Wald: Der Kleinste aus dem Wald der Spechte.
Im Seeholz ist der Kleinspecht Brutvogel
von Wolfgang Alexander Bajohr

Unsere Sehnsucht nach Wildnis sucht im Wald, oftmals leider vergebens, seine Ursprünglichkeit. Sie ist in den Wirtschafts-wäldern untergegangen, weil sie wegrationalisiert wurde. Wir finden sie aber keineswegs immer nur in endlosen Urwäldern. Es gibt auch inmitten von Holzackerbau ursprüngliche Waldreste, den Urwald nebenan oder auch den Dschungel am Rande des Feldes. In diesen Mini-Urwäldern mit Bäumen in allen Altersklassen, vor allem aber abgestorbenen uralten Bäumen, dem sogenannten Totholz, finden Spechte genau das Biotop, das sie zum Überleben brauchen. Dabei stellt jede Spechtart ein wenig andere Ansprüche, die sich überschneiden, und so wird dieser kleine Urwald vom Wurzelstock bis hinauf in die Zone der Äste unter den einzelnen Arten aufgeteilt.

Das Seeholz auf der Westseite des Ammersees ist so ein kleiner Urwald, in dem die Bäume sich natürlich verjüngen und am Ende ihres Lebens einfach umfallen oder auch auf halber Strecke ineinander verhakt und verkeilt nicht umstürzen können und im Vergehen noch lange stehen bleiben. Dieses Seeholz ist zugleich Naturschutzgebiet und Naturwaldreservat, das sich im Vorfrühling mit Millionen Märzenbechern schmückt, in einer Zeit in der auch alle dort lebenden Spechtarten mit der Balz beginnen. Sie rufen dann, vor allem aber trommeln sie ihr Frühlingslied auf einem dürren Ast, dass es weithin zu hören ist.

In diesem Jahr haben sie mit dem Trommelkonzert schon Mitte Februar begonnen. Da rufen und trommeln dann Grünspecht und Grauspecht und unter den Buntspechten der große Buntspecht zuweilen nacheinander auf dem gleichen Ast. Der Mittelspecht trommelt nicht, und der Kleinspecht ist fast das ganze Jahr über zu hören. Seltsamer Weise ist der Schwarzspecht hier ausgeblieben. Doch lebt er in der Nähe auf dem Scheitel der Moräne, wo auch der Dreizehenspecht gefunden wurde, der eigentlich in das Hochgebirge gehört.

Weil alle Spechte trommeln, und nur der Mittelspecht nicht, hat er sich deshalb für seinen Frühlingsgesang ein seltsames Quäken ausgesucht, damit nicht nur sein Weib, sondern auch jedermann weiß wo er sitzt. Mittelspecht und Kleinspecht sind Vögel der hohen Baumkronen, wo sich das Leben beider Kleinspechtarten meist in luftiger Höhe von 30-40 Metern im Astwerk abspielt.

Der Kleinspecht ist der kleinste von beiden kleinen Spechtarten. Er ist gerade so groß wie ein Kleiber und wird schon wegen seiner winzigen Größe leicht übersehen. Nun sitzt er auch noch hoch oben im Astwerk riesiger Bäume inmitten eines wilden Waldes. Über diesen Kleinspecht müssen wir uns also nicht wundern, dass er meist verborgen für uns bleibt. Hinzu kommt noch, dass er bei uns im 5seenland zwar Brutvogel ist, aber extrem selten vorkommt. Im Auwald der Ammer, dort etwa, wo sie in den See fließt und im Seeholz sind seine Brutreviere, die seit langem bekannt sind.

Wer sein schnelles schnarrendes leises Trommeln zu deuten weiß, weil es eigentlich kaum zu überhören ist, mag ihn auch in anderen Wäldern oder Hecken finden. Verglichen mit anderen Spechten trommelt er weit häufiger, ja nahezu das ganze Jahr. Im Winter leben die Kleinen Buntspechte meist einzeln, zuweilen in Gesellschaft mit Meisen. Es kann durchaus sein, dass die Brutpartner sich als Nachbarn einander nahe sind und doch nicht in Partnerschaft den Winter über leben. Doch sind die meisten der Kleinspechte, die man im Winter zu sehen bekommt, gar keine hiesigen Vögel, sondern solche aus dem Norden oder Osten der EU, die hier bei uns als Teilzieher oder Strichvögel nur den Winter verbringen und dann wieder in ihre Brutgebiete zurückziehen.

Ausgangspunkt für die Paarbildung ist immer eine feste Höhle, die auch nur angefangen sein kann, oder es muss wenigstens ein für den Höhlenbau geeigneter Baum da sein, um den es sich zu kämpfen lohnt. Meist sind im Seeholz aber diese Höhlen so himmelhoch in den Bäumen mit ihrem Eingang von der Unterseite, dass man sie vom Waldboden her sehr schwer entdecken kann. Der winzige Specht zimmert mit seinem kleinen Meißelschnabel tatsächlich seine Höhle immer selbst, allerdings meist in morsches Holz oder Weichholz. In der Balz kommen die Partner, die ja den Winter über eigene Reviere haben, einander immer näher. Trommeln und wieder trommeln und Rufreihen helfen beim Näher kommen. Zusätzlich müssen sie ihre Aggressivität abbauen. Dazu fliegen sie sehr rasch mit gefächerten Schwingen im schmetterlingsartigen Schwebeflug durch die Baumkronen. Dort oben segeln dann zuweilen auch drei oder gar vier Kleinspechte hintereinander her. Auch kletternd nähern sie sich mit gefächerten Schwingen dem Partner, um die Baumstämme herumrennend in der Balz. Zuweilen rasen sie dann, auch zu dritt oder viert rufend dahin, bis es in Höhlennähe zur Kopulation kommt, wenn das Weibchen mit zitternden Schwingen und gespreiztem Schwanz endlich sitzen geblieben ist. Die weitere Balzphase ist das Zeigen der fertigen oder halb fertigen Höhle oder des vorgesehenen Bauplatzes. Hier trommeln sie und basteln dann beide abwechselnd an der Höhle herum.

In deren Nähe kommt es dann zu weiteren Kopulationen. Dazwischen trommeln sie immer wieder jene leisen eindringlichen Trommelwirbel mit der schnell schnarrenden Frequenz. Andere Kleinspechtrivalen werden im Nistbereich nicht mehr geduldet und heftig angegriffen. Sie begnügen sich aber mit dem Verjagen ohne einander zu beschädigen. Doch sind sie in Höhlennähe äußerst aggressiv gegen Artge-nossen und auch gegen Feinde. Das sind selten Fressfeinde, sondern solche, die bei

Wohnungsmangel an die Höhle wollen, wie Stare, Trauerschnäpper oder Sperlinge. Kleinspechte bebrüten ihre 2 bis 8 weißen rundlichen Eier 10 bis 11 Tage lang. Drei Wochen brauchen sie dann bis die Jungen ausfliegen. Ein Beobachter zählte 5 Tage vor dem Ausfliegen 33 Fütterungen in 60 Minuten. Die Jungen füttern sie dann mit rein animalischer Kost. Drei Wochen lang füttern sie mit den Larven der Gallwespe und allen Holz bohrenden Larven von vielen verschiedenen Käferarten, aber auch mit Ameisen und mit deren Brut, und vor allem auch mit all den Raupen der Kleinschmetterlinge, die im Umkreis von etwa 50 Metern auf Bäumen rund um die Höhle zu finden sind.

Bei diesem schmucken kleinen Specht hat das Männchen eine leuchtend rote Kopfplatte, das Weibchen aber einen cremefarbenen Flecken auf dem Scheitel. Es fällt sofort auf, dass er kein Rot unter dem Bürzel hat - wie der Grosse Buntspecht - sondern hier weiß ist.

Dass Kleinspechte selten geworden sind, hat verschiedene Gründe. Es liegt ganz sicher auch daran, dass man heute ohne Rücksicht auf die Höhlenbrüter Altholzbestände herunterklopft und zu Geld macht. Auch viele der  Streuobstwiesen hat der Mensch gerodet und in Gewerbegebiete verwandelt. Unser Ordnungssinn duldet auch kaum noch alte Bäume in den Gärten. Wenn der Wald kein Wald mehr sein darf und diesem kleinen Vogel auch noch die Ersatzlebensräume wegnimmt, dann ist der bezaubernde Kleinspecht am Ende. Zeitweise günstig für ihn war hingegen in den Auwäldern entlang der Flüsse das Absterben der Feldulmen und Schwarzerlen. Nur in der Hartholzaue, wo die feuchte Waldstruktur Staunässe schafft, und wo es extrem viel Totholz gibt, da geht es dem Kleinspecht auch heute noch gut.
Ich habe viele Jahre große Mühe aufgewendet, um den kleinen Vogel vor die Kamera zu bekommen. Selbst am Futterplatz nahe Benediktbeuren gelang das nicht. Ein Appell an seine große Aggressivität half auch nicht weiter. Er hat selbst auf die ihm vorgespielte Stimme seiner Artgenossen kaum reagiert, oder doch anders als erwartet. Seine Rivalen hat er dann nur hoch oben gesucht, kam also nicht aus der Höhe der Äste herab zu mir.

Schließlich war es der Zufall und der Verdacht, dass der kleine Vogel, der dicht über dem Weg emsig Futter suchend herumhuscht, vielleicht doch kein Baumläufer ist, wie ich zunächst vermutet hatte, sondern ein Kleinspecht, der an einem dürren Ast Futter sucht. Denn scheu ist der kleine Vogel nicht, wenn er Nahrung sucht, ist er außerdem abgelenkt, wenn er die raue Rinde der dicken alten Bäume durchstochert. Und so habe ich dann diese Fotos gemacht.