Wald: Odins Götterboten,  Kolkraben -  die heiligen Vögel

Odin war Gottvater der Germanen. Er hatte zwei heilige Vögel, die nannte er „Hugin“ und „Mugin“. Auf der Suche nach Wissen und Weisheit und stets fragend nach dem Schicksal des Geschlechts der Götter, zog er aus in alle neun Reiche in dieser Welt. Wenn ihn die Frage nach der Zukunft einmal nicht hinfort getrieben hat von seinem Göttersitz „Heidskialt“ dann sandte er von der Schwelle des Geschicks seine beiden Raben aus. „Hugin“, das ist der Gedanke, und „Munin“,  das ist das Gedächtnis. Dieses Paar musste ihm berichten über das Weltge-schehen, denn Fernsehen gab es halt damals noch nicht. So ist der stets paarweise auftretende Kolkrabe in die Mythologie unserer Vorfahren eingegangen. Uns heutigen Menschen bringt das einen Einblick in die Vorstellungswelt vergangener Zeiten, in denen man der Natur noch näher war als heute. Die Götterdichtung alter Völker offenbart uns damit über-

raschende Zusammenhänge, die oft verschiedene Völker ethnologisch miteinander verbinden. Das bringt zugleich Licht in unsere eigene Geschichte. Ein Beispiel nur dafür: die Göttinnen Metis und Mnemosine hatten im Dienste des Zeuss etwa die gleichen Aufgaben zu erledigen, wie die beiden Raben Hugin und Mugin bei Odin. Denn diese Namen bedeuten ebenfalls das „Gedächtnis“ und der „Gedanke“. Damit schlägt es die indogermanische Brücke zwischen den Völkern in Griechenland und Germanien. So weisen uns diese beiden heiligen Tiere den Weg in der Entwicklungsgeschichte des eigenen Volkes.

Raben waren auch die Wegweiser der Wikinger. Sie führten auf ihren weiten Fahrten über das Meer diese Raben mit sich, um sie auszuschicken und Land zu suchen, Land, das sie besiedelten, wie den Norden Amerikas und Grönland. Auf ihren Kriegszügen waren Raben ihre Feldzeichen. Erst im Mittelalter wurden sie auch zu Toten- und Unglücksvögeln, sei es bei der makabren Nachlese auf den Schlachtfeldern oder auf dem Galgenberg bei den Geräderten und Gehenkten.

Das freilich ist für ihren Ruf nicht förderlich gewesen. Ganz vorbei war es schließlich damit, als Jäger die „Hege“ entdeckten, mit der sie meinten, den „Pfusch Gottes“ korrigieren zu müssen und jagdliche Mono-kulturen schufen, was einem Todesurteil auch für Kolkraben gleich kam. Als Konkurrent wurde er fortan gnadenlos vernichtet und bis an den Rand der Aus-rottung zusammen mit anderen heimischen Tierarten erbittert bekämpft. Da er kaum natürliche Feinde hatte,

wurde alleine der Mensch zu seinem Verhängnis. Als „Raubzeug“ betrachtet hat man diese Vögel, die natürlicher Weise etwa nach Jahren die Lebenserwartung eines Menschen gehabt hätten. Mit Gift, Schlageisen und Schusswaffe hat man sie dezimiert. Vor allem die Phosphoreier, mit denen Krähen gemeint, aber auch Kolkraben getroffen wurden, vernichteten die Art gnadenlos. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts überlebten Kolkraben nur noch in den Gebieten mit nennenswerten Hochwildjagden. Bei den wirklichen Jägern galt er seit jeher als Freund, nicht als Feind. Vor allem im Hochgebirge und in Schleswig-Holstein blieben daher die Kolkraben erhalten. Von dort aus breiteten sie sich wieder über ganz Deutschland aus. Einige künstliche Ansiedlungen in Mitteleuropa, darunter Thüringen und Nordrhein-Westfalen, verliefen ebenfalls erfolgreich. Heute kommt vom Gebirge her der Kolkrabe auch wieder in das Fünfseenland. Sie waren in den Bergen oft  meine vertrauten Begleiter bei der Hochwildjagd auf Gams, Rotwild und Mufflon. An manchem kalten Jagdtag waren sie für mich willkommene Abwechslung und oft die einzigen Lebewesen, die mir an solchen kalten Wintertagen bei der Jagd in den einsamen Bergen begegnet sind. Ich habe für sie auch immer den Aufbruch gut sichtbar ausgelegt.

Obwohl das Reichsjagdgesetz sie schon 1934 unter Schutz stellte, sprachen sich einige unbelehrbare Naturnutzer in den deutsche Landesjagdverbänden noch 1957 dafür aus, den Kolkraben zusammen mit Raben- und Nebelkrähe als Feind des Niederwildes zu bekämpfen. Manche Bauernjäger sahen in ihm einen Feind des Niederwildes und der Lämmer in den Schaf-herden. In einem „Jagd-Lehrbuch" hieß es: Kolkraben nähren sich von Pflanzenstoffen und Tieren, er jagt

selbst junge Hasen, Auerhühner und Gänse, Enten, Hühner, frisst Abfall und Aas. Er plündert die Nester und richtet bedeutenden Schaden an.“  Mittlerweile hat die Wissenschaft erkannt, dass er mehr Sammler als Jäger ist. Gefährlich kann der Rabe nur dort werden, wo es regionale Restbestände stark geschädigter Arten sind, besonders Auer- und Birkhuhn, Wachteln usw. Wo der Kolkrabe Lebensräume zurückerobert, aus denen er verdrängt wurde, müssen wir ihn willkommen heißen. Mittlerweile ist er in den meisten Ländern in Mitteleuropa ganzjährig geschützt und wird nicht mehr bejagt. Das aber war stets fatal, wenn Paare auseinandergerissen wurden, weil Raben lebenslänglich Partner sind und immer zu zweit auftreten und für ihr ganzes Leben beisammen bleiben. Ob Vögel, die den Partner verloren haben, überhaupt einen neuen Partner annehmen, ist nie untersucht worden.

Unter natürlichen Umständen werden diese Vögel mit 22 Monaten sehr spät geschlechtsreif, und es bilden sich allmählich Paare in den großen Junggesellen-schwärmen, in denen bis zu 200 Raben beisammen sein können. Diese Jungvögel balzen sich schon im Spätherbst an, sie bauen zuweilen auch schon Nester Anfang Februar bis März. Ältere Vögel haben mehrere Nistplätze, zwischen denen sie wechseln. Gerne nutzen sie Fels-Spalten oder in den Wänden auch natürliche Höhlen und Felssimse.

Im Flachland bauen sie ihre Horste 12 bis 30 m hoch in Astquirle im Kronenbereich aus Reisern. Das sind zuweilen mächtige Burgen aus Ästen, verwoben mit Moos, Erde, Wolle, Lappen und ähnlichem Baumaterial. In der tiefen Napfmulde liegen dann 3-7 türkiesgrünliche Eier, die denen der Rabenkrähe ähneln und meist vom letzten Ei an 18 bis 20 Tage nur vom Weibchen bebrütet werden. In dieser Zeit versorgt teilweise das Männchen seine Frau, teilweise geht sie auch selber auf Futtersuche. Bis die Jungen ausfliegen, dauert es dann 40-45 Tage.

Sie werden aber von den Eltern noch bis etwa zum 75. Tag geführt und sind erst dann fähig, sich alleine zu ernähren. So ist die Familie noch lange beisammen, und auch mit wachsender Selbständigkeit trifft sie sich noch immer am Schlafplatz. Da hört man dann ein leises Geschwätz, denn offensichtlich haben die Raben sich noch viel zu erzählen. Es gibt die vielfältigsten Geräusche, begleitet vom Schnabelknappen und Schnalzen. Doch auch wenn das Paar alleine unterwegs ist, verständigt es sich durch eine Vielzahl von Lauten. Das ist das in Zweiergruppen oder viermal ausgestoßene „raapp, raapp“, ein „grockgrock“, Feindrufe „krakrakra“,  Kampfrufe beim Angriff ein kurzes knappes „krack krack“. Kontaktlaute leise schnurrend „krrrrroh“. Bei der Fütterung des brütenden Partners „gro, gro“. Eine Aufforderung zum Kraulen leise „wrü wrü“. Schließlich bei der Flugbalz noch das weithinhallende „klong klong“. Zahme vom Menschen aufgezogene Raben lernen rasch noch ein ganzes Repertoire von menschlichen Äußerungen klar und deutlich zu sprechen.

Diese zahmen Raben entwickeln, wenn sie frei gehalten werden, eine fast dramatische Neigung zu Schelmereien. Sie zwicken Hunde in den Schwanz, stehlen wie die Raben allerlei glitzernde Sachen, werfen vom Kosmetiktisch sämtlich Parfümflaschen zum Fenster hinaus und wie in Berchtesgaden geschehen: Sie stehlen vom Bett ein zartes weißes Nylon-Nachthemd und fliegen damit zum Fenster hinaus, um über dem Ort zu kreisen. Es muss sehr eindrucksvoll gewesen sein als der große schwarze

Vogel mit hinterher wehendem Nachthemd, also weiß und wehend wie eine Fahne, über den Ort flog. Dann hat er das Nachthemd fallen lassen. Es segelte wirkungsvoll herab.

Als ich Bären fotografierte, aber auch am Luder für den Seeadler, waren die Kolkraben ständig Gäste am Lockfutter. Sie verzehrten die ausgelegten toten Füchse, tanzten aber auch ständig um die lebenden Füchse herum, die dorthin zum Fressen kamen. Sie umringten die Füchse, aber sie wagten doch nicht den Füchsen etwas vom Futter zu stehlen. Wir hatten auch ein auf der Straße aufgelesenes totgefahrenes Reh hingelegt. Von dem bekamen die Adler nichts, sondern um die 50 Kolkraben haben innerhalb von zwei Tagen den Kadaver total aufgegessen. Viele dieser Raben waren auf dem Durchzug in die Brutgebiete weiter im Osten. Andere erschienen zur Futtersuche nur am Nachmittag. Denn Anfang Februar war die Sache klar. Da lagen schon Eier im Nest. Am Nest habe ich Kolkraben nie gestört, denn als Tierfotograf könnte man dort erheblich für Unruhe sorgen und dafür verantwortlich sein, dass sie das Gelege verlassen. Es gab Tausende anderer Möglichkeiten, Kolkraben aus dem sicheren Versteck heraus zu fotografieren ohne sie zu stören.

Im alltäglichen Leben sind sie auch nicht so empfindlich wie am Horst. Wenn ich im Ansitz-Zelt auf Bären oder Seeadler gewartet habe, kamen Kolkraben zuweilen bis auf 2 m an mich heran. Ich erinnere mich auch an eine Skitour. Da hätte ich zwischen zwei engen Felswänden eine steile Rinne hinabfahren müssen. Bei einem Sturz hätte es mir an den Felsen übel ergehen können. Aber neben mir, ganz nah, saß auf einer Felsennadel ein Kolkrabe, der sah mich mit seinen dunklen Augen groß

an und sagte immer wieder: „rab, rab, ja, fahre Du nur, ich habe Hunger, dann bekomme ich etwas zum Essen“. War es makaber oder warnte mich der Rabe. Jedenfalls fuhr ich nicht in diese Felsenscharte hinein, sondern  wählte einen längeren, aber sicheren Weg. Ein anderes Mal hatte ich einen 3000 m hohen einsamen Berggipfel erklommen, ruhte mich nach dem steilen Anstieg aus und schlief am Gipfel ein. Mit einem Schlag wurde ich wach und war umringt von einer Kolkrabenfamilie. Oh je, die hatten gerade noch gewartet, ehe sie mich gefressen hätten. Die Rabenschar hatte mich todsicher für verendet gehalten. Erschrocken rufend flogen sie auf und über Berge und Täler davon.
 

Alleine schon weil sie schwarz sind, kommen Kolkraben schnell in Verruf.  Er ist zwar nicht mehr als Art gefährdet, aber er steht immer noch in der roten Liste und ist ganzjährig geschont und geschützt. Es gibt aber immer wieder unter den Jägern einige, die Schauermärchen erzählen, weil sie diesen Schutz wieder aufweichen wollen. Es gibt immer wieder Meldungen, dass Kolkraben mordlustige Gesellen seien, die Schafherden angreifen und Lämmer übel zurichten. Diesen Gerüchten ist Veit Hennig vom Institut für Verhaltens-Physiologie an der Uni Tübingen auf den Grund gegangen. Er kam zu Ergebnissen, die den Kolkraben entlasten. Am Truppenübungsplatz auf dem großen Heuberg gibt es rund 10.000 Schafe und 30 bis 50 Kolkraben. Er fand heraus, dass die von Raben angefressenen Lämmer zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren oder aber im Sterben lagen, also ohnehin nicht mehr am Leben geblieben wären. Es ging das Gerücht um, dass in dem Gebiet binnen eines Jahres mehr als 700 Lämmer von Raben getötet wurden. Er stellte fest, dass dies nicht stimmt. Ausgepickte Augen sind allerdings auch bei toten Tieren ein grausiger Anblick, der die Phantasie gewaltig anregt. Das Auspicken von Augen würde objektiv gesehen auch nicht ausreichen, ein Tier zu töten. Wahrer Grund, warum Rabenvögel die Nähe von Herden suchen, sind die vielen Fliegen und deren Larven. Der Kot enthält, ganz besonders solange Jungtiere überwiegend von Milch leben, auch unverdaute Reste, die für Rabenvögel verwertbar sind. Wo Lämmer geboren werden, gibt es immer Nachgeburten und auch Fehlgeburten. Findig, wie Raben nun einmal sind, entdecken sie bald, wie man Futterautomaten für das Kraftfutter bedienen kann.

Ergebnis der Untersuchungen war, dass der NABU, der Landes-Schafzucht-Verband und das Landratsamt Zollernalbkreis einmütig gegen den Abschuss von Raben Stellung bezogen haben. Als bedenklich gilt zudem die Sitte, dass Jäger mit Schlachtabfällen Füchse anlocken wollen, aber damit zugleich eine Ganzjahresfütterung von Kolkraben verbinden. Dadurch können Scharen von Kolkraben-Junggesellen angelockt werden, die dann durchaus mit ihrer derben Zudringlichkeit lästig sein können. Sind sie mit 22 Monaten erst einmal erwachsen,

verliert sich die unersättliche Neugier, denn ihr hervorragendes Gedächtnis, verbunden mit Lernfähigkeit, ist ihr bestes Rüstzeug im Kampf ums Überleben. In der Wildnis profitieren sie auch von dem, was Bär, Wolf und Luchs übrig lassen.
 

Diese Kolkraben sind imposante Vögel und gar nicht so schwarz wie es den Anschein bei schlechtem Licht hat, denn ihr Gefieder glänzt in der Sonne mit metallisch blauem, grünem und violetten Glanz, der bei allen Bewegungen irisiert. Sie sind etwa so groß wie ein Mäusebussard und wiegen zwischen 900 und 1300 Gramm. Der klobige Schnabel ist 8 cm lang und wirkt gewaltig. Im Flug unterscheidet sie der keilförmige vom runden Schwanz der Krähen. Da diese riesengroßen Kolkraben unsere größten Singvögel sind, macht es sich nicht gut, mit dem Finger auf unsere südlichen Nachbarn zu zeigen, sie zu schmähen, dass sie unsere Singvögel essen, aber selbst die Waffe auf den großen Singvogel Kolkrabe zu richten. Vom hegerischen Standpunkt wäre es sinnlos, weil sich eine Jagdschädlichkeit beim Niederwild nicht nachweisen lässt, und es  schadet daher dem Ansehen der Jagd in der Öffentlichkeit. Niemand will die Jagd als Naturnutzung abschaffen, wenn er sich schützend vor Kolkraben stellt.

Kolkraben sind nun einmal zurückgekehrt. Sie rufen im Balzflug auch über meinem Haus, sitzen im angrenzenden Wald auf dem Ast eines Baumes und sind die ersten, die im zeitigen Frühling ihr raues  Liebeslied schon im Dämmerlicht des frühen Morgens singen.

Wolfgang Alexander Bajohr