Wald: Das Wildkaninchen - des Osterhasen wilde Vettern, denn meist ist der „Osterhase“ ein Kaninchen
von Wolfgang Alexander Bajohr

Große ovale dunkle Augen geben "Murkmümmelmann" etwas Verträumtes. Es scheint auch, als ob der alte Rammler vor dem Sandbau nachdenkt, denn er bewegt sich nicht. Ganz still sind auch die Löffel (Ohren), nur die schnell wackelnde Schnuppernase verrät, dass er lebt. Sein Fell ist sammetweich, obenauf grau und unten weiß. Nur seine Blume (das Wipp-Schwänzchen) ist oben schwarz. An den Seiten und Schenkeln spielt die grau gestichelte Zeichnung ins rostfarbene.


Ein Rothauch der aufgehenden Sonne vergoldet das ganze Häschen, denn im Osten glühen die Wolken im Morgenlicht. Nebelfetzen wogen über den Germeringer See. Noch ehe der Tag beginnt, jubiliert schon die Lerche hoch in der Luft, wo die Sonne dem Federkleid Farben verleiht. Eine Krähe krächzt jämmerlich quäkend ihr Minnelied, doch sie kann nicht anders singen. Darum versteckt sie sich im Wald in den Zweigen, wo unsichtbar auch der schmucke Eichelhäher rätscht. Zeisige begrüßen quietschend den frischen Frühlingsmorgen, Dompfaffen flöten, Meisen läuten oder trillern je nach ihrer Art. Der Zaunkönig schmettert, und Rotkehlchens Silberlied perlt virtuos und perfekt, wie auch die Flötenlieder von Amsel und Singdrossel. Bei der Römerschanze zieht ein Reh über den Wiesenhang und gleich dahinter rufen aus den Quellgumpen "ukukuk" die balzenden Erdkröten. Auf den verwaisten Liegewiesen am See aber ist neues Leben eingekehrt. Die ganze Nacht war Großbetrieb. Kleine graue Schatten hoppeln dahin, und die sehen aus wie kleine Hasen, aber sie sind schneller und flitzen Haken schlagend hintereinander her. Dann wieder mühen sie mümmelnd den frischen Klee und das kurze Gras der Wiese. Zum Dank düngen sie es gleich hinterher. Das macht sie auf dieser Wiese recht nützlich, denn sie pflegen die Landschaft und fressen doch keinem etwas weg. Im Fernglas sehen sie aus wie Hasen, doch sind sie deutlich kleiner und wiegen nur die Hälfte. Auch ihre Löffel-Ohren sind um ein Drittel kürzer, runder und ohne schwarze Spitze, wie sie die der Feldhase hat.


Beim Kaninchen ist der Kopf runder. Er hat jene Ostereierform, die man wohl für das Abbild vom "Osterhasen" haben will. Es fehlen nur noch die Rücken-kiepe und bekleckste Eier. All jene Osterhasen, die uns in Zeitungsinseraten und Schaufenstern ansehen, sind im biologischen Sinne alles keine Hasen (Lepus timidus), sondern Zuchtformen, also Stall-Kaninchen, die alle vom Wildkaninchen abstammen (Oryctolagus cuniculus).



Wildkaninchen sehen mit ihrer Wackelnase und dem frechen Schnurrbart eigentlich immer freundlich aus. Sie haben ausdrucksvolle Kulleraugen, weil sie dämmerungsaktiv sind, und sie scheinen stets zu lächeln, weil sie gern verschmitzt die Schnurrhaare verziehen. Wenn sie dann auch noch Männchen machen, dann möchte man sie wie leibhaftige Ostertiere hochheben und gründlich knuddeln. Das hehre Bild vom Osterhasen verblasst, wenn man sie quicklebendig wirklich in der Hand hat, denn dann können sie mit ihren Krallen mächtig kratzen und mit den scharfen Nagezähnen ganz ekelhaft beißen. Doch dazu kommt es selten, denn sie sind gewandte Renner, denen auch mit Salzprise aufs Puderquastenschwänzchen kaum beizukommen ist, weil sie beim Rennen noch mächtig Haken schlagen.

Mit ihren Balz- und Rennspielen beginnen sie schon Wochen vor der Hochzeit. Es ist wahrlich Hochgenuss, ihnen dabei zuzusehen. Sie können unverschämt schnell flitzen, mitten im Rennen das Hinterteil hoch- und herumwerfen, damit sie ratschbumm nach links oder rechts im Zickzack-Kurs Haken schlagen, eben ganz so wie Karnickel. Das versuchen sie auch immer dann, wenn sie erschreckt zum nächsten Erdbau flüchten wollen. All die vielen, die gerne Kaninchen essen möchten, staunen, wenn sie an einem dieser Haken über ihr Ziel hinausrennen und die Spur des ersehnten Löffelbratens verlieren. Ehe sie die gierend schnuppernd wiederfinden, hat der schon längst ein Erdloch gefunden und ist hinein geschlieft. Da ihre Augen eine Rundumsicht von 360 Grad ermöglichen, können sie auf der Flucht stets den hinter ihnen laufenden Feind im Auge behalten und gezielt ihre Haken schlagen.


Dabei ist das Kaninchen für alle Nasentiere eine gerne und oft verfolgte Beute. Sie riechen gar zu gut und gehen mit Reviermarkierungen recht großzügig um. So wie der Kiebitz virtuos die Luft beherrscht, ist das Wildkaninchen der gewandteste und schnellste Renner auf der Erde. Wer als Jäger Wild-kaninchen jagen will, der muss schon exzellent schießen können, um den kleinen Löffelbraten zu erlegen, denn für viele ist er unter dem Wildbret die Spitze aller Delikatessen und meist so reichlich vorhanden, dass er kaum auszurotten ist, obwohl man jedes Jahr in Deutschland so um die 800.000 bis zu einer Million erlegt. Da scheint es ärgerlich zu sein, dass sie vorne zu schnell und hinten zu kurz sind, wie Hermann Löns es einst beschrieb. Wirklich gefährlich werden kann ihm der mit Flinte jagende Mensch kaum. Gegen alle übrigen bösen Feinde haben


Wildkaninchen eine vortreffliche Waffe, die sie friedlich und bedenkenlos einsetzen. Sie vermehren sich im sprichwörtlichen Sinne wie die Karnickel. Ihre hohe Vermehrungsrate ist der Ausgleich für ihre kurze Lebenserwartung. Denn das Höchstalter von 10-12 Jahren erreichen immer nur einzelne Tiere.

Damit sind wir auch schon mitten drin in unserer "Kinihasen"-Geschichte. Denn lange vor Beginn der Rammelzeit, schon Mitte Januar treffen sich die erwachsenen Kaninchen auf der Rasenfläche zum Turnier. Da versuchen sie sich gegenseitig zu ohrfeigen, dass die Wolle fliegt, sie treten dem Gegner mit den Hinterfüßen vor den Bauch und fechten verbissen und hartnäckig im Hasenturnier. Sie rasen hintereinander her, springen übereinander hinweg und boxen ähnlich wie auch die Feldhasen, sofern sie einander erwischen, denn das ist selbst unter Kaninchen gar nicht so einfach. Sie springen aufeinander zu und prallen dabei auch in der Luft zusammen, worauf wieder die Hatz der wilden Jagd beginnt. Wahrscheinlich lässt Sonneneinstrahlung im Frühling den Hormonspiegel ansteigen, was den Übermut schon lange vor der Rammelzeit weckt. Zwischendrin klopfen sie mit den Hinterbeinen Morsenachrichten auf den Boden, und wieder geht es los. Auch wer einen Feind entdeckt, klopft mit dem Fuß, um die Kolonie zu warnen. Ihr geselliges Miteinander dient dann dazu, den Bau zu bewachen und vor Feinden zu warnen, doch warnen alle Kaninchen vor Fressfeinden. Richten sie sich beim Klopfen hoch auf, ist höchste Alarmstufe angesagt. Es scheint aber auch, dass sie beim Turnier Beifall klopfen. Warum es diese Turniere gibt, ist noch immer nicht richtig geklärt. Ob die Turniere Rangordnungskämpfe sind, bei denen der "Hasenkönig" und die "Hasenkönigin" sich qualifizieren, scheint wenigstens hierzulande zweifelhaft. Von einer Sozial-Gliederung habe ich noch nie etwas bemerkt. Rammler und "Häsin" lassen sich ohnehin kaum unterscheiden.


Seit der englische Verhaltensforscher R. M. Lockley in einem Buch über Revierverhalten der Kaninchen von der Annahme ausgeht, dass ähnlich wie beim Leitwolf im Wolfsrudel, auch Kaninchen einen "Rammlerkönig" und eine "Hasenkönigin" wühlen und darum vor der Entscheidung fechten, wird behauptet, dass der Oberrammler wie ein Platzhirsch über das Kaninchen-rudel herrscht. Angeblich regieren diese Leitrammler über eine Gruppe von etwa 12 Tieren.



Er soll fremden Besuch von Nachbarkaninchen hinausekeln und gründlich verprügeln. Diese Theorie taucht seither in allen Beiträgen über das Verhalten von Kaninchen auf und wird fleißig voneinander abgeschrieben. Das geschilderte Verhalten ergibt beim Kaninchen aber keinen tieferen Sinn. Kaninchen haben an den Wangen Drüsen, aus denen sich ein helles Duft-Sekret herausdrücken lässt. Wenn sie Grashalme, Pfosten, Bau-Eingänge, Bäume, kurzum, das Revier der ganzen Sippe markieren und auch die duftende Losung dafür nutzen, ist das auch eine Orientierungshilfe. Es scheint nicht in allen Fällen ein Revieranspruch daraus ableitbar zu sein, denn das Verhalten der Kaninchen im Baubereich untereinander, spricht nicht dafür. Kaninchen besuchen sich gegenseitig im Bau oder fliehen vor Feinden auch in fremde Baue. Sie mögen am Duft erkennen, in wessen Territorium sie da zu Besuch sind, aber es bleibt ohne ernste Folgen. Und es ist schwer zu entscheiden, ob sich Freunde oder Freund und Feind oder nur Feinde, also Platzkaninchen und Eindringling gelegentlich bekämpfen, wobei aus Versehen schon einmal ein Häschen tot auf der Strecke bleiben kann. Möglich ist, dass sie bei hohen Siedlungsdichten in warmen Ländern andere Strategien entwickeln müssen, um knappen Lebensraum aufzuteilen. Bei uns haben sie diese Sorge nicht, eher die mit dem nasskalten Wetter, das sie schlecht vertragen.

Wurf auf Wurf der Kinder wegen
Fruchtbar, wie sie sind, gehen ihre Januar-Rangeleien vom Februar zum März hin nahtlos in eine leidenschaftliche Rammelei über. Nach 28-31 Tagen Tragezeit bekommen sie dann bis zu 7 blinde nackte rosa Babys, typische Nesthocker. Beim Feldhasen können die Jungen schon sehen und hoppeln, denn sie sind Nestflüchter. Ein wesentlicher Unterschied! Jede Kaninchenmutter wird 5-7-mal hitzig. Ihr Kaninchenjahr endet etwa Ende Juli/Anfang August. Nach drei Wochen verlassen die Jungen erstmals den Bau, und eine Woche später endet die Säugezeit. Jetzt müssen sie alleine mümmeln. Wenn in warmen Ländern mit günstigem Wetter der Kindersegen einsetzt und drei Dutzend Kaninchenmütter plötzlich ihre Familie mit auf die Wiese bringen, gleicht die bald einer Schokoladenfabrik zu Ostern. Aus den drei Dutzend können theoretisch 1260 werden. Doch schaffen es davon schon einmal 280 nicht bis zur Entwöhnung. Feinde fressen 250, Krankheiten schlagen zu, usw., und am Ende bleiben gerade 45 Jungkaninchen übrig. Wenn der erste Wurf im September geschlechtsreif wird, ist das Jahr der Hochzeiten bei Kaninchens längst gelaufen. Erst im nächsten Jahr werden heurige Jungtiere beim Rammeln mit dabei sein, kaum jedoch im Jahr der Geburt.


Die Karnickel-Rammelei bleibt nicht ohne Folgen

An der Römersschanze und dort wo am Hang der Moräne die alte Sandgrube im Walde liegt, wohnen die Wildkaninchen. Ihre Burg ist schon kein Bau mehr, sondern eine Kolonie. Der Waldboden ist weithin durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Am Rand der Grube und im Wald zwischen Baumwurzeln, ist der Boden ein einziger Bau. Etwa hundert Löcher führen in die Gänge in diesem einstigen Dachsbau, und alle Tunnel führen irgendwo in gemütliche Wohnräume. Ganze Sandhalden rollen den


Hang herab. Für den Tierfotografen ist es schwierig zu entscheiden, wo er die Kaninchen erwarten will. Ich wähle einen Baumstumpf als Sitz. Von dort kann ich weithin viele der Röhren überblicken, und auch ihr Kaninchen-Straßen-Netz im Wald, das die Kaninchen auf ihrem Weg zum Äsungsplatz auf der großen Liegewiese benutzen. Bei Kaninchen gibt es immer Überraschungen. Darum muss ich die Kamera dauernd schussbereit sein und habe den Finger am Auslöseknopf, denn jeden Augenblick kann aus einem der Baue ein Kaninchen auftauchen und forthoppeln. In leuchtenden Lichtkringeln stiehlt sich die Sonne durch den Hochwald auf den Waldboden. Im Gegenlicht lässt sie grün die Hollerbüsche und Brombeer-Ranken aufglühen. Ein Waldschmetterling, das Waldbrettspiel, flattert einsam durch den Wald und sucht sich einen wärmenden Sonnenkringel, um zu ruhen. Im scharfen Lichtstrahl glitzern Tanzmücken auf. In den Brombeerblüten aber summen die Bienen und mit tiefem Bass die Hummeln. Draußen auf den Wiesen ist es hell geworden. Das stört die alten Wildkaninchen, und sie streben auf ihren Fernwechseln dem Wald zu, weil sie lieber heimlich sind. In heller Sonne wären sie nie so alt und weise geworden. Immer wieder naht ein altes Kaninchen auf dem Wechsel, und sie schliefen flink doch ohne Hast in den Bau, denn die Methusalems leben kaum noch gefährlich. Ein Kaninchen kommt mit einem dicken Grasschnurrbart in der Schnauze. Nein, ein Osternest will sie nicht damit bauen, wohl aber ein Nest für ihre Babys, die sie in den nächsten Tagen erwartet. Sie wird das Grasnest mit weicher "Häschenwolle" ausschmücken, die sie von ihrer Brust und dem Bauch rupft. Ihr Nest ist sicher tief unter der Erde in einem Kessel. Sie ist besorgt, als ich die Kamera schwenke, kehrt um und hoppelt zurück Richtung Feld. Aber dann kommt sie zurück mit ihrem Grasbüschel und schlieft sofort ein.

Es kommen auch uralte Großmütter oder Großväter vom Feld zurück. Sie haben ganz markante und kantige Schädel. Sicher sind diese Senioren so zäh, dass man sich die Zähne ausbeißen würde. Bei jedem der Kaninchen überlege ich, ob es ein Rammler oder eine "Häsin" ist. Ein Lotteriespiel, bei dem ich keine Lösung weiß. Richtig weise sehen diese uralten Kaninchen aus, und es gibt mehr davon als nur einen "Hasenkönig" nebst "-Königin". Jetzt aber hoppelt ein Kaninchen heran, bei dem ich gleich sicher erkennen werde, dass es eine Mutter ist. Misstrauisch ist sie, und der unbewegliche Mann auf dem Baumstumpf gefällt ihr nicht. Ich wage kaum zu atmen. Sie hoppelt auf Umwegen schließlich doch noch zu dem Bau vor mir, kriecht aus dem Dunkel der Hollerbüsche heran und bekommt einen ganz großen Bahnhof zum Empfang. Ein, zwei, drei und schließlich fünf "Minihäschen" stürmen ihr entgegen, umringen sie, rollen mehr als sie hüpfen die steile Sandhalde vom Bau herab und wollen unbedingt an die Milch. Das passt der Kaninchenmutter gar nicht, denn sie wehrt die Kinder ab und will nicht belästigt werden. Sie will mit den Kindern schnellstens in den Bau, wo es sicherer ist. Die Kaninchenkinder sind allerliebste kleine Osterhasen mit Wackelnasen und das Netteste, das man sich vorstellen kann. Als die Mutter aufgeregt im Bau verschwindet, hopst und tobt die ganze Rasselbande blitzartig hinterher. Jedes der Kaninchenkinder ist noch so klein, dass zwei davon nebeneinander getrost auf meiner Hand sitzen könnten.



Es dauert eine halbe Stunde, bis die Jungen wieder herauskommen. Sie sehen jetzt richtig satt und zufrieden aus. Kuschelig wie Stofftiere sitzen sie in der wärmenden Sonne oder machen Männchen. Mit wachsender Wärme beginnt auch bei den übrigen Bauen das Leben. Allmählich kommen überall Jungtiere in allen Größen heraus. Hier ist es nur eines, dort kommen weitere nach. Mal sind es drei, mal fünf. Einige bleiben auch nicht sitzen, denn schließlich ist das langweilig. Sie hüpfen weiter auf den

Pfaden, die alle Baue miteinander verbinden. Kein Zweifel, sie besuchen sich gegenseitig. Bald kenne ich mich gar nicht mehr aus, wer wohin gehört. Je kleiner die Jungen noch sind, desto eher neigen sie dazu im wohlbekannten Bau zu bleiben. Je größer sie sind, desto eher wandern sie und sitzen auf einmal plautz Nase gegen Nase schnüffelnd bei der lieben Verwandtschaft. Unverholen ist ihre Neugier. Sie strecken sich zuweilen ganz lang und biegen die Fußsohlen durch. Sie klappen die Löffelchen weit nach vorne über das Gesicht und reißen ihre blanken Kuller-Augen auf. Man ahnt, dass sie vor Neugier schier platzen.

Noch eines fällt auf. Zuweilen bleiben sie sitzen, neigen den Kopf zum eigenen After und unzweifelhaft, fressen sie die eigenen Bähnchen und damit die scheinbar längst ausgenutzte Nahrung ein zweites Mal. Das hat die Wissenschaft schon lange erforscht. Alle Mitglieder der Hasenfamilie, also neben dem Feldhasen auch das Wildkaninchen, fressen den eigenen Blinddarmkot. Das wurde analysiert und man hat herausgefunden, dass er die doppelte Menge Eiweiß, lebenswichtige Vitamine und die doppelte Menge Darmbakterien enthält wie normaler Kot. Mit jenen Darmbakterien wollen sie wohl auch die frisch aufgenommene Äsung impfen, um Zellulose verdaulicher zu machen.

Woher kommen die Wildkaninchen?
Kaninchen lieben die südliche Sonne und Wärme. Als die letzte Eiszeit zu Ende ging, waren sie verschwunden und hatten nur in Spanien überlebt. Glaubt man der Theorie, dann kommen sie oberhalb 300 - 400 m nicht vor. Das stimmt aber schon in Germering nicht, wo die Kolonie über 500 m Meereshöhe liegt.

Schon Phönizier und Römer liebten Kaninchenfleisch und haben daher schon um 1100 v. Chr. die Wildkaninchen rund um das ganze Mittelmeer verbreitet. Damals hat man sie in "Leporarias" gehalten. Das waren Gärten mit einer Mauer. Nach England, Frankreich und Deutschland sind die "Lapirarien" durch Klosterbrüder gebracht worden. Ganz sicher sind die Urahnen von Ausreißern aus diesen Gärten die Urahnen unserer Wildkaninchen. Der älteste Nachweis für Deutschland entstammt dem Jahr 1149, als das Kloster Corvey in Westfalen zwei Pärchen vom Abt des Klosters in Solignac aus Frankreich geschenkt bekam. Seither haben sie sich über das ganze Land verbreitet, wenn es dort nur halbwegs mild und wild ist. Vorausgesetzt, es gibt weiche Böden, in denen sie ihre Baue buddeln können. Aber sie behelfen sich auch mit Komposthaufen und Strohmieten, wohnen unter Holzhütten und in Scheunen oder auch einfach im dichten Gebüsch.

Auch ohne Jagd bricht der Bestand zusammen
Aber auch damit wächst ein Bestand, wenn er -wie hier im Erholungsgelände - wenig bejagt wird. Und eines Tages bricht er zusammen. In dieser Kolonie starben fast alle Kaninchen im letzten Jahr, wahrscheinlich an der Myxtomatose. Diese Viruskrankheit befüllt Haus- und Wildkaninchen, wenn Flöhe die Viren übertragen. Auch ehemals starke und gesunde Tiere bekommen hohes Fieber und magern ab. Eiter fließt aus den Augen. Ober- und Unterlippe schwellen an, schließlich der ganze Kopf. Darunter am Hals bilden sich Geschwülste, und nach 11-18 Tagen ist das Kaninchen tot. Doch Einzelne überleben, die resistent gegen die Krankheit sind. Die Erfahrung lehrt: Der Bestand wird sich sehr langsam erholen und wieder wachsen.

Erhebliche Verluste entstehen bei hohen Beständen auch infolge von Kokzidiose und Magenwürmern, durch Pseudotuberkulose, Staphylokokkose und Brucellose. Natürliche Feinde sind Habicht und Sperber für die Jungtiere, Fuchs und Dachs, die sich bis in die Kessel durchbuddeln, aber auch Marder und Wiesel. In manchen Gegenden lebt sogar der Waldmarder Iltis vorwiegend von jungen Kaninchen.

Über ein Jahrtausend hinweg sind Wildkaninchen zu einer liebenswerten heimischen Art geworden, die keiner mehr missen will, nicht zuletzt darum, weil die oft reichlich vorhandene Beute durch Jagd nicht zu gefährden ist und hervorragend schmeckt. Helfen kann man den Kaninchen vor allem durch Anpflanzen von Hecken mit reichlich Brombeeren, Himbeeren und Ginster. Davon profitieren dann auch viele andere Wildarten, denen der Lebensraum knapp wurde, vor allem die Vögel. Denn auch für jeden Tierfreund sind diese Mini-Osterhasen eine Bereicherung der Landschaft, und es macht Freude ihnen zuzusehen.