängen, und fertig sind mitten im Winter die improvisierten Blattläuse. Auch die Weidenmeisen und Tannenmeisen sind über diese Art des Angebots begeistert, aber so lange sie da sind, warten die Haubenmeisen. Man hört sie inzwischen droben in den Bäumen zwar rufen, aber sie eilen nicht herbei. Kaum aber sind die anderen Meisen fort, erscheint ein Paar Haubenmeisen, und später noch eines.

Ich habe noch in guter Erinnerung wie einfach mit der damals noch sehr simplen Technik das Fotografieren war, weil die Vögel sehr ruhig waren. Um das Maß, um das meine Technik heute besser ist, also um das Maß, dass auch das Einstellen schneller geht, sind jetzt die Haubenmeisen fipsiger. Scheu sind sie auch hier nicht, aber es ist ein echter Kampf sie mit dem 500 mm Teleobjektiv auf so kurze Distanzen von 2,0-2,5 m scharf zu stellen. Wie droben in den Baumwipfeln halten sie keine Minute still. Immer, wenn ich glaube sie scharf zu haben, sind sie schon wieder an einer anderen Stelle. Ähnlich ergeht es mir mit den Goldhähnchen. Beide Arten huschen bald hier, bald dort durch die Zweige und Nadeln, um die staubfeinen Futterteilchen zusammenzulesen. Ganz anders als damals, als ich noch mit wenigen Aufnahmen zufrieden war und aufhörte, verschieße ich jetzt einen ganzen Film, dann noch einen und auch noch einen dritten, und wenn ich nicht hätte heimfahren müssen, hätte ich gerne noch weiter fotografiert.


 

Ich merke es schon gleich, dass ich unendlich viel Ausschuss  produziere, und dagegen gibt es nur ein Rezept. viele viele Aufnahmen. Und ich hatte Recht, bei diesen schwierigen Verhältnissen sind 90 % der Aufnahmen danebengegangen, obwohl ich vom Stativ und mit Blitz arbeite. Einige Bilder befriedigen gerade so und einige ganz wenige sind dann wirklich  gut gelungen. Sie zeigen mir die Vögel beim An- oder Abflug, den man ohne Lichtschranke bewusst gar nicht erfassen kann, weil man als Mensch viel zu langsam reagiert. Aber die kurze Blitzzeit hat dennoch vieles möglich gemacht. Die Vögel sind auch hier so vertraut, dass sie sich am Blitz nicht stören.

Der Trick mit der Lockspeise macht die Haubenmeisen vom Menschen noch nicht abhängig. Nur mit der hier artengerecht angebotenen Lockspeise haben wir sie überlistet. Auch bei  ihren Bruthöhlen machen sie sich nicht abhängig, denn es gehört zu ihrem Verhalten, sie stets selber zu zimmern. Dafür freilich brauchen sie morsche Bäume oder wenigstens Stümpfe. Damit aber sieht es im Wirtschaftswald meist schlecht aus, weil der Mensch aus einem Ordnungswahn heraus oft kein Totholz im Walde duldet. Er räumt den Wald auf, damit er  „ordentlich”  aussieht. Eine solche Arbeit, die nichts einbringt, ist unwirtschaftlich und nimmt den Vögeln des Waldes die Lebensgrundlage. Denn nur morsches Holz können sie mit ihren winzigen Schnäbeln aushöhlen. Doch der Naturwald mit einem Totholzanteil von 50 % ist rar. Wenigstens hier im Moor wird es angeboten. Da stehen genügend vermodernde Birken oder Spirken. Bei Versuchen hat sich gezeigt, dass sie nur dann Kästen angenommen haben, wenn sie vorher erfolglos gezimmert hatten und wenn der Kasten wenigstens  9 m hoch hängt. Weit weit lieber aber ist es immer, dem eigenen Trieb zu folgen und selber die Stämme zu höhlen.

Von allen Meisenarten brüten Haubenmeisen am zeitigsten im Vorfrühling, wenn der grüne Brombeerzipfelfalter durch das Moor fliegt. Das Nest in der Höhle wird erst einmal mit Moos vorgepolstert, anschließend aber noch ein wenig mit Hasen- oder Fuchswolle gepolstert. Da die aber meist rar ist, beginnt die Haubenmeise schon einmal mit dem Eierlegen und Brüten. Inzwischen baut sie ständig an der Polsterung weiter. Sobald das Weibchen zu legen beginnt, wird es liebevoll, wie es scheint, vom Männchen mitgefüttert. Der Grund ist aber wohl, dass es in dieser Zeit mehr eiweißhaltige Nahrung braucht, die aber im zeitigen Frühjahr etwas mühsam zu finden ist. Zu zweit findet man halt mehr. Die noch fehlenden Haare besorgt man sich schließlich noch bei den Rehen, die sich zum Wiederkäuen irgendwo niedergelassen haben. Auf den Rehen sitzen dann die Haubenmeisen und zupfen lockere Haare. Es sieht ganz putzig aus, wenn sie mit gesträubtem Häubchen auf den Rehen herum- klettern und in der Decke stochern. Man hat den Eindruck, dass es den Rehen angenehm ist, und dass sie die Vögel gewähren lassen, weil sie vielleicht auch Hirschläuse und Zecken mit absuchen. In Wirklichkeit werden aber Haare für das Nest geplündert.

Keine andere Meise legt so wenige Eier wie die Haubenmeise. Meist sind es nur 6 Stück, zuweilen aber auch nur 4. In der Farbe sehen sie aus wie alle anderen Meiseneier auch. Weiß mit rötlichen Punkten, zum  Ende hin zu einem Kränzchen verdichtet. Mit knapp 3 Wochen brüten sie fast eine Woche länger als die anderen Meisenarten und die Jungen fliegen auch später aus, erst nach 3 Wochen. Wenn das Wetter nicht mitmacht, was im Bergwald und in den kühlen Voralpenmooren häufig der Fall ist, kann es sogar noch länger dauern. Während der Nistzeit gehört sehr großes Glück dazu, ihnen zu begegnen.

Nur wenige Tage nach meinem Besuch im Latschenmoor, bin ich auf einen Hochgebirgspass gefahren und wohnte dort eine Woche in einer kleinen Hütte im Zirbenwald. Der erste Vogel, der mir auch dort wieder auf  2500 m Höhe begegnete, war wiederum die Haubenmeise. Ich war auf diese Begegnung vorbereitet und hatte meine Lockspeisen dabei. Ich habe sie  unauffällig in den Flechten versteckt, die gleich nebenan eine Zirbelkiefer dicht überzogen haben. Auf Anhieb waren meine Fotomodelle auch schon da. Gekommen ist nicht nur die Haubenmeise. Es kam auch die Alpenmeise, die Hochgebirgsvariante der Weidenmeise, die etwas größer ist und viele viele Alpenbirkenzeisige. Kurz vorher hatte ich daheim Schwärme nordischer Birkenzeisige fotografiert. Die waren etwas größer als ein Erlenzeisig. Die hier waren kleiner. Das fällt natürlich nur auf, wenn man sie nebeneinander sieht. Der nordische Birkenzeisig ist auch grauer, die alpine Rasse brauner. Das rote Köpfchen haben sie alle beide, und bei beiden hat auch das Männchen eine schmucke rot angehauchte Brust. Alle diese Vögel sind hier im Zirbenwald und in den Latschenmooren nebenan Brutvögel. Sie alle sind hier oben sehr vertraut und einfach zu fotografieren. Dagegen ist die Haubenmeise auch hier die reinste Nervensäge, so fipsig ist sie. Alle hier in der Höhe lebenden Vögel überstehen in der viele Meter tief verschneiten Landschaft den Winter seit jeher auch ohne Hilfe des Menschen. Sie sind auf meine Fütterung nicht angewiesen. Doch nehmen sie diese gerne an, und ich betrachte sie nur als Lockspeise. Die Haubenmeisen sind sogar nach zwei Tagen fort geblieben. Sie brauchten meine Hilfe nicht. Wer mit Skiern den Bergwald durchwandert, der wird auch begreifen, warum. Die Zirben sind dick mit Schnee verhangen, der aber ist nur eine wärmedämmende Außenschicht. 

Unter der weißen Pracht sieht es aus wie unter einem Zelt. Alle lebenden und dürren Äste sind mit dichten Schüssel- und Bartflechten verhangen, und unter der weißen Decke ist alles weitgehend schneefrei. Da finden die Haubenmeisen ihr gewohntes Futter wie immer. Auch im tiefsten Winter leben in den Flechten Spinneneier, Schmetterlingseier, kältestarre Käferchen und Puppen. Die Meisen finden auch in reicher Zahl die für die Brut nötigen  morschen Bäume, die sie zum Nestbau aushöhlen können. Das letzte Drittel der Aufnahmen nebenan habe ich dann schließlich mit der Digitalkamera aufgenommen und dabei nicht gespart, sondern einfach drauflos geschossen, und ich habe alle Bilder, die nichts geworden sind, gleich gelöscht.

Je natürlicher aber der Wald ist, und je natürlicher die Umwelt eines Waldes ist, desto leichter haben es die Tiere und die Vögel, auch in der allerhärtesten Zeit zu überleben. Sie brauchen dafür den Menschen und seine Hilfe nicht. Sie brauchen einen Wald, in dem Bäume auch eines natürlichen Todes sterben dürfen, wenn ihre Uhr abgelaufen ist. Ein Wald, aus dem man das Starkholz nicht herausklopft um Profit zu machen, ist der ideale Wald für die Haubenmeisen. Sie möchten dort nur in Ruhe gelassen werden. Auch unter der weißen und kalten Decke des Winters regt sich reiches Tierleben und zu dem gehören auch die  Haubenmeisen, die Heinzelmännchen hoch oben im grünen Tann und in den Zirben der Bergwälder.