Blütenpracht auf Magerrasen im Kreuzlinger Forst: Fransen-Enzian, Gentiana celiata

Dass Mangel Blütenpracht treibt, scheint nicht so sehr in das Weltbild unserer Köpfe zu passen. Hier im Kreuzlinger Forst lebten während des Mittelalters in der Schwaige Kreuzing einst um die 500 Schafe, die auf dem mageren Schotterboden alles abgefressen haben, was sich zu einem Baum hätte entwickeln können. Was dann hinterher dort gewachsen ist, war karg: z.B. der Kreuz-Enzian und der Fransen-Enzian. Beide Arten gehören zur großen Familie der rund 18 meist blau blühenden einheimischen Enzian-Arten. Gerade jetzt blüht von denen wieder eine in verschwenderischer Pracht.
Es ist geradezu phänomenal, dass die schönste Blütenpracht dort erscheint, wo der Mangel am größten ist. Es sind die Magerrassen, die zugleich Trockenrasen sind, wo der Mangel an Nährstoffen also das genaue Gegenteil erwarten lassen würde. Sie locken die Pracht der Berge, von oberhalb der

Baumgrenze hierher zu uns in den Wald. An manchen Stellen aber erstickt der Wald oder der Grasdschungel diese Blütenwildnis. Hier im Wald ist die Blütenpracht nicht ursprünglich, sondern sie ist eine Wildnis aus Menschenhand. Darum ist heute auch die Menschenhand gefragt, um den Blütenzauber zu pflegen, wenn man diese Art von Wildnis erhalten will. Das bedeutet eine Menge Arbeit und Anstrengung. Aber hierzulande geht es ohne diese Pflege einfach nicht. Da wird die Blütenpracht erstickt und zugewuchert oder auf den Rand der Wege begrenzt.

Dort, wo der Kies am kargsten ist, am Rand der Wege und zusammengetrampelt von Tausenden von Joggern oder Spaziergängern mit Hunden, da wachsen hier die Enziane. Kreuzenzian und Fransenenzian erobern sich die wenigen verbliebenen Freiflächen mitten im kargen Heidewald. Meist steht der Fransenenzian einzeln oder zu zweit, aber es gibt auch wunderbar blau leuchtende Büschel, wie sie das eine Bild zeigt. Der Kreuzenzian blüht sehr reich in großen Stauden

etwa ab Juli bis August, der Fransenenzian im September. Vier Blätter rahmen den leuchtenden Blütenkelch, den die Fransen umrahmend zieren. Ihre Größe erinnert an das Schusternagerl. Beide Enzianarten gelten als extrem selten, aber im Kreuzlinger Forst gedeihen sie im ehemaligen Truppenübungsplatz reichlich. Hier vermitteln sie uns nicht den Eindruck, dass sie eigentlich fast am Aussterben sind. Unter den 18 Enzianarten sind es die seltensten. Dabei sind die Büsche des Kreuzenzians besonders üppig. Die Fransenenziane stehen meist einzeln verstreut, nur gelegentlich auch dichter oder als Büschel. In der Mitte der himmelblauen Blüte leuchten gelb die Staubgefäße. Hier suchen allerhand Insekten ihre Nahrung, Bienen verschiedener Arten, Hummeln, Dickkopffalter und Bläulinge. Sie sorgen auch für die Bestäubung. Der Enzian vermehrt sich durch Samen, der am besten aufgeht, wenn er vor Ort aussamt und nicht erst mumifiziert. Ansiedeln im Garten ist sinnlos, weil es kaum gelingt, hier nährstoffstoffarmen Silikatboden zu schaffen. Ausbuddeln sollte eine aussterbende Art natürlich auch keiner. Draußen einige neue Standorte zu schaffen, könnte natürlich schon sinnvoll sein. Es muss aber sehr vieles stimmen, weil sonst das Abenteuer zum Abenteuer wird.

Wirkungsvoller als Pflanz-Hilfe ist in diesem Fall die Biotoppflege, damit die Standorte, die noch erhalten sind, nicht zuwachsen und nicht verbuschen. Dann kann eine neue Wildnis entstehen, die Blütenwildnis aus Menschenhand.
Auch wenn man der Natur dabei ein wenig ins Handwerk pfuscht, schön ist es allemal, wenn die Trockenrasen in Blüte sind.

Wolfgang Alexander Bajohr