Wald: Der Kleiber ist Vogel des Jahres 2006

 

Mancher Vogelfreund ist verwundert, wenn ein häufiger Allerweltsvogel plötzlich in der Liste „Vogel des Jahres“ auftaucht. Damit hat es aber auch dieses Mal eine besondere Bewandtnis. Der Kleiber wird zum Platzhalter für eine Reihe ganz besonderer Vogelarten, deren Lebensraum gefährdet ist, wie der ganze Wald nebenan. Dem Kleiber hat schon Hermann Löns einen Scherz-Vers gewidmet: „Die Spechtmeise Sitta europaea tut so, als wäre der Lenz schon da. Ich aber stehe auf

dem Standpunkt, wenn bloß der Winter nicht mehr ankommt.“ Das hatte er recht gut beobachtet, denn jetzt, Anfang Januar rennt auch in unserem Garten der Kleiber kopfabwärts die Bäume herab, frisst gewissermaßen im Handstand und flötet als wenn das alleine sein Reich sei. Dabei sind es schon einmal mehrere Kleiber-Paare, die wir durch den Winter päppeln. Bis zum Lenz ist es sicher noch weit, denn der Winter hat noch einmal tüchtig zugeschlagen mit extremer Kälte und Schneefällen, so dass aus dem nahen Wald die ganze Gesellschaft sich an unserem Futterhäuschen drängt.
Auch Plinius hat schon den Kleiber beschrieben, und er hatte beobachtet, dass der Vogel die Löcher der Bruthöhlen mit Lehm zumauert. Daher hat der Vogel auch den Namen Kleiber = Kleber bekommen. Allerdings hat der gute Plinius nicht genau hingeschaut,

 

denn er meinte, dass der Vogel die Höhle wegen seiner Abwesenheit verschließt und sie wieder öffnet, wenn er zurückkommt. Dazu, so schreibt er, bedient sich der Vogel eines Zaubermittels, der Springwurzel um die Türe der Wohnung wieder zu öffnen. Diese Springwurzel haben all jene Vogelarten notwendiger, denen er die Wohnungstüre zumauert. Die Stare und Spatzen bequemen sich erst im letzten Moment auszuziehen, damit er sie nicht mit einmauert. Nicht weit von meiner Wohnung hat er eine Höhle zugemauert, die der Schwarzspecht seit Jahren  immer wieder als Bruthöhle aufsucht. In dem Jahr hat ihm freilich auch keine Springwurzel geholfen. Erst im Jahr darauf hat er mit ein paar Schnabelhieben den Lehm wieder herausgeklopft, um den Eingang auf seine einstige Größe zurück zu verwandeln. Ein Jahr lang war er dort ausgesperrt, denn der Kleiber

hatte in der für ihn ja riesengroßen Schwarzspechthöhle seine Jungen aufgezogen. In unseren zumeist nicht natürlichen Wäldern herrscht in der Regel Wohnungsnot im Vogelreich. Doch wir müssen befürchten, dass diese Wohnungsnot dort dramatisch ansteigen wird. Denn neuerdings setzen sich zuweilen selbst naturverbundene Forstleute über manches hinweg, was vorher nicht üblich war. Denn nicht Naturwald ist gefragt, sondern Holzackerbau. Umsatz muss gemacht

 

werden, denn der Wald wurde als Wirtschaftsfaktor neu entdeckt. Plötzlich gilt nicht mehr, dass der Wald auch Lebensraum für bald 4000 Arten ist. Natürlich sind auch viele Vögel darunter. Der Kleiber ist ein anspruchsvoller Vogel in naturnahen Wäldern. Er kann nur dort leben, wo Wald noch Wald ist und wo die Bäum dick genug sind, dass Spechthöhlen sich hineinzimmern lassen, Höhlen, die sie manchmal oder im Jahr darauf einem Nachmieter überlassen, wie dem Kleiber und anderen. Seit Sägewerke dünnere Bäume fordern, können zunehmend Bäume nicht mehr alt genug werden, sondern werden im Jugendalter schon gefällt. Grund dafür sind Sägewerke, die man neuerdings aus Skandinavien importiert. In Skandinavien werden aber alte Bäume nicht dick, da sie umso langsamer wachsen, je näher man dem Polarkreis kommt. Darum sind die

Sägewerke so beschaffen, dass sie für dünnere Bäume ausreichen. Alte und darum dicke Bäume werden sich künftig immer seltener verarbeiten lassen, weil sie für die neuen Sägewerke zu dick sind. So einfach ist das also. In die dünnen Bäume können aber die Spechte noch keine Höhlen hacken. Für den schönen grünen Wald endet häufig jetzt schon das Naturerlebnis. Obwohl ja dieser Wald uns, den Bürgern gehört, bedroht die Veränderung der Forstwirtschaft heute schon die Lebensräume. Von dem Naturerlebnis Wald will eine, allein für das Gewinnstreben erzogene neue Forstelite nichts mehr wissen. Das ist legitim, aber für den Bürger schwer zu verstehen. Wo einst Täler weit und Höhen mit schönem grünem Wald als Quell von Lust und Wehen - und mit Spechten, die hier ihren Aufenthalt fanden, da wird der Altholzbestand heruntergesägt, selbst wenn nur Brennholz

 

dabei herauskommt. Für Spechte und deren Nachmieter bleibt dann nur noch Jungholz, in das man keine Höhlen zimmern kann. Das geschieht, obwohl alle derartigen Laubwälder und Mischwälder ja eigentlich als großräumige FFH-Gebiete gemeldet wurden und damit ein Veränderungsverbot besteht. Es geschieht nicht etwa im Privatwald, sondern in Staatswäldern, die unser Eigentum, also das der Bürger sind. Wir verstehen, dass unter den Forstleuten, die im Beruf bleiben wollen, ein Wettbewerb eingesetzt hat, der die letzten Stellen sichern soll, und so glauben manche, dass man Gewinne erwirtschaften muss um von oben, das heißt von der Politik gut

angesehen zu werden, damit man weiterhin seinen Job behält. So sinken Altholzbestände dahin ohne dass jene, die mit großen Maschinen den Wald ernten, noch Zeit haben, nachzuschauen, ob in dem Baum eine Schwarzspechthöhle ist oder oben drauf ein Milanhorst. Hinzu kommt, dass alleine aus Ordnungssinn Totholz zu Brennholz wird, obwohl es für die Spechte lebenswichtig ist. Darum steht jetzt der Kleiber als Vogel des Jahres stellvertretend für viele andere Arten, für Mittelspecht und Kleinspecht, Grau- und Grünspecht, Waldohreule, Rauhfußkauz und Sperlingskauz, Sommer- und Wintergold-hähnchen und als Mahnmal für den Wald. Da der Kleiber kopfabwärts läuft und sogar mit dem Kopf nach unten fressen kann, ist er etwas Besonderes. Er weiß sich bemerkbar zu machen, denn er pfeift wie ein Gassenjunge. Da er noch halbwegs häufig ist und damit jedem auffällt, ist er ein guter Botschafter, da er überall in Erscheinung tritt. Er soll den Blick schärfen für artenreichen Naturwälder, die nicht etwa nach einem Kahlschlag, sondern in allen Altersklassen sprießen.
Dieser Wald ist zudem, weil die Sonne im Frühling an den Boden kommt etwas Bemerkenswertes. Denn dann schmückt sich der Waldboden mit Frühlingsknotenblumen, Anemonen in weißer und gelber Farbe, blauen Leberblümchen, Lerchensporn und Orchideen. Da krabbelt es von Spinnen, Käfern und vielerlei Insekten, die der Kleiber auch mag, allerdings um sie zu fressen.

Mit dem Nestbau beginnt er schon im März und in der zweiten Hälfte April liegen 6-7 weiße Eier mit rostfarbenen Sprenkeln darin. Bis Juni werden nach 15-19 Tagen Brütezeit dann die Jungen ausfliegen. Kleiber sind weit verbreitet und in ganz Deutschland zu finden. In Bayern sind es um die 400.000 bis 600.000 Brutpaare. Wie viele wir im 5seenland haben, weiß niemand zu schätzen.
Als stimmgewaltiger Botschafter der naturnahen Wälder ist der Kleiber also nicht unmittelbar gefährdet, wohl aber sein Lebensraum, der Naturwald. Was wir brauchen ist eine naturgemäße naturnahe Forstwirtschaft – nicht Holzackerbau und Fichtenplantagen, denn das sind keine Wälder für Kleiber und all die anderen Vogelarten im Wald. Sie sind aber auch keine Wälder für die Seele von uns Menschen, jedenfalls nicht von solchen, die den Wald als eine Art von Heiligtum ansehen.

Wolfgang Alexander Bajohr